Aktualisiert: 06.11.2020 - 13:38

Neues zur Virus-Verbreitung Coronavirus: So treiben Superspreader die Pandemie

Coronavirus: Das macht Superspreader so gefährlich

Coronavirus: Das macht Superspreader so gefährlich

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Das Coronavirus verbreitet sich offenbar noch mehr durch sogenannte "Superspreader" als bisher gedacht. Ereignisse und Veranstaltungen, bei denen Masseninfektionen entstehen können, werden zwar stark eingedämmt. Doch es liegt auch an uns selbst, ob wir zum Superspreader werden oder dabei helfen, die Pandemie aufzuhalten.

Wenn wir uns die größten Coronavirus-Ausbrüche in Deutschland vom ersten Halbjahr 2020 so anschauen, fällt eines auf: Damals war der Ursprung von Masseninfektionen bei einzelnen Events zu finden. Die vielen Fälle im nordrhein-westfälischen Heinsberg traten auf, nachdem ein Infizierter eine Karnevalssitzung besucht hatte. Zahlreiche Fälle zogen sich nach einer Aprés-Ski-Party in Ischgl durch das Land, als die Urlauber wieder zurückkehrten. Ein Gottesdienst in Frankfurt und eine Chorprobe in Berlin reihen sich ein. "Superspreading-Event" nennen die Experten das, zu deutsch: Superverteilungsereignisse.

Doch auch ohne diese großen Veranstaltungen gibt es die Superspreader noch: Menschen, die nicht wissen, dass sie erkrankt sind (oder Symptome haben, diese aber ignorieren) und sich weiter mit jeder Menge anderer Menschen treffen. Jetzt ist klar, wie viele Menschen ein solcher Superspreader im Schnitt infiziert: Rund 20 weitere Menschen stecken sich bei einem Superspreader an.

Superspreader: Eine infizierte Person steckt viele weitere an

Bei den großen Events im Frühjahr gab es zumeist nur einen Infizierten, der ganz unbemerkt hochansteckend war. Dieser Infizierte ist zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort auf viele andere Menschen getroffen und hat dort viele Tröpfchen oder infektiöse Aerosole verbreitet – etwa durch lautes Sprechen oder Singen. Dazu ein geschlossener Raum, in dem sich schnell viel Virus ausbreiten kann, das aber nicht wegfliegt, sondern ungehindert in andere Nasen und Rachen eindringt.

Ein Superspreader ist also jemand, der ganz viele weitere ansteckt – aber das vor allem auch, weil die Bedingungen dies zulassen. Das bedeutet: Im Grunde kann jeder von uns unbemerkt zum Superspreader werden, vor allem dann, wenn man selbst infiziert ist, ohne es zu merken. Denn wir wissen mittlerweile: Covid-19 bricht längst nicht bei allen Menschen stark aus. In vielen Fällen verursacht die Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 nur leichte Symptome oder sogar überhaupt keine. Ansteckend ist man dennoch, da das Virus weit oben im Rachen sitzen kann.

Solche Masseninfektionen, auch gerne Corona-Hotspots genannt, traten bisher vor allem nach ähnlichen Events wie den oben beschriebenen auf. Superspreading-Ereignisse sind "zeitlich und räumlich begrenzt, bei ihnen gehen viele Infektionen auf eine oder sehr wenige Personen zurück", erklärt der Infektionsepidemiologe Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg gegenüber "Quarks". In anderen Fällen, wenn jemand etwa nur Kontakt zu Einzelpersonen hat oder die Bedingungen anders sind (frische Luft, wenig Tröpfchen...), stecken sich auch weniger Leute an.

Wie wird man zum Superspreader?

Ob jemand Superspreader ist oder nicht, liegt nicht nur an der Person selbst, sondern auch an den Umgebungsbedingungen und der Nähe von anderen. Es gibt ein paar Faktoren, die hier mit einfließen können, aber nicht müssen:

  • Sprache: Manche Menschen sprechen lauter, andere feuchter, so mancher verteilt beim Sprechen feinere Aerosole. Spezialfall lautes Sprechen und Singen: Beim besonders lauten Sprechen und Singen stoßen manche Menschen besonders viele Aerosole aus.
  • Ort: Sind viele Menschen an einem Ort, der dazu auch noch im Inneren eines Gebäudes liegt und möglicherweise nicht gut belüftet ist, kann Atemluft länger zirkulieren. Ist es laut, beugt man sich vielleicht eher zu seinem Gesprächspartner. Vielleicht singen oder sprechen viele Menschen gleichzeitig. Auch trotz Beschränkungen hat es solche Situationen gegeben – etwa auf großen Hochzeiten, Geburtstagen im Privaten oder bei Barabenden, an denen doch etwas zu viele Menschen in der Bar waren, die darüber hinaus keine ausreichende Lüftung hatte.
  • Zeit: Mittlerweile geht man grob davon aus, dass Infizierte einige Tage vor und einige Tage nach Auftreten der ersten Symptome wahrscheinlich am ansteckendsten sind. Allerdings lässt sich das Stadium der Infektion vor Auftreten der Symptome nicht feststellen.
  • Allergien: Ist jemand etwa auf bestimmte Pollen allergisch und muss oft niesen, ist aber schon infiziert mit dem Coronavirus und ansteckend, werden umso mehr Virenpartikel verteilt.

