30.05.2020 - 15:41

Experte im Gespräch Multiple Sklerose: Neue Behandlungsmöglichkeiten erklärt

Am 30. Mai ist weltweiter Multiple-Sklerose-Tag. Unser Experte erklärt die Hintergründe zur rätselhaften Krankheit.

Foto: iStock/Chinnapong

Am 30. Mai ist weltweiter Multiple-Sklerose-Tag. Unser Experte erklärt die Hintergründe zur rätselhaften Krankheit.

Die Multiple Sklerose ist rätselhaft, tritt sie doch in so vielen Varianten auf. Unser Experte, Prof. Dr. Kleinschnitz, erklärt die Unterschiede zwischen den Verlaufsformen, berichtet über neue Behandlungen und gibt Tipps für Erkrankte und deren Angehörige.

Jedes Jahr am 30. Mai ist Welt-MS-Tag. Multiple Sklerose ist vielen gar nicht so richtig ein Begriff – ist die Krankheit doch enorm vielschichtig. Betroffene leiden unter unzähligen Symptomen, die Außenstehende oft nicht nachvollziehen können. Eine Verlaufsform tritt in Schüben auf, eine andere wiederum kommt schleichend – aber für letztere gibt es neue Behandlungsideen. Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, stand uns Rede und Antwort und erklärt im Interview, was die Multiple Sklerose ausmacht und wie neue Behandlungsansätze helfen können.

Multiple Sklerose: Krankheit der tausend Gesichter

Multiple Sklerose wird ja auch oft “Krankheit der tausend Gesichter” genannt. Was genau bedeutet das und warum macht das die Behandlung sowie die Suche nach neuen Therapien so schwierig?

Prof. Dr. Kleinschnitz: "Die Bezeichnung "Krankheit der tausend Gesichter" bezieht sich auf die unterschiedlichen Symptome, die die Multiple Sklerose auslösen kann. Dazu zählen zum Beispiel Sehstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Missempfindungen, Taubheitsgefühle und auch Lähmungen. Man weiß, dass MS eine durch das Immunsystem bedingte Erkrankung ist. Nicht bekannt ist, wodurch MS letztlich ausgelöst wird und ob es überhaupt die eine auslösende Ursache gibt. Zudem gibt es verschiedene Verlaufsformen der Erkrankung. Das alles macht es in gewisser Weise schwierig, Ansätze für mögliche Therapien zu finden."

Was genau passiert bei einer Multiplen Sklerose? Können Sie dies kurz zusammenfassen?

"Bei MS richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Bestandteile im Gehirn und Rückenmark. Das heißt, Entzündungszellen, sogenannte T-Zellen, wandern aus dem Blut ins Gehirn und Rückenmark und greifen dort Nervenhüllen an. Die Nervenhülle, die ähnlich wie die Isolierung eines Stromkabels den Nerv schützt, wird zerstört. Als Folge dessen kommt es zur Zerstörung der Nervenzelle selbst."

Verlaufsformen unterscheiden sich stark

Es gibt mehrere Verlaufsformen der MS. Können Sie diese kurz umreißen?

"80 bis 85 Prozent aller MS-Patienten leiden an der schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (RRMS). Bei einem Großteil der Betroffenen tritt die Erkrankung erstmals zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr auf. Kennzeichnend für diese Verlaufsform sind Erkrankungsschübe. Das heißt, die Patienten entwickeln meist über einen Zeitraum von mehreren Tagen hinweg neurologische Symptome. Das kann zum Beispiel eine Sehstörung mit verminderter Sehschärfe sein. Dieses Symptom besteht einige Tage bis wenige Wochen und klingt dann wieder ab. Zu Beginn der Erkrankung bilden sich die Symptome in der Regel komplett zurück. Im weiteren Verlauf können Defekte, sogenannte Residuen, zurückbleiben. Bezogen auf die Sehstörung mit verminderter Sehschärfe kann das bedeuten, dass der Patient nach dem Schub nicht mehr so scharf sieht wie vorher.

