Aktualisiert: 29.09.2020 - 17:50

Kardiologe im Gespräch Krebspatienten sollten besonders auf ihr Herz achten

Das Herz kann sehr unter den Nachwirkungen einer Krebstherapie leiden. Wir haben mit einem Kardiologen gesprochen, der erklärt, warum das so ist und was Betroffene machen können.

Foto: iStock.com/isayildiz

Das Herz kann sehr unter den Nachwirkungen einer Krebstherapie leiden. Wir haben mit einem Kardiologen gesprochen, der erklärt, warum das so ist und was Betroffene machen können.

Krebstherapien helfen immer mehr Menschen dabei, den Tumor zu besiegen und noch lange ein gesundes Leben zu führen. Doch sie erhöhen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Nachwirkung. Ein Experte verrät, was Patienten zum Schutz und zur Vorsorge tun können.

Krebs lässt sich heute besser besiegen denn je – dank moderner Therapiekonzepte lassen sich auch bösartige Tumore heute weitaus besser behandeln als noch vor ein paar Jahren. Doch auch, wenn sie Leben rettet, zehrt die Tumortherapie am Körper und noch Jahre später können Patienten, die den Krebs besiegt haben, unter schweren Nebenwirkungen leiden. Häufig darunter: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die als Nachwirkung der Krebstherapie auftreten und nicht immer entdeckt werden.

Das Herz leidet unter der Krebsbehandlung: Experte im Interview

Rund ein Drittel aller erfolgreich gegen Krebs behandelten Patienten verstirbt binnen sieben Jahren an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Rund 40 Prozent der an Brustkrebs erkrankten und behandelten Frauen erleiden im Nachgang der Therapie eine Herzschwäche. Und auch Kinder oder Jugendliche, die in jungen Jahren den Krebs besiegt haben, stehen schon im jungen Erwachsenenalter einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme gegenüber.

Ans Herz denken und sich regelmäßig vom Kardiologen durchchecken lassen rät daher unser Experte: Prof. Dr. Tienush Rassaf ist Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrum der Universitätsmedizin Essen und hat uns anlässlich des Weltherztages am 29. September Fragen zum Thema beantwortet.

Art der Krebserkrankung spielt zentrale Rolle

Wie oft passiert es etwa, dass nach einer Krebstherapie Nebenwirkungen auftreten, die das Herz-Kreislauf-System betreffen?

Prof. Dr. Rassaf: Dazu liegen leider keine genauen Zahlen vor. Was wir jedoch wissen, ist, dass bei etwa 30 Prozent der erfolgreich therapierten Krebspatienten, die die Tumortherapie überleben, sehr schwere Schädigungen am Herzen auftreten. So schwer, dass ein Teil der Betroffenen sogar an den Komplikationen verstirbt. Und insgesamt sind es immer mehr Menschen, die eine Krebserkrankung überleben – weltweit sind das derzeit etwa 50 Millionen. Und mehr als 70 Prozent davon leben nach der Krebstherapie sogar länger als zehn Jahre, was wirklich gut ist.

Gibt es Therapieformen oder aber Krebsarten, bei denen Patienten später besonders auf ihr Herz achten sollten?

Prof. Dr. Rassaf: Grundsätzlich hängt das Risiko, nach einer Krebstherapie eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln, mit verschiedenen Faktoren zusammen: Die Therapieform und Medikamentendosis haben ebenso Einfluss wie die Art der Krebserkrankung. Daneben ist es auch entscheidend, ob die Patienten bereits vor der Therapie kardiovaskulär vorbelastet waren. Das gilt unter anderem für Raucher, Übergewichtige, Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck und/oder Fettstoffwechselstörungen. Handelt es sich bereits um eine zweite Krebserkrankung, ist die Wahrscheinlichkeit ebenfalls erhöht. Schließlich scheint auch die genetische Vorbelastung eine Rolle zu spielen, auch wenn wir hier die Zusammenhänge noch nicht genau kennen.

Das Problem bei der Therapie und Medikamentendosis ist: Es gibt viele neue vielversprechende Therapieoptionen, allerdings sind die Effekte beziehungsweise die Langzeitfolgen für das Herz noch unbekannt. Zudem müssen vor allem fortgeschrittene Krebsformen mit immer aggressiveren Therapien behandelt werden. Das ist sinnvoll, um den Krebs zu besiegen. Aber je höher die Medikamentendosis ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Herz geschädigt wird.

Die Art der Krebserkrankung spielt eine zentrale Rolle. Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass nach einer Brustkrebsbehandlung besonders häufig Herzschäden auftreten. Bis zu 45 Prozent der erfolgreich therapierten Frauen entwickeln eine Herzschwäche. Wird zum Beispiel die linke Brust bestrahlt, kann es zu starken Schäden an der Herzarterie kommen. Betroffene Patientinnen haben ein zehnfach erhöhtes Risiko für Engstellen in den Herzgefäßen. Bei einem Viertel der Frauen, bei denen die linke Brust bestrahlt wurde, treten Probleme mit den Herzklappen auf.

Ein Patient, der im Kindesalter bereits an Krebs litt und im Erwachsenenalter erneut daran erkrankt, hat ebenfalls ein deutlich erhöhtes Risiko, infolge der erneuten Krebsbehandlung eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Das liegt daran, dass die Krebstherapien aufeinander aufbauen und dass der Körper die damit einhergehenden Schädigungen nicht vergisst oder verzeiht.

Tumortherapie verändert Zellen – Körper und Herz müssen kompensieren

Woran liegt es Ihrer Erfahrung nach, dass Herzprobleme als Nebenwirkung der Tumortherapie auch noch nach Jahren auftreten können?

Prof. Dr. Rassaf: Das hängt einerseits mit der Art der Tumortherapie zusammen. Denn Tumortherapien führen zu zellulären und subzellulären Veränderungen, die der Körper und das Herz kompensieren müssen. In der Regel gelingt das auch, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber irgendwann schafft der Körper diesen Ausgleich einfach nicht mehr. Zusätzliche Faktoren, wie eine Blutdruckkrise, eine koronare Herzerkrankung oder eine Fettstoffwechselstörung, können den erforderlichen Ausgleich ebenfalls erschweren. Kann der Körper die Veränderungen nicht mehr bewältigen, kommt es zur sogenannten Kardiotoxizität. Schädigungen am Herzen sind die Folge.

Andererseits gibt es aber auch Erkrankungen, die sich erst mit den Jahren entwickeln. Das hängt damit zusammen, dass bestimmte Schäden zwar vorliegen, aber erst fortschreiten müssen, damit es zu Symptomen oder Beschwerden kommt.

Typische Herz-Symptome frühzeitig abklären

Wie äußert sich beispielsweise eine Herzschwäche nach einer Tumortherapie?

Prof. Dr. Rassaf: Die Symptome unterscheiden sich nicht von denen anderer Patienten. Typische Anzeichen einer Herzschwäche sind zum Beispiel Abgeschlagenheit, Müdigkeit, die Zunahme von Gewicht oder dicke Beine. Manche Patienten klagen auch über Probleme beim Treppensteigen, Luftnot und Schmerzen.

Ich rate dringend dazu, dass Betroffene solche Veränderungen möglichst frühzeitig abklären lassen. Viele neigen dazu, solche Symptome als Nachwirkungen der Tumortherapie zu deklarieren. Manche stellen auch einfach ihre Gewohnheiten um, damit die Symptome nicht mehr auftreten. Dieses Verhalten kann drastische Folgen haben.

Bei Herzproblemen nach Therapie: So gehen Sie vor

Wenn solche Symptome auftreten – an wen wenden sich ehemalige Krebspatienten am besten, um die bestmögliche Betreuung zu bekommen?

Prof. Dr. Rassaf: Betroffene können sich ruhig erst einmal an ihren Hausarzt wenden. Dieser wird erste Untersuchungen vornehmen. Wahrscheinlich macht er eine Anamnese, ein EKG, nimmt Blut ab und nimmt gegebenenfalls eine Ultraschalluntersuchung vor. Wenn erforderlich, wird er den Patienten im nächsten Schritt für weiterführende Check-ups zum Kardiologen überweisen.

Wird eine Überweisung oder Ähnliches benötigt, damit man die empfohlenen regelmäßigen Checks beim Kardiologen wahrnehmen kann? Wie müssen Patienten da vorgehen?

Prof. Dr. Rassaf: Ja, sie benötigen eine Überweisung. Diese kann der Hausarzt oder der behandelnde Onkologe ausstellen.

Ganz wichtig: Patienten und Angehörige aufklären und einbinden

Verläuft die Behandlung einer Herz-Kreislauf-Erkrankung für ehemalige Krebspatienten anders? Muss auf Besonderheiten geachtet werden?

Prof. Dr. Rassaf: Wichtig ist, dass Onkologe und Kardiologe Hand in Hand arbeiten und gemeinsam das Ziel verfolgen, den Schaden möglichst gering zu halten. Nicht selten läuft die Krebstherapie parallel noch weiter. Dann gilt es insbesondere, die Medikamente aufeinander abzustimmen, damit verschiedene Wirkprozesse weiterhin ablaufen können und nicht gestört werden. Für manche Patienten stellt es eine große Belastung dar, dass plötzlich zu der Tumorerkrankung noch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hinzukommt. Dann sollte auch ein Psychologe einbezogen werden. Insgesamt ist es ganz wichtig, den Patienten und die Angehörigen gut aufzuklären und einzubinden.

Was können Krebspatienten tun, um ihr Herz nach der Therapie zu schützen? Lässt sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen präventiv senken?

Prof. Dr. Rassaf: Ganz besonders wichtig sind eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung oder Ausdauersport, soweit das für den einzelnen Patienten möglich ist. Hinzu kommt die Kontrolle der kardiovaskulären Risikofaktoren – denn die Faktoren, die das Risiko von Krebserkrankungen erhöhen, steigern gleichzeitig die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit Unterstützung des Hausarztes oder des Kardiologen sollte Übergewicht bis hin zum Normalgewicht reduziert werden. Ich rate Patienten, die rauchen, das Rauchen aufzugeben. Außerdem müssen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Fettwerte medikamentös eingestellt werden.

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Eine Krebstherapie, so vielversprechend sie heutzutage auch ist, stellt immer eine Belastung für den Körper dar. Achten Sie daher auf sich und versuchen Sie, einen möglichst gesunden Lebensstil zu verfolgen. Bei Problemen jeglicher Art, auch über Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinaus, bitte niemals zögern, Ärzte zu kontaktieren!

Auch im vergangenen Jahr sprachen wir anlässlich des Weltherztages mit einem Experten der Universitätsmedizin Essen: Priv.-Doz. Dr. Peter Lüdike hat erklärt, wie Fernüberwachung bei Herzschwäche Leben retten kann.

Zum Experten: Prof. Dr. Tienush Rassaf ist Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrum der Universitätsmedizin Essen – eine der führenden Kliniken im Bereich der Onkologischen Kardiologie und verfügt über einen eigens auf diese Patienten ausgerichteten Bereich.

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