13.05.2020 - 19:00

Ärzte, "die irgendeinen Quatsch in die Welt setzen" Drosten: Rundumschlag-Kritik an Medien, Ärzten und Verschwörungstheoretikern

In seinem NDR-Podcast kritisiert Charité-Virologie-Chef Christian Drosten die wilde Berichterstattung und die sich darunter mischenden Fake-News und spricht auch über den Ursprung des Coronavirus.

Foto: imago images / photothek

In seinem NDR-Podcast kritisiert Charité-Virologie-Chef Christian Drosten die wilde Berichterstattung und die sich darunter mischenden Fake-News und spricht auch über den Ursprung des Coronavirus.

In seinem Podcast beim NDR informiert Charité-Virologe Christian Drosten über aktuelle Entwicklungen in der Corona-Forschung und gibt Einschätzungen dazu. Dabei übt er auch Kritik an verschiedensten Stellen. Wie er Medien, Aussagen von Ärzten und Verschwörungstheorien einschätzt, und was er von der Gastro-Öffnung hält, hat er kürzlich verraten. Außerdem verrät er mehr über den Ursprung des Virus.

Christian Drosten hat mit anderen Medizinern einen offenen Brief unterzeichnet gegen die Corona-Infodemie. So startet die 40. Folge des NDR-Podcasts mit dem Virologen der Berliner Charité. Und darum geht's auch: Drosten kritisiert nicht nur den Umgang der Medien mit der Krise, sondern auch ungeprüfte Aussagen, Videos und Co – die müssen nicht einmal von Verschwörungstheoretikern stammen, sondern kommen oft auch von Ärzten und Wissenschaftlern – oft fachfremd – und seien einfach nicht durchdacht. Drosten appelliert im Podcast klar an den Alltagsverstand. Und das betrifft auch die Gastro-Öffnungen.

Doch er spricht auch vom Ursprung des Virus – und kritisiert da sogar die Aussagen eines Kollegen, der nicht nur Virologe, sondern auch Nobelpreisträger auf diesem Gebiet ist.

Christian Drosten: Alltagsverstand ist gefragt

Das "Massenphänomen" von verkürzten oder gar irreführenden Schlagzeilen sieht er als "gefährlich" an. So sorgen die Medien für eine "Zersplitterung der öffentlichen Meinung". Aber, so fügt er hinzu, dieses Phänomen werde auch durch Wissenschaftler unterstützt, die "unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Befassung Dinge verbreiten, die einfach nicht fundiert sind."

Falschinformationen zur Corona-Pandemie gibt es mittlerweile so viele, dass es enorm schwer fällt, hier noch zwischen glaubhaften Neuigkeiten und ausgedachtem "Mist" zu unterscheiden