Früher ging die schubförmige MS nach zehn bis 20 Jahren nicht selten in die sogenannte sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform (SPMS) über. In der Praxis zeigt sich aktuell, dass das durch die heute verfügbare Palette an Immuntherapien mittlerweile bei deutlich weniger Patienten passiert. Auch die Zeitspanne bis zum Übergang ist deutlich länger geworden. Charakteristisch für die sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform ist ein Abnehmen der Schübe. Die Erkrankung schreitet langsam und kontinuierlich fort. Bestehende Behinderungen können sich immer weiter verschlechtern.

Davon abzugrenzen ist die primär chronisch-progrediente Multiple Sklerose (PPMS). Bei dieser Verlaufsform treten zu keinem Zeitpunkt Erkrankungsschübe auf. Man spricht von einem schleichenden Krankheitsverlauf. Es kommt zu einer schleichenden Verschlechterung des Gehvermögens, des Gedächtnisses, des Gleichgewichts und häufig auch der Harnblasenfunktion. Verglichen mit der schubförmigen MS sind die Patienten bei Erkrankungsbeginn meist älter."

Neue Behandlungsmethoden vor allem bei PPMS vielversprechend

Diese schleichende MS (PPMS), verläuft also nicht in Schüben, sondern kommt schleichend. Lange gab es keine Therapien. Welche Möglichkeiten gibt es mittlerweile, welche lassen hoffen?

"Die primär progrediente MS kann seit einiger Zeit mit einem monoklonalen Antikörper, der sich gegen B-Zellen richtet, behandelt werden. B-Zellen sind bestimmte Immunzellen, die Antikörper produzieren und eine zentrale Funktion für die Immunantwort haben – also für die Reaktion des Immunsystems auf fremde Organismen oder Substanzen. Der eingesetzte Antikörper zerstört diese Zellen.

Darüber hinaus werden weitere Wirkstoffe zur Behandlung der primär progredienten MS in klinischen Studien erprobt. So laufen zum einen Therapiestudien zur Nervenregeneration. Hier wird versucht, ob durch den Einsatz bestimmter Medikamente kaputtgegangene Nervenzellen und Nervenhüllen wieder "repariert" werden können. Im Gegensatz dazu verfolgen Studien zur Neuroprotektion den Ansatz, die Zerstörung von Nervenzellen und Nervenhüllen durch Medikamente zu verhindern."

Warum können diese neuen Behandlungsmöglichkeiten vor allem für Patienten mit schleichender MS hilfreich sein?

"Bei der schleichenden MS (primär chronisch-progrediente MS) spielt sich die Entzündung im Gegensatz zu anderen Verläufen direkt im Gehirn ab. Wahrscheinlich nicht nur an bestimmten Stellen, sondern diffus verteilt über das ganze Gehirn. Man kann sich vereinfacht gesagt vorstellen, dass der B-Zell gerichtete Antikörper die Entzündung direkt im Gehirn angreift und das Zugrundegehen von Nervenzellen verhindert."

Immunsystem spielt bei PPMS möglicherweise eine Rolle

Warum kommt die PPMS häufiger bei älteren Patienten vor, während die schubförmig remittierende MS (RRMS) auch jüngere betrifft?

"Das ist eine ungelöste Frage, die derzeit nicht wissenschaftlich fundiert beantwortet werden kann. Es könnte aber sein, dass die primär chronisch-progrediente MS häufiger bei älteren Patienten auftritt, weil auch das Immunsystem gewissen Alterungsprozessen unterliegt. Der Anteil bestimmter Immunzellen zueinander verhält sich bei jüngeren Menschen anders als bei älteren."

Wie zeichnet sich das Leidensbild der von PPMS betroffenen Menschen aus? Haben Betroffene bei dieser Form der Erkrankung überhaupt “gute” Zeiten?

"Prinzipiell sind nicht alle PPMS-Patienten gleich betroffen. Die Erkrankung verläuft individuell sehr unterschiedlich: Bei manchen verläuft die MS sehr mild, bei anderen Patienten verläuft sie deutlich schneller. Viele dieser Patienten haben gute Zeiten, vor allem, wenn die Erkrankung medikamentös behandelt wird. Zudem besteht die Möglichkeit, symptomatisch zu behandeln."

Wie ließen sich bisher Symptome dieser Form behandeln bzw. “aushaltbar” machen?

"Treten zum Beispiel Gehstörungen auf, kann Krankengymnastik verordnet werden. Auch bei Muskelspastiken, also angespannten und schmerzenden Muskeln, können Arzneimittel und therapeutische Übungen helfen. Klagen Patienten über Nervenschmerzen oder Störungen der Blasenfunktion können Medikamente auch in diesen Fällen Abhilfe schaffen."

Konnten Sie bereits Erfolge der neuen Behandlungsformen erkennen? Wie äußern sich diese?

"Durch die Behandlung mit dem B-Zell gerichteten Antikörper nehmen die MS-bedingten Entzündungen ab. Das wirkt sich positiv auf die Entwicklung und Zunahme von Behinderungen aus, die im Verlauf der MS auftreten können. Patienten mit schleichender MS entwickeln unter dem Antikörper meist deutlich langsamer und weniger Behinderungen."

Wie lassen sich die Einschränkungen in der Lebensqualität durch die schweren Symptome neben medikamentösen Behandlungen ausgleichen? Etwa durch Physiotherapie oder durch ein Ändern der Lebensgewohnheiten?

"Neben Physiotherapie können MS-Patienten von körperlicher Betätigung profitieren. Regelmäßige Bewegung kann sich positiv auf den Erkrankungsverlauf und die Psyche Betroffener auswirken. Auch Ernährungsgewohnheiten können die Erkrankung positiv beeinflussen. Ratsam ist eine ausgewogene Mittelmeerdiät, wie verschiedene Untersuchungen zeigen. Wichtig sind zudem soziale Kontakte und ein gefestigtes soziales Umfeld."

Die Mittelmeer-Diät, auch mediterrane Diät genannt, hat im großen Diät-Ranking Anfang des Jahres übrigens den ersten Platz abräumen können! Sie ist einfach umzusetzen, nicht von Verboten geprägt und wirkt sich dennoch positiv auf die Gesundheit aus.

Unterstützung auf physischer, vor allem aber auch psychischer Ebene wichtig

Wie können Ihrer Meinung nach Angehörige und enge Freunde Erkrankte unterstützen?

"Besonders wichtig ist es, Erkrankte nicht zu stigmatisieren, also sie zum Beispiel als behindert zu bezeichnen. Angehörige und Freunde sollten vor allem zuhören, die Probleme Betroffener ernst nehmen und ihre Unterstützung und Hilfe anbieten. Etwa bei alltäglichen Dingen wie dem wöchentlichen Einkauf, der für Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu einem unlösbaren Problem werden kann."

Was tun bei MS in Corona-Zeiten?

Bei der Behandlung der MS kommen in manchen Fällen auch Immunsuppressiva zum Einsatz, also Medikamente, die die Immunabwehr herabsetzen. Wie schätzen Sie die Gefahr der Betroffenen etwa in Zeiten der Coronavirus-Krise ein?

"Diese Frage verunsichert aktuell viele Patienten und Ärzte. Bei aller Vorsicht – es liegen noch nicht viele Daten zu MS und Covid-19 vor – scheint es so zu sein, dass zumindest für Patienten mit schubförmiger MS per se keine größere Gefahr von Covid-19 ausgeht. Erkranken Menschen mit schubförmiger MS am Coronavirus, scheint die Erkrankung nicht schlimmer zu verlaufen als bei anderen. Das gilt auch für Patienten, die immuntherapeutisch behandelt werden.

Anders sieht es bei Erkrankten mit primär chronisch-progredienter MS aus. Diese sind meist älter und haben häufig auch Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Damit gehören sie im Zusammenhang mit Covid-19 zu den Risikogruppen."

Auch wenn noch an den Ursachen der MS geforscht wird und die Anzeichen vielfältig sind. Einige Symptome treten bei Multipler Sklerose häufiger auf.

Zum Experten: Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz ist Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.

Weitere Informationen gibt es unter anderem bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft und aMSel, das Multiple Sklerose Portal, sowie MSlife.

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen