Aktualisiert: 17.11.2020 - 12:10

Mit Einschränkungen! Forscher zeigen: Mundspülung kann das Coronavirus bekämpfen, aber...

Hilft Mundspülung gegen Coronaviren? Forscher sind da auf einer heißen Spur. Warum Sie jetzt trotzdem nicht literweise Mundwasser benutzen sollten.

Foto: imago images / Panthermedia

Hilft Mundspülung gegen Coronaviren? Forscher sind da auf einer heißen Spur. Warum Sie jetzt trotzdem nicht literweise Mundwasser benutzen sollten.

Wie schön es wäre, würde kräftiges Spülen mit Mundwasser ausreichen, um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Ganz so einfach ist das leider nicht – doch Mundspülungen bieten einen ganz bestimmten Schutz, wie Forscher jetzt herausgefunden haben.

Die Frage, ob sich Coronaviren mit Mundspülung wegspülen lassen, geistert schon beinahe seit Beginn der Corona-Krise durchs Netz. Bisher war man sich einig bei der Antwort: Solche "Geheimtipps" sind in der Regel Fake News. Es gebe bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass das Gurgeln mit Mundwasser gegen Sars-CoV-2 helfe, erklärt etwa die Weltgesundheitsorganisation WHO immer wieder. Und auch Ärzte waren sich einig.

Doch neue Studienergebnisse zeigen: Die Viruslast im Rachen lässt sich mit gewissen Mundspülungen tatsächlich senken. Das ändert nichts am eigenen Krankheitsgeschehen – aber es kann, so wie auch die Mund-Nasen-Bedeckung, andere schützen. Das hilft aber nur in bestimmten Fällen. Die klassische Zahnpflege-Ware sollten Sie jetzt also trotzdem nicht auf Vorrat kaufen und schon gar nicht ständig damit gurgeln.

Coronavirus: Schützen Mundspülungen?
Coronavirus: Schützen Mundspülungen?

Mundspülung und Coronavirus: Funktioniert – aber mit Einschränkung

Es sind mittlerweile mehrere Gründe bekannt, warum sich das Coronavirus nicht einfach mit Mundwasser-Gurgelei entfernen lässt. Einen nennt Prof. Jörg Schelling aus München, einst Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und heute als Hausarzt tätig, gegenüber dem "BR": "Infektion heißt, dass das Virus in den Rachen-Halsraum gelangt ist. Das heißt, man müsste die ganze Zeit gurgeln und spülen und Mundwasser immer bei sich haben."

Doch damit nicht genug, denn ein solches Vorgehen hätte Nebenwirkungen: "So oft Mundwasser zu benutzen reizt und greift die Schleimhäute an. Manche Substanzen in Mundwasser können auch Allergien auslösen oder Schwellungen verursachen. Man sollte Mundwasser nur normal benutzen, wie man es bisher getan hat, zum Beispiel morgens und abends. Es mehr zu verwenden, ist nicht sinnvoll und reizt die Schleimhaut."

Und auf gereizter Schleimhaut haben es Erreger von Krankheiten besonders leicht. Denn Abwehrzellen sind bereits damit beschäftigt, die Reizung zu versorgen. Wenn dann noch Viren und Co dazu kommen, hat das Immunsystem erst recht zu tun.

Weiterhin ist mittlerweile bekannt, dass die Haupteintrittspforte für das Coronavirus die Nase ist. Und von dort bahnt es sich dann seinen Weg durch den Körper – wenn es nicht aufgehalten wird. Mundwasser aber will (und sollte!!) niemand durch die Nase spülen.

Für den Fremdschutz: Hier hilft Mundwasser tatsächlich

Und doch gibt es ein paar Situationen im Alltag, in denen Mundspülung gegen Sars-CoV-2 helfen kann – allerdings eben nicht als Selbstschutz oder gar Heilung. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, an der auch Virologinnen und Virologen aus Jena, Ulm, Duisburg-Essen, Nürnberg und Bremen beteiligt waren, zeigt, dass sich das Übertragungsrisiko mithilfe von Mundspülungen signifikant senken lassen könnte.

Gegenüber dem SWR erklärt die Virologin Toni Luise Meister aus der Abteilung für Molekulare und Medizinische Virologie der Ruhr-Uni Bochum: "Wir haben in der Studie die antivirale Aktivität verschiedener kommerziell erhältlicher Mundspüllösungen gegen SARS-CoV-2 getestet. Alle acht untersuchten Mundspülungen konnten dabei die Viruslast reduzieren. Drei von ihnen schaffen es sogar, die Viruslast bis auf die Nachweisgrenze zu senken. Das bedeutet: Diese haben einen starken antiviralen Effekt gezeigt."

