20.05.2020 - 19:05

Kinderärzte erklären die Lage Kawasaki-ähnliches Syndrom: Darum sollten Eltern jetzt nicht in Panik verfallen

Kindern kann das Coronavirus anscheinend nicht so viel anhaben – doch manche entwickeln starke Komplikationen. Was es mit dem Hyperinflammationssyndrom auf sich hat, das dem Kawasaki-Syndrom ähnelt.

Foto: iStock/coscaron

Kindern kann das Coronavirus anscheinend nicht so viel anhaben – doch manche entwickeln starke Komplikationen. Was es mit dem Hyperinflammationssyndrom auf sich hat, das dem Kawasaki-Syndrom ähnelt.

Die Meldungen häufen sich gefühlt – doch kommen Komplikationen bei Kindern nach einer Coronavirus-Infektion extrem selten vor.

Den wenigsten Kindern scheint das Coronavirus etwas anhaben zu können. Wenn sie überhaupt Symptome bekommen, scheint die Krankheit Covid-19 meist mild zu verlaufen. Doch in den vergangenen Wochen ploppten Meldungen zu schweren Komplikationen bei Kindern hervor: Kinderärzte beobachten in verschiedenen Ländern eine Art Hyperinflammationssyndrom, das dem Kawasaki-Syndrom zu ähneln scheint und vermutlich am Coronavirus liegt. Doch ein Kinderarzt warnt Eltern, jetzt nicht in Panik zu verfallen.

Kawasaki-ähnliches Syndrom: Hyperinflammation bei Kindern nach Corona-Infektion

230 mögliche Fälle scheint es in der EU und in Großbritannien bisher gegeben zu haben, erklärt die EU-Seuchenschutzbehörde ECDC. Demnach seien zwei Kinder verstorben. Die Warnmeldungen häuften sich: Sind Kinder vielleicht doch nicht so immun, wie wir alle dachten? Doch gegenüber dem Spiegel gibt der Kinderarzt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie Entwarnung: Die Fälle seien bisher sehr selten – Kinder behalten ihr generell niedriges Risiko bezüglich Covid-19.

Was ist das Kawasaki-Syndrom?

Beim Kawasaki-Syndrom handelt es sich um eine überschießende Entzündungsreaktion, die vor allem bei kleinen Kindern vorkommen kann. Genauer wird so eine Gefäßentzündung der kleinen und mittleren Arterien beschrieben, möglicherweise auch unter Beteiligung der Herzkranzgefäße. Betroffen sind meist Kinder zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr, die unter Symptomen leiden wie Fieber bis 40 °C über mehrere Tage ohne Reaktion auf Antibiotika, beidseitig nichteitrige Augenentzündungen, Erdbeerzunge sowie hochrote und rissige Mundschleimhäute und Lippen, Rötungen und Schwellungen an Handtellern und Fußsohlen, später Schuppungen an Fingern und Zehen, nicht juckender Hautausschlag oder geschwollene Halslymphknoten.

Dr. Hübner erklärt aber: "Wer Kinder hat, weiß: Diese Beschwerden treten sehr oft auch auf, wenn Kinder einen banalen viralen Infekt haben." Beim Kawasaki-Syndrom aber halte das Fieber meist sehr lange an und bleibe hoch. Auch müsse man beobachten, ob sich die Herzkranzgefäße erweitern. In Deutschland gebe es, so Hübner, jährlich etwa 200 bis 300 Fälle des echten Kawasaki-Syndroms. "Es ist keine Krankheit, die Kinderärzten große Sorgen bereitet, denn die Kinder überstehen sie in den allermeisten Fällen sehr gut."

Was genau das Syndrom auslöst, ist noch nicht ganz bekannt. Ärzte gehen davon aus, dass Virusinfektionen eine Rolle spielen, da hier das Immunsystem überreagieren kann – wie es ja bei Covid-19 auch bei Patienten möglich ist. Mehr dazu: Covid-19: Das macht das Coronavirus im Körper

Hyperinflammationssyndrom betrifft eher ältere Kinder

Das Kawasaki-Syndrom tritt vor allem im ostasiatischen Raum auf. Das neuartige Hyperinflammationssyndrom aber, das mit Sars-CoV-2 bzw. mit Covid-19 in Verbindung gebracht wird, findet sich aber auch in Europa. Anders als beim Kawasaki-Syndrom sind hier eben nicht vor allem Kleinkinder betroffen, sondern Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 15 Jahren, erklärt Dr. Hübner.

Dass die hier auftretenden Symptome sich zum klassischen Kawasaki-Syndrom unterscheiden, erklärt auch Prof. Ania Muntau, Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gegenüber "deutschlandfunk.de": "Häufig stehen Magen-Darm-Probleme bei den Kindern im Vordergrund, Bauchschmerzen, Zeichen einer Blinddarmentzündung, Erbrechen, Durchfall." Auch sie berichtet von eher älteren Kindern und beschreibt, dass sämtliche Organe von der Entzündung betroffen sein können: "Was die Eltern zunächst sehen können, ist hohes, anhaltendes, therapieresistentes Fieber, entzündete Bindehäute der Augen, geschwollene Lymphknoten, Ausschläge – das sind so die typischen Merkmale."

Bei jungen Leuten treten in Verbindung mit Covid-19 auch Hautreaktionen vermehrt auf.

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Deutschland noch nicht schwer betroffen

In Deutschland gibt es aber bisher kaum Berichte des Syndroms. Daher beruhigt Dr. Hübner erneut: "Bisher sind es maximal eine Handvoll Fälle. Ich kann Eltern nur raten, sich keine großen Sorgen zu machen." Er rät dagegen: "Falls Ihr Kind hohes Fieber hat und krank ist, gehen Sie zum Kinderarzt. Wir kennen das Krankheitsbild und können die Kinder diagnostizieren und behandeln, falls dies nötig sein sollte."

Auch Prof. Muntau warnt gegen Panik, aber rät zu früher Diagnose: "In Deutschland haben wir im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 insgesamt erst fünf Fälle eines solchen, wir sagen eher pädiatrisch-inflammatorischen multisystemischen Syndroms gesehen, also in Deutschland bisher wirklich ganz, ganz wenig Fälle." Sie vergleicht nochmal die Komplikationen am Herzen beim klassischen Kawasaki-Syndrom – denen man aber auch durch frühzeitiges Erkennen Einhalt gebieten könne, so dass keine bleibenden Schäden am Herzen bleiben: "Deswegen sind wir so dahinter her, dass wir diese Kinder frühzeitig sehen, weil wir eine Therapie in Händen haben und die sehr wahrscheinlich auch wirksam ist, wenn sie durch Sars-CoV-2 ausgelöst wird."

Denn auch in Zeiten des Coronavirus ist es wichtig, dass bei Symptomen jeglicher Art ärztlicher Rat eingeholt wird! Bei auf das Coronavirus zutreffenden Symptomen wie Fieber und trockenem Husten rufen Sie am besten zunächst an. Sollten die Beschwerden aber so akut sein, dass Lebensgefahr besteht, zögern Sie bitte nicht, den Notruf zu kontaktieren!

Quellen: Spiegel.de, deutschlandfunk.de, klinikum-stuttgart.de, ECDC: Rapid risk assessment: Paediatric inflammatory multisystem syndrome and Sars-CoV-2 infection in children

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