Aktualisiert: 23.09.2020 - 12:35

Das sagen Streeck und Co Corona-Mythen entschärft: Experten räumen auf

So einige Fake-News kursieren: Mit ein paar der größten Corona-Mythen räumt jetzt unter anderem Virologe Hendrik Streeck auf.

Foto: iStock.com/Derick Hudson

So einige Fake-News kursieren: Mit ein paar der größten Corona-Mythen räumt jetzt unter anderem Virologe Hendrik Streeck auf.

Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie stehen jede Menge Vermutungen zum Virus im Raum, die erst nach und nach verifiziert oder als Humbug abgetan werden können. Was wir klar sagen können, hat jetzt unter anderem der Virologe Hendrik Streeck in einem Talk erörtert. Das sagen andere Virologen und Experten:

Wir kennen die Schlagsätze mittlerweile zu Genüge: "Das Virus ist doch gar nicht gefährlich", "die Impfung schadet eher als das Virus" oder die wirklich unsolidarische, gefühlskalte Äußerung "betrifft doch eh nur die Risikogruppen". Eine gesunde Skepsis ist gut. Sie sollte nur da aufhören, wo uns Experten auf dem jeweiligen Fachgebiet klare Aussagen mitgeben können. Und das passiert nach und nach, je besser diese Experten das Coronavirus Sars-CoV-2 durch Forschung kennenlernen. Jetzt hat sich einer der bisher kritischsten Experten, der Virologe Hendrik Streeck zu kursierenden Coronavirus-Mythen geäußert und sie entkräftet. Die anderen Experten stimmen ihm bei diesen Entkräftungen zu. Ein Hinweis darauf, dass wir diese Mythen so langsam aus unseren Gedanken streichen sollten.

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Virologe Streeck: Diese Corona-Mythen sind so nicht richtig

Hendrik Streeck erforscht Coronaviren und kennt sich daher auch mit Sars-CoV-2 gut aus – 2019 hat er die Leitung des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn übernommen, als Nachfolger von Christian Drosten, der mittlerweile an der Charité in Berlin die Virologie leitet.

Streeck gilt als einer der skeptischeren Experten, was die in Deutschland getätigten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betrifft. Erst kürzlich hatte er für einen Strategiewechsel plädiert und vorgeschlagen, sich im Rahmen der Bewertung der Pandemie nicht nur auf die Infektionszahlen zu berufen. Das bestätigte er im Talk mit Anne Will zuletzt noch einmal. Da stimmt ihm übrigens Christian Drosten zu, der in seinem Podcast beim NDR auf Kritik an Streecks Aussagen Bezug nahm, die seiner Meinung nach viel zu verkürzt wiedergegeben worden seien.

Streeck nimmt jetzt klar Stellung zu falschen Annahmen rund um das Virus. Der Deutschen Welle (DW) gegenüber hat er nun mit den häufigsten Corona-Mythen aufgeräumt. Und dabei liegt er größtenteils auf einer Welle mit Christian Drosten und anderen Kollegen.

1. Corona-Mythos: "Das Coronavirus ist nicht so gefährlich"

"Die Gefahr wird von den Medien und den Politikern sowie den Wissenschaftlern nur künstlich aufgebauscht", lautet der Satz gerne weiter. Streeck hat eine glasklare Meinung zu dieser Aussage: "Das stimmt nicht", sagt er gegenüber DW. "Alle Studien, die bisher durchgeführt wurden, sowohl die Studien in den USA, die ja eine relativ niedrige Sterblichkeit suggerieren, als auch die anderen Studien, die eine sehr hohe Sterblichkeit suggerieren, zeigen eindeutig, dass es eine höhere Sterblichkeit hat als die saisonale Grippe."

"Mindestens viermal gefährlicher als eine saisonale Grippe" sei Covid-19 – das habe er mit seiner Studie im Kreis Heinsberg zusammen mit seinem Team herausgefunden. Es komme natürlich immer auf die Population an, aber: "Es ist ein Virus, das man ernst nehmen muss", sagt er. Doch er vertritt seit jeher die Meinung: Mit Überdramatisieren ist niemandem geholfen.

Was etwa die Grippe nicht in einem solchen Maß aufweist, sind die Auswirkungen, die Covid-19 auf andere Organe haben kann. Noch ist unklar, wie häufig nach einer Infektion teilweise unbemerkte Langzeitschäden bleiben, erklären die Gesundheitsexperten von quarks.de. Sie schätzen die Letalität von Covid-19 auf 0,3 bis 0,7 Prozent. Laut RKI liegt die Sterblichkeitsrate in Deutschland derzeit bei 3,7 Prozent – der Wert sinkt jedoch mit der Zeit sicherlich, wenn sich die Erkrankung einpendelt.

