Aktualisiert: 09.06.2020 - 20:14

Allein in Europa Lockdown hat möglicherweise über 3 Mio. Todesfälle verhindert

War der Lockdown wirklich nötig? Er scheint Studien zufolge zumindest dabei geholfen haben, Menschenleben zu retten. Und zwar jede Menge in Europa.

Foto: iStock.com/amriphoto

War der Lockdown wirklich nötig? Er scheint Studien zufolge zumindest dabei geholfen haben, Menschenleben zu retten. Und zwar jede Menge in Europa.

Die Corona-Maßnahmen waren und sind anstrengend. Doch Studien zufolge tragen sie Früchte – der Lockdown hat möglicherweise Millionen Infektionen verhindert. Doch die Zahlen sollten vorsichtig interpretiert werden.

Eigentlich ist ja gar nicht so viel passiert, oder? Da liegt der Gedanke immer näher, dass die harten Corona-Maßnahmen stark übertrieben waren und noch immer sind. Aber waren sie das wirklich? Charité-Chefvirologe Christian Drosten nannte es bereits medienwirksam das "Präventions-Paradox": Wir sehen nicht, was wir verhindert haben.

Möglicherweise können wir das aber jetzt doch zumindest ein wenig besser verstehen. Denn es gibt eine Handvoll Studien, die sich damit befassen, was uns allen eben nicht passiert ist in Sachen Coronavirus. Und die kommen zu einer gemeinsamen Vermutung: Der Lockdown und die Corona-Maßnahmen haben allein in Europa möglicherweise über drei Millionen Todesfälle verhindert. Wie kommt es zu der Annahme?

Millionen von Todesfällen verhindert? Das haben die Corona-Maßnahmen bewirkt

Der Einschnitt war hart: Ausgangsbeschränkungen, überall Warnungen, geschlossene Geschäfte und Einrichtungen, mittlerweile Maskenpflicht. Aber auch Lockerungen – in manchen Bereichen mehr, in manchen weniger. Der eine empfindet die Lockerungen als zu früh, die andere konnte es dagegen kaum erwarten, wieder (halbwegs) normal zu leben.

Klar ist: Eine Ausbreitung des Coronavirus mit so dramatischen Folgen wie in Italien und Spanien, den USA und mittlerweile in Großbritannien und in Brasilien gab es hier nicht. Die Todeszahlen sind – glücklicherweise! – verhältnismäßig gering im Vergleich zu anderen Ländern. Liegt es nur am Gesundheitssystem? Sicherlich nicht. Da sind sich auch Forscher einig:

Verschiedene Forschungsgruppen sehen es so: Die Maßnahmen die wir hierzulande getroffen haben, haben ihren Teil beigetragen. Aber auch im Rest Europas, so vermuten sie, hätten die Infektions- und Todeszahlen noch weitaus dramatischer ausfallen können. Denn der Lockdown hatte vor allem auch Grenzschließungen und Kontaktbeschränkungen zur Folge. Rund 3,1 Millionen Todesfälle seien so möglicherweise verhindert und eine Kontrolle des Pandemie-Verlaufs ermöglicht worden. Das erklären Forscher um Seth Flaxman vom Imperial College in London, nachdem sie die Todesfallzahlen aus elf Ländern analysiert haben – unter anderem auch aus Deutschland. Ihre Studie erschien nun im Fachmagazin "Nature".

"Erster Aufschlag": Zahlen können definitiv noch schwanken!

Diese ersten Zahlen jetzt aber so zu interpretieren, dass sie in Stein gemeißelt sind, wäre – wie immer in der Wissenschaft! – aber falsch. Davor warnt etwa auch der Statistiker Gerd Antes von der Universität Freiburg in einer Stellungnahme zur Studie: "Das ist ein erster Aufschlag, der wichtig auch in der politischen Debatte um künftige Maßnahmen und deren Lockerungen ist." Aber: "Schaut man sich die Zahlen an, sieht man, dass sie eine enorme Schwankungsbreite haben - das verdeutlicht die Unsicherheiten, die mit solchen Analysen einhergehen."

Todeszahlen zur Analyse des Pandemie-Verlaufs: Reicht das?

