04.07.2020 - 19:21

Experte erklärt Wirkung, Chancen, Grenzen Wie Immuntherapie die Krebs-Behandlung revolutioniert

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Macht Mut: Krebs-Immuntherapien sind die medizinische Hoffnung des Jahrzehnts. Wie und vor allem wem sie helfen können.

Foto: iStock.com/FatCamera

Macht Mut: Krebs-Immuntherapien sind die medizinische Hoffnung des Jahrzehnts. Wie und vor allem wem sie helfen können.

Sie sind DIE Krebs-Hoffnung unserer Zeit: Immuntherapien. Viele Krebspatienten bekommen sie schon, einige wurden geheilt. Wer kommt in Frage?

Der Bedarf an neuen Behandlungsmethoden ist immer da, rund 500.000 Menschen bekommen allein hierzulande jedes Jahr die niederschmetternde Diagnose: Krebs. Schock, Resignation, Angst, Hoffnung – für Betroffene und Angehörige beginnt eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Doch die Krankheit ist nicht automatisch ein Todesurteil. Schon mit den "traditionellen" Methoden Chemotherapie, Bestrahlung und Operationen können viele Krebsarten erfolgreich behandelt werden. Doch manche sprechen darauf nicht oder nicht ausreichend an, hier kommen die neuartigen Medikamente zur Immuntherapie bei Krebs ins Spiel, die sog. "Checkpoint-Inhibitoren" oder "Checkpoint-Hemmer".

Krebs-Immuntherapien: DER Hoffnungsträger?

Im vergangenen Jahrzehnt konnten sie vielen Betroffenen helfen, die zuvor nur wenige Chancen hatten. Bislang konnten vor allem bei fortgeschrittenem Lungenkrebs und schwarzem Hautkrebs große Erfolge erzielt werden. An den Checkpoint-Inhibitoren und weiteren Immuntherapien wird ständig weiter geforscht, damit das Wirkprinzip für möglichst viele Krebsarten und Patientengruppen funktioniert.

Denn bei allem Optimismus, muss man doch festhalten, dass die neuen Behandlungsmethoden nicht für jeden geeignet sind. Warum ist Immuntherapie dann der Hoffnungsträger, selbst für zurückhaltende Wissenschaftler und Ärzte? Was ist daran neu, was längst bekannt? Wie genau bringt man eigentlich den Körper dazu, Tumorzellen zu verhindern? Auf was sollten sich Krebspatienten bei einer Immuntherapie einstellen?

Die Antworten kennt Prof. Dr. Jürgen C. Becker vom Westdeutschen Tumorzentrum Essen. Er befasst sich als Dermatologe und Forscher seit Jahrzehnten mit Möglichkeiten zur Krebsbehandlung und neuartiger Immuntherapie. Hier erklärt er, mit welchen Verfahren die Körperabwehr gegen Krebs aktiviert wird.

Wie verhindert das Immunsystem normalerweise Krebs?

"Antikörper und spezifische Zellen des Immunsystems erkennen fehlerhafte körpereigene Strukturen, z.B. veränderte Zellen, die zu Krebs werden könnten", erklärt Prof. Becker den grundlegenden Prozess, der dafür sorgt, dass keine Tumore im Körper entstehen.

  • Damit das Immunsystem weiß, wo es ansetzen muss, reagieren diese Immunzellen auf Antigene. Das sind Proteine, die z.B. von Tumoren gebildet werden und die sie eindeutig von gesunden Zellen unterscheiden.
  • Antikörper erkennen Tumor-Antigene an sich, für die Erkennung durch die Immunzellen müssen sie jedoch bearbeitet werden.
  • Die Erkennung führt dann dazu, dass das Immunsystem die Krebszellen angreift.

Manchmal versagt dieser Mechanismus jedoch – aus verschiedenen, nicht vollständig geklärten Gründen. Krebszellen können sich z.B. als gesunde Zellen 'tarnen' und sich so – vom Immunsystem ungestört – weiter vermehren. "Der Ansatz der Immuntherapie ist daher, das Immunsystem so zu reprogrammieren, dass es Tumorzellen wiedererkennt und zerstört. Dieses Prinzip ist in der Medizin nicht neu, innerhalb des vergangenen Jahrzehnts konnten aber neue Verfahren entwickelt werden, die die Therapieaussichten bei einigen Krebsarten stark verbessern," so Prof. Becker.

