Aktualisiert: 25.07.2020 - 21:55

Experte erklärt So könnten Biomarker die MS-Therapie unterstützen

Biomarker sind messbare biologische Merkmale des Körpers, anhand derer sich bestimmte Vorgänge zeigen. Ein besonderer Biomarker könnte für die Therapie von Multipler Sklerose hilfreich sein. Ein Experte erklärt mehr.

Foto: iStock.com/Pornpak Khunatorn

Biomarker sind messbare biologische Merkmale des Körpers, anhand derer sich bestimmte Vorgänge zeigen. Ein besonderer Biomarker könnte für die Therapie von Multipler Sklerose hilfreich sein. Ein Experte erklärt mehr.

Die Diagnose Multiple Sklerose ist für viele Patienten zunächst ein Schock. Denn die Erkrankung ist nicht heilbar und begleitet Betroffene ein Leben lang. Grund zur Hoffnung geben aber möglicherweise sogenannte Biomarker. Unser Experte erklärt, was das ist und wie das funktionieren könnte.

Biomarker sind bestimmte messbare biologische Merkmale, die unser Körper anzeigt, etwa wenn etwas nicht stimmt. Die dadurch gewonnenen Informationen können auf verschiedenen Wegen geprüft und für Diagnosen oder zur Therapieunterstützung genutzt werden. Oft ist beispielsweise in der Krebstherapie die Rede von Tumormarkern. Aber auch der Blutdruck oder die Körpertemperatur und der Blutzuckerspiegel gehören dazu. Die Forschung zeigt nun: Biomarker könnten auch für die Behandlung von Multipler Sklerose (MS) zukünftig eine große Rolle spielen.

Genauer ist da die Rede vom sogenannten Neurofilament-Light-Chain-Protein, kurz NfL. Hierbei handelt es sich um einen Blutmarker, der Schädigungen von Nervenzellen und Nervenzellfortsätzen im Gehirn anzeigt – wie sie bei MS-Patienten entstehen. Die Konzentration dieses Proteins lässt sich mithilfe eines Bluttests messen: Sterben Nervenzellen ab, steigt der NfL-Wert an. Und daran wiederum ließe sich auch für die Therapie von MS-Patienten viel ablesen.

Biomarker in der MS-Therapie: Spricht der Patient an?

Klinische Studien laufen dazu bereits, und erste Ergebnisse geben Hoffnung: So könnte dieser Blutmarker anzeigen, ob MS-Patienten auf die ihnen verordnete Therapie ansprechen. Sinkt die NfL-Konzentration im Blut ab, könnte das darauf hinweisen, dass die Therapie anschlägt. So ließe sich dieser Biomarker zukünftig in das Therapiemonitoring einbauen – und damit verhindern, möglicherweise in die falsche Therapie-Richtung zu gehen.

Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz ist Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum in Essen und kennt sich bestens mit Multipler Sklerose und den aktuellen Therapiemöglichkeiten sowie zukünftigen Ideen aus. Er stand uns Rede und Antwort, zeigt aber auch die Grenzen dieses Ansatzes auf:

Was sind Biomarker überhaupt?

Dr. Kleinschnitz: "Biomarker sind messbare biologische Merkmale. Sie können wichtige Hinweise für die Entstehung von Krankheiten, deren Verlauf, die Prognose und das Ansprechen auf Therapien liefern. Um einen Biomarker zu messen, müssen Gewebeproben oder Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin und Nervenwasser entnommen werden."

Inwiefern können sie bei der Therapie von Multipler Sklerose (MS) behilflich sein?

Dr. Kleinschnitz: "Gäbe es eindeutige Biomarker für die MS-Behandlung, könnte man möglicherweise vorhersagen, welcher Patient auf welche Therapie besonders gut anspricht. Vermutlich hätten solche Biomarker auch Einfluss auf Beginn und Beendigung einer Therapie."

Besonders genannt ist NfL, ein bestimmter Blutmarker. Wie funktioniert der?

Dr. Kleinschnitz: "Das Neurofilament-Light-Chain-Protein (kurz NfL) wird beim Untergang von Nervenzellen und Nervenzellfortsätzen im Gehirn freigesetzt. Sterben Nervenzellen ab, steigt der NfL-Wert an. Nervenzellen können nicht nur infolge einer Multiplen Sklerose untergehen. Erkrankungen wie ein Schlaganfall oder Alzheimer können ebenfalls zum Absterben von Nervenzellen führen. Der NfL-Wert kann mit bestimmten biochemischen Nachweismethoden anhand einer Blut- oder Nervenwasserprobe ermittelt werden."

Welche Therapien lassen sich mit Biomarker-Tests kombinieren?

Dr. Kleinschnitz: "Im klinischen Alltag wird derzeit noch keine MS-Therapie mit einzelnen Biomarkern kombiniert. Auch der NfL-Wert wird momentan vor allem im Rahmen von klinischen Studien erhoben. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass dieser Wert anzeigt, ob ein MS-Patient auf eine Therapie anspricht oder nicht. So scheint eine sinkende NfL-Konzentration im Blut ein Anzeichen dafür zu sein, dass die Therapie wirksam ist. Das Neurofilament-Light-Chain-Protein könnte zukünftig im Rahmen des Therapiemonitorings von Bedeutung sein."

Lässt sich mit Biomarkern Multiple Sklerose schon frühzeitig erkennen? Wenn ja, inwiefern kann das den Therapieerfolg verbessern?

Dr. Kleinschnitz: "Nein, es gibt keinen einzelnen Biomarker, mit dem Multiple Sklerose diagnostiziert werden kann. Wir wissen bis heute nicht, wodurch MS letztlich ausgelöst wird und ob es überhaupt die eine auslösende Ursache gibt."

Lässt sich die Art des Verlaufs einer MS durch Biomarker definieren?

Dr. Kleinschnitz: "Nein, momentan ist das noch nicht möglich. Dieser Fragestellung wird in klinischen Studien nachgegangen, die aber noch am Anfang stehen. Man untersucht, wie sich die Konzentration der Neurofilamente im Krankheitsverlauf entwickelt und versucht, entsprechende Rückschlüsse zu ziehen."

In welchen Bereichen kommen Biomarker noch zum Einsatz?

Dr. Kleinschnitz: "Neurofilamente sind zum Beispiel ein Baustein bei der Diagnose von ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Grundsätzlich kann keine Erkrankung, auch außerhalb der Neurologie, allein mittels Biomarkern diagnostiziert werden. Biomarker müssen immer im Kontext mit den weiteren Befunden erhoben und betrachtet werden. Momentan spielen Biomarker in der Onkologie eine große Rolle. Man spricht auch von den sogenannten Tumormarkern."

Zum Experten: Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz ist Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.

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Die MS bleibt also weiterhin rätselhaft. Dr. Kleinschnitz hat uns aber bereits mehr über neue Behandlungsmöglichkeiten der Multiplen Sklerose erzählt. Erfahren Sie außerdem, auf welche Symptome Sie bei Multipler Sklerose achten sollten.

Ein anderer Biomarker ist übrigens kardiales Troponin, das ansteigt, wenn Herzzellen absterben – etwa bei einem Herzinfarkt, aber auch, wenn das Coronavirus den Körper so angreift, dass das Herz leidet.

Weitere Informationen gibt es unter anderem bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft und aMSel, das Multiple Sklerose Portal, sowie MSlife.

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