19.06.2020 - 20:11

Coronavirus ohne Symptome Covid-19: Fast die Hälfte merkt nix – und bildet weniger Antikörper

Brauchen wir mehr als Antikörpertests? Bei fast der Hälfte der Infizierten scheint es gar keine Symptome zu geben – und diese symptomlosen Menschen bilden in manchen Fällen möglicherweise nicht genügend Antikörper.

Foto: iStock.com/narvikk

Brauchen wir mehr als Antikörpertests? Bei fast der Hälfte der Infizierten scheint es gar keine Symptome zu geben – und diese symptomlosen Menschen bilden in manchen Fällen möglicherweise nicht genügend Antikörper.

Eigentlich war die Nachricht eine gute: Fast die Hälfte der mit dem Coronavirus infizierten Menschen verspürt keine Symptome. Das beeinflusst aber anscheinend auch die Antikörperbildung.

Viele spüren die Erkrankung nicht. Das ist bereits bekannt, kürzlich konnten es Forscher über eine Studie bestätigen: Covid-19 verläuft bei fast der Hälfte der Infizierten asymptomatisch – also ohne Symptome. Doch was eigentlich nach einer guten Nachricht klingt, hat gleich zwei negative Seiten: Einerseits können auch Infizierte ohne Symptome andere Menschen anstecken. Und zudem kommen Forscher in einer neuen Studie zu dem Schluss: Wer keine Coronavirus-Symptome verspürt, entwickelt oft auch zu wenig Antikörper.

Weniger Antikörper bei Corona-Infizierten ohne Symptome

Nach und nach lernen wir mehr über das neue Coronavirus Sars-CoV-2 und seinen Einfluss auf den menschlichen Körper. Das ist gut, denn das Virus verhält sich merkwürdig: Die dadurch ausgelöste Krankheit Covid-19 bricht nicht bei jedem mit Symptomen aus. Forscher kommen in einer aktuellen Studie sogar zu dem Schluss, dass rund 45 Prozent der Infizierten gar nichts spüren. Andere wiederum leiden unter moderaten Symptomen wie Husten, Fieber oder Durchfall und Unwohlsein. Ein Teil landet mit Atemnot im Krankenhaus und weist unter anderem schwere Lungenschäden auf. Bei einem Teil davon wiederum verläuft die Abwehrreaktion des Körpers gegen das Virus so enorm stark, dass an vielen Stellen im Körper Komplikationen auftreten.

Dass die Infektion bei so verhältnismäßig vielen sanft bis gar nicht merkbar verläuft, ist für die Betroffenen einerseits gut – dachte man. Doch nebst der Gefahr, dass sie so unwissentlich viele Leute anstecken können, konnten Wissenschaftler in einer weiteren Studie jetzt herausfinden: Die Immunreaktion des Körpers kann in diesen Fällen so schwach verlaufen, dass weniger Antikörper gebildet werden – die wiederum nicht stark genug sein könnten, um eine Neuinfektion zu verhindern. Die Studie erschien im Fachjournal "Nature Medicine".

Antikörperproduktion leidet unter schwachen Symptomen

Insgesamt 37 nachweislich mit Sars-CoV-2 infizierte Menschen, die aber keine Symptome verspürten, haben die Forscher um Quan-Xin Long und Ai-Long Huang von der Medizinischen Universität Chongqing in China untersucht, darunter 22 Frauen und 15 Männer. Bei ihnen waren die Viren durchschnittlich 19 Tage lang im Mund-Nasen-Bereich nachweisbar. Bei einer Vergleichsgruppe von ebenfalls 37 Infizierten mit Symptomen konnten sie die Viren im Schnitt nur 14 Tage lang nachweisen.

Die Infizierten mit asymptomatischem Verlauf könnten damit einerseits länger unwissentlich ansteckend sein als ihre Mitmenschen, die Symptome entwickelt hatten – zusätzlich zur Tatsache, dass sich jemand mit Symptomen eher weniger unter Menschen begibt als jemand, der sich vermeintlich gesund fühlt.