Welche Arten der Immuntherapie gibt es?

Krebs-Impfungen sind keine prophylaktischen Impfungen, wie z.B. gegen HP-Viren, die auch Gebärmutterhalskrebs auslösen, sondern dienen zur Behandlung bereits existierender Tumore. Immunzellen sollen so trainiert werden, dass sie Krebszellen spezifisch angreifen. Das gelingt durch verschiedene Verfahren:

  • Spezifische Antigene – Patienten bekommen zu ihrem Tumor passende Antigene – in Form von Proteinen oder Proteinbruchstücken – zusammen mit Hilfsstoffen, die das Immunsystem aktivieren, verabreicht. Dadurch kommt es zur Bildung von Antikörpern und der Aktivierung von T-Zellen, die Tumore angreifen. Sie sind dann ganz spezifisch auf die bestimmten Antigene gerichtet.
    Es geht auch noch patientenspezifischer, erklärt Prof. Becker: "Es gibt auch die Möglichkeit, dass der Körper des Patienten – durch Gabe einer für diese Proteine kodierende RNA (was einer Blaupause zur Produktion der entsprechende Proteine in Körper eigenen Zellen entspricht) dazu angeregt wird, selbst die passenden Antigene zu produzieren, anstatt sie als Protein verabreicht zu bekommen.“
  • Individuelle Zellbehandlungen – Oft gibt es auch die Möglichkeit, dem einzelnen Patienten Zellen zu entnehmen, sie im Labor zu behandeln und sie dann wieder zu verabreichen. Aus dem Blut können sog. dendritische Zellen gewonnen werden. Das sind Immunzellen, die Antigene besonders gut aufnehmen, verarbeiten und präsentieren können. Das nutzt man, um sie im Labor mit Tumor-Antigenen aufzuladen, die der Patient dann wieder injiziert bekommt.

Zelluläre Immuntherapie – Schon seit längerem versucht man sich die tumorbekämpfenden Zellen zunutze machen, die der Körper des Patienten von allein produziert, wenn auch nicht ausreichend. Sie werden aus dem Blut oder Tumor gewonnen, im Labor vermehrt und dann wieder verabreicht.

Eine aktuelle Entwicklung ist hier die sog. CAR-T-Zell-Therapie.

  • Bei ihr werden Immunzellen gentechnisch so verändert, dass sie speziell auf Tumorzellen gelenkt werden.
  • Dafür wird den Immunzellen ein neuer Rezeptor eingepflanzt, damit er die Antigene des Tumors aufnehmen und ihn damit entdecken kann (CAR steht hier für Chimeric Antigen Receptor).
  • Die Immunzellen für die Behandlung werden entweder individuell von jedem Patienten entnommen oder in Form von vorgefertigten Medikamenten verabreicht.

+Beide Möglichkeiten gibt es schon für bestimmte Formen von Blutkrebs.+

Was macht die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren besonders?

Immun-Checkpoint-Hemmer machen sich die Steuerungselemente des Immunsystems zunutze. Die Körperabwehr wird durch bestimmte Bremsen – sog. Immun-Checkpoints – reguliert. Sie sind wichtig, damit es im Körper nicht zu Überreaktionen kommt und gesunde Körperzellen angegriffen werden. Tumorzellen schaffen es aber manchmal diese Bremsen so zu manipulieren, dass das Immunsystem den Krebs nicht mit voller Kraft bekämpfen kann. Da der Start-Stopp-Mechanismus über ein Zusammenspiel von Proteinen funktioniert, können Medikamente dem Körper signalisieren, die Bremsen des Immunsystems zu lösen. Das lässt sich so verfeinern, dass nur die Bremsen gelockert werden, die die Immunantwort auf den Tumor unterdrücken.

"Gerade in der Dermatologie sind die Immun-Checkpoint-Hemmer ein wahrer Durchbruch. Schwarzer Hautkrebs war, sofern er in innere Organe gestreut hatte, bis vor ca. zehn Jahren praktisch ein Todesurteil. Es gab keine effektive Möglichkeit, diese Art von Tumoren zu bekämpfen. Heute liegt die Zwei-Jahres-Überlebensrate dieser Hautkrebs-Patienten bei rund 50 Prozent", erklärt Prof. Becker.

