Aktualisiert: 20.07.2020 - 17:58

Allheilmittel oder Inselimpfungen Coronavirus: Kann die Impfung uns alle retten?

Über 160 Impfstoff-Kandidaten sind derzeit im Rennen, einige davon werden bereits an Freiwilligen getestet. Aber kann es DEN idealen Impfstoff überhaupt geben? Eher nicht, sagen Experten.

Foto: iStock.com/Bill Oxford

Über 160 Impfstoff-Kandidaten sind derzeit im Rennen, einige davon werden bereits an Freiwilligen getestet. Aber kann es DEN idealen Impfstoff überhaupt geben? Eher nicht, sagen Experten.

Wenig wird derzeit so hitzig diskutiert wie ein möglicher Coronavirus-Impfstoff. Dabei ist allein diese Formulierung schon falsch. Denn wir werden möglicherweise nicht von nur einem Impfstoff reden. Die Wissenschaft arbeitet noch: Während eine WHO-Forscherin davon ausgeht, dass wir Mitte 2021 geimpft werden, malt beispielsweise Virologe Streeck ein anderes Bild.

Es kristallisiert sich immer mehr heraus: DIE Impfung gegen das Coronavirus wird es wohl nicht geben. Derzeit gibt es mehrere vielversprechende Impfstoffkandidaten. Insgesamt laufen laut Weltgesundheitsorganisation WHO 162 Projekte. Forscher können sich derzeit gut vorstellen, dass gleich ein paar davon im Laufe der Zeit das Rennen machen und dann auf bestimmte Personengruppen passend zugeschnitten werden. So könnten Kinder einen anderen Impfstoff bekommen als etwa Senioren oder Menschen mit Immunproblemen. Möglich ist auch, dass gesunde Erwachsene gar nicht geimpft werden müssen. Eine weitere Option ist, dass Impfstoffe, ähnlich wie bei der Grippe (Influenza), regelmäßig angepasst werden müssen und/oder der Impfschutz erneuert werden muss. Je mehr Schlagzeilen man über die Impfstoffentwicklung liest, desto verwirrender scheint es.

Klar ist eigentlich nur: Es wird extrem schnell geforscht, es gibt verschiedene (Zwischen-)Ergebnisse. Die müssen aber weiter verfeinert und zusammengetragen werden. Erst mit der Zeit werden wir wissen welche Impfstoffe wirken, wem sie helfen und wer sie überhaupt braucht.

Coronavirus-Impfung: Mehrere Kandidaten im Rennen

Zahlreiche Impfstoffe sind derzeit in der Entwicklung, einige davon werden bereits in klinischen Studien getestet. So haben etwa das Mainzer Unternehmen Biontech sowie der US-Konzert Pfizer eine erste Liefervereinbarung mit Großbritannien zu einem möglichen Impfstoff geschlossen. Der Stoff "BNT 162" soll demnach voraussichtlich schon ab 2020 vorbehaltlich einer behördlichen Genehmigung oder Zulassung als 30 Millionen Impfdosen geliefert werden. Auch mit anderen Regierungen sei man schon im Gespräch, heißt es seitens Biontech-Chef Ugur Sahin.

Die ersten Ergebnisse aus Studien mit dem Impfstoff seien "ermutigend". 45 gesunde Testprobanden im Alter zwischen 18 und 55 Jahren hatten nach der Gabe des Impfstoffes Antikörper gegen Sars-CoV-2 entwickelt. In Tests mit bis zu 30.000 Probanden soll jetzt herausgefunden werden, ob diese auch wirklich gegen den Erreger ankommen und so vor einer Infektion schützen. Noch im Juli soll es weitere Tests geben. Sollten diese erfolgreich verlaufen, könne man im Oktober das Zulassungsverfahren beantragen.

An Freiwilligen werden weltweit schon weitere Impfstoffkandidaten erprobt. So läuft in Brasilien eine Phase-III-Studie mit einem möglichen sogenannten Vektorviren-Impfstoff des Unternehmens AstraZeneca und der Oxford University. In China und den Vereinigten Arabischen Emiraten wird ein Impfstoff mit inaktivierten Viren getestet, den das Wuhan Institute of Biological Products zusammen mit dem Wuhan Institute of Virology der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und dem Unternehmen Sinopharm entwickelt. Weitere Tests laufen mit mRNA-basierten Impfstoffen, etwa seitens Moderna, einem Unternehmen aus den USA. Auch das Unternehmen Curevac darf an Menschen testen.

Schnelle Entwicklung – ist das gesund?

Die Entwicklung läuft rasant. Vor wenigen Jahren noch dauerte dieser Prozess zwischen Virusanalyse und Zulassung eines Impfstoffes noch gut und gerne 15 bis 20 Jahre. Durch neue Technologien, Vorerfahrungen mit verwandten Viren und dem großen, weltweiten Druck einer Pandemie wird dieses Vorgehen derzeit enorm beschleunigt.

Dennoch muss darauf geachtet werden, dass jegliche zugelassenen Impfstoffe bestimmten Anforderungen genügen. Das bedeutet vor allem, dass ein Impfstoff nur wenige und milde Nebenwirkungen mitbringt. Ideal wäre zudem ein lebenslanger Schutz vor Sars-CoV-2. Dass dieses Idealziel jedoch nicht erreicht werden kann, da sind sich Forscher einig.

