Aktualisiert: 12.01.2021 - 09:40

Jetzt zugelassen Coronavirus: Dieser Urintest warnt vor schwerem Verlauf

Ein schneller Urintest kann möglicherweise Leben retten: Bestimmte Werte verraten nämlich, ob Covid-19-Patienten ein schwerer Verlauf droht.

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Ein schneller Urintest kann möglicherweise Leben retten: Bestimmte Werte verraten nämlich, ob Covid-19-Patienten ein schwerer Verlauf droht.

Ein Urintest kann schon frühzeitig zeigen, ob einem Covid-19-Patienten ein schwerer Verlauf der Krankheit droht. Tests bei der Aufnahme ins Krankenhaus könnten demnach viele Betroffene retten. Jetzt hat ein solcher Test eine Sonderzulassung bekommen. Bis er zum Standardrepertoire gehört, wird es aber noch dauern – denn noch ist er sehr teuer.

Covid-19 hat einen anderen Verlauf als viele bekannte Infektionskrankheiten: Die Krankheit beginnt meist mit milden Symptomen. Erst nach rund einer Woche kommt es bei manchen Patienten zu einer Verschlimmerung, die den Zustand mitunter drastisch verschlechtert. Noch konnte man nicht herausfinden, wem ein schwerer Verlauf droht. Bis jetzt.

Denn schon Tage bevor die Erkrankung an Schwere hinzugewinnen kann, sind bestimmte Marker im Urin zu finden: Ein Urintest gibt einen Hinweis auf den Verlauf von Covid-19. Dieser könnte schon bei der Einweisung in die Klinik gemacht werden und auch für Patienten in Pflegeheimen oder gar für zu Hause hilfreich sein und eine frühzeitige Therapie möglich machen, mit der sich sogar Todesfälle verhindern lassen.

Jetzt hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einem solchen Urintest eine befristete Sonderzulassung bis Ende Februar erteilt.

Urin gibt frühzeitig Hinweise auf den Verlauf von Covid-19

Der drastisch einsetzende Verlauf von Covid-19 am Ende der ersten Woche nach Auftreten der ersten Symptome geschieht vor allem bei Risikopatienten mit Vorerkrankungen oder mit hohem Alter manchmal so schnell, dass schon Schäden an Organen (Lunge, Herz, Blutgefäße...) auftreten, bevor überhaupt die Behandlung beginnt. Aber auch bei jüngeren, eigentlich nicht vorerkrankten Menschen kommen schwere Verläufe durchaus vor. Die Gründe dafür sind großteils noch ungeklärt.

Forscher des Universitätsklinikums Göttingen haben bereits im Frühjahr etwas herausgefunden, mit dem die Behandlung schneller einsetzen könnte. "Wir haben Abnormitäten in Urinproben von Patienten mit Covid-19 identifiziert, die dann innerhalb weniger Tage sehr krank wurden", berichten die Wissenschaftler rund um Oliver Gross. Sie haben bei diesen Patienten stark erhöhte Werte von Blut sowie weißen Blutkörperchen und dem Protein Albumin im Urin nachweisen können.

Diese Werte zeigen, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 bereits die Nieren angegriffen hat, die sich entzündet haben. Außerdem deuten sie auf krankhafte Veränderungen von Blutgefäßen und dem Blut hin. Diese Folgen einer Infektion zeigen sich bereits vor dem Auftreten schwerer Symptome, etwa Atemnot und Lungenentzündung.

Die gefundenen Erkenntnisse untermauern Hinweise aus anderen Untersuchungen, dass Sars-CoV-2 bei schweren Fällen schon vor dem Auftreten schwerer Symptome Entzündungen im ganzen Körper, allem voran in den Blutgefäßen verursacht. Covid-19 sorgt bei Patienten unter anderem für Blutgerinnsel .

Erste Erkenntnisse schon im Mai

Bereits im Frühjahr gab es erste Erkenntnisse, wie Marker im Urin anzeigen, ob ein schwerer Covid-Verlauf droht. Dazu war dann noch eine einfache Folgeuntersuchung des Blutes nötig, die den Gehalt des Proteins Albumin in Blut sowie die Konzentration des Blutproteins Antithrombin III bestimmt. Antithrombin III ist dafür verantwortlich, das Blut nicht zu stark gerinnen und sich verdicken zu lassen – eine Art körpereigenes Mittel gegen Thrombosen und anderen Blutgerinnseln.

"Ist auch nur einer von drei Parametern schwer verändert, besteht ein hohes Risiko, dass sich die Erkrankten auf Normalstation zeitnah verschlechtern, auf die Intensivstation verlegt werden müssen oder sich der Verlauf auf der Intensivstation noch verschlechtert", sagt Gross. Im Folgetest wird dann untersucht, ob Antithrombin III auf weniger als 60 Prozent des Normalwertes sowie wenn Albumin im Blutserum auf unter zwei Milligramm pro Deziliter Serum abgesunken sind.