Andreas Dotzauer, Virologe und Leiter des Laboratoriums für Virusforschung an der Universität Bremen, erklärt gegenüber weser-kurier.de außerdem, dass es sich bei Covid-19 nicht um eine reine Lungenkrankheit, sondern um eine systematische Erkrankung handele, wenn die Bedingungen im Wirt, im Körper, für das Virus passen: "Es breitet sich im gesamten Körper aus, verschiedene Organe werden infiziert. Das Immunsystem beziehungsweise die Immunantwort gerät völlig aus der Balance. Typisch sind die Entzündungsreaktionen, die im ganzen Körper stattfinden. Das macht das Virus gefährlich, und auch das ist nicht wegzudiskutieren." Er weist zudem auf die möglichen Langzeitfolgen der Corona-Infektion hin, etwa Atemprobleme, Erschöpfung und Folgen für das Nervensystem. Bei diesen Erkenntnissen stehe man noch am Anfang.

Auf die Behauptung, man kenne ja niemanden, der tatsächlich erkrankt sei, antwortet Streeck übrigens mit persönlicher Note: Zwei Personen im engeren Familienkreis seien an Covid-19 erkrankt.

2. Corona-Mythos: "So viele Tote in Italien oder den USA – hier nicht! Da stimmt doch was nicht!"

Ebenfalls eine klare Meinung: Auch hierzulande hatten und haben wir Todesfälle. "In Italien und den USA kam hinzu, dass die Infektionen sehr schnell stattgefunden haben", erklärt Streeck. Dadurch habe sich die Breite der Bevölkerung sehr schnell infiziert, was zu einer Überlastung der Krankenhäuser in den schwer betroffenen Ländern geführt habe. Vor allem sei das Virus "dort in Bereiche reingekommen, wo Patienten oder Menschen ein hohes Risiko haben, daran zu versterben." Etwa Altersheime waren schwer betroffen. In Deutschland, sagt Streeck, hätten wir es bisher geschafft, diese Bereich weitgehend freizuhalten.

3. Corona-Mythos: "Die ganzen Demonstrationen gegen die Maßnahmen hätten doch Ausbrüche nach sich ziehen müssen!"

Hier bezieht sich Streeck auf das, was auch Christian Drosten etwa immer wieder erklärt: Draußen ist die Infektionsgefahr weitaus geringer als in geschlossenen und somit schwerer belüfteten Räumen. Weiterhin sei es aber auch schwer nachzuvollziehen, ob eine Demonstration in Berlin mit Teilnehmern aus ganz Deutschland in den Heimatstädten der Demonstrierenden Ausbrüche verursacht habe, die auf die Demo zurückzuführen seien. "Leichter sind solche Sachen nachzuvollziehen, wenn nur Teilnehmer aus einem Ort anwesend gewesen sind."

4. Corona-Mythos: "Impfungen sind hochgefährlich und verändern unsere DNA. Die Pharmaindustrie will nur verdienen!"

Diese zwei Thesen betitelt Streeck als eindeutig falsch. Zum einen greife eine Impfung nicht in das humane Genom, unsere DNA ein. Denn selbst RNA-Impfstoffe, sagt Streeck, funktionieren so, "dass davon Proteine generiert werden." Wir hätten selbst nicht die Enzyme im Körper, die RNA in DNA umwandeln oder eingreifen können. Dies könnten nur bestimmte Retroviren, etwa das HI-Virus.

Und die Pharmaindustrie? Die verdient an einem Impfstoff nicht viel. Natürlich brächten Impfstoffe etwas ein, doch "was die Krankenkassen jedes Jahr für Impfstoffe ausgeben, ist nur 0,3 Prozent des Budgets im Vergleich zu dem, was wir für Medikamente ausgeben." So ein geringes Budget für einen Impfstoff wäre also viel geringer als das, was die Pharmaindustrie einnehmen würde, wenn sie einfach Medikamente gegen Sars-CoV-2 entwickeln würde. Am Impfstoff verdienen müsse die Pharmaindustrie trotzdem, gibt Streeck zu bedenken, da sie solche Entwicklungen ohne Gelder nicht machen könne.

Er geht im Folgenden außerdem auf die Mutationsfreudigkeit des Coronavirus Sars-CoV-2 ein. Dass es mutiere, wisse man mittlerweile, jedoch habe es nicht so eine starke Mutationsrate wie die Grippe. "Ob aber ein Impfstoff am Ende wirkt und wie häufig man sich impfen lassen muss, das können wir noch gar nicht sagen, weil es noch keinen Impfstoff gibt."

5. Corona-Mythos: "Die Maßnahmen der Regierung sind vollkommen übertrieben!"

Streeck betont das, was auch Christian Drosten immer wieder sagt: Die AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene und Alltags-Maske tragen) zeigen Wirkung. Zudem hätten diese Maßnahmen auch den Effekt, dass Menschen bei einer Ansteckung möglicherweise einen milderen Krankheitsverlauf erleben: "Wenn man viele Viren aufnimmt, hat man eine schwere Symptomatik, wenn man wenig Viren aufnimmt, hat man nur eine leichte Symptomatik. Die Dosis macht das Gift." Auf die Viruslast ist auch Christian Drosten bereits mehrmals eingegangen. Und mit Maske und Abstand ist die Dosis der aufgenommenen Viren in aller Regel geringer als komplett ohne Schutz.

