01.07.2020 - 18:48

Pandemiepotential Neues Schweinegrippe-Virus in China entdeckt

Eng zusammengepfercht, schlimme Haltungsbedingungen – keine Seltenheit in der Nutztierzucht. Krankheitserreger wie Schweinegrippe haben da ein Leichtes, sich zu vermehren – und auch dem Menschen gefährlich zu werden, wie G4 zeigt, ein neuer Erreger einer Schweinegrippe.

Foto: iStock.com/gpetric

Eng zusammengepfercht, schlimme Haltungsbedingungen – keine Seltenheit in der Nutztierzucht. Krankheitserreger wie Schweinegrippe haben da ein Leichtes, sich zu vermehren – und auch dem Menschen gefährlich zu werden, wie G4 zeigt, ein neuer Erreger einer Schweinegrippe.

Forscher haben in China eine neue Art der Schweinegrippe entdeckt. Das Virus mit dem Namen G4 besitze Potential, eine Pandemie auszulösen und könne theoretisch Menschen infizieren. Vor allem zeigt es aber: Das Risiko weiterer Zoonosen ist da.

Bisher trägt es den Titel "G4" und stammt vom H1N1-Virus ab, das als "Schweinegrippe" im Jahr 2009 eine Pandemie ausgelöst hat: In China haben Forscher die neue Art der Schweinegrippe entdeckt, und das Virus hat Eigenschaften, die es auch für den Menschen gefährlich machen könnten.

Neue Schweinegrippe-Art: "G4" könnte auch Menschen befallen

Zoonosen entstehen, wenn Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen übergehen. Dafür müssen sie in einer bestimmten Art aufgebaut sein, so dass sie im menschlichen Körper Pforten finden, um einzudringen. Zuletzt ist das beim aktuell grassierenden Coronavirus Sars-CoV-2 passiert. Doch Zoonosen gab es bereits vorher.

Zu ihnen gehörte die 2009 als "Schweinegrippe" bekannte, um die Welt gehende Erkrankung, die durch das Virus H1N1 ausgelöst wurde. Mit "G4" wurde nun in chinesischen Schweinen – also Nutztieren – ein Erreger gefunden, der von H1N1 abstammt. Es besitze "alle wesentlichen Eigenschaften, um Menschen infizieren zu können", heißt es seitens der Wissenschaftler.

G4 ist hochinfektiös

Entdeckt haben die Forscher das Virus im Rahmen einer Studie, für die sie zwischen 2011 und 2018 insgesamt 30.000 Nasenabstriche von Schweinen in Schlachthöfen nahmen, die in zehn chinesischen Provinzen verteilt sind. Dabei konnten sie insgesamt 179 verschiedene Schweinegrippe-Viren isolieren. Davon stammten die meisten von einer neuen Art, die seit 2016 bei Schweinen vermehrt zu finden ist.

Die Viren gaben die Forscher in weiteren Experimenten unter anderem an Frettchen weiter. Frettchen reagieren auf Grippeviren ähnlich wie Menschen und zeigen ähnliche Symptome, daher wird in Studien oft auf sie zurückgegriffen. "G4" zeigte sich in diesen Versuchen hochinfektiös und löst bei Frettchen schwerwiegendere Symptome aus als andere Viren. In weiteren Laborversuchen ließ sich zudem feststellen, dass sich das Virus in menschlichen Zellen vermehren kann. Weitere Tests zeigten, dass eine durch die saisonale Grippe gewonnene Immunität beim Menschen nicht vor "G4" zu schützen scheint.

Schweinehalter hatten sich bereits infiziert

Bei rund zehn Prozent der Schweinehalter in den untersuchten Höfen konnten die Forscher das Virus bereits nachweisen, ebenso seien 4,4 Prozent der Bevölkerung dem Virus ausgesetzt gewesen. Das hatten die Wissenschaftler anhand von Antikörpertests herausgefunden.

Es handelt sich hier um Viren, die im Rahmen einer Studie entdeckt worden sind, aber auch vorher schon beim Menschen auftraten. Aufgrund ihrer Art können sie sich gut an den menschlichen Körper anpassen und könnten dort Schaden anrichten. Unklar ist noch, ob sich die Viren auch von Mensch zu Mensch übertragen lassen. Es kann jedoch immer sein, dass sich Viren so verändern, dass sie sich dieses Können irgendwann aneignen. Das ist die Hauptsorge der Wissenschaftler. Die Ergebnisse der Studie zeigen daher, dass zoonotische Erreger ein immer präsentes Risiko darstellen.

Mit dramatischen Zuständen wie damals bei der Schweinegrippe müsse man jetzt aber nicht rechnen, meint der unabhängige Biologe Carl Bergson von der Universität in Washington. Es gebe keinen Hinweis darauf, "dass das G4-Virus beim Menschen zirkuliert". Hier gehe es nicht um eine "unmittelbare Bedrohung", sondern die Studie solle auf ein Virus aufmerksam machen, das beobachtet werden sollte.

Zoonosen bleiben ein Risiko – auch aufgrund der Fleischwirtschaft

Die Studie sei daher "eine Erinnerung daran, dass wir ständig dem Risiko des erneuten Auftre­tens zoonotischer Krankheitserreger ausgesetzt sind und dass Nutztiere, mit denen der Mensch mehr Kontakt hat als mit Wildtieren, als Quelle für wichtige Pandemieviren die­nen können", so James Wood, Leiter der Abteilung für Veterinärmedizin an der Univer­sität Cambridge in Großbritannien.

Es muss also nicht immer das exotische Fleisch auf uns unbekannten und unverständlichen Wildtiermärkten sein. Gerade schlimme Haltungsbedingungen in der Fleischindustrie und der permanente Einsatz von Medikamenten können dazu führen, dass sich Krankheitserreger in Nutztieren entwickeln bzw. verändern, die potentiell auch dem Menschen gefährlich werden können. Es ist überfällig, dass hier ein Umdenken einsetzt. Wir alle können etwas dafür tun, indem wir unseren Fleischkonsum überdenken.

Zur Erinnerung: Die Schweinegrippe-Pandemie startete 2009 als Grippewelle in Mexiko, im Juni 2009 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO sie zur Pandemie. H1N1 sorgte damals für mehrere zehntausend Krankheitsfälle, Todesfälle gab es auch in Deutschland. Im August 2010 erklärte die WHO die Pandemie offiziell für beendet.

Derzeit hält das Coronavirus die Welt in Atem, doch wir dürfen nicht vergessen, dass es noch viele weitere Krankheiten gibt und in Tieren möglicherweise gefährliche Erreger schlummern, die ebenfalls großen Schaden anrichten können. Ein weiteres Beispiel ist auch das Hantavirus, das vor allem von Mäusen auf den Menschen übertragen werden kann. Aus diesem Grund werden Untersuchungen wie die genannte Studie durchgeführt.

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Quellen: afp, aerzteblatt.de, morgenpost.de, wdr.de, eigene Recherche

Ihren Artikel veröffentlichten die Forschenden mehrerer chinesischer Universitäten und des chinesischen Zentrums für Krankheitsbekämpfung und -prävention in der US-Fachzeitschrift PNAS: Sun et al. (PNAS, 2020): "Prevalent Eurasian avian-like H1N1 swine influenza virus with 2009 pandemic viral genes facilitating human infection"

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