Aktualisiert: 29.09.2020 - 09:49

Ist das überhaupt erlaubt? Visier statt Maske: Darum bringen die Plastikdinger nichts

Maske oder Visier? Für die Experten ist die Lage klar.

Foto: imago images / Hans Lucas

Maske oder Visier? Für die Experten ist die Lage klar.

Vermehrt sieht man Menschen mit Plastikvisier vor dem Gesicht statt Mund-Nasen-Maske. In den wenigsten Bundesländern ist das ohne Einschränkung erlaubt. Aber wer darf? Wer sollte? Und vor allem: Bringt der Plastikschutz sowohl Trägern als auch den Umstehenden wirklich etwas?

Der Hauptgrund, warum überall in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen derzeit Maskenpflicht herrscht, ist der des Fremdschutzes vor dem Coronavirus: Wenn alle eine solche Maske dort tragen, wo nicht immer Abstand gehalten werden kann, ist allen etwas mehr geholfen. Ein klein wenig kann die richtige Maske aber gleichzeitig den Träger schützen. Doch was ist mit Plastikvisieren? Helfen die gegen die Ausbreitung des Coronavirus?

Plastikvisiere statt Maske: Nur für wenige empfohlen

Es sieht im ersten Moment fast noch befremdlicher aus als eine Mund-Nasen-Bedeckung aus Vlies oder Stoff: Ein gebogenes, transparentes Schild aus Plastik, das mit einem Ring um den Kopf befestigt wird. Die Alternative zum Mundschutz bzw. der Mund-Nasen-Maske wird beliebter, wird das Atmen darunter doch gefühlt vereinfacht. Das Plastikteil hat Vorteile – aber leider auch viel mehr Nachteile.

Klar ist: Nicht jeder verträgt die Masken. Sie durchfeuchten schnell, weshalb man sie regelmäßig wechseln sollte. Beim Fahren mit den Öffis oder beim Einkaufen ist das meist kein Problem. Doch Menschen, die bei der Arbeit Maske tragen müssen, etwa in Restaurants, tun sich zuweilen schwer, allein weil es oft an Material fehlt.

Zudem gibt es Ausnahmen der Maskenpflicht für jene, die aus gesundheitlichen Gründen Probleme damit haben. Das sind etwa COPD-Patienten oder solche mit sehr starkem Asthma sowie Menschen mit Demenz oder psychischen Einschränkungen. Hier sind ärztliche Atteste möglich, das Visier ist hier aber immerhin ein Zeichen dafür, dass sie zumindest einen kleinen Teil zum Allgemeinwohl beitragen. Denn der Fremdschutz bleibt beim Visier mehr auf der Strecke als bei der Maske.

Immerhin schützt ein Gesichtsvisier auch die Augen, über die Coronaviren und andere Erreger auch eine Eintrittspforte in den Körper finden. Der Träger fasst sich zudem nicht so leicht einfach so ins Gesicht. Anders sieht das bei den kleineren Kinnvisieren aus, die nach oben offen sind.

Doch das Visier hat Nachteile

Das große Problem aber an Visieren ist, dass die Schutzwirkung als Eigenschutz nicht hinreichend belegt, als Fremdschutz mittlerweile erwiesenermaßen schlecht ist. Eine Mund-Nasen-Bedeckung gilt bei Privatpersonen weniger dem Eigenschutz sondern dem Fremdschutz und soll da helfen, wo nicht immer auf den viel wichtigeren Abstand geachtet werden kann.

Auch ein Plastikvisier kann Tröpfchen abfangen. Es gibt aber zwei Tröpfchenarten zu unterscheiden, wie etwa der Virologe Alexander Kekulé in seinem MDR-Kompass zu bedenken gibt: So gebe es die großen Tröpfchen, die beim Husten, Niesen und auch beim Sprechen ein Stück nach vorne fliegen und dann zu Boden fallen. Sie bleiben an einem Visier hängen. "Das ist die klassische Tröpfcheninfektion und würde mit dem Visier verhindert", so Kekulé.

Die kleinen Tröpfchen aber, die Aerosole, sind feinste Flüssigkeitströpfchen, die mit Virenpartikeln gespickt sein können. Sie halten sich verhältnismäßig lange in der Luft. Ihre Rolle spielt im Infektionsgeschehen, so zeigen es neueste Erkenntnisse, eine nicht geringe Rolle. Kekulé schätzte ihren Anteil an Infektionen mit Sars-CoV-2 auf zehn bis 20 Prozent. Das RKI aber fasst mittlerweile wie folgt zusammen: "In der Übertragung spielen Tröpfchen wie auch Aerosole (feinste luftgetragene Flüssigkeitspartikel und Tröpfchenkerne, <5µm), die längere Zeit in der Luft schweben können, eine Rolle, wobei der Übergang zwischen den beiden Formen fließend ist."

Je kleiner das Visier, desto geringer der Schutz

Denn sobald etwa jemand in sein Visier niest oder hustet, werden zwar Tröpfchen an der Scheibe kleben bleiben, sich jedoch zu einem gewissen Teil auch aufspalten und als feiner "Nebel" nach allen offenen Seiten ausbreiten. Je kleiner das Visier, desto mehr fliegt daran vorbei. Und je weiter das Visier vom Gesicht absteht, desto weniger wird aufgehalten.

