Aktualisiert: 28.08.2020 - 18:33

Kleine Blutgefäße verschlossen Immunthrombose: Warum ist die Corona-Komplikation so gefährlich?

Sich zu stark vernetzende Immunzellen sorgen offenbar dafür, dass feinste Blutgefäße vor allem in der Lunge verstopfen: Diese Immunthrombose haben Forscher aus Deutschland kürzlich entdeckt.

Foto: iStock.com/howtogoto

Sich zu stark vernetzende Immunzellen sorgen offenbar dafür, dass feinste Blutgefäße vor allem in der Lunge verstopfen: Diese Immunthrombose haben Forscher aus Deutschland kürzlich entdeckt.

Kürzlich veröffentlichten Forscher neue Erkenntnisse zu den tödlichen Komplikationen, die bei einer Erkrankung mit Covid-19 auftreten können. Das Stichwort, das fiel, ist "Immunthrombose". Aber was passiert dabei im Körper und warum ist sie so gefährlich?

Bei einer Thrombose verstopfen, ganz knapp erklärt, Blutgefäße mit Ablagerungen. Meist sind hier größere Blutgefäße betroffen. Eine Immunthrombose funktioniert grob gesagt ganz ähnlich, allerdings verstopfen hierbei die kleinen Blutgefäße. Weiterhin ist der Grund dafür ein anderer Mechanismus, der mit unserem Immunsystem zu tun hat. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass Immunthrombosen bei Covid-19 für Komplikationen sorgen können, die dann nicht selten zum Tod führen.

Immunthrombose bei Covid-19: So entsteht die Komplikation

Ein Forscherteam der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ist auf Hinweise gestoßen, die zeigen, dass eine Immunthrombose der oder zumindest ein Grund für schwere Verläufe der durch das Coronavirus Sars-CoV-2 ausgelösten Erkrankung Covid-19 sein könnte. Dass eine überschießende Immunreaktion bei schweren Fällen ausschlaggebend für Komplikationen ist, ist bereits zuvor gezeigt worden. Jetzt fanden die Wissenschaftler rund um Moritz Leppkes neue Erkenntnisse. Dazu haben sie auf der Intensivstation behandelte Covid-19-Patienten untersucht.

Das Ergebnis: Die Forscher fanden bei den untersuchten Patienten eine höhere Zahl neutrophiler Granulozyten. Das sind bestimmte Immunzellen, die zu den weißen Blutkörperchen gehören. Sie vermuten, dass das Coronavirus sie aktiviert.

Dass der Körper Immunzellen bildet, klingt erstmal gut. Jedoch entdeckten die Forscher, dass sich durch die Aktivierung der neutrophilen Granulozyten in den Blutgefäßen netzähnliche Strukturen bilden, sogenannte NETs (Neutrophil Extracellular Traps). Diese Netze sollen eigentlich Viren oder Bakterien einfangen, um sie dann unschädlich zu machen. Bei Covid-19 könne es aber passieren, dass zu viele NETs gebildet werden, die sich zusammenballen und dann die feinen Blutgefäße vor allem in der Lunge verstopfen – ähnlich einer Thrombose. Sind die Blutgefäße aber nicht mehr durchlässig genug, kann der Sauerstoffaustausch in der Lunge nicht mehr richtig stattfinden, der Körper bekommt zu wenig Sauerstoff.

Das Virus schädigt die Blutgefäße, der Körper reagiert

Die Forscher gehen davon aus, dass das Coronavirus selbst das sogenannte Endothel, die Zellschicht der Blutgefäße, schädigt, indem es dort andockt. Diese Schäden wiederum ziehen die weißen Blutkörperchen an, die im Auftrag der Immunabwehr unterwegs sind. Sie ballen sich zusammen und bilden dann die oben beschriebenen Netze.

Allerdings, und das ist die Besonderheit bei Covid-19, findet diese Immunthrombose nicht nur in bestimmten Bereichen in der Lunge statt, sondern kann auch an vielen Stellen gleichzeitig sowie in anderen Organen und in verschiedenen Blutgefäßen vorkommen. Vor allem aber die Mikro-Gefäße in der Lunge verschließen sich sehr schnell.

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Coronavirus-Glossar: Begriffe, die Sie jetzt kennen sollten
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Therapiemöglichkeiten bisher begrenzt – aber Behandlungsansatz in Sicht

Die Erkenntnisse könnten jetzt Auswirkungen auf die Therapie haben, denn solche Immunthrombosen sind zuvor nicht bedacht worden. Gegenüber dem Ärzteblatt erklären die Forscher, man könne nun einen Behandlungsansatz bei schweren Covid-19-Fällen entwickeln, durch den die Zusammenballung der neutrophilen Granulozyten gehemmt werde und sich übermäßige NET-Bildungen verhindern ließe. Die Wissenschaftler schlagen dafür Arzneimittel wie Dexamethason oder Heparin helfen.

Heparin wird bereits zur Thrombose-Prävention bei Covid-19-Patienten eingesetzt, da schon früh aufgefallen ist, dass Covid-19 bei Patienten für Blutgerinnsel sorgt. Jedoch gehen die Forscher der FAU davon aus, dass die Dosis zur Prävention von NET-Bildungen erhöht werden müsse. Der Entzündungshemmer Dexamethason ist zudem bereits seit ein paar Wochen ein vielversprechender Kandidat im Kampf gegen Covid-19. Es konnte gezeigt werden, dass das Medikament die Sterblichkeit von Patienten verringert – möglicherweise auch aufgrund einer Wirkung gegen NET-Bildungen. Gegenüber RTL erklärt der Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht: "Dexamethason ist ein Medikament, welches das Immunsystem runterdrückt. Das wäre aber im Falle einer Immunthrombose ja hilfreich, weil der Körper eben überreagiert." Heparin wiederum verflüssigt das Blut und wirkt so gegen Thrombosen.

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Quellen:

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