Aktualisiert: 30.09.2020 - 18:33

Wegen Corona-Schutzmaßnahmen Abstand und Co: Fällt die nächste Grippewelle einfach aus?

Die nächste Grippewelle könnte möglicherweise ausfallen – oder zumindest schwächer ausfallen. Ganz klar ist das natürlich nicht, aber es gibt Hinweise...

Foto: iStock.com/elenaleonova

Die nächste Grippewelle könnte möglicherweise ausfallen – oder zumindest schwächer ausfallen. Ganz klar ist das natürlich nicht, aber es gibt Hinweise...

Virologen schauen besorgt in den Herbst: Denn zum Coronavirus könnte sich auch die Grippewelle gesellen – und beides zusammen könnte fatal werden. Vielleicht aber fällt letztere auch einfach flach – was wir ebenfalls der Corona-Pandemie zu verdanken hätten.

Derzeit laufen wir alle mehr oder weniger mit Mund-Nasen-Bedeckung durchs Leben, versuchen, wenn möglich, Abstand zu halten und haben endlich gelernt, wie man sich richtig die Hände wäscht. Und von großen Veranstaltungen mit viel Kontakt zu anderen Menschen lässt sich derzeit nur träumen. Das wirkt nicht nur gegen Coronaviren, sondern hilft auch, den Influenzaviren auszuweichen. Könnte also sein, dass die jährlich gefürchtete Grippewelle einfach ausfällt – oder zumindest nur schwach verläuft. Jedenfalls dann, wenn wir uns weiter an Maske, Abstand und Hygiene halten.

Grippewelle 2020 könnte schwächer verlaufen oder gar ausfallen

Im Frühjahr, also als der ganze Corona-Kram gerade so richtig losging, ist eines im ganzen Medienrummel rund um das neue Virus und die dadurch ausgelöste Pandemie fast untergegangen: Eigentlich war nämlich die Grippewelle noch voll im Gange – endete aber abrupt rund zwei Wochen vor ihrem prophezeiten Ende. Nämlich dann, als kurz zuvor jegliche Großveranstaltungen abgesagt und erste Maßnahmen gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 ergriffen worden waren. In der vorläufigen Analyse kommt das Robert-Koch-Institut (RKI) auf einen Start der Grippewelle in der zweiten Kalenderwoche 2020 und ein Ende in der zwölften Kalenderwoche, Mitte März. Elf Wochen also, statt der normalerweise laufenden 13 bis 15 Wochen Grippewelle.

Einen möglichen Grund für das so plötzliche, frühe Ende der Grippewelle stellen für die Experten des RKI die Corona-Maßnahmen dar, die eine Woche vor Ende der Grippewelle begonnen hatten, nämlich mit Beginn der elften Kalenderwoche. RKI-Chef Lothar Wieler findet sogar sehr deutliche Worte in einer MDR-Talkshow zum Thema: "Wir haben die Grippe durch die Maßnahmen beendet."

Großveranstaltungen gibt's immer noch kaum, und wenn, wird auf Abstand geachtet. Hinzu kommen Masken und generell erhöhte Vorsicht der Bevölkerung. Gut möglich also, dass die kommende Grippesaison dank dieser Auflagen kaum wahrgenommen wird und die Grippewelle, also die Zeit, in der Infektionen gehäuft auftreten, gänzlich ausfällt.

Blick auf die Südhalbkugel: Dort ist die Grippe schon "ausgefallen"

Im Süden unserer Erde, wo alles die Jahreszeiten betreffende bekanntlich umgekehrt abläuft, wäre die Grippesaison übrigens eigentlich schon im März gestartet – ist sie aber nicht. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen, dass zwar eine Welle in Begriff war, sich aufzubauen, aber schon Ende März wieder abgeflacht ist. Australien habe sogar bis mindestens Mitte August seit Mai gar keine Grippetoten zu vermelden gehabt, berichtete "News.com.au" am 17. August 2020.

Und auch Neuseeland kann ähnliches berichten. "Es ist erstaunlich, es ist einfach nichts da. Keine Influenza", heißt es in der Zeitung "The Guardian" seitens Michael Baker, Professor für Gesundheitswesen an der University of Otago in Wellington. Und auch in Argentinien oder Südafrika: nichts.

Die WHO schließt in ihrem Influenza-Update vom 14. September: "In der südlichen Hemisphäre ist die Grippesaison nicht gestartet."

