Aktualisiert: 19.09.2020 - 18:33

Oft unter dem Radar Stille Entzündung: Heimlicher Grund für viele Leiden

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Öfter mal entspannen: Das ist auch wichtig, um dem Körper Zeit zur Regeneration zu geben. So kann er sich auch besser gegen stille Entzündungen zur Wehr setzen.

Foto: iStock.com/Natali_Mis

Öfter mal entspannen: Das ist auch wichtig, um dem Körper Zeit zur Regeneration zu geben. So kann er sich auch besser gegen stille Entzündungen zur Wehr setzen.

Vorzeitige Alterung, Burn-out oder Übergewicht – geht all das mit minimalen Entzündungen einher, die sich an unserem Immunsystem vorbeischummeln? Neueste Forschungsergebnisse legen das nahe. Aber sie verraten uns zugleich, wie wir gegensteuern können.

"Tja, da kann man nichts machen. Ihre Muskelschmerzen sind ein Fibromyalgiesyndrom. Soll ich Ihnen Schmerzmittel verschreiben?" Viele Menschen kehren mit dieser oder einer anderen frustrierenden Botschaft vom Arzt zurück. Nicht selten haben sie zeitraubende diagnostische Tests hinter sich. Im besten Fall fand man dabei leicht erhöhte Entzündungsmarker im Blut, kam einer organischen Ursache aber nicht auf die Spur. Mit irgendeinem "Syndrom", gleichbedeutend mit "Nichts Genaues weiß man nicht", schickt man sie in den Alltag zurück, die Nebenwirkungen der Medikamente als Last obendrauf.

Doch es ändert sich was: Derart medizinische Hilflosigkeit beginnt rasant zu schwinden. Immer schneller begreift die Fachwelt, allen voran die Immunologen, dass die Zunahme diffuser Leiden wie Burn-out, plötzlich auftretende Allergien, generalisierte Schmerzsyndrome, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, aber auch die Neigung zu Übergewicht oder Depressionen mit einer "Silent Inflammation", einer stillen Entzündung, verbunden sind.

Stille Entzündung: Auslöser langes Leben

Ein Hauptgrund für das Auftreten einer stillen Entzündung ist zweifellos das Alter. Je älter wir werden, desto weniger Immunzellen produzieren die dafür zuständigen Stammzellen in unserem Knochenmark. Diese sind zudem weniger gut in der Lage, Krankheiten zu erkennen und mit den zahlreichen überaus komplexen Immunsystemen unseres Körpers zusammenzuarbeiten.

Im Blut älterer Menschen, so fanden Forscher heraus, sind Zytokine, Gerinnungsfaktoren und andere entzündungsfördernde Stoffe in höherer Konzentration vorhanden. Dieses Phänomen bezeichnen Mediziner auch als "Entzündungsaltern". Dabei handelt es sich um eine schwache Hintergrundentzündung, die dazu führt, dass sich geschädigte Zellen anhäufen und dazu auch noch "seneszente" Zellen – das sind Zellen, die sich nicht mehr teilen können. Viele dieser gealterten Zellen weigern sich, abzusterben, und senden dabei Paniksignale aus, durch die sich umgebende Zellen entzünden.

Wie man diese Mechanismen verlangsamt oder sogar stoppt, daran arbeitet die Altersforschung derzeit mit Hochdruck – und die Ergebnisse sind vielversprechend.

Inzwischen weiß man, dass eine an Antioxidantien reiche Ernährung, ausreichender Schlaf und ein Mindestmaß an Bewegung unser Immunsystem stärken.

Was sind eigentlich Antioxidantien? Das erfahren Sie im Video:

Was sind eigentlich Antioxidantien?
Was sind eigentlich Antioxidantien?

Eine Ernährungsumstellung beeinflusst das Entzündungsgeschehen

Inwieweit unsere moderne, von Zeitnot und Überangebot geprägte Ernährung problematisch ist, weiß Dr. med. Torsten Schröder aus Lübeck. Er setzt eine stoffwechselbedingte "metabolische Entzündung" mit einer "stillen Entzündung" zwar nicht eins zu eins gleich. Doch er beobachtet Zusammenhänge.