Vor allem fiel den Forschern bei den Menschen ohne Symptome aber auf, dass die Antikörperproduktion beim Fehlen von Symptomen schwächer ausfie: Das Level an IgG-Atikörpern gegen Sars-CoV-2 war in der akuten Phase der Infektion deutlich niedriger als in der Symptom-Gruppe.

Acht Wochen nach Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem sie unter Quarantäne standen, konnte man bei 81,1 Prozent der asymptomatisch Infizierten – also bei 30 Patienten – feststellen, dass die Konzentration der neutralisierenden Antikörper gesunken war. Bei 40 Prozent der symptomfreien Patienten – bei 15 Patienten – konnten nach diesem Zeitraum sogar gar keine Antikörper mehr nachgewiesen werden. Bei den Infizierten mit Symptomen war dies nur bei fünf Patienten der Fall.

Bei den Infizierten ohne Symptome war zudem der Spiegel an 18 unterschiedlichen pro- und antiflammatorischen Zytokinen geringer. Zytokine sind Proteine, die Wachstum und Differenzierung von Zellen beeinflussen und regeln. Bei Entzündungen kann es vorkommen, dass der Körper zu viele Zytokine ausschüttet und es zu einem Zytokinsturm kommt – einer der Hauptursachen für die mit dem Coronavirus in Verbindung gebrachten Todesursachen. Mehr dazu: Das macht das Coronavirus im Körper

Auch weitere Studien deuten darauf hin, dass man nicht von einer vollständigen Immunität nach der Coronavirus-Infektion ausgehen kann.

Fast die Hälfte verspürt keine Symptome – ist aber trotzdem ansteckend

Problematisch könnte dies alles vor dem Hintergrund werden, dass, wie eingangs erwähnt, offenbar bis zu 45 Prozent aller Infizierten keinerlei Symptome verspüren. Auf dieses Ergebnisse kommen Forscher rund um Dr. Daniel Oran vom Scripps Research Translational Institute in Kalifornien. Auch sie vermuten, dass diese symptomlosen Infizierten das Virus trotzdem übertragen können, auch wenn sie von 14 Tagen ausgehen, aber anmerken, dass es durchaus sein könne, dass symptomlose Patienten auch länger ansteckend sein könnten. Die Wissenschaftler werteten dazu Daten von über 40.000 Covid-19-Patienten aus verschiedenen Lebensbereiche aus und stellten ihre Ergebnisse jetzt im Journal "Annals of Internal Medicine" vor.

Stimmen die Ergebnisse auch nur ansatzweise, kann dies ein Hinweis darauf sein, warum sich das Coronavirus schon früh so schnell ausbreiten konnte. "Die stille Ausbreitung des Virus macht es umso schwieriger, es unter Kontrolle zu halten", erklärt auch Professor Eric Topol, Direktor des Scripps Research Institute. Zwar seien die Viruslasten bei Infizierten mit und ohne Symptome recht ähnlich. Unklar bleibe aber, wie infektiös jemand ohne Symptome am Ende wirklich ist. Das müsse in weiteren Studien überprüft werden. Es könnte aber ein Hinweis auf sogenannte "Superspreader-Events" sein.

Fazit: Hygieneregeln weiter einhalten!

Klar wird durch diese Erkenntnisse, dass die gängigen Hygieneregeln weiter eingehalten werden sollten – auch von denen, die die Infektion bereits überstanden haben. Nur so können wir Stand jetzt weiter daran arbeiten, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen und im Zaum zu halten – bis dann mal ein passender Impfstoff gefunden ist. Also gilt weiterhin:

All diese Tipps helfen übrigens auch gegen andere Infektionskrankheiten wie Magen-Darm-Grippe, Grippe und Erkältung.

Immunitätspässe nach überstandener Coronavirus-Infektion scheinen vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse jedenfalls wieder weiter in die Ferne zu rücken.

Deshalb Abstand: Coronavirus kann durchs Sprechen übertragen werden

Studien: Long et al. (Nature Medicine): "Clinical and immunological assessment of asymptomatic SARS-CoV-2 infections"

Oran et al. (Annals of Internal Medicine): "Prevalence of Asymptomatic SARS-CoV-2 Infection. A Narrative Review." Übersicht bei Scripps Research.

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