Aktualisiert: 26.08.2020 - 19:51

Menschen zum zweiten Mal infiziert? Neuinfektion mit dem Coronavirus: Was bedeutet das jetzt?

Offenbar kann man sich ein zweites Mal mit dem neuartigen Coronavirus infizieren. Das ist aber nicht gleich eine schlechte Nachricht.

Foto: iStock.com/Nevena1987

Offenbar kann man sich ein zweites Mal mit dem neuartigen Coronavirus infizieren. Das ist aber nicht gleich eine schlechte Nachricht.

Es scheint kein "Wiederaufflammen" der vorherigen Infektion mit Sars-CoV-2 zu sein: In Hongkong und in den Beneluxländern gibt es Berichte über vereinzelte Fälle einer zweiten Corona-Infektion. Forscher fanden genetisch veränderte Viren. Warum das aber keine Hiobsbotschaft ist.

Bisher gingen viele Forscher davon aus, dass man zumindest eine gewisse Zeit, vielleicht Monate, vielleicht wenige Jahre, immun gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 ist. Jetzt gibt es ein paar wenige Fälle, die zeigen: Die Immunität scheint wohl früher abzunehmen. Menschen haben sich offenbar ein zweites Mal mit dem Coronavirus infiziert. Doch das ist noch kein Grund zur Panik.

Menschen zum zweiten Mal mit Corona infiziert – verändertes Virus gefunden

Erst kürzlich wurde von einem 33-jährigen Mann aus Hongkong berichtet, der sich nach Genese erneut mit Sars-CoV-2 infiziert haben soll – aufgefallen war das allerdings nur bei einem Test bei seiner Rückkehr aus Spanien, da der Mann keine Symptome gezeigt hatte.

Jetzt kamen zwei Meldungen aus Europa hinzu. Das berichtet der niederländische Rundfunksender NOS mit Verweis auf Aussagen von Forschern aus Belgien und den Niederlanden. Der niederländische Patient soll eine ältere Person mit geschwächtem Immunsystem sein, die belgische Patientin zeige drei Monate nach überstandener Covid-19-Erkrankung nun milde Symptome. Gegenüber der Deutschen Presse Agentur (dpa) erklärt der belgische Virologe Marc Van Ranst von der katholischen Universität in Leuven, dass man davon ausgehe, dass sie bei der ersten Erkrankung nicht genügend Antikörper gebildet habe.

Wie viele Menschen es aber gebe, die sich nach einer solch recht kurzen Zeit – Ranst nennt sechs oder sieben Monate – erneut anstecken, sei unklar.

Es scheint sich nach Ansicht verschiedener Ärzte diesmal nicht um ein "Wiederaufflammen" der vorherigen Infektion zu handeln, wie es zuvor öfter berichtet worden war. Bei allen drei Patienten habe man nun eine veränderte genetische Variante gefunden.

Für Virologen kommt die Erkenntnis nicht überraschend

Virologen zeigen sich mitunter nicht besonders überrascht von solchen Neuinfektionen. "Wir wissen es von anderen respiratorischen Viren wie Erkältungsviren, dass sie unser Immunsystem immer wieder überlisten und wir uns immer wieder infizieren können", erklärt etwa Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen an der Universität Genf.

Jedoch ist unklar, wie schwer solche Folgeinfektionen dann ablaufen. Der Patient in Hongkong zeigt keinerlei Symptome, die Frau in Belgien nur leichte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von Einzelfällen unter den 23 Millionen weltweit bekannten Fällen – es kann aber sein, dass die Zweitinfektionen aufgrund fehlender Symptome einfach nicht auffallen.

Einzelfälle – die weiter beobachtet werden müssen

Derzeit sind Studien im Gange, um zu prüfen, wie hoch die Immunität nach einer Infektion ausfällt, je nachdem, ob man schwer oder nur mild erkrankt war oder auch gar keine Symptome gezeigt hat. Eckerle betont dazu, dass es zudem unklar ist, ob die nun neu erkrankten Patienten aufgrund eines angeschlagenen Immunsystems neu erkrankt sind oder ob beispielsweise genetische Gründe oder die Einnahme von Medikamenten eine Rolle gespielt hätten. Zudem ist unklar, wie ansteckend erneut infizierte Patienten sein können.

Dass der Patient aus Hongkong gar keine Symptome trotz Fund eines veränderten Virus gezeigt hatte, stimmt Virologen vorsichtig optimistisch. Eckerle: "Das deutet darauf hin, dass sein Immunsystem den Erreger erkannt und schnell reagiert hat." Beunruhigend sei es dann gewesen, wenn der Patient beim zweiten Mal schwer erkrankt sei und Intensivpflege gebraucht hätte, pflichtet John Ziebuhr, Leiter der medizinischen Virologie der Universität Gießen, bei. Denn dann wäre das ein Hinweis darauf, dass die Immunreaktion auf eine Erste Infektion die Gefahr für den Patienten bei Folgeinfektionen erhöhe. Das kann beispielsweise beim Dengue-Fieber passieren.

Es kursieren weltweit verschiedene Varianten des neuartigen Coronavirus, da es durchaus mutiert. Jedoch seien die Mutationen nicht tiefgreifend, erklärt Eckerle: "Glücklicherweise sind Coronaviren eher stabil. Im Moment gibt es keinen Hinweis, dass kleine Veränderungen funktionell einen Unterschied machen, sodass das Immunsystem das Virus nicht mehr erkennt." Sie erklärt dies anschaulich am Beispiel von Dialekten: "Ob ich etwas auf Pfälzisch oder Bayrisch sage, ändert nichts an der Aussage."

Entwarnung: Coronaviren sind einfach so

Zwischenfazit ist also, dass wir nicht direkt in Panik verfallen müssen, nur weil vereinzelte Menschen erneut infiziert sind. Die Zahl der Fälle ist sehr gering, gemessen an den weltweit auftretenden Fällen. Möglicherweise ist die Dunkelziffer höher, doch nicht auffallende Zweitinfektionen sprechen dafür, dass das Immunsystem das Virus schnell erkennt und unschädlich macht.

Für die Impfung haben die Funde allerdings durchaus eine Bedeutung. Denn sie beweisen das, was bereits vermutet wurde: Die Immunantwort ist nicht langlebig, mit einer Impfung ist es daher möglicherweise nicht getan. "Man darf sich nicht der Hoffnung hingeben, dass das Problem gelöst ist, wenn alle einmal durchgeimpft sind", betont Ziebuhr. Das Coronavirus Sars-CoV-2 geht vielleicht nicht mehr weg, das berichtete bereits die WHO, und auch Ziebuhr merkt an, dass man sich darauf einstellen müsse, dass es dauerhaft zirkuliere.

So läuft die Suche nach dem Corona-Impfstoff
So läuft die Suche nach dem Corona-Impfstoff

Folgen für die Impfstoffforschung

Daher brauche man einen Impfstoff, der es schafft, eine bessere Immunantwort zu erzeugen als die natürliche Infektion, sagt Eckerle. Die Erkenntnisse deuten aber auch darauf hin, dass Menschen möglicherweise mehrmals geimpft werden müssen, damit der Körper die nötige Immunantwort aufbauen kann.

"Man hofft darauf, dass der Schutz mit jeder Impfstoffgabe besser wird", so Eckerle. So könne dann auch nach und nach der Krankheitsverlauf deutlich gemildert werden – auch wenn man sich mehrmals infiziert. So könnten dann schwere Verläufe abgemildert werden und die Angst vor schweren Verläufen von Covid-19 könne nach und nach sinken. Übrigens: Diese Herausforderungen gibt es auf dem Weg zum Impfstoff.

Fest steht: Unser Immunsystem und Krankheitserreger sind eben kompliziert. Wie schreibt der Tagesspiegel es so schön: das in der Öffentlichkeit dominierende "idealisierte und grob vereinfachte Bild des Immunsystems – Keim dringt ein, Immunsystem macht Antikörper, Mensch ist für immer immun" gibt es eben nicht. Aber das Immunsystem kann sich immerhin erinnern – oder es zumindest lernen. Und die Impfung ist auch nicht der alleinige Ausweg aus der Corona-Krise.

Die neuen Erkenntnisse zeigen aber wieder vor allem eines: Es gibt nicht DIE Antwort zu allen Fragen über das Coronavirus. Denn wie bei allem ist es so, dass erst nach und nach Neues entdeckt wird, manches davon verwirft vielleicht auch wieder vorherige Erkenntnisse, die sich als nicht ganz korrekt herausstellen, und zu dem, was langfristig passiert, können wir sowieso jetzt noch nichts sagen – denn in die Zukunft sehen kann noch keiner von uns. Auch kein Wissenschaftler.

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