Geschwollenes Lungengewebe sowie Thrombosen und Lungenembolien verhindern

Diese Werte deuten auf krankhafte Gefäß- und Blutveränderungen hin, die aber mit zwei bestimmten Therapien behandelt werden können.

  • So ist zu wenig Albumin im Blut ein Hinweis auf das Capillary-Leak-Syndrom. Bei diesem Syndrom werden die Blutgefäße löchrig, so dass Bluteiweiße und Flüssigkeit in Organe wie etwa das Lungengewebe einsickern können. Das Gewebe schwillt an. Im Falle der Lunge hat das zur Folge, dass weniger Sauerstoff aufgenommen werden kann. Gegen das Syndrom helfen hoch dosierte Entwässerungsmedikamente und Mittel, die den Kreislauf stabilisieren.
  • Zu wenig Antithrombin III im Blut ist ein Indikator für eine deutlich erhöhte Blutgerinnung, durch die Thrombosen oder Lungenembolien drohen. Hier kann mit Blutverdünnern wie Heparin behandelt werden, das, wie die Forscher betonen, hochdosiert verabreicht werden muss, da ein Mangel an Antithrombin III dessen Wirksamkeit verringert.

Heparin wird bereits bei der Behandlung von Covid-19 Patienten mit schwerem Verlauf gegeben, wenn die Gefahr von Thrombosen und Lungenembolien hoch ist. Jetzt könnte man sich bereits frühzeitig auf diese Behandlung einstellen.

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Forscher plädieren für Tests vor der Einweisung ins Krankenhaus

Ein Urintest kann nach Ansicht der Forscher aus Göttingen Leben retten. Daher schlagen sie vor, einen solchen Test schon im Frühstadium von Covid-19 anzusetzen, um lebensbedrohliche Zustandsverschlechterungen schon im Vorfeld ausmerzen zu können und so sogar Todesfälle zu verhindern. Unter anderem könnte so auch so frühzeitig behandelt werden, dass gar nicht erst künstlich beatmet werden muss. Denn Beatmen bei Covid-19 kann den Zustand verschlechtern.

Und noch ein Vorteil: Es könnte gleich die passende Therapie gefunden werden. "Zudem könnten Patienten früher und zutreffender für spezielle Therapien zugeordnet werden", erklärt die ebenfalls an der Forschung beteiligte Simone Scheithauer. "Durch das frühe Erkennen des Capillary-Leak-Syndroms könnten symptomatische präventive Therapien eingeleitet werden und so vielleicht sogar lebensbedrohliche Verläufe verhindert werden."

Test nun im Einsatz – aber nur in wenigen Kliniken

Der nun zugelassene Test wiederum kann auf die Blutprobe verzichten. Der Test wurde in einer vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Studie mit 330 Patienten getestet. Dabei war er in der Lage, schwere von leichten Verläufen mit einer Sicherheit von rund 90 Prozent zu unterscheiden. "Das betroffene Produkt ermöglicht es, auf Basis einer Urinuntersuchung mit hinreichender statistischer Sicherheit eine Aussage zu treffen, ob bei dem untersuchten Patienten bzw. der Patientin ein Komplikationsverlauf im Sinne einer Verschlechterung des WHO-Grades > 6 wahrscheinlich ist", schreibt das BfArM in der Zulassungsbegründung.

Der Urintest DiaPat-CoV-50 arbeitet wie Urintests zur Früherkennung chronischer Nierenerkrankungen, Herzinsuffizienz oder Diabetes mellitus und basiert auf dem Prinzip der Proteomanalyse. "Durch den DiaPat-CoV-50-Urintest sind schwere Krankheitsverläufe schon ab dem 1. Tag der Covid-19-Diagnose prognostizierbar und ermöglichen beispielsweise einen effizienten Einsatz der vorhandenen Medikamente gegen Sars-CoV-2", erklärt Studienleiter Joachim Beige, Chefarzt der Klinik für Nephrologie am Klinikum St. Georg in Leipzig.

Bis zum 28. Februar kann der Test nun erst einmal genutzt werden, allerdings bisher nur an den sieben "Stakob-Zentren" (Ständiger Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger) in Deutschland, in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, Leipzig, München und Stuttgart. Denn bisher kann auch nur ein Speziallabor in Hannover den Test auswerten. Die Kosten liegen derzeit noch bei 850 Euro pro Test. Das Bundesgesundheitsministerium verhandelt aber bereits mit der Herstellerfirma über die zukünftige Preisgestaltung sowie über die Einsatzmöglichkeiten in anderen Kliniken und Labors, heißt es im Ärzteblatt.

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