Aktualisiert: 19.08.2020 - 21:33

Coronavirus-Spätfolge Covid-19 ist weg – doch die Müdigkeit bleibt

Die Coronavirus-Infektion ist längst überstanden – doch die bleierne Müdigkeit bleibt. Woher kommt die Fatigue? Das versuchen Forscher herauszufinden.

Foto: iStock.com/bymuratdeniz

Die Coronavirus-Infektion ist längst überstanden – doch die bleierne Müdigkeit bleibt. Woher kommt die Fatigue? Das versuchen Forscher herauszufinden.

Eine der länger anhaltenden Beschwerden der Coronavirus-Erkrankung Covid-19 ist eine nicht enden wollende Erschöpfung. Das chronische Erschöpfungssyndrom kommt nach Infektionskrankheiten nicht selten vor. Woher kommt das – und geht es wieder weg?

Schon bei Sars und Mers damals trat bei vielen Erkrankten auch noch Wochen, sogar Monate nach der eigentlichen Krankheit eine lähmende Erschöpfung auf. Fatigue nennt man das auch, ein Phänomen, über das Menschen auch nach Infektionskrankheiten immer mal wieder klagen. Bei Covid-19 scheint das Erschöpfungssyndrom laut ersten Erkenntnissen gar nicht so selten aufzutreten.

Betroffene klagen noch Wochen nach eigentlicher Genesung über anhaltende Müdigkeit und erzählen, dass sie, damals eigentlich fit wie ein Turnschuh, heute kaum drei Stufen steigen können, ohne total erschöpft zu sein. Nicht immer versteht das Umfeld das Leid.

Anhaltende Erschöpfung: Fatigue nach Covid-19

Die "Fatigue", wie die Erschöpfung auch genannt wird (frz. "fatigue" – Müdigkeit, Erschöpfung), ist eines der Symptome, über die Covid-19-Patienten nach ihrer Infektion und Genese immer wieder klagen. Sie tritt bei ihnen erst seit ihrer Erkrankung auf, kommt seitdem aber immer wieder, eine geradezu bleierne Erschöpfung, die manchen sogar das Bestreiten des Alltags unmöglich macht. Andere klagen "nur" über eine anhaltende Müdigkeit, die aber auch auf Dauer einschränkt und zermürbt. Die Symptome erinnern stark an das Chronische Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome, CFS).

Manchmal ist es nicht nur die Erschöpfung, bei vielen, zuvor gesunden Menschen fängt bei leichter Anstrengung auch das Herz plötzlich an zu rasen oder die Puste bleibt weg. Woran das liegt und wie viele Menschen letztendlich davon betroffen sind, versucht die Wissenschaft gerade herauszufinden. Ein paar Studien gibt es schon, einige laufen derzeit.

Erschöpfung tritt auch bei Menschen mit leichten Corona-Symptomen auf

Bisher gehen Forscher davon aus, dass rund zehn bis 15 Prozent der Covid-19-Patienten unter solchen Langzeitfolgen nach einer Sars-CoV-2-Infektion leiden. Dennoch steht die Forschung rund um das neuartige Coronavirus noch immer am Anfang – die Krankheit ist erst seit ein paar Monaten bekannt, wirkliche Langzeitfolgen jedoch können erst nach Jahren als solche identifiziert werden.

Wir lernen also noch. Zurzeit gilt laut Robert-Koch-Institut (RKI) als genesen, wer mindestens 48 Stunden lang keine Symptome mehr aufweist und bei dem im Abstand von 24 Stunden zwei Rachenabstriche keine Viren mehr zeigen. Aber heißt genesen wirklich gesund? Bei manchen Patienten offenbar nicht. Dabei scheint das Erschöpfungssyndrom nicht nur bei Patienten aufzutreten, die mit schwerem Verlauf im Krankenhaus behandelt worden sind, sondern mitunter auch bei solchen, die nur leicht erkrankt waren. Manche wissen vielleicht nicht einmal, dass ihre Erschöpfung von einer Corona-Erkrankung kommt, weil sie nie die typischen Symptome hatten. Ob die Fatigue chronisch werden kann? Auch das weiß man noch nicht, auch dazu ist die Zeit noch zu kurz.