Deutschland erwartet wahrscheinlich trotzdem eine Grippewelle – aber eine schwächere

Allerdings: Im März und April waren die Maßnahmen gegen das Coronavirus nicht nur hierzulande, sondern weltweit weitaus strenger als jetzt. Vor allem die Schulen, die jetzt hierzulande wieder geöffnet sind, könnten einen Unterschied machen. Im April schrieb das RKI im Hinblick auf das abrupte Ende der vergangenen Welle: "Da Kinder für die Verbreitung der jährlichen Grippe eine wesentliche Rolle spielen, sind hier insbesondere die Schulschließungen ab der zwölften Kalenderwoche 2020 zu nennen." Jetzt sind die Schulen wieder offen. Auch, wenn versucht wird, auf Abstand zu achten, ein wenig Einfluss wird das wahrscheinlich trotzdem haben.

Auch Christian Drosten, Virologe an der Charité in Berlin, bleibt lieber vorsichtig. Er verstehe die Überlegungen, auch Kinder jetzt gegen die Grippe zu impfen. Auch wieder vor allem, um die Älteren zu schützen, wie er im Podcast "Übergabe" kürzlich verriet. Zwar seien alle durch die Luft übertragenen Viren durch die Maßnahmen stark zurückgedrängt worden und hätten die Influenza auf der Südhalbkugel sozusagen ausfallen lassen. Gewiss sei es aber nicht, dass die Grippewelle auch hierzulande ausfällt: "Das ist natürlich eine Spekulation, die will keiner verantworten, wenn es am Ende doch nicht so kommt."

Gar keine Grippewelle wäre möglicherweise ein Nachteil

Christian Drosten gibt aber auch zu bedenken, dass es möglicherweise für die Folgejahre nachteilig sein könnte, wenn die Grippe in diesem Jahr gänzlich ausfällt. Denn wenn unsere Körper keinen Viren ausgesetzt werden, können sie – zumindest ungeimpft – keine Immunitäten entwickeln. Theoretisch könne es daher möglich sein, dass sich Viren wie die Influenza, aber auch Rhinoviren und Co, die alle durch die Maßnahmen derzeit wenig Chancen haben, in Zukunft schneller verbreiten, sobald die Corona-Maßnahmen beendet werden. Aber auch dazu gebe es noch keine Daten, auch wenn der Gedanke nachvollziehbar sei, sagt Drosten, denn so etwas sei eben noch nie passiert. "Vom Gefühl her würde ich sagen, ich erwarte keine sehr starken Effekte, aber wer weiß", schließt er. Wie es in der Wissenschaft nun einmal so ist: Man muss weiter beobachten und forschen – und wird sehen. Denn es kann schließlich auch anders kommen: Die Grippewelle könnte durchaus starten und auf die Coronavirus-Pandemie treffen.

Vergangene Grippewelle auch insgesamt eher gediegen

Bis zu ihrem schnellen Ende im März 2020 war die Grippesaison – die übrigens üblicherweise von Anfang Oktober bis Mitte Mai dauert und deren Peak als Grippewelle bezeichnet wird – recht "normal" abgelaufen: Rund 950 Menschen sind nachweislich an den Folgen ihrer Grippe verstorben. Das deckt sich mit dem Vorjahr und anderen dieser "normalen" Jahre. Dass das sich enorm schnell wandelnde Influenzavirus aber auch anders kann, hat es uns in der Saison 2017/18 gezeigt: Fast 1.700 Todesfälle hat das RKI damals verzeichnet, da die Influenza aber oft nicht als Todesursache auf dem Krankenschein eingetragen wurde, liegt die Dunkelziffer bei 25.100. Unter anderem lang das daran, dass sich in der damaligen Saison ein mutierter Grippestrang als stärkster durchgesetzt hatte, den der damals eingesetzte Dreifachimpfstoff nicht abgedeckt hat. Seit der Folgesaison sind Vierfachimpfstoffe in Gebrauch, die regelmäßig anhand der Prognosen angepasst werden.

Grippeschutz - darum sollten Sie sich impfen lassen
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Auch in diesem Jahr wird es wieder einen Impfstoff geben – die Anzahl der Dosen wurde zwar erhöht, doch wird er nicht für alle Menschen in Deutschland reichen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) rät daher trotz Coronavirus-Pandemie wie gehabt nur Senioren ab 60, Menschen mit chronischen Erkrankungen, Schwangeren, Bewohnern in Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie medizinischem Personal und Personen, die dem Influenzavirus beruflich bedingt stärker ausgesetzt sind, sich impfen zu lassen. Diese Personen sollten sich auch in Hinblick auf eine mögliche Doppelinfektion mit der Influenza und mit Sars-CoV-2 für eine Impfung gegen erstere entscheiden.

Übrigens: Wie zum derzeit in der Entwicklung befindlichen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 als Schutz vor Covid-19 existieren auch zur Grippeimpfung hartnäckige Mythen, mit denen wir hier aufräumen.

Quellen:

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