Aktualisiert: 20.10.2020 - 19:01

Drosten und Kollegen Herdenimmunität: Corona-Experten lehnen "Strategie entschieden ab"

Er setzt weiterhin auf Maske, um andere zu schützen: Christian Drosten und Kollegen aus der Virologie sprechen sich vehement gegen die derzeit lauter geforderte Strategie der Herdenimmunität aus.

Foto: imago images / xim.gs

Er setzt weiterhin auf Maske, um andere zu schützen: Christian Drosten und Kollegen aus der Virologie sprechen sich vehement gegen die derzeit lauter geforderte Strategie der Herdenimmunität aus.

Die Stimmen für Herdenimmunität werden immer lauter, auch seitens mancher Wissenschaftler. Doch Wissenschaft lebt vom Diskurs – und die Gegenstimmen manifestieren sich, vor allem von Experten, die tatsächlich am Coronavirus forschen. Sie lehnen die Strategie der Durchseuchung mit Nachdruck ab.

Alte Menschen und Personen mit Vorerkrankungen sollen isoliert werden, während das Virus sich im Rest der Bevölkerung – also unter den Jungen und vermeintlich Gesunden ausbreiten kann und es so irgendwann zu einer Herdenimmunität kommt. Eine Strategie, die derzeit wieder vermehrt kursiert. Dass dieses Konzept wissenschaftlich aber nicht haltbar und zudem hochgradig unethisch ist, haben Coronavirus-Experten jetzt noch einmal vehement betont: Christian Drosten und andere Kollegen aus Virologie und Infektiologie lehnen die Strategie der Herdenimmunität ab – mit Nachdruck.

Corona-Experten nennen triftige Gründe gegen Strategie der Herdenimmunität

Die Forderungen, die Corona-Beschränkungen aufzuheben und stattdessen Alte und Kranke zu isolieren, aufzuheben, werden lauter. Zugegeben, es wäre wunderbar einfach, wenn wir endlich in unseren normalen Alltag zurückkehren könnten und uns nicht angesichts steigender Infektionszahlen erneuten Einschränkungen gegenüber sehen müssten. Aber so einfach ist das leider nicht – das betonen auch die, die sich de facto am besten mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 und der Multiorganerkrankung Covid-19 auskennen, weil sie sich seit Monaten damit beschäftigen.

Christian Drosten von der Charité in Berlin ist als dortiger Chef-Virologe und Coronavirus-Forscher einer davon. Er und auch andere Kollegen seines Standes äußern sich jetzt kritisch bezüglich solcher Vorschläge und Vorstöße wie etwa der "Great Barrington Declaration", die derzeit die Runde macht: "Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen", heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) mit Sitz in Heidelberg, an der auch Drosten mitgewirkt hat.

Unkontrollierte Durchseuchung lässt Todesfallzahlen eskalieren

Denn was die Befürworter der Herdenimmunität nicht wahrnehmen (wollen): Ob eine Herdenimmunität überhaupt erreicht werden kann, ist noch gar nicht klar. Zudem sind auch junge und vermeintlich gesunde Menschen nicht vor schweren Verläufen gefeit – und über mögliche Langzeitfolgen kann man bisher nur munkeln.

"Eine unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen", schreiben die Virologen in ihrem Statement. Es gäbe auch bei strenger Isolierung ältere Menschen noch weitere Risikogruppen. Und die seien viel zu zahlreich und zu heterogen sowie zum Teil auch unerkannt, um aktiv abgeschirmt werden zu können, heißt es weiter. "Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ergibt sich beispielsweise bei Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, einer Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, nach Transplantationen und während einer Schwangerschaft." Auch, dass man nicht zuverlässig wisse, wie lange man nach einer Infektion überhaupt immun sei, erwähnen die Experten.

Ihr Fazit: Eine Herdenimmunität ohne Impfung anzustreben sei unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochristkant.

Antwort auf "Great Barrington Declaration"

Ihre Stellungnahme haben die Virologen vor allem als Reaktion auf die "Great Barrington Declaration", eine Erklärung dreier Forscher aus den USA und Großbritannien erstellt.

In der Erklärung heißt es, man solle denjenigen mit minimalem Sterberisiko ein normales Leben ermöglichen und sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen lassen. Währenddessen sollen diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besseren Schutz erfahren. Was genau hinter der Great Barrington Erklärung steckt und welche Gründe dagegen sprechen, lesen Sie hier.

Die Coronavirus-Experten rund um Christian Drosten sowie Melanie Brinkmann und Isabella Eckerle betonen in ihrer Stellungnahme gegen Herdenimmunität und die Declaration: "Wir lehnen diese Strategie entschieden ab, obwohl wir selbstverständlich die enorme Belastung der Bevölkerung durch die einschneidenden Eindämmungsmaßnahmen anerkennen."

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte bereits davor gewarnt, auf eine Herdenimmunität zu setzen im Kampf gegen das Coronavirus Sars-CoV-2. "Niemals in der Geschichte des Gesundheitswesens wurde Herdenimmunität als eine Strategie gegen einen Ausbruch eingesetzt, geschweige denn gegen eine Pandemie", erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Vorsicht vor Überlastung des Gesundheitssystems – auch durch Mangel an Intensivkräften

Die Gesellschaft für Virologie betont, dass Deutschland am Beginn einer exponentiellen Ausbreitung steht: "Aufgrund der explosiven Infektionsdynamik, die wir in allen Hotspots quer durch Europa feststellen, steht zu befürchten, dass ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht." Die Nachverfolgung einzelner Ausbrüche und strikte Isolationsmaßnahmen ließen sich bei Überschreiten der Schwelle nicht mehr realisieren, erklären die Experten: "Es steht zu erwarten, dass dies zu einer raschen Überlastung der Gesundheitssysteme führen würde, was zum Beispiel in Deutschland allein schon wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein könnte."

So einfach ist das mit der Herdenimmunität also nicht, weder beim Coronavirus noch bei anderen Infektionskrankheiten. Drosten empfiehlt stattdessen übrigens Kontakttagebücher mit kurzen Angaben, wo man sich wann aufgehalten hat, sowie Vorquarantäne vor Familienbesuchen. Es wird dringend Zeit, dass wir alle verstehen, dass wir hier nur mit gegenseitiger Solidarität, mit Abstand, auch mit korrekt getragenen Masken (über Mund UND Nase) und mit Hygiene weiterkommen. Würde sich jeder daran halten, müssten auch Einschränkungen nicht so drastisch ausfallen. Es liegt an uns.

Hier finden Sie die Stellungnahme der GfV zum Nachlesen.

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