24.06.2020 - 17:07

Zweite Welle? Christian Drosten warnt: Wir müssen weiter vorsichtig sein!

Die Maske wird uns im Alltag zumindest in geschlossenen Räumen wohl noch länger begleiten. Allen Lockerungen zum Trotz ist das Coronavirus noch da – und die Zahlen steigen. Auch Christian Drosten mahnt: Wir müssen weiter vorsichtig bleiben.

Foto: imago images / Hans Lucas

Die Maske wird uns im Alltag zumindest in geschlossenen Räumen wohl noch länger begleiten. Allen Lockerungen zum Trotz ist das Coronavirus noch da – und die Zahlen steigen. Auch Christian Drosten mahnt: Wir müssen weiter vorsichtig bleiben.

Er macht mit seinem NDR-Podcast Sommerpause – das Virus leider nicht. Christian Drosten warnt in der 50. Ausgabe davor, zu locker im Umgang mit Sars-CoV-2 zu werden. Ganz Deutschland müsse "alle Alarmsensoren anschalten".

Die Lockerungen werden immer größer – gleichzeitig steigt die sogenannte Reproduktionszahl R und liegt je nach Schätzung und Bereinigung derzeit um den Wert 2 herum. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt zwei Menschen anstecken kann. Das aber liegt vermutlich vor allem an Ausbrüchen in einzelnen Gebieten, etwa in Rheda-Wiedenbrück oder auch in Wohnblöcken in Berlin. Dennoch: Aufgrund der zeitlichen Verzögerung geht Charité-Virologe Christian Drosten davon aus, dass das Coronavirus von dort schon "in die Bevölkerung hinausgetragen wurde". Drosten warnt: Wir müssen weiter vorsichtig im Umgang mit dem Coronavirus sein. Er befürchtet sonst schon bald eine zweite Welle.

Christian Drosten und die zweite Welle: Vorsicht walten lassen

Den großen Ausbruch bei Tönnies sieht Drosten auch als eine Warnung davor, was uns im Herbst und Winter bevorstehen könnte. Denn verantwortlich neben der doch sehr beengten Situation der Arbeitnehmer und der Art der Arbeit – die auch mit schwerem Atmen verbunden ist –, ist wahrscheinlich auch der Temperatureffekt. Ein Großteil der Arbeit in einem Fleischbetrieb geschieht im Kühlhaus. Zwar haben wir im Herbst und Winter bei Außentemperaturen von rund acht Grad noch den Effekt des Windes und anderer Einflüsse. "Aber wir haben im Winter auch diese Situation eines nicht-beheizten Raums, in dem eben doch keine Luftbewegung ist." Wartebereiche an Bahnhöfen oder Bushaltestellen nennt er da als Beispiel.

Er glaubt dennoch nicht, dass uns das in eine zweite Welle führen wird. Vielmehr müssten wir schon jetzt "ganz vorsichtig sein mit der Entwicklung einer zweiten Welle", so Drosten.

"Wir sehen jetzt auch, wie das Virus wiederkommt"

Drosten vergleicht das mit den amerikanischen Südstaaten, in denen trotz hoher Außentemperaturen eine enorme Fallzahl steht, inklusive überlasteter Intensivstationen. "Dort hat man die erste Welle nicht effizient gebremst, sondern hat zu früh wieder geöffnet. Das ist natürlich etwas, das auf uns übertragbar ist", erklärt er im Podcast. Wir hätten jetzt sicherlich ein paar entspannendere Wochen vor uns, was die Epidemietätigkeit angehe. Er bezieht das aber nicht auf den Sommereffekt, sondern eher auf das, was wir durch das sehr effiziente Bremsen in Deutschland erreicht haben – und das ohne sehr drastischen Lockdown, wie es ihn etwa in Frankreich oder China gegeben hat. "Aber wir sehen jetzt auch, wie das Virus wiederkommt", schließt er.

Bevölkerung muss die Gesundheitsbehörden mit ihrem Verhalten unterstützen

Viele verschiedene Faktoren können mit hineinspielen, wie sich die Situation in Deutschland jetzt weiter entwickelt. Das sind zum einen sicherlich beengte Wohnverhältnisse oder vielleicht doch einmal engere Situationen in öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen sich eben doch nicht jeder an Maskenpflicht hält und damit andere gefährdet. Drosten nennt auch die Gastronomie. Den Außenbereich sieht er nicht als Problem. Wenn aber dann doch einmal der Innenbereich etwas voller werde und der Alkohol die Hemmungen fallen lasse, könne es ganz schnell heikel werden. Man unterhalte sich dann ja doch lautstark, der Sinn für Abstand sinke.