Sowohl Tröpfchen- als auch Aerosolinfektionen lassen sich am besten verhindern, wenn auf Abstand geachtet wird, und zwar für längere Zeit. Ein Visier schlägt Kekulé dann vor, wenn jemand nicht gerade Risikopatienten begegne oder nicht länger mit anderen in einem geschlossenen Raum sei und spreche.

Gerade bei langen Gesprächen in geschlossenen Räumen oder auch ohne Abstand an der frischen Luft jedoch können sich Aerosole in der Luft anreichern, bestätigt auch Kekulé. Abstand halten ist der beste Schutz gegen das Coronavirus. Aber dann biete selbst ein Zwei-Meter-Abstand keinen ausreichenden Schutz. Und auch kein Visier.

Das Institut für medizinische Virologie der Universität Frankfurt ergänzt, dass so ein Visier eher eine ergänzende Maßnahme sei. Als alleiniger Schutz tauge es nichts, da es kein geschlossenes System sei, heißt es beim "Deutschlandfunk". Das RKI bestätigt: "Die Verwendung von Visieren kann nach unserem Dafürhalten nicht als gleichwertige Alternative zur MNB [Anm. d. Red.: Mund-Nasen-Bedeckung] angesehen werden."

Japanische Forscher hingegen fanden sogar heraus, dass Aerosole von einer Größe von 5 µm – also die Größe, die laut RKI als Grenze gilt, bis wohin man von einem Aerosol spricht – bei Gesichtsvisieren nahezu komplett entweichen können.

Neue Studie veranschaulicht Flugweg von Atemluft bei Visieren

US-amerikanische Forscher der Florida Atlantic University haben nun in einer im Journal "Physics of Fluids" eine weitere Studie veröffentlicht, für die sie die Schutzfunktionen von Masken verschiedener Art sowie von Plastikvisieren mithilfe einer Puppe verdeutlicht haben. Zeigen konnten sie dies mit einem Video, in dem Tröpfchen mithilfe von Lasern sichtbar gemacht wurden. Das Video zeigt, dass ein Visier zwar die Vorwärtsbewegung der Luft erst einmal blockiert, doch auch größere Tröpfchen sowie ganz klar Aerosole können sich dann am Visier vorbei im umliegenden Raum verteilen – und auch vom Träger wieder eingeatmet werden. Das Argument, das Maskengegner gerne bringen – man atme die eigene Luft ja wieder ein – zieht also auch bei einem Visier nicht.

Florida Atlantic Univesity: Gesichtsvisiere getestet

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen die Wissenschaftler übrigens auch bei Masken mit Ventil. Zwar fällt das Atmen unter diesen fest sitzenden Masken leichter. Als Fremdschutz eignen sie sich aber nicht, weil die ausgeatmete Luft ungefiltert durchs Ventil herausgedrückt und verteilt wird.

Zusammengefasst: Das sind die Vor- und Nachteile von Visieren

Vorteile:

  • Das Gesicht ist vollständig zu sehen
  • Der Träger kann komplett frei atmen
  • Die Augen sind bei Gesichtsvisieren vor Fremdeinwirkung besser geschützt
  • Der Träger fasst sich mit Gesichtsvisier nicht so schnell ins Gesicht
  • Es durchfeuchtet nicht

Nachteile:

  • Das Visier ist noch weniger abgeschlossen als die Maske
  • Es kann beschlagen
  • Die Augen sind vor der eigenen Luft nicht geschützt
  • Eigenschutz ähnlich schlecht wie bei Masken
  • Weit weniger Fremdschutz als gut sitzende Masken

Warum Masken die bessere Wahl sind

Damit die Mund-Nasen-Maske eine bessere Schutzwirkung hat als ein Visier, muss sie richtig angelegt sein: über Mund UND Nase. Dabei sollte sie möglichst eng anliegen, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erklärt. Eine Mund-Nasen-Bedeckung könne die Geschwindigkeit des Atemstroms oder des Speichel-/Schleim-Tröpfchenauswurfs reduzieren, heißt es seitens BfArM. "Visiere dagegen könnten i.d.R. maximal die direkt auf die Scheibe auftretenden Tröpfchen auffangen".

Entgegen mancher Meinungen schaden Masken übrigens nicht der Gesundheit, wenn sie korrekt getragen und regelmäßig gewechselt werden: Es sammelt sich z. B. keine gesundheitsschädliche Menge CO2 hinter der Maske. Verglichen damit kann ein nicht gelüfteter Raum nicht nur aufgrund potentieller Virendichte, sondern auch aufgrund des steigenden CO2-Gehalts sogar gefährlicher sein. Auch bei Masken-tragenden Kindern gibt eine Ärztin Entwarnung.

Alle Infos rund um Mund-Nase-Schutzmasken
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Visier als Alternative: Nur in zwei Bundesländern ohne Einschränkung erlaubt

Die meisten Bundesländer lassen Visiere als Alternative zur Atemmaske übrigens nur zu, wenn gesundheitliche Probleme dies erfordern. Erlaubt ist die Alternative in Hessen und Hamburg sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, wobei die Mund-Nasen-Bedeckung klar empfohlen wird. In Schleswig-Holstein müssen Dienstleister mit gesichtsnahem Kontakt zu Kunden sowohl Maske als auch Visier tragen.

Mehr Artikel rund um das Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

Verma et al. (Physics of Fluids, 2020): "Visualizing droplet dispersal for face shields and masks with exhalation valves"

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