15.07.2020 - 21:39

Der Mensch ist schuld Zoonosen: Da werden noch einige Pandemien auf uns zukommen...

Die Welt steckt in der Krise – und das wohl nicht zum letzten Mal. Denn das Zoonose-Risiko steigt laut Forschern. Und wir Menschen tun alles dafür.

Foto: iStock.com/hocus-focus

Die Welt steckt in der Krise – und das wohl nicht zum letzten Mal. Denn das Zoonose-Risiko steigt laut Forschern. Und wir Menschen tun alles dafür.

Das Coronavirus ist nicht die erste Pandemie, deren Erreger vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Und sie wird nicht die letzte sein. Was erwartet uns noch – und vor allem warum? Weil wir Menschen den Hals nicht voll kriegen...

Die Globalisierung hat uns viel Wohlstand beschert. Zumindest uns, die im privilegierten Teil der Welt leben. Anderswo wird ausgebeutet – aber nicht nur Menschen leiden, damit wir es hier gut haben. Die Umwelt und die Tierwelt leiden, damit wir uns für zwei Euro pro Kilogramm jeden Tag im Supermarkt Fleisch ohne Ende kaufen können, damit wir die neueste Mode tragen können, damit wir günstig tanken, möglichst preiswert und trotzdem bequem leben können. Dafür wird anderswo rücksichtslos Regenwald abgeholzt, Wildtieren der Lebensraum genommen, während Masttiere auf engstem Raum gehalten werden.

Das alles steigert über verschiedenste Wege eine bestimmte Wahrscheinlichkeit: Nämlich die, dass zukünftig weitere Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen überspringen. Solche Zoonosen gibt es schon ewig – und es wird sie in Zukunft wohl häufiger geben. Und für diese Erkenntnis gibt es gleich mehrere wissenschaftliche Erklärungen.

Pandemie-Prognosen: Zoonosen passieren immer häufiger

Das UNO-Umweltprogramm (Unep) und das International Livestock Research Institute (ILRI) haben jetzt einen aktuellen Bericht herausgegeben, in dem sie davor warnen, dass Tierkrankheiten zukünftig immer öfter auf den Menschen überspringen könnten. Denn Mensch und Tier rücken näher zusammen. Aber nicht nur das.

"Wenn wir weiterhin die Tierwelt ausbeuten und unsere Ökosysteme zerstören, können wir in den kommenden Jahren einen stetigen Strom von Krankheiten erwarten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden", erklärt Unep-Chefin Inger Andersen im Zusammenhang mit dem Bericht. Als Grund für diese düstere Zukunftsprognose nennen die Verantwortlichen unter anderem die immer weiter steigende Nachfrage nach Fleisch sowie die zunehmende Urbanisierung und den Klimawandel.

Für Epidemiologen kommt die Coronavirus-Pandemie nicht überraschend

Das aktuellste Beispiel für eine Zoonose, also eine Infektionskrankheit, die erst bei Tieren auftrat und durch zu dichten Kontakt auf den Menschen übergesprungen ist, ist wohl das Coronavirus Sars-CoV-2. Kürzlich wurde zudem mit "G4" ein neuartiges Schweinegrippe-Virus entdeckt, das ebenfalls Pandemiepotential bietet. Weltweit gehen Virologen derzeit von rund 40 Virenarten mit Pandemiepotential aus. Viele sind aber möglicherweise noch gar nicht entdeckt. Doch Epidemiologen und Virologen hat etwa die Coronavirus-Pandemie nicht überrumpelt: "Während viele auf der Welt von Covid-19 überrascht waren, waren wir, die über Tierkrankheiten forschen, es nicht", erklärt Delia Randolph, Veterinär-Epidemiologin beim ILRI, zum Bericht. "Dies war eine höchst vorhersehbare Pandemie."

Auch wenn es aufgrund der Viren, die aktuell die Welt beschäftigen, den Anschein macht: Längst kommen solche Krankheitserreger nicht nur von exotischen Tiermärkten irgendwo in China. Überall, wo Tiere auf engstem Raum gehalten werden, können Krankheiten schnell übertragen werden, die möglicherweise auch dem Menschen gefährlich werden können – und sei es nicht durch das Virus, dann durch massenhaft verfütterte Antibiotika. Klar ist: Wir haben seit nicht einmal 100 Jahren mit einem Anstieg von Infektionskrankheiten zu kämpfen. Zwei Drittel davon stammen laut dem Bericht ursprünglich aus dem Tierreich – genauer von Wildtieren. Überträger auf den Menschen aber sind meist domestizierte Tiere, mit denen wir den meisten Kontakt haben.