Es fließen also jede Menge Möglichkeiten mit hinein, wie solche Superspreading-Events entstehen können. Aber es kristallisiert sich erneut heraus: Kommen viele Menschen auf engem Raum zusammen, passieren Ansteckungen schneller und leichter.

Punktuelle Infektionscluster vs. gleichmäßige Verteilung: Wo steckt Sars-CoV-2?

Neuinfektionen scheinen bei Covid-19 sehr unterschiedlich verteilt. Man spricht in der Epidemiologie dabei von Streuung oder Dispersion, ausgedrückt im Dispersionsfaktor Kappa oder kurz "k".

Je kleiner der Dispersionsfaktor k ist, desto mehr Infektionen sind auf eine oder wenige Personen zurückzuführen. Je kleiner also k ist, desto mehr spielen Superspreading-Events in der Verbreitung von Infektionen eine Rolle. Im Vergleich: Die Saisonale Grippe hat einen k-Wert von etwa 1. Bei ihr spielen Superspreader-Ereignisse kaum eine Rolle.

Forscher haben das Phänomen der Superspreader und der Streuung aber bereits bei Sars entdeckt. Hier lag der k-Wert bei etwa 0,16, Superspreading spielte damals eine sehr große Rolle. Doch Sars unterscheidet sich von Sars-CoV-2 deutlich: Wo das Sars-Coronavirus vor allem tief in der Lunge saß, siedelt sich das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 vor allem in den oberen Rachenwegen an und kann schon beim Sprechen leicht verteilt werden. Man ging daher erst davon aus, dass alle Infizierten das Virus gleichermaßen verteilen konnten – ähnlich der Grippe. Dagegen machte Sars schnell schwer krank, so dass die meisten Erkrankten schnell ans Bett gebunden waren und nur bis dahin an Superspreading-Events teilhaben konnten. Hier gab es eher punktuelle Infektions-Cluster.

Wenige Infizierte kurbeln fast alle Infektionen an?

Der Dispersionsfaktor k ist für Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 aber noch nicht genau bestimmt. Man geht aufgrund diverser Studien bisher allerdings von einer großen bis mittelgroßen Streuung aus. Experten rechnen damit, dass er höher liegt als bei Sars und Mers (k = 0,25), aber niedriger als bei der Grippe. Eine Studie aus Hongkong vom Epidemiologen Gabriel Leung und Kollegen aber lässt Schlüsse zu, dass 20 Prozent der Infizierten ungefähr 80 Prozent der Infektionen lostreten. Das vermutet auch Christian Drosten von der Berliner Charité – und eine Studie von Endo et.al von der London School of Hygiene and Tropical Diseases geht in einem Preprint (einer bisher nicht bestätigten Vorveröffentlichung einer Studie) sogar von einem k-Wert von 0,1 aus, bei der zehn Prozent der Erkrankten für 80 Prozent der Infektionen verantwortlich sein könnten. Andere Forscher gehen wiederum von höheren Werten aus. Dennoch sei der Hauptinfektionsweg nach wie vor die Tröpfcheninfektion, erklärt Infektionsbiologe Udo Buchholz aus der Fachabteilung für respiratorische Erkrankungen beim RKI gegenüber "Quarks".

Welche Rolle spielen Superspreader wirklich?

Jetzt haben US-amerikanische Forscher in einer Studie herausgefunden, welche Rolle Superspreader tatsächlich spielen. Genaues war bisher nicht bekannt. Sie haben dazu 60 wissenschaftlich dokumentierte Superspreader-Events ausgewertet. Bei denen steckte durchschnittlich ein Infizierter 20 weitere Menschen an. Felix Wong und James Collins vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) stellen damit fest: Diese Superspreader können sogar Pandemie-Treiber sein.

Die untersuchten Events waren vollkommen unterschiedlich: Chorproben, soziale Kontakte, etwa bei Feiern, Gottesdienste, Baustellen, Ski-Resorts, Seminare, aber auch Krankenhäuser. In einem Apartment-Komplex in Hong Kong hatten sich sogar 187 Menschen angesteckt.

"Diese wirklich großen Superspreader-Ereignisse mit zwischen zehn und 100 infizierten Personen treten viel häufiger auf, als wir erwartet hatten", beschreibt Felix Wong die Ergebnisse. Ein gefährlicher Fund. Denn solche Events scheinen zahlreich zu sein – auch mit den lockeren Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate. So können immer wieder Treiber der Pandemie auftreten.

