12.07.2020 - 12:18

Das steckt hinter Heterophorie und Winkelfehlsichtigkeit Oft Kopfschmerzen oder Augenbrennen? Vielleicht ist latentes Schielen schuld!

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Wussten Sie, dass Sie möglicherweise latent schielen? Wenn Kopfschmerzen und Co häufiger auftreten, kann ein Gang in die Augenarztpraxis möglicherweise helfen.

Foto: iStock.com/Vasyl Dolmatov

Wussten Sie, dass Sie möglicherweise latent schielen? Wenn Kopfschmerzen und Co häufiger auftreten, kann ein Gang in die Augenarztpraxis möglicherweise helfen.

Die Mehrheit von uns schielt. Latent. Heterophorie verursacht manchem unbewusst Probleme, wie Kopfschmerzen, Augenflimmern oder Doppeltsehen.

Eigentlich komisch, dass latentes Schielen oder Heterophorie kaum jemandem ein Begriff sind. Denn bei etwa 70 bis 80 Prozent der Menschen sind von Natur aus beide Augen nicht vollständig gleich ausgerichtet. Die Augenmuskeln sind meist nicht auf beiden Seiten exakt gleich stark ausgeprägt. Trotzdem bemerken wir das normalerweise nicht. Der Grund dafür: Wir sehen mit dem Gehirn. Wenn man mit beiden Augen auf ein Objekt blickt, allerdings mit leicht abweichenden Sehachsen, gleicht das Gehirn den Unterschied bei der sensorischen Verarbeitung aus, ohne dass es uns bewusst ist.

Latentes Schielen: Die häufigsten Heterophorie-Symptome

Wenn sich Heterophorie tatsächlich bemerkbar macht, ist es gar nicht so leicht zuzuordnen, inwiefern latentes Schielen die Symptome verursacht. Sie treten nur unter bestimmten Bedingungen zu Tage, z. B. bei Müdigkeit, Alkoholgenuss, Stress oder als Begleiterscheinung von Allgemeinkrankheiten. Anzeichen können laut der Universitäts-Augenklinik Bochum sein:

  • Doppelbilder
  • Verschwommenes Sehen
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Leseunlust

Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) erklärt: "Es treten Symptome wie ein Gefühl der Ermüdung nach längerem Lesen, brennende Augen oder Kopfschmerzen auf. Augenärzte können hier Klarheit schaffen, ob eine Heterophorie vorliegt. Auch Orthoptistinnen, die oft Augenärzte durch entsprechende Untersuchungen unterstützen, sind gerade auf diesem Gebiet besonders geschult."

Ob Kopfschmerzen und Sehprobleme wirklich von Heterophorie herrühren, können also nur Experten herausfinden. Es ist wichtig, sich bei ungeklärten Beschwerden wirklich ärztlich untersuchen zu lassen, da eine Vielzahl an Ursachen in Frage kommt. Hinter verschwommenem oder doppeltem Sehen können auch neurologische Erkrankungen stecken, wie beispielsweise Migräne. Nur mit der richtigen Diagnose kann es auch die richtige Behandlung geben.

Hintergrund: Das ist "echtes" Schielen

Schielen mit Krankheitswert heißt in der Fachsprache Strabismus. Er muss frühzeitig erkannt und behandelt werden, damit keine langfristigen Schäden entstehen.

  • Das typische Schielen im Kindesalter ist der Strabismus concomitans, auch Begleitschielen genannt. Dabei verändert sich der Winkel der Sehachsen nicht, wenn sich die Augen bewegen. Ein Auge folgt dem anderen in konstantem Winkel. Die genauen Ursachen sind nicht geklärt.
  • Strabismus paralyticus bzw. Lähmungsschielen betrifft meist Erwachsene. Es ist eine akute Form des Schielens, mit konkretem Auslöser. Dabei fallen einer oder mehrere Augenmuskeln aus, was dazu führt, dass ein Auge die Blickwendung nicht ausführen kann. Ursachen sind z. B. Druckschädigung des Hirnnervens, Durchblutungsstörungen oder entzündliche Prozesse.

Warnung: Heterophorie ist nicht Winkelfehlsichtigkeit!

Eltern, aufgepasst! Wenn Kinder Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen oder Konzentrieren haben, soll laut Optikern und Ergotherapeuten nicht selten "Winkelfehlsichtigkeit" dahinterstecken. Manchmal bekommen auch Erwachsene für diffuse Beschwerden diese Erklärung. Die Fachärzte des BVA warnen deutlich davor: "Die so genannte Winkelfehlsichtigkeit ist keine augenfachärztliche oder gar wissenschaftlich fundierte Diagnose." Es handele sich vielmehr um ein Kunstwort, dass den Eindruck erwecke, dass es sich um eine Art Fehlsichtigkeit – wie Kurz- oder Weitsichtigkeit – handelt.

Tests bzw. Vermessungen zu Winkelfehlsichtigkeit werden von manchen Optikern angeboten. Die Lösung des vermeintlichen Problems besteht dann darin, eine sog. "Prismenbrille" zu tragen, die tatsächlich kurzfristig Erleichterung bringt. Der BVA kritisiert, dass bei dieser Vermessung das natürliche Zusammenspiel beider Augen irritiert wird. Wenn dann Prismen vorgeschalten werden, gibt es eine kurze Erholungsphase, die der Betroffene als angenehm empfindet.

Prismengläser leiten das Licht in nur eine Richtung ab, was dazu führt, dass sich die Augen nachstellen. Dieser Effekt schwächt aber mit der Zeit ab und eine stärkere Prismenbrille wird nötig. Eine kostspielige und auch potenziell schädliche Anwendung, die im Endeffekt eine Augen-Fehlstellung noch verstärken kann. Außerdem bleiben die wirklichen Auslöser von Konzentrations- und Lernproblemen – wie z. B. Legasthenie – unentdeckt und unbehandelt.

Das hilft wirklich bei störender Heterophorie

Da es sich nicht um eine Krankheit handelt, muss latentes Schielen eigentlich auch nicht behandelt werden, zumal es nur in bestimmten Situationen auftritt. Wer sich aber von den Auswirkungen negativ beeinträchtig fühlt, kann mit einfachen Methoden Linderung erfahren. Mit bestimmten Bewegungsübungen kann die Muskelkraft der beiden Augen angeglichen werden, Entspannungsübungen entlasten die Augen. In Sehschulen, die an Augenarztpraxen angeschlossen sind, vermitteln speziell ausgebildete TherapeutInnen, sog. Orthoptistinnen, die richtigen Techniken. Bei vielen Menschen reicht es schon, vom Augenarzt ganz genau die Sehfähigkeit überprüfen zu lassen und eine exakt angepasste Korrekturbrille bzw. Kontaktlinsen zu erhalten. Denn unzureichend korrigierte Weit- oder Kurzsichtigkeit strapaziert die Augen – das kann die entscheidende Überanstrengung sein, die letztendlich die Heterophorie zu Tage treten lässt.

Im Laufe unseres Lebens bekommen die allermeisten von uns irgendwann Probleme mit dem Sehen. Ob einfache Fehlsichtigkeit, Grauer oder Grüner Star – was hilft, was schützt und welche Therapie-Verfahren es gibt, erfahren Sie auf unserer großen Themenseite zu Augenkrankheiten.

Noch mehr fachliche Informationen zur Augengesundheit finden Sie beim Berufsverband der Augenärzte Deutschlands.

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