Aktualisiert: 15.10.2020 - 20:06

"Wissenschaftlich nicht haltbar" "Great Barrington Erklärung": Was ist das – und warum ist sie Quatsch?

Abstand halten und Einschränkungen sind unnötig, lieber auf Herdenimmunität setzen? Der einzige Weg, sagen die von der "Great Barrington Declaration" – unhaltbar und ethisch inkorrekt sowie zu einfach gedacht, sagen die anderen.

Foto: iStock.com/DutcherAerials

Abstand halten und Einschränkungen sind unnötig, lieber auf Herdenimmunität setzen? Der einzige Weg, sagen die von der "Great Barrington Declaration" – unhaltbar und ethisch inkorrekt sowie zu einfach gedacht, sagen die anderen.

Seit Tagen macht die "Great Barrington Declaration" im Netz die Runde: Eine Erklärung zu den weltweiten Coronavirus-Maßnahmen, die angeblich von zehntausenden Medizinern unterschrieben wurde. Warum diese Zahl eine Farce ist und was aus wissenschaftlicher Sicht gegen diesen durchaus gefährlichen und unethischen Vorstoß spricht.

Angeblich verschweigen die großen Medien sie – wer sich aber derzeit im Netz umschaut, findet enorm viel zur sogenannten "Great Barrington Declaration". Die Behauptung, die etablierten Medien würden sie verschweigen, ist vor allem eines: Stimmungsmache. Denn genau das tun sie eben nicht. Sie zeigen nur, was diese Erklärung ist, oder besser: nicht ist. Nämlich wissenschaftlich fundiert, und schon gar nicht ethisch haltbar. Und wer sich das Ganze genauer ansieht, versteht auch, warum.

Die "Great Barrington Erklärung": Das steckt dahinter

"Diejenigen, die nicht schutzbedürftig sind, sollten sofort wieder ein normales Leben führen dürfen." So lautet die Kernaussage der "Great Barrington Declaration", einer Erklärung, ins Leben gerufen von Wissenschaftlern namhafter Universitäten. Klingt eigentlich erst einmal gut – denn ist es nicht so, dass das Coronavirus in vielen Fällen leicht verläuft? Ja – und nein! Denn diese Erklärung zeigt vor allem: Hier wird das getan, was kritisiert wird: Es wird nur ein Teilaspekt bedacht – mit einer Bestimmtheit, die so nicht umsetzbar ist. Im Ansatz ist die Erklärung sicher wichtig – doch werden gravierende Fehler gemacht. Aber der Reihe nach.

Ins Leben gerufen wurde die "Great Barrington Declaration" von Dr. Martin Kulldorf von der Harvard University, Dr. Sunetra Gupta von der Oxford University und Dr. Jay Hattacharya von der Stanford University zusammen mit anderen Epidemiologen und Wissenschaftlern aus dem Gesundheitsbereich. Klingt erst einmal ganz gut. Ihre Hauptansicht allerdings ist das, vor dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit scharf warnt: Herdenimmunität statt Eindämmung.

Freiheit für die Jungen, Einschränkung für die Alten?

Ihr Punkt: "Als Epidemiologen für Infektionskrankheiten und Wissenschaftler im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens haben wir ernste Bedenken hinsichtlich der schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden Covid-19-Maßnahmen auf die physische und psychische Gesundheit und empfehlen einen Ansatz, den wir "gezielten Schutz" (Focused Protection) nennen." Statt weiterem Lockdown sollen die Jungen und Gesunden in den normalen Alltag zurückkehren.

Das klingt erst einmal verlockend und in vielerlei Hinsicht auch absolut überlegenswert. Doch der Tellerrand ist wohl wieder einmal zu hoch. Die angepriesene, vermeintliche Lösung ist nämlich viel zu einfach, man setzt zu sehr aufs Schwarz-Weiß-Zeichnen der komplexen Thematik Coronavirus-Pandemie.