Forscher haben zudem nun in einer Studie die Vermutung aufgestellt, dass eine geringe Dosis Viren, abgeschwächt durch eine Maske, möglicherweise in Form einer sogenannten Variolisierung, dazu beitragen könne, uns zu immunisieren. Die Masken könnten daher gleich in mehrfacher Hinsicht etwas bringen.

6. Corona-Mythos: "Das Virus stammt aus einem chinesischen Labor!"

Streecks Meinung nach sei es sehr unwahrscheinlich, dass Sars-CoV-2 in einem Labor generiert worden sei. Es sei viel zu gefährlich, solche Viren zu generieren, auch in einem Hochsicherheitslabor. Daher würden solche Forschungsstränge seines Wissens nach gar nicht verfolgt. Zudem hätten Labore, in denen an Viren geforscht wird, Hochsicherheitsschleusen. Es sei quasi unmöglich, von dort ein Virus versehentlich nach draußen zu schleppen.

Beweisen könne man natürlich nicht, dass das Virus nicht aus einem Labor stamme. Das Gegenteil könne man aber genausowenig beweisen – und er halte die Option für "extrem unwahrscheinlich".

7. Corona-Mythos: "Masken helfen nicht, sondern schaden sogar!"

Zu diesem Mythos hat sich Hendrik Streeck im oben genannten Namen zwar nicht geäußert, doch sind sich hier Virologen einig. Anfangs war man sich nicht sicher, ob eine Alltagsmaske oder eine einfache OP-Maske schützt. Das ist wie immer in der Wissenschaft: Man muss Thesen erst einmal testen und dann entweder bestätigen oder eben umdenken. Mittlerweile weiß man: Diese Art Masken schützen weniger den Träger, vielmehr die Menschen rund um den Träger, da sie größere, potentiell infektiöse Tröpfchen aufhalten. Stärkere Masken, etwa FFP2 oder FFP3 hingegen schützen auch die Träger, erschweren aber das Atmen.

Neu ist zudem aber auch der Gedanke, dass die dünneren Alltags- und OP-Masken ihre Träger möglicherweise zumindest vor schweren Verläufen schützen können, indem sie die Viruslast senken können, der man als Träger ausgesetzt ist. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Masken durch Variolisierung sogar eine gewisse Immunität hervorrufen könnten.

Schädlich sind insbesondere Stoff- und OP-Masken nicht, denn entgegen vieler Behauptungen atmet man weder das selbst ausgeatmete CO2 wieder ein (denn CO2 ist ein Gas und entsprechend viel kleiner als Tröpfchen. Tests haben gezeigt: Das CO2 strömt aus solchen Masken ungehindert heraus. Und wer seine Maske regelmäßig wechselt, läuft auch nicht Gefahr, seine eigenen Keime wieder einzuatmen und daran zu erkranken.

8. Corona-Mythos: "Auch wenn ich mich anstecke: Ich bin jung und fit und bekomme höchstens milde Symptome!"

Nach der Statistik sei es richtig "dass junge und fitte Menschen keine oder nur milde Symptome haben." Damit stimmt der Virologe der Aussage zumindest teilweise zu. Doch er schränkt ein: "Es kann aber immer sein, dass auch junge Menschen und fitte Menschen sehr schwere Symptome haben oder sogar daran versterben. Das haben eben auch mehrere Fälle bereits gezeigt." Sich nur auf die Statistik zu berufen, ist riskant. Welche Auswirkungen eine Infektion für junge Erwachsene haben kann, zeigt etwa eine große Auswertung der Harvard University. Demnach erhöhen etwa starkes Übergewicht und Bluthochdruck das Risiko in jedem Alter.

Zudem, und das müssen wir hinzufügen, können auch infizierte Menschen mit milden oder gar keinen Symptomen infektiös sein – darauf weisen mittlerweile Studien hin. Und diese Menschen können dann unwissentlich andere anstecken, die mit der Infektion dann vielleicht nicht so gut klar kommen. Es ist also auch ein Akt der Solidarität, in diesen Zeiten ein wenig acht zu geben – wenn schon nicht für sich selbst, dann für andere.

Andreas Dotzauer sagt dazu übrigens noch: "Symptomlos heißt nicht, dass kein Virus produziert und übertragen wird. Das wird aber immer gleichgesetzt. Und das ist falsch."

Mehr dazu: Das Coronavirus und die kalten Tage: So schützen wir uns im Herbst

Es gibt leider auch Gerüchte und Fake-News zum Coronavirus, die zum Tod von Menschen geführt haben. Wie Sie Fake-News in der Corona-Krise erkennen, lesen Sie bei uns. Zu allem, was in der Kommunikation falsch läuft, hatte sich Christian Drosten mit einem Appell an den Alltagsverstand übrigens schon im NDR-Podcast zu Wort gemeldet. Und auch unsere Redakteurin hat ihren Senf zu Corona-Leugnern und dem Hass auf Deutschlands Straßen und sozialen Medien geäußert.

Weitere Infos und Neuigkeiten rund um das Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

Quellen und Studien:

Deutsche Welle, Quarks.de, NDR-Podcast Corona-Update, weser-kurier.de

Mitchell H. Katz (JAMA Internal Medicine, 2020): "Regardless of Age, Obesity and Hypertension Increase Risks With COVID-19"

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