+Neben schwarzem Hautkrebs zeigen Checkpoint-Hemmer z.B. auch bei verschiedenen Arten von Lungenkrebs, Nieren- und Blasenkrebs eine gute Wirksamkeit.+

Hautkrebs kann übrigens wie alle Krebsarten am besten behandelt werden, wenn er frühzeitig erkannt wird. Im Video lernen Sie, worauf Sie achten müssen:

Hautkrebs erkennen mit der ABCDE-Regel
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Welche Nebenwirkungen hat die Krebs-Immuntherapie?

Prof. Becker: "Die möglichen Nebenwirkungen einer Immuntherapie zur Krebsbehandlung variieren je nach Verfahren. Bei den meisten Impfungen gibt es oft nur eine lokale Reaktion, etwa als Rötung an der Einstichstelle. In Folge der CAR-T-Zell-Therapie werden Tumore oft sehr schnell zersetzt und abgebaut, was zu Blutdruckabfall, Fieber und erhöhter Nierenbelastung führen kann. Die Checkpoint-Hemmer können verschiedene Autoimmunreaktionen auslösen, bei denen der Körper sich auch gegen gesundes Gewebe richtet. Die Folge sind z. B. Entzündungen des Darms, der Leber oder der Lungen. Zum Glück stehen Krebspatienten ohnehin unter engmaschiger medizinischer Überwachung, weshalb solche Probleme sofort wirkungsvoll behandelt werden können."

Wohin führt die Zukunft der Immuntherapie?

Prof. Becker: "Für die Forschung gibt es im Bereich der Immuntherapien unzählige spannende Ansätze, große Hoffnungen für Patienten und für Pharmaunternehmen natürlich auch großes finanzielles Potential. Uns ist es wichtig, auch von der Industrie unabhängige Begleitforschung in Deutschland durchführen zu können. Das Paul-Ehrlich-Institut – derzeit den meisten im Zusammenhang mit Impfstoff-Forschung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 ein Begriff – ist hier für uns ein sehr wertvoller Partner, der zwischen Behörden und Wissenschaft vermittelt. Natürlich steht die Patientensicherheit immer an erster Stelle. Derzeit ist die Forschung auch damit beschäftigt, Tests zu finden, die vorhersagen können, wem welche Behandlung besonders gut hilft. Patienten sollen so vor möglicherweise unnötigen Nebenwirkungen, das Gesundheitssystem vor unnötigen Ausgaben geschützt werden.

Gut zu wissen: "Prinzipiell kann aber jeder Krebspatient hierzulande eine Immuntherapie in Anspruch nehmen, wenn sie für die Krebsart passend und medizinisch möglich ist," so Dr. Becker.

Wichtig ist, sich immer mit dem behandelnden Arzt abzusprechen, er kann ggf. an das passende Tumorzentrum oder eine Uni-Klinik verweisen, wo Immuntherapien angewandt und erforscht werden. Da viele Wirkstoffe und Verfahren der Krebs-Immuntherapie noch in der Phase der klinischen Studien sind, können Patienten neuartige Medikamente auch in diesem Rahmen bekommen. Was genau Patienten bei der Teilnahme an klinischen Studien erwartet, erklärt das Deutsche Krebsforschungszentrum ausführlich.

Im Deutschen Register Klinischer Studien finden Sie eine Datenbank zu allen laufenden klinischen Studien in Deutschland – auch denjenigen, die noch Teilnehmer suchen. Das Register ist nicht krebsspezifisch, über die einfache Suchfunktion können Sie aber leicht gezielt nach einer bestimmten Krebsart oder Therapie suchen.

Unser Experte Prof. Becker ist Experte für Hautkrebs am Westdeutschen Tumorzentrum. Dort finden Betroffene und Interessierte zahlreiche hilfreiche Informationen, z.B. über die möglichen angebotenen Behandlungsprogramme des onkologischen Spitzenzentrums.

Auch Darmkrebs kann mit Immuntherapien behandelt werden. Spannende Neuigkeiten und ausführliche Hintergründe zum Thema Krebs gibt es auch auf unserer Themenseite.

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