Der Mensch und das Leid der Natur

Zoonotische Erkrankungen begleiten den Menschen quasi schon seit Anbeginn der Zeiten. Doch die Gefahr steigt. Im Bericht von Unep und ILRI werden mehrere Faktoren genannt, die für den Anstieg der Infektionskrankheiten infrage kommen. Allesamt sind menschengemacht oder zumindest vom Menschen befeuert:

  • Massentierhaltung: Noch vor hundert Jahren war es undenkbar, täglich in den Genuss von Fleisch zu kommen. Heute ist das zumindest in unseren Breitengraden gang und gäbe. Kaum etwas ist so erschwinglich wie Fleisch – und das liegt an der Massentierhaltung – die weiter wächst. Doch nicht nur die engen und tierunfreundlichen Haltungsbedingungen machen die Tiere schwach und krank. Es werden auch immer mehr Tiere gezüchtet, die sich genetisch ähneln. Das macht sie anfälliger für Infektionen – und Krankheitserreger müssen sich nicht einmal groß anpassen, um von Art zu Art überzuspringen.
  • Handel und Verzehr von Wildtieren: Beispiel China – stellenweise werden Tiere verzehrt, die als Delikatesse gelten, aber unter unhygienischen Bedingungen zubereitet werden oder gar nicht für den Verzehr ausgelegt sind. Auf Wildtiermärkten werden solche Tiere auf engem Raum nah beieinander gehalten, so dass auch hier Erreger ein Leichtes haben, sich auszubreiten.
  • Die rasante Ausbreitung des Menschen: Städte wachsen, Natur weicht – derzeit werden große Teile des Amazonas in Brasilien abgeholzt, einem der letzten großen Urwälder der Welt. Dabei wird uns nicht nur die grüne Lunge der Natur genommen. Zahlreiche Tierarten werden aus ihrer Heimat vertrieben und rücken näher aneinander – und an den Menschen. Die Natur gerät aus dem Gleichgewicht. Mehr dazu: Nicht nur Corona: Wie die Umweltzerstörung Epidemien beeinflusst
  • Klimawandel: Seit Jahren beschweren wir uns hierzulande über Hitzewellen im Sommer. Von knackig-kaltem Winter konnten wir in der näheren Vergangenheit nur träumen. Das treibt beispielsweise Insekten weiter in nördliche Gefilde, die Krankheiten mitbringen, die eigentlich eher in den Tropen zu finden sind. Beispiele sind die Asiatische Tigermücke, die unter anderem das Dengue-Fieber oder das Zika-Virus überträgt, oder die Hyalomma-Zecke, die das Fleckfieber mitbringt. Erste Fälle gab es bereits in Deutschland.
  • Globalisierung: Wir reisen heutzutage quer durch die Welt – weil wir es können. Dabei können sich aber auch Krankheitserreger schneller verbreiten. Früher konnten lokale Krankheitsausbrüche eingegrenzt werden. Mit steigender globaler Bewegung des Menschen wird das immer schwieriger.

Den letzten Punkt macht nicht nur die weltweite Ausbreitung des neuen Coronavirusdeutlich. Auch Ausbrüche der gefürchteten Krankheit Ebola halten sich länger und greifen weiter um sich, da die Menschen in den Ebola-Gebieten mobiler sind und enger zusammenleben.

Ursachen bekämpfen – nicht nur Symptome

Die Forscher von Unep und ILRI warnen davor, sich nun nur auf die Bekämpfung von Krankheiten bzw. Epidemien zu beschränken und "nur die Symptome [zu] behandeln und nicht die zugrunde liegenden Ursachen". Vielmehr müssten die genannten Probleme ernstgenommen und angegangen werden. Nur so lasse sich die Gefahr zunehmender Krankheiten wie Covid-19, Schweinegrippe und Co reduzieren.

Das aber erfordert ein Umdenken von uns allen: Sicherlich müssen hier Staatsoberhäupter und Entscheidungsträger die Richtung vorgeben. Denn die Weltwirtschaft handelt global vor allem für Profit. Für finanziellen Gewinn werden Umweltzerstörung und Ausbeutung von Mensch und Tier in Kauf genommen. Was aber beachtet werden muss: Wird so weitergemacht wie bisher, ist irgendwann Schluss. Und so wie es jetzt aussieht, eher früher als später. Besser also jetzt in nachhaltige Landwirtschaft und in ein durchdachtes Gesundheitssystem investieren – das wirft dann auch langfristig wieder Gewinne ab. Nicht nur finanzielle – sondern auch einen wachsenden Gewinn für unseren Planeten und das Leben darauf.

Doch auch wir als Verbraucher können schon jetzt jede Menge selbst in die Hand nehmen. Denn die Nachfrage bestimmt das Angebot.

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Bericht von UN environment programme (Unep) und International Livestock Research Institute (ILRI): "Preventing the next pandemic - Zoonotic diseases and how to break the chain of transmission"

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