Denn während die Jungen und Gesunden normal weiterleben und so eine Herdenimmunität herstellen, sollen die Alten und Kranken weiter abgeschottet werden – bis die Jungen eine Herdenimmunität hergestellt haben. "Gezielter Schutz" eben. Oder, um es einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Gefährliche Freiheit für die einen und noch stärkere Einsamkeit für die anderen. Kann so etwas in einer modernen Gesellschaft überhaupt funktionieren?

Und bereits in der Umsetzung ihrer Erklärung machen die eigentlich renommierten Wissenschaftler*innen einige Fehler – und werden dafür von anderen Medizinexpert*innen scharf kritisiert.

5 Gründe, die gegen die "Great Barrington Declaration" sprechen

Ob die Maßnahmen nun auch im Angesicht einer zweiten Welle wieder so hart sein müssen wie im Frühjahr, in dem in vielen Ländern ein wirklich harter Lockdown mit knallharter Ausgangssperre herrschte oder auch wie hierzulande die Wirtschaft nahezu komplett heruntergefahren wurde, ist selbstverständlich fraglich. Klar ist auch der Politik: So geht es nicht, es müssen Mittelwege her, und an denen müssen auch wir Bürger mitarbeiten.

Doch die Form, in der die "Great Barrington Declaration" dargebracht wird, mit solch absoluter Gewissheit, dass diese Lösungen die einzig wahren sind, stößt sauer auf. Und das hat mehrere Gründe:

  1. Junge und eigentlich gesunde Menschen sind nicht hunderprozentig geschützt vor Covid-19, einer Multiorgankrankheit, deren Langzeitschäden wir noch gar nicht kennen, die sich aber langsam in Form von zahlreichen langfristigen Problemen bei Covid-19-Patienten abzeichnen, darunter neurologische Einschränkungen wie Verwirrung, bleierner Müdigkeit, aber auch anhaltenden Atembeschwerden oder Herzproblemen. Die Liste ist lang, und niemand weiß, wie lang sie noch werden kann. Nach jetzigem Stand ist das Coronavirus noch viel zu unberechenbar. Eigentlich sollte also auch hier gelten: Vorsicht ist besser als Nachsicht.
  2. Für eine Herdenimmunität müssten etwa 70 Prozent der Bevölkerung erkranken. Derzeit stehen wir bei etwa zehn Prozent. Wird unkontrolliert auf eine Herdenimmunität gepocht, schießen auch die Zahlen der schweren Erkrankungen – auch unter jungen Menschen – allein statistisch gesehen in die Höhe. Und auch, wenn genug Intensivbetten bereitstehen sollten – an Personal dafür mangelt es schon jetzt.
  3. Wir wissen noch immer nicht, wie lange Antikörper nach einer Infektion überhaupt bestehen bleiben und ob sich das Coronavirus nicht irgendwann doch stärker verändert. Wir wissen also noch gar nicht, wie lange wir nach einer Infektion, auch wenn sie leicht und ohne Folgeschäden verläuft, immun sind – und wie schwer eine zweite Ansteckung ausfallen kann. Hier gibt es derzeit verschiedene Erfahrungen.
  4. Der ethische Aspekt: Die Exklusion von älteren sowie vorerkrankten Menschen ist unethisch und so auch gar nicht möglich. Das erklärt unter anderem auch Prof. Sir Robert Lechler, Präsident der "Academy of Medical Sciences" in einem Statement zur Declaration – ebenso, wie er die oberen Punkte mit aufnimmt. Und auch Prof. Dr. Friedemann Weber vom Institut für Virologie der Justus-Liebig-Universität Gießen teilt gegenüber dem "ZDF" diese Ansicht und findet klare Worte: "Zu denken, man müsste einfach die Pandemie einmal durch die Population rasen lassen und die Älteren alle wegsperren, das ist komplett unrealistisch und inhuman."
  5. Angeblich haben die Erklärung nur echte Wissenschaftler*innen unterschrieben, heißt es. Doch ein genauer Blick in die Unterschriftenliste, wie sie etwa "Sky News" gewagt hat, zeigt jede Menge unseriöse Namen, darunter etwa "Dr. Person Fakename" oder "Dr. Johnny Bananas". Jeder normale Mensch, der auf die Declaration stößt, kann sie unterschreiben. Dabei lässt sich zwar auswählen, ob man unterschreibt als a) "besorgter Bürger", b) Medizinischer Wissenschaftler oder Wissenschaftler aus dem öffentlichen Gesundheitsbereich oder c) praktizierender Mediziner. Ein Check, wer wirklich hinter dem Signierenden steckt, wird nicht gemacht. So erklären sich auch die hohen Unterschriftenzahlen sehr schnell. Derzeit: Besorgte Bürger: über 466.000, medizinische Wissenschaftler: fast 9.800, praktizierende Ärzte: über 26.000. Vermischungen und Mehrfacheinträge: nicht überprüfbar.

Auch der politische Hintergrund ist fraglich

Genauer muss man sich aber auch den politischen Hintergrund der Unterstützer ansehen, wie "Mimikama.at" schreibt. Unterstützt wird sie unter anderem durch das "American Institute for Economic Research" (AIER), das sehr in das neoliberale Spektrum einzuordnen ist und für freie Märkte ist, in die die Regierung nicht eingreifen sollte. Das Institut wurde im Jahr 2018 etwa von der Charles Koch Foundation gefördert. Hinter dieser Stiftung steht der rechts einzuordnende Milliardär Charles Koch, der unter anderem als Leugner des Klimawandels gilt, und zu dem es auch auf der Seite des AIER klimaschutzkritische Artikel gibt.

Wer hier genauer hinschaut, merkt: Dabei werden die gesellschaftlich Stärksten weiter unterstützt, nicht jedoch die Älteren und Schwächeren. In der Erklärung selbst wird auf den ersten Blick das Gegenteil behauptet. Hier passen Interessen also nicht ganz zusammen. Und wer sich die Forderung, die Älteren in ihrem Leben einzuschränken, die Jüngeren jedoch nicht, einmal auf der Zunge zergehen lässt, merkt: Hier wird oberflächlich das eine behauptet, aber das andere gemeint.

Hinterfragen – aber richtig

Ob sich eine Herdenimmunität überhaupt erreichen lässt, da herrschen also noch große Zweifel. Jetzt auf Herdenimmunität zu setzen, ist laut WHO unethisch, und auch blauäugig.

Klar: Starke Einschränkungen tun niemandem gut, weder der Wirtschaft noch uns Menschen sowohl auf psychischer als auch physischer Ebene. Doch sollten wir hier wirklich den Alten und Kranken noch mehr Leben wegnehmen, um sie zu schützen? Es gibt in Sachen Corona-Pandemie keine so einfache Schwarz-Weiß-Regelung.

Was sagt uns das? Ja, die Lage ist schwierig und es muss enorm viel bedacht werden. Körperliche Gesundheit einerseits, die geistige Gesundheit andererseits, die wirtschaftlichen Folgen, aber auch die Ethik. Es sagt uns, dass sich auch in der Wissenschaft nicht alle einig sind – was übrigens ein normaler Prozess ist und sich "wissenschaftlicher Diskurs" nennt, der eigentlich unter Wissenschaftlern ausgetragen wird, derzeit aber vermehrt in den gemeingesellschaftlichen Fokus rückt. Und vor allem sagt uns das eines: Auch die auf den ersten Blick leichter zu akzeptierende, einfache Lösung muss genau überdacht und hinterfragt werden.

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Kurz gesagt: Nicht alles glauben, was vermeintlich das Einfachste ist, sondern tatsächlich hinterfragen – aber auf wissenschaftliche Art. Das gilt nicht nur für alles rund um das Coronavirus, sondern für viele weitere Bereiche des Lebens.

Statement von Prof. Sir Robert Lechler: hier.

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