Drosten hält aber fest: Er wolle nicht sagen, man müsse in solchen Situationen sofort intervenieren. Vielmehr müsse man da aber im Moment ganz wachsam sein. "Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht." Vielmehr: "In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten und wenn wir nicht auch jetzt wieder einsehen in der Bevölkerung, dass die Gesundheitsbehörden Unterstützung und Konsens brauchen und dass das, was im Moment in einigen Teilen der Gesellschaft immer noch passiert, auch zersetzend ist für genau das, was unsere große Kraft gewesen ist im Frühjahr – nämlich der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Informiertheit der allgemeinen Bevölkerung."

"Wir haben es in der Hand"

Aktuelle Studien zur Bildung von Infektionsclustern aus Japan etwa werden im Podcast thematisiert – doch Drosten lenkt ein, dass diese sich auf ein Infektionsgeschehen in einem frühen Bereich der Pandemie beziehen. Doch das Virus "diffundiert" – auch in andere Alters-, Geografie- und Gesellschaftsbereiche hinein. "Deswegen können wir uns nicht darauf verlassen, dass das, was wir im Herbst erleben werden, sich so verhält wie das, was in ganz frühen Studien beobachtet wurde, und das ist auf ganz viele Dinge übertragbar." Auch auf Familien, Schulen, aber eben auch "typische" Cluster-Orte. In Asien könne das etwa die Karaoke-Bar sein, in der man auf engem Raum zusammensitzt und lauthals singt. Auch wenn nicht immer etwas passiere, es sei besser, "sich über generelle Dinge Gedanken zu machen. Also nicht zu viele Personen, nicht in einem geschlossenen Raum. Die Enthemmung durch Alkohol spielt sicherlich eine Rolle. Laute Musik, gegen die man anschreit, wo dann noch mehr Aerosol im Rachen gebildet wird. Alle diese Dinge sind nicht gut", schließt er.

Genau das passiert jetzt aber teilweise schon wieder, weil wir den Eindruck haben, das Schlimmste sei vorbei. Fakt ist: Wir können nicht sagen, wie schlimm es ist oder wie schlimm es noch wird. Wir wissen noch immer nicht genau, welche Rolle Menschen mit asymptotischem Verlauf von Covid-19 wirklich spielen, wir können bei derzeitigem Wissensstand nur vermuten – ebenso, welche Rolle Superspreader beim Verbreiten des Coronavirus wirklich spielen. Aber: sicher ist sicher. Lieber jetzt weiter wachsam sein, als dann am Ende das Nachsehen zu haben und wieder zurück in den Lockdown zu müssen – oder gar mit einem härteren Lockdown konfrontiert zu werden.

Da können wir vielleicht von Japan lernen und "die drei C's vermeiden": Aus dem Englischen übersetzt: "closed spaces" – geschlossene Räume; "crowded places" – Menschenansammlungen; "close contacts" – enge Kontakte ohne Abstand. Wenn sich da alle dran halten – und das ist eine Art Lerneffekt, den Japan bereits durch Sars-1 hatte und wir jetzt langsam nach den ersten Beschränkungen erfahren können –, geht es vielleicht auch ohne harten Lockdown. Denn ein Lockdown passiert aus Vorsicht, weil man nicht weiß, was passiert. Wir lernen aber immer mehr. Auch da kann sich noch einiges ändern. Vorsicht walten lassen ist jedoch sicherlich ein Mittel, das uns vor Schlimmerem in Sachen Coronavirus, aber auch in Sachen Einschränkungen, bewahren kann. Wir haben es in der Hand.

Coronavirus: Das macht Superspreader so gefährlich

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So schützen Sie sich vor dem Coronavirus

Christian Drostens Podcast, den er zusammen mit dem NDR aufnimmt, geht nun erst einmal bis Ende August in Sommerpause. Hoffen wir, dass er in der Zeit neben weiteren Forschungen am Coronavirus auch die Zeit findet, sich selbst ein bisschen zu regenerieren. Die aktuelle Folge des NDR-Podcasts mit Christian Drosten zum Nachhören und Nachlesen sowie alle bisherigen Folgen finden Sie hier.

Hier finden Sie eine interaktive Karte über den aktuellen Stand der Infektionen mit Sars-CoV-2 sowohl in Deutschland, in Europa als auch weltweit.

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