Die Forscher rund um Flaxman hatten sich die jeweils in den Ländern erfassten Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19 angesehen, bereitgestellt von der EU-Gesundheitsbehörde ECDC. Darauf aufbauend haben sie den Verlauf der Infektionszahlen und der Reproduktionsrate rückblickend ermittelt.

Im Anschluss konnte man den Einfluss der Corona-Maßnahmen bis zum 4. Mai mit einem Szenario vergleichen, in dem sich die Reproduktionszahl seit Pandemiebeginn nicht verändert hatte. Mit diesem Modell konnten die Wissenschaftler ermitteln, wie viele Todesfälle es ohne die einschränkenden Maßnahmen wahrscheinlich gegeben hätte.

Prinzipiell sei es aussagekräftiger sich die Todeszahlen statt der Infektionszahlen anzusehen, da letztere zu sehr davon abhängen, wie stark im jeweiligen Land getestet wird. Auch die Todeszahlen sind etwas problematisch: Es wird kritisiert, dass nicht immer klar ist, ob Covid-19 ausschlaggebend für den Tod war. [Anm. d. Red.: Hier müssen wir kurz ergänzen: Auch, wenn viele der Betroffenen alt und vorerkrankt waren: Jeder Tag, den sie weniger zu leben hatten, ist zu viel. Daher sehen wir die Diskussion, ob jemand an oder mit Corona gestorben ist, als hinfällig.]

Forscher bestätigen: Ansatz hat Schwäche, aber…

Es könnten aber auch Todesfälle zu Beginn der Pandemie übersehen worden sein, lenken die Forscher um Flaxman ein. Und einen teils Unterschied im zeitlichen Verlauf bei der Meldung von Todesfällen gebe es zwischen den Ländern auch. So könne es zu Verzögerungen bei der Meldung von Todesfällen kommen. All das werde aber versucht, so gut wie möglich zu berücksichtigen.

Zur Reproduktionszahl können die Forscher aber ganz gut Auskunft geben: So habe sie im Schnitt aller Länder zu Pandemie-Beginn bei 3,8 gelegen, sei aber infolge der ergriffenen Maßnahmen auf unter 1 gesunken. Das Gesamtergebnis decke sich dabei mit Untersuchungen in einzelnen Ländern.

Weltweit verhinderte Neuinfektionen

Aber sie sind nicht die einzigen. Ein anderes Forscherteam hat sich die Maßnahmen in sechs Ländern – in China, Südkorea, Italien, im Iran, Frankreich und in den USA – bis zum 6. April angeschaut und ebenfalls, publiziert in "Nature", gezeigt: Rund 530 Millionen Infektionen seien verhindert worden. Studienleiter Solomon Hsiang von der UC Berkeley in den USA äußert sich gegenüber der Deutschen PresseAgentur (dpa): "Ich denke, kein anderes menschliches Unterfangen hat jemals in so kurzer Zeit so viele Leben gerettet."

Die Forscher beider Studien sind sich einig: Die Maßnahmen haben geholfen, die Pandemie zu verlagsamen – und damit auch Leben gerettet. Auf die Grenzen der Studien weisen sie hin – hoffen aber, dass man anhand der Ergebnisse nun kritischer entscheiden könne, welche Maßnahmen notwendig sind, sollte es zu einem Anstieg von Infektionen kommen. Er ist und bleibt eben ein Lernprozess, der Umgang mit diesem Coronavirus.

Es wird immer mehr bekannt, etwa auch, dass die Blutgruppe wohl den Krankheitsverlauf von Covid-19 beeinflussen kann. Aktuell beschäftigen sich Virologen und Epidemiologen zudem mit sogenannten Superspreadern, die verantwortlich für einen Großteil der Coronavirus-Infektionen sein könnten.

Coronavirus: Das macht Superspreader so gefährlich
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All diese Erkenntnisse und die, die noch folgen, können uns dabei helfen, das Virus besser zu verstehen und sämtliche notwendige Maßnahmen immer weiter anzupassen. So lernen wir nach und nach, mit dem Virus umzugehen – und vermeiden in Zukunft auch unnötige Maßnahmen.

Studien:

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