Die Forscher rund um Meister gehen davon aus, dass sich hohe Viruslasten in der Mundhöhle mit Mundspülung zumindest verringern lassen und damit die Ansteckungsgefahr senken. Dies kann etwa beim Zahnarztbesuch hilfreich sein. Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie deren Helfer sind möglichen Viren aus dem Rachen ihrer Patientinnen und Patienten stärker ausgesetzt als viele andere Menschen. Denn auf dem Zahnarztstuhl kann bei der Untersuchung natürlich keine Maske getragen werden. Wer derletzt eine zahnärztliche Untersuchung mitgemacht hat, wird wahrscheinlich bereits festgestellt haben, dass eine Mundspülung bereitgestellt wird.

Wo die Mundspülung trotzdem versagt

Für den sonstigen Alltag hält sich die Euphorie über Mundspülungen gegen das neuartige Coronavirus aber in Grenzen, denn wie oben beschrieben können und sollten wir nicht durchgängig unseren Mundraum mit reizenden Substanzen ausspülen. Meister schränkt weiter ein: "Grundsätzlich kann gute Mundhygiene nie schaden. Allerdings müssen wir betonen, dass wir unsere Experimente in Zellkulturen durchgeführt haben und nicht direkt den Einfluss von Mundspüllösungen auf die Viruslast im Mund- und Rachenraum von Patienten. Daher können wir zum jetzigen Zeitraum nicht einschätzen inwieweit unsere Ergebnisse auf eine infizierte Person übertragbar sind und falls ein Effekt besteht wie lange dieser andauern würde."

Es schadet also – generell! – nicht, sich regelmäßig gründlich die Zähne zu putzen und beispielsweise vor dem Besuch einer Person, die einer Risikogruppe angehören könnte, auch einmal etwas Mundwasser zu benutzen. Doch darauf bauen oder es gar übertreiben sollten Sie nicht.

Forscher finden hilfreiche Mundspülung-Zusammensetzung

Es gibt aber möglicherweise dennoch Hoffnung: Denn Forscher hatten bereits vor einigen Monaten Hinweise gefunden, dass eine bestimmte Zusammensetzung von Mundspülung die Struktur des Virus zerstören könnte. Ausschlaggebend für den Forschungsvorstoß waren Ergebnisse früherer Studien der Cardiff University Wales an anderen Viren mit vergleichbarer Architektur, wie sie die neuen Coronaviren besitzen. Diese Ergebnisse wurden in einer neuen Studie nun aufgegriffen.

Die Studie von Valerie O'Donnell und Kollegen erschien kürzlich im Fachjournal "Function". Demnach sind Mundwassersorten mit einem geringen Anteil an Ethanol, Povidon-Jod, Chlorhexidin, Wasserstoffperoxid und Cetylpyridiniumchlorid in der Lage, "umhüllte Viren", wie es Coronaviren sind, zu zerstören. Ähnlich wie beim Händewaschen mit Seife oder beim Desinfizieren und Putzen von Oberflächen wird durch diese Mundwassersorten die Hülle der Viren – eine Lipidmembran – sozusagen "entfettet" und damit kaputt gemacht.

Spüle man früh mit Mundspülung, könne man so möglicherweise eine Infektion von Zellen eindämmen. Es sind aber definitiv erst weitere Untersuchungen notwendig. Bisher handelt es sich nur um einen Denkansatz! Bisher ist nur gezeigt, dass sich die Viruslast kurzzeitig herabsetzen lässt. Die Produktion der Viren in den Zellen hemmen Mundspülungen nicht1

Aber: Es wird angenommen, dass eine präoperative, antimikrobielle Mundspülung die Anzahl der oralen Mikroben reduziere. Chlorhexidin reiche aber möglicherweise nicht aus, um Sars-CoV-2 zu eliminieren. Daher werde eine Mundspülung mit Oxidationsmittel (wie ein Prozent Wasserstoffperoxid oder 0,2 Prozent Povidon) empfohlen.

Wie oben bereits beschrieben, sollten Sie daher nun nicht ausgiebiger mit Mundwasser spülen als Sie es regulär tun würden – höchstens zweimal täglich. Die Gefahr einer Infektion ist durch gereizte Schleimhaut wesentlich höher und über den tatsächlichen Nutzen von Mundspülungen im Kampf gegen das Coronavirus einfach noch viel zu wenig bekannt. Bis dahin gilt also weiterhin: Am besten direkt vor dem Coronavirus schützen.

Studien:

Pressemeldung Ruhr-Universität Bochum: "Mundspülungen könnten Corona-Übertragungsrisiko senken"

O'Donnell et.al (Function): "Potential Role of Oral Rinses Targeting the Viral Lipid Envelope in SARS-CoV-2 Infection"

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