Dabei spielt das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse eine wichtige Rolle. "Im Zustand einer chronischen metabolischen Entzündung liegt eher ein Zustand einer Insulinresistenz vor, bei der Insulin in Zielorganen wie dem Muskel oder der Leber nicht mehr gut wirken kann", sagt der Internist und Ernährungsmediziner. So sind Entzündungen programmiert.

Schröder: "Bei einer Insulinresistenz sind die Insulinlevel im Blut zu hoch, und gleichzeitig ist auch der Blutzucker erhöht. Das ist üblicherweise eine Folge einer langjährigen Fehlernährung, die meist zu Übergewicht oder Adipositas geführt hat. In diesem Zustand fördern die erhöhten Insulinspiegel im Zusammenspiel mit erhöhten Blutzuckerwerten eine niedriggradige systemische Entzündung, auch 'low-grade inflammation' genannt."

Durch eine Umstellung der Ernährung auf vitalstoffreiches Obst und Gemüse, weg von süßen Erfrischungsdrinks und qualitativ fraglichen Fertiggerichten, lässt sich das unheilvolle Entzündungsgeschehen durchaus beeinflussen. Um dabei seinen Patienten effektiv zu helfen, setzt Schröder auf eine personalisierte Ernährungsmedizin – basierend unter anderem auf eigens entwickelten Glukose- und Mikrobiomtests.

Fasten, Kälte und Stressmanagement

Grundsätzlich gilt: Unsere Fähigkeit, sich gegen Entzündungen zu wehren, verändert sich ständig. Die Kraft unseres Immunsystems schwankt unter dem Einfluss von Stress, Alter, Tageszeit und unserer seelischen Verfassung. Wissenschaftlich belegt: Wer über einen längeren Zeitraum gestresst ist, leidet schwerer unter Virusinfektionen, braucht länger, bis Wunden verheilt sind, und reagiert schlechter auf Impfungen. Nicht umsonst übernehmen viele Krankenkassen die Kosten für das Erlernen von Stressmanagement, egal ob Achtsamkeit im Alltag lernen: Die 3 besten Übungen nach Jon Kabat-Zinn, autogenes Training oder Kurse in progressiver Muskelrelaxation.

Guter Schlaf ist ebenso entscheidend für die Regeneration und Reparatur des Organismus: Wer längere Zeit weniger als fünf Stunden pro Nacht schläft, erkältet sich leichter oder erkrankt eher an einer Lungenentzündung. Mehr? Ernährungstipps für einen besseren Schlaf

Aber zum Schluss die gute Nachricht: Nicht jede Form von Stress ist für unseren Körper schädlich. Im Gegenteil! Einige Stressfaktoren aktivieren sogar unsere Langlebigkeitsgene, ohne dabei die Zellen zu schädigen. Dazu zählen vorübergehendes Fasten, etwa wie es bei den unterschiedlichen Spielarten des Intervallfastens praktiziert wird.

Sport und Fitness helfen: Auch moderat betriebener Ausdauersport gibt dem Körper Impulse, seine Abwehrkräfte anzukurbeln. Dabei sollte der Ruhepuls bisweilen gezielt für kurze Zeit in die Höhe getrieben werden, sei es beim Joggen durch einen kleinen Sprint, sei es durch Treppensteigen, wie es Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse empfiehlt (wöchentlich 40 Stockwerke). Auch regelmäßige Saunagänge oder kaltes Duschen, am besten zwei Minuten am Stück, regen die Selbstheilungskräfte an und wirken einer stillen Entzündung prophylaktisch entgegen.

Die stärksten Entzündungshemmer

  • Dunkle Beeren
  • Grüner Tee
  • Ingwer
  • Kaffee (schwarz, ungesüßt)
  • Knoblauch
  • Grüne Kohlgemüse
  • Kurkuma
  • Pfeffer
  • Rotwein (ein Glas pro Tag)
  • Dunkle Schokolade
  • Fetter Seefisch
  • Zwiebeln

Die Rolle des Darms

Ein möglichst vielfältiges Mikrobiom, das Ökosystem in unserem Darm, ist für unsere Abwehrkraft von eminenter Bedeutung. Über den massiven Einsatz von Antibiotika in Medizin und Landwirtschaft wird es tagtäglich geschwächt.

Regelmäßig Sauerkraut, Brottrunk, Kimchi und anderes fermentiertes Gemüse essen, das baut unsere Darmflora auf und hält sie gesund.

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