Die Forscher haben jetzt ein mathematisches Modell für die Covid-19-Übertragung entwickelt. Das Fazit: Superspreading-Events lassen sich am besten verhindern, wenn Zusammenkünfte auf zehn oder weniger Personen beschränkt werden. "Wenn wir die Superspreader-Events unter Kontrolle bringen können, haben wir eine viel größere Chance, diese Pandemie unter Kontrolle zu bringen." Denn was dazu kommt: Wer sich bei einem Superspreader-Event ansteckt, trägt das Virus vor allem in den eigenen Haushalt. So entstehen viele kleine weitere Infektionsketten.

Blick auf Hotspots – und auf geschlossene Räume

Die Einschränkungen haben bereits viele Superspreading-Events ausgeschlossen. Doch nicht alle Masseninfektions-Quellen sind versiegt. Das Problem: Den wenigsten Covid-19-Patienten ist anzusehen, dass sie ansteckend sind. Wir müssen also noch genauer schauen, welche Ereignisse es sind, bei denen Infektionen wahrscheinlich sind und bei denen ein einzelner Mensch Viren leicht verteilen kann.

Was helfen kann? Erhöhte Aufmerksamkeit, wenn viele Leute aufeinander treffen müssen, sowie das Tragen von Masken. In Schulen und Kitas etwa sowie in Pflegeheimen oder bei der Arbeit können Konzepte helfen, die darauf abzielen, dass so viel Abstand wie möglich eingehalten werden kann. Massenveranstaltungen, etwa große Konzerte oder Fußballspiele scheinen im Sommer mit viel Abstand gut gelaufen zu sein. Im Winter, ohne frische Luft, werden sie erst einmal schwierig umsetzbar sein. Und auch private Treffen mit mehr als ein paar Menschen – derzeit sowieso wieder verstärkt untersagt – sollten wir auch aus eigenem Interesse derzeit lieber sein lassen.

Warum Ansammlungen in geschlossenen Räumen die Infektionen treiben, haben japanische Forscher herausgefunden: Das Risiko für eine Übertragung von Viren in geschlossenen Räumen ist fast 19-mal höher ist als im Freien.

Aber ausschließen lässt sich bisher nicht, dass ein solches Masseninfektions-Ereignis nicht auch im Freien stattfinden kann, etwa bei einer Demonstration oder auf einem Festival. Denn es kommt offenbar auch darauf an, wie lange man in der unmittelbaren Nähe einer infektiösen Person steht. Und ob derjenige vielleicht laut singt, spricht oder grölt. Wind und Sonne können Virusteilchen möglicherweise zu einem gewissen Grad verwirbeln und unschädlich machen. Doch hundertprozentig ist auch das noch nicht geklärt.

Kontaktpersonen müssten direkt isoliert werden

Auch Virologe Christian Drosten erklärt in seinem NDR-Podcast "Coronavirus Update" viel zum Thema Superspreader. Er empfahl bereits im Mai einen Strategiewechsel an manchen Stellen: "Wenn wir einen Fall entdeckt haben, müssen wir verstärkt schauen, hatte der in der letzten Zeit eine Sozialsituation, die verdächtig ist im Hinblick auf ein 'Superspreading-Event'", erklärt er im Podcast. "Wenn der Infizierte in so einer Verdachtssituation war, muss man alle Personen, die ebenfalls in dieser Verdachtssituation gewesen sind, als infiziert betrachten und sofort isolieren."

Damals hatte Christian Drosten noch Hoffnung: "Ich glaube so langsam, dass wir sogar eine Chance hätten, mit dieser generellen Steuerung von Maßnahmen sogar ohne Impfung glimpflich in den Herbst und in den Winter zu kommen. Ohne eine tödliche neue zweite Welle", sagte er damals im NDR-Podcast. Heute wissen wir: Das wird nichts. Die Zahlen steigen rapide, die Intensivkapazitäten werden möglicherweise bald an ihre Grenzen kommen. Woran liegt das? Sind wir zu unvorsichtig geworden über den teilweise fast schon "normalen" Sommer? Liegt es an feiernden jungen Leuten, an Maskenverweigerern, oder doch an Kindern? Klar ist: Infektionsketten lassen sich derzeit nicht zurückverfolgen, und somit auch keine Cluster erkennen. Das macht es schwierig.

Was sich sagen lässt: Es scheint so, als steckten die meisten Infizierten nur wenige bis keinen an, wenige Infizierte aber sehr viele. Das wiederum zeigt: Wir können durch unser eigenes Verhalten viel Einfluss auf die Ausbreitung des Coronavirus nehmen: Weiterhin Abstand halten und in geschlossenen Räumen möglichst lüften. Außerdem Maske tragen, um zumindest Tröpfchen abzufangen. Zudem lieber im kleinen Kreis treffen und Geburtstage und Co auf den Sommer verschieben. Dies kann einen großen Teil dazu beitragen, die Pandemie einzudämmen. Auf große Massenveranstaltungen wie Fußball im Stadion, Konzerte und Co werden wir allerdings wohl erst einmal wieder verzichten müssen. Nichtsdestotrotz: Es liegt zu einem großen Teil auch an uns und unserem Verhalten. Soziale Kontakte sind wichtig, ja. Aber müssen Feiern derzeit wirklich sein?

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Quellen und Studien:

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