Aktualisiert: 14.09.2020 - 18:41

Forscher stellen Hypothese auf Coronavirus: Die Masken könnten uns immun machen

Hilft das Maske-Tragen in der Öffentlichkeit möglicherweise auch, uns alle besser zu immunisieren? Forscher sprechen von Variolisierung. Was dahinter steckt:

Foto: iStock.com/Powerofflowers

Hilft das Maske-Tragen in der Öffentlichkeit möglicherweise auch, uns alle besser zu immunisieren? Forscher sprechen von Variolisierung. Was dahinter steckt:

Dass das Tragen von Mund-Nasen-Masken unsere Mitmenschen schützen soll und weniger uns selbst, sollte mittlerweile gemeinhin bekannt sein. Amerikanische Wissenschaftler vermuten aber nun, dass der gesamten Bevölkerung das Tragen des "MNS" zugute kommen könnte – indem uns die möglicherweise verringerte Virenaufnahme bei der Immunisierung unterstützt.

Die Maske schützt die Mitmenschen, nicht die Träger – das war die allgemeingültige Aussage zur Mund-Nasen-Bedeckung der letzten Monate. Doch neue Erkenntnisse tröpfeln immer wieder herein. So wurde kürzlich festgestellt, dass auch dem Träger einer Maske ein gewisser Schutz vor dem Coronavirus zugute kommt. Jetzt gehen amerikanische Wissenschaftler noch weiter: Sie stellen die These auf, dass das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit zur Immunisierung gegen Covid-19 beitragen könne. Wie jetzt?

So trage ich den Mundschutz richtig
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Covid-19: Werden wir durchs Maske-Tragen schneller immun?

Bisher ist es nur eine Vermutung, die aber untermauert wird von Vorabtests und gewonnenen Erkenntnissen der vergangenen Monate über das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. In einem Meinungsartikel im "New England Journal of Medicine" weisen Monica Gandhi und ihr Kollege George W. Rutherford darauf hin dass die Alltagsmasken ja nicht ganz dicht seien und durchaus einen Teil der Atemtröpfchen und Aerosole vor allem über nicht ganz geschlossene Ränder der Maske austreten könnten. Doch die Menge an Virus, die potentiell so noch übertragen werden könne, sei geringer – und zwar so gering, dass sie bei gesunden Menschen möglicherweise nur eine schwache oder gar symptomfreie Infektion auslösen könne. Das Ganze lässt sich mit dem Begriff "Variolisierung" beschreiben.

Möglichkeit der Variolisierung besteht: Was bedeutet das?

Eine Variolisierung ist eigentlich die Bezeichnung für ein absichtliches Verursachen einer leichten Infektion, um den Körper dazu zu bringen, Antikörper zu entwickeln und den Menschen so immun zu machen. Dieses Vorgehen wurde vor allem eingesetzt, bevor es Impfungen für bestimmte Krankheiten gab. Bei den Pocken wurde diese Methode etwa angewendet. Das Problem sei damals gewesen, dass man den Effekt nicht habe steuern können.

Doch die Möglichkeit, dass weniger Virus nur milde Infektionen auslöst, da das Immunsystem wenige Viren schneller und effektiver in den oberen Atemwegen – der Haupteintrittspforte des Virus in den Körper – bekämpfen könnte, besteht. Wer direkt die volle Ladung Virus abkriegt, wird hingegen in der Regel schwerer krank. Damit würden die Masken zum einen helfen, die Zahl der schweren Verläufe zu senken, aber möglicherweise eben auch – durch den Effekt der Variolisierung – den Weg zu einer Herdenimmunität ebnen.

Es gehe bei der Eindämmung der Pandemie darum, sowohl die Ansteckungsraten als auch den Schweregrad der Krankheit zu senken, betonen die Forscher. Somit könnte das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes beide Faktoren unterstützen.

Das sagen deutsche Experten: Ist die Viruslast wirklich entscheidend?

Schon vor Monaten hatte Dr. Christian Drosten, Coronavirus-Experte von der Charité in Berlin, bereits mehrfach erwähnt, dass die Viruslast, also die Menge, die von einem Menschen zum anderen springt, für die Schwere der Infektion verantwortlich sein könnte. Das konnte teilweise an den ersten deutschen Corona-Patienten festgestellt werden. Mit weniger Virus kommt das Immunsystem in der Regel besser klar. Zudem komme es darauf an, und das sei schon beim Vorgänger Sars so gewesen, wie schnell wie viel Virus direkt in der Lunge landet und wie viel schon in den oberen Atemwegen abgefangen werden könne.

Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia stellt gegenüber RTL klar: Selbst mit Maske können Infizierte wenige Viruspartikel abgeben. Dass diese dann beim Gegenüber zu einer Immunität führen, sei bisher ein theoretischer Ansatz, der erst noch in der Praxis verifiziert werden müsse.

Hamsterstudie zeigt, wie gut Masken für den Fremdschutz sind

Zudem gibt es bereits eine Studie mit Hamstern, die zeigt: Das Tragen von Masken könnte tatsächlich helfen, einerseits die Infektionsrate zu senken, andererseits aber auch durch geringe Virusmengen milde bis asymptomatische Verläufe zu provozieren und so die Immunität zu erhöhen. Forscher hatten dazu Masken zwischen Hamsterkäfigen platziert. In einem Käfig wurden mit dem Coronavirus infizierte Tiere gehalten, im anderen gesunde. Zum Vergleich gab es auch nebeneinander platzierte Käfige mit infizierten und gesunden Tieren ohne Maske dazwischen.

Bei letzterem steckten sich zwei Drittel der gesunden Hamster an. Bei den Käfigen mit OP-Masken am Käfig der gesunden Tiere lag die Infektionsrate noch bei einem Drittel. Bei einem weiteren Käfigpaar, bei dem die Maske näher am Käfig mit den kranken Tieren angebracht war, steckte sich nur noch ein Sechstel der gesunden Tiere im Nachbarkäfig an. Auch hier erlitten die Hamster, die nur wenige Viren abbekommen hatten, nur sehr leichte Infektionsverläufe.

Ein bisschen schützen die richtigen Masken auch die Träger. Und sollte sich nun noch die Variolisierung als Möglichkeit feststellen lassen, würde das zumindest ein gewisses Aufatmen versprechen – denn auf dem Weg zum Impfstoff stehen uns noch Herausforderungen im Weg. Zudem muss ein Impfstoff auch nicht DER Ausweg aus der Corona-Krise sein.

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Quellen:

Gandhi, Rutherford ("The New England Journal of Medicine, Meinungsartikel, 2020): "Facial Masking for Covid-19 — Potential for “Variolation” as We Await a Vaccine"

Kwok-Yung Yuen et al. (Oxford Academic, 2020): "Surgical Mask Partition Reduces the Risk of Noncontact Transmission in a Golden Syrian Hamster Model for Coronavirus Disease 2019 (COVID-19)"

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