14.07.2020 - 17:38

Neurologische Komplikationen Coronavirus: Hirnschäden auch nach milden Verläufen

Schwäche, Konzentrationsprobleme oder andere kognitive und neurologische Störungen nach Covid-19? Eine britische Studie zeigt einen Zusammenhang auf.

Foto: iStock.com/CentralITAlliance

Schwäche, Konzentrationsprobleme oder andere kognitive und neurologische Störungen nach Covid-19? Eine britische Studie zeigt einen Zusammenhang auf.

Dass das Coronavirus Sars-CoV-2 nicht nur die Lunge befallen, sondern im ganzen Körper Schaden anrichten kann, ist mittlerweile bekannt. Auch das Gehirn leidet unter den Auswirkungen – und das laut einer britischen Studie sogar nach leichten Verläufen.

Ein Ausfall des Geruchs- und Geschmackssinns war ein erster Hinweis darauf, dass das Coronavirus Schäden im Gehirn mit sich ziehen kann. Mittlerweile gilt dieses Symptom als eines der Hauptmerkmale der Erkrankung Covid-19. Britische Forscher haben in einer Studie nun herausgefunden, dass die Infektion mit Sars-CoV-2 neben psychiatrischen auch neurologische Komplikationen auslösen kann – auch nach milden Verläufen und möglicherweise sogar längerfristig. Zum Vergleich ziehen sie dabei die "Encephalitis epidemica" in ihrer Pressemeldung (nicht aber in der Studie selbst) heran, die nach der Pandemie mit der Spanischen Grippe vermehrt in den 1920er und 1930er Jahren auftrat.

Schwere Schäden am Hirn: Coronavirus kann Psychosen, Lähmungen und Schlaganfälle auslösen

Sars-CoV-2 muss nicht, aber kann den Körper weitreichend strapazieren. Möglicherweise auch auf lange Sicht. Die Zeichen darauf verdichten sich immer mehr. Darunter mischt sich jetzt auch eine Studie britischer Forscher. Anhand von Fallbeispielen – genauer 43 Patienten – zeigen sie, dass die Infektion Komplikationen im Hirn und im zentralen Nervensystem auslösen können.

Bei den untersuchten Patienten konnten die Neurologen vom University College London (UCL) unter anderem eine akute demyelinisierende Enzephalomyelitis (ADEM) feststellen – eine entzündliche Erkrankung, bei der das zentrale Nervensystem angegriffen wird, wobei bestimmte Teile der Nerven im Gehirn und im Rückenmark zerstört werden. Die Erkrankung tritt normalerweise vor allem bei Kindern auf.

12 Patienten litten an einer Entzündung des zentralen Nervensystems, ähnlich einer Multiplen Sklerose, zehn an einer vorübergehenden Enzephalopathie (Gehirnerkrankung) mit Delirium oder Psychose. Acht wiederum wiesen einen ischämischen Schlaganfall auf, sieben hatten Probleme an den peripheren Nerven, die auf das Guillain-Barré-Syndrom hinwiesen, bei dem das Immunsystem die Nerven angreift. Das kann zu Lähmungserscheinungen führen. Bei fünf der untersuchten Patienten ließen sich die Symptome nur schwer einordnen. Unter anderem zeigte eine Frau eine Psychose mit visuellen Halluzinationen – sie klagte über Löwen und Affen in ihrem Haus.

Weltweit aber klagen auch Menschen mit vergleichsweise schwachen Krankheitsverläufen über Probleme noch Wochen nach der Erkrankung, darunter anhaltende Müdigkeit, Gedächtnisprobleme oder allgemeine Schwäche.

Ergebnisse erinnern an Europäische Schlafkrankheit nach Spanischer Grippe

Die Erkenntnisse erinnern an die rätselhaften Erkrankungen, die in Europa und Nordamerika in den 1920er- und -30er-Jahren vermehrt auftraten – im Nachhall der Spanischen Grippe von 1918-20, von der weltweit bis zu 50 Mio. Todesfälle ausgingen. Der österreichische Psychiater und Neurologe Constantin von Economo bezeichnete diese Erkrankungen als "encephalitis lethargica", umgangssprachlich wurden sie auch mit "Europäischer Schlafkrankheit" betitelt.

Patienten mit dieser Krankheit hatten gemein, dass sie zuvor an einem Infekt mit hohem Fieber, Hals- und Kopfschmerzen gelitten hatten und später in eine Art lethargischen Zustand gefallen waren, zu dem sich unkontrollierbares Einschlafen und auch zeitweise Parkinson-ähnliche neurologische Symptome gemischt hatten. Einige Patienten fielen sogar in eine Art Koma, aus dem sie nicht mehr erwachten.

Ein direkter Zusammenhang mit der Spanischen Grippe und damit dem Influenzavirus A/H1N1 konnte zwar nie bewiesen werden. Doch dass schwere Virusinfektionen auch neuropsychiatrische Komplikationen auslösen können, ist bekannt – unter anderem auch von SARS und MERS. Da reiht sich auch das neuartige Coronavirus ein.

Schuld sind möglicherweise die Körperreaktionen auf das Virus

Die Forscher betonen allerdings, dass in Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit kein Virus gefunden wurde, die Patienten aber nachweislich erkrankt waren. Das deutet darauf hin, dass nicht das Coronavirus selbst diese Komplikationen auslöst bzw. das Gehirn angreift, sondern möglicherweise eine überschießende Immunreaktion des Körpers der Auslöser ist. Solche Reaktionen sind bei Covid-19 nicht ungewöhnlich, in schweren Fällen kann es zu einem sogenannten Zytokinsturm kommen, bei dem Zytokine den Körper überschwemmen. Und der wirkt sich erwiesenermaßen negativ auf das Gehirn aus. Zytokine sollen, ganz grob gesagt, eigentlich dabei helfen, das Virus bekämpfen, indem sie eine Immunreaktion triggern. Gibt es aber zu viele davon, kommt es zu schweren Entzündungsreaktionen im gesamten Körper bis hin zu Multiorganversagen.

Langfristige Schäden? "Müssen wachsam sein"

Die neue Studie zum Coronavirus befeuert die Befürchtung, dass Covid-19 respektive das, was das Virus im Körper auslöst, auch langfristige Schäden verursachen kann. Bei manchen Patienten sorgt Covid-19 auch für Blutgerinnsel . "Die Art und Weise, wie Covid-19 das Gehirn attackiert, haben wir bei anderen Viren noch nie zuvor gesehen", erklärt Dr. Michael Zandi, Berater an den University College London Hospitals und einer der leitenden Autoren der Studie. Selbst bei Patienten mit nur leichten Symptomen entdecke man schwerwiegende Hirnschäden. Das vor allem sei ungewöhnlich.

Vor allem können die Ergebnisse darauf hinweisen, dass eine Infektion mit dem Coronavirus auch Schäden nach sich ziehen kann, die man jetzt noch gar nicht feststellen kann, sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Ähnlich der Erfahrungen, die man mit der Spanischen Grippe damals gemacht hat. Man geht davon aus, dass bis zu eine Million Menschen nach der Erkrankung subtile Hirnschäden davongetragen hatten. Daher müsse man nun wachsam sein, erklärt Dr. Zandi. Patienten, die an Covid-19 erkrankt waren und auch nach Genese noch kognitive Einschränkungen, Taubheitserscheinungen oder anhaltende Schwäche verspüren, wenden sich am besten an einen Neurologen.

Studie: Paterson et al. ("Brain" 2020): "The emerging spectrum of COVID-19 neurology: clinical, radiological and laboratory findings"

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