Die EMA, die europäische Arzneimittelagentur, sowie die FDA, die US-amerikanische Arzneimittelbehörde, betonen, dass es keine voreiligen Zulassungen geben werde. Potentielle Impfstoffe müssen mindestens Phase-III-Studien abgeschlossen haben, sprich: an sehr vielen verschiedenen Menschen auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen getestet werden. Dazu haben die verschiedenen Arzneimittelbehörden einen Anforderungskatalog zusammengestellt. Weiter kommt es auf die Produktionskapazitäten an, die sukzessive ausgeweitet werden müssen.

WHO-Chefwissenschaftlerin ist zuversichtlich: Massenimpfungen schon Mitte 2021?

Derzeit werden über 20 Impfstoffkandidaten in klinischen Studien getestet. Soumya Swaminathan, Chefwissenschaftlerin der WHO, stimmt das positiv. Sie geht davon aus, dass eine breit angelegte Corona-Impfung schon Mitte 2021 erfolgen könnte. Sie sei zuversichtlich, dass ein paar dieser 20 Kandidaten funktionieren könnten und rechne mit ersten Ergebnissen Anfang 2021, auf die dann die Zulassung folgen könne. Danach komme es auf die Massenproduktion an. "Natürlich lässt sich das nicht vorhersagen", betonte Swaminathan gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). Die Hoffnungen seien aber groß: "Wenn wir annehmen, dass es eine zehnprozentige Chance für jeden der Impfstoff-Kandidaten gibt, erfolgreich zu sein, bedeutet das immer noch, dass ein oder zwei Impfstoffe erfolgreich sein könnten – vielleicht sogar mehr."

Kritisch betrachtet wird die Impfstoffentwickung derzeit, weil festgestellt wurde, dass neutralisierende Antikörper von Coronavirus-Infizierten nach teils schon kurzer Zeit wieder zurückgehen oder gar gänzlich verschwinden. Dies bedeute aber nicht, dass die Immunität weg sei, betont Swaminathan. Es gebe bekanntlich verschiedene Arten der Körperabwehr, beispielsweise Gedächtniszellen.

Sinnvoll, auf den Impfstoff zu warten? Virologe Hendrik Streek warnt eindringlich

Dass einzelne Erkenntnisse der Wissenschaft nicht gleich den Forschungsdurchbruch und DIE Lösung bedeuten, macht aber auch der deutsche Virologe Hendrik Streeck deutlich. Er warnt gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), sich zu sehr auf die Entdeckung eines Impfstoffes, noch dazu auf DEN einen Impfstoff, zu verlassen. Er kritisiert, dass zu schnell falsche Erwartungen geschürt werden und plädiert vor allem an politische Entscheider: "Es ist wichtig, auch Szenarien zu entwerfen für den Fall, dass es vielleicht keinen Impfstoff geben wird."

Man habe, ähnlich wie bei Malaria, Dengue, Tuberkulose oder HIV noch keinen oder zumindest keinen Universalimpfstoff gegen eines der bisher bekannten Coronaviren gefunden. Möglich sei daher auch, dass man ähnlich der Influenza regelmäßig einen neuen Impfstoff entwickeln müsse. Streecks Meinung nach sei es unmöglich, alle Sars-CoV-2-Infektionen zu unterbinden – "und es stellt sich die Frage, ob das überhaupt sinnvoll und notwendig ist", erklärt Streeck. Vielmehr müsse man "Maßnahmen für jene finden, die einen schweren Verlauf haben, und genau diese Menschen schützen".

Mit dem Virus leben – das Beste daraus machen

So ähnlich erklärt das auch Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Virologischen Zentraldiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg in einer Spezialfolge des NDR-Podcasts zum Coronavirus. Er kritisiert die Wortwahl: Impfstoff als Allheilmittel, nach dessen Findung das Leben wieder wie früher ist. "Das war eigentlich von Anfang an nie realistisch", sagt er. Man könne darüber reden, ob es eine ganze Reihe von Medikamenten geben wird, die man "in spezifischen Situationen bestimmten Patientengruppen geben" kann, nicht DAS Allheilmittel. Und so ähnlich sei das auch bei einem Impfstoff. "Es wird wahrscheinlich mehrere Impfstoffe geben, die wir bestimmten Patientengruppen geben können." Er nennt Kinder oder Ältere, denen ein Impfstoff einen Schutz von einem oder zwei Jahren gewähre – das sei realistischer und so hätte man das auch von Anfang an kommunizieren müssen. Dann hätte sich auch nicht diese Haltung in der Bevölkerung eingeprägt, jetzt alles maximal zu reduzieren, bis nach drei Monaten alles vorbei ist. So werde es nicht kommen.

Streeck betont im Gespräch mit der FAZ auch, man solle vom Begriff "zweite Welle" abrücken: "Wir müssen realisieren, dass das Virus hier ist und nicht mehr weggehen wird, dass wir es gewissermaßen mit einer Dauerwelle zu tun haben." Man könne das Virus nicht "austreiben". Vielmehr müssen wir wohl erst einmal versuchen, damit zu leben und kreative Möglichkeiten finden, den Alltag wieder so normal wie möglich zu bestreiten, dabei aber so viele Menschen wie möglich schützen. Immerhin sollte mittlerweile allen klar sein: Ein Impfzwang kommt sicher nicht.

Die WHO sieht das insgesamt ähnlich: Das Coronavirus verschwindet nicht mehr – aber wir können lernen, es zu kontrollieren. Weitere aktuelle Infos zum Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

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