Forscher aus Sydney hatten 170 Covid-19-Patienten untersucht, von denen 90 Prozent aufgrund ihrer milden Symptome nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten. Gegenüber dem britischen "The Guardian" erklärt Gail Matthews, Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten im St. Vincents Krankenhaus in Sydney: Etwa jeder Dritte dieser 90 Prozent zeige noch drei bis vier Monate nach der Infektion Symptome. Die häufigsten Beschwerden darunter: anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit – typisch für CFS.

Fatigue nach Virusinfektionen bereits bekannt

Unbekannt ist das Phänomen aber nicht: Schon bei bereits bekannten Coronaviren gab es Fälle von Fatigue, etwa nach der Sars-Epidemie in China in den Jahren 2002/03. Manche litten noch Jahre später an der Erschöpfung. Eine Studie zeigt, dass fast ein Drittel der Patienten noch Monate nach der Infektion trotz komplett wiederhergestellter Lungenfunktionalität körperlich deutlich weniger belastbar waren als vor der Infektion mit Sars-CoV-1, das dem neuartigen Coronavirus recht ähnlich ist. Weitere Studien, eine aus Kanada, eine aus Hong Kong, kommen zu ähnlichen Ergebnissen, teils noch Jahre nach der Infektion.

Und auch bei dem durch das Epstein-Barr-Virus ausgelösten Pfeifferschen Drüsenfieber sind Fälle bekannt. Immerhin: In den meisten Fällen bei vireninduzierter Fatigue klingen die Beschwerden nach ein paar Wochen von selbst ab. Bekannt könnte das Phänomen auch Menschen sein, die einmal die Grippe hatten. Ein chronisches Erschöpfungssyndrom kann aber auch andere Ursachen haben, etwa Krebs. Und auch gibt es Fälle, bei denen keine Krankheit zugrunde liegt. Man vermutet beispielsweise Autoimmunstörungen.

Erschöpfung ist kein psychisches Problem

Heutzutage ist immerhin klar, was jahrelang nicht gesehen wurde: Es handelt sich bei der Erschöpfung, ob nun nach Virusinfektion, anderweitiger Krankheit oder nicht erkennbaren Ursachen, um ein echtes, körperliches Krankheitsbild, nicht um eine psychische Krankheit. Doch auch heute noch werden Patienten von Freunden und Bekannten, manchmal sogar von Ärzten nicht ernstgenommen.

In Gruppen auf Facebook oder in Messengern vernetzen sich Menschen mit Covid-19-Langzeitfolgen derzeit. Nicht nur das Erschöpfungssyndrom ist dort im Gespräch. Andere klagen über ausfallende Haare oder Lähmungserscheinungen, manche leiden auch Wochen später noch unter ständig verstopfter Nase, andere über Gedächtnislücken, manche beschreiben mehrere Symptome.

Studien sollen Langzeitfolgen untersuchen

Mehrere Studien sollen nun durchgeführt werden, um die Langzeitfolgen nach Covid-19, darunter auch die Erschöpfung, genauer zu untersuchen und herauszufinden, woher sie kommen. So wollen Forscher des King's College in London in den kommenden eineinhalb Jahren anhand der Daten von Gesundheits-Apps herausfinden, ob der Immunstatus bei postviraler Fatigue ausschlaggebend ist.

Auch die Charité in Berlin startet jetzt eine Studie zu Erschöpfungs-Langzeitbeschwerden nach einer Coronavirus-Infektion. Ein Team um die Fatigue-Forscherin Carmen Scheibenbogen, die die Immundefekt-Ambulanz der Klinik leitet, will sich nun ausführlicher mit dem Thema befassen. Die Ärztin befasst sich normalerweise mit Menschen mit Chronischem Fatigue-Syndrom. Mittlerweile, so sagt sie etwa "Zeit Online", kommen aber vermehrt Menschen nach Covid-19-Erkrankung zu ihr, die oftmals zuvor fit gewesen waren. Diese Patienten sollen nun genau untersucht werden.

Bisher spricht man im Zusammenhang mit dem Coronavirus jedenfalls noch von postinfektiöser Fatigue. Ob sich daraus ein anhaltendes, also Chronisches Erschöpfungssyndrom entwickle, könne man noch nicht sagen, erklärt Scheibenbogen, dafür müssten die Symptome mindestens sechs Monate anhalten. Einer der vielen Gründe für die Erschöpfung könnten Entzündungsbotenstoffe sein, doch das ist nicht die alleinige Erklärung. An der muss jetzt gearbeitet werden.

Mehr zu Covid-19 und seinen Symptomen lesen Sie hier.

Quellen/Studien

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe