Aktualisiert: 14.10.2020 - 20:31

Unkontrollierte Ausbreitung vermeiden Herdenimmunität "unethisch": Darum hat die WHO mit ihrer Warnung recht

Der Abstand zu anderen wird uns wohl noch eine ganze Zeit begleiten: Warum Herdenimmunität "unethisch" ist, um es mit den Worten des WHO-Chefs auszudrücken? Weil bei diesem Konzept Menschen sterben.

Foto: iStock.com/alvarez

Der Abstand zu anderen wird uns wohl noch eine ganze Zeit begleiten: Warum Herdenimmunität "unethisch" ist, um es mit den Worten des WHO-Chefs auszudrücken? Weil bei diesem Konzept Menschen sterben.

Immer wieder kommt die Idee im Kampf gegen die Pandemie auf: Sollten wir auf Herdenimmunität gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 setzen? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezieht nun Stellung – und findet glasklare Worte.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, zur Kontrolle – sie nerven. Sie sind aber leider notwendig, um so viele Menschen wie möglich zu schützen. Und doch ist das Verlangen nach einer einfachen Lösung in komplizierten Situationen wie der derzeitigen groß. In Diskussionen rund um das Coronavirus und die Einschränkungen des alltäglichen Lebens fällt daher immer wieder der Begriff der Herdenimmunität. Doch die, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sei "unethisch". Und das hat gute Gründe.

Herdenimmunisierung "unethisch" – und möglicherweise gar nicht machbar

US-Präsident Trump setzt darauf, beim sogenannten "Schwedischen Weg" war zeitweise davon die Rede: Warum das Virus nicht einfach unkontrolliert wüten und sich ausbreiten lassen, um eine Herdenimmunität zu erreichen? Schließlich verläuft die Infektion doch in den meisten Fällen schwach, teils sogar unbemerkt? Nun, so einfach ist das leider nicht – und davor warnt jetzt auch der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus.

In einer virtuellen Pressekonferenz findet der WHO-Chef klare Worte: "Niemals in der Geschichte des Gesundheitswesens wurde Herdenimmunität als eine Strategie gegen einen Krankheitsausbruch eingesetzt, geschweige denn gegen eine Pandemie", erklärt er. Es sei aus ethischer sowie wissenschaftlicher Sicht problematisch, diesen Weg der massenhaften Ansteckung einzuschlagen.

Diese Gründe sprechen gegen unkontrollierte Ausbreitung

Und dafür gibt es gleich mehrere Argumente:

  • Es ist bisher weiter unklar, ob eine Infektion vor einer weiteren Neuinfektion schütze. Zwar habe es bislang weltweit nur vereinzelte Fälle gegeben, in denen eine Neuinfektion beobachtet wurde, in dreien der Fälle lief die zweite Erkrankung weit harmloser. Zweimal aber, und das wurde jetzt bekannt, litten die Erkrankten bei der Folgeinfektion unter einem viel dramatischeren Verlauf, darunter bei einem 25-jährigen Amerikaner. Auch Tedros unterstrich: Es sei immer noch unklar, wie lange ein ehemaliger Covid-19-Patient entsprechende Antikörper gegen Sars-CoV-2 besitze.
  • Niemand weiß bisher, wie die Langzeitfolgen einer Erkrankung mit Covid-19 aussehen. Lassen sie irgendwann nach, treten mit der Zeit neue auf? Auch Menschen mit leichten Verläufen klagen über Folgeprobleme wie Kurzatmigkeit oder bleierne Müdigkeit. Zum Vergleich: Mit den Spätfolgen der Spanischen Grippe kämpften Menschen noch Jahrzehnte später.
  • In vielen Ländern, auch bei uns, steigen die Zahlen derzeit wieder. Und damit nach und nach auch die der Hospitalisierungen – ein Effekt, den man erst mit zeitlicher Verzögerung sieht. Und auch, wenn es derzeit genügend "freie" Intensivbetten gibt, so werden diese eben auch für andere mögliche Patienten benötigt. Und vor allem: Es fehlt an Personal, denn eine intensivmedizinische Betreuung, dazu noch unter Schutzmaßnahmen mit Schleusen und Schutzkleidung, erfordert Zeit sowie gleich mehrere Kräfte. Und die fehlen schon jetzt.
  • Der ethische Aspekt ist wohl der wichtigste – und der dafür viel zu wenig beachtete: Wird auf unkontrollierte Ausbreitung gesetzt, werden kurz gesagt Menschenleben geopfert. Auch wenn der Großteil der Erkrankungen tatsächlich mild verläuft und auch wenn die Langzeitfolgen sich in Grenzen halten – es werden trotzdem Menschen sterben, die mit kontrollierten Maßnahmen hätten geschützt werden können. Und auch, wenn diese Menschen vorerkrankt waren und, wie das schnippische Argument gern lautet, "nicht an, sondern mit Corona gestorben" sind, so wird ihre Lebenszeit durch Covid-19 verkürzt. Und sie leiden. Wer künstlich beatmet wird, leidet und trägt Schäden davon. Wer nicht beatmet wird, obwohl er selbst kaum noch atmen kann, leidet – und erstickt qualvoll. Jeder Mensch, der durch nicht umgesetzte Schutzmaßnahmen stirbt, ist einer zu viel.

Wenn Herdenimmunität möglich ist, dann nur kontrolliert

Allerdings muss auch differenziert werden. So gab es kürzlich etwa die Vermutung seitens Wissenschaftlern, dass das Tragen einer Maske dazu beisteuern könnte, eine Art Herdenimmunität durch Variolisierung zu erreichen: Denn dank Maske wird die Zahl der potentiell aufgenommenen Viren verringert. Und dadurch könnte der Körper möglicherweise besser mit dem Virus klarkommen. Unkontrollierte Verbreitung hingegen, wie sie für eine Herdenimmunität in den Raum geworfen wird, bedeute, dass sich noch weit mehr Menschen anstecken müssten als die bisherigen in manchen Ländern geschätzten zehn Prozent. Und das wiederum bedeute, so der WHO-Chef, "unnötige Infektionen, Leiden und Tod".

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WHO hofft auf Impfstoff – aber auch der bedeutet kein schlagartiges Ende

Normalität werde nicht von heute auf morgen zurückkehren, sagen auch die Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in einem neuen Strategiepapier. Dementsprechend werde auch nach Erscheinen erster Impfstoffe der Alltag erst einmal eingeschränkt bleiben – mit Maske tragen und Abstandsgeboten.

Der Weg zum Impfstoff ist mit Hürden gepflastert. Voraussichtlich werden laut Strategiepapier zwar ein oder mehrere Impfstoffe zur Verfügung stehen und damit auch die Situation entscheidend verbessern – aber eben erst nach und nach. Denn erstens sind die Mengen anfangs begrenzt und sollten zunächst vor allem den Menschen mit erhöhtem Covid-19-Erkrankungsrisiko zugute kommen und zudem muss erst geschaut werden, wie lange und wie gut welcher Impfstoff wem hilft. Daher seien "gewisse Modifikationen des Miteinander-Seins" zunächst noch wichtig: Abstandhalten, Hygieneregeln, Maske tragen, regelmäßiges Lüften und das Verlegen von Freizeitaktivitäten möglichst nach draußen werden genannt. Ein sofortiges Allheilmittel wird der Impfstoff gegen Corona daher nicht. Die unbequeme Wahrheit ist: Das Coronavirus wird uns sicher noch eine Weile begleiten. Aber wir können lernen, mit Sars-CoV-2 zu leben und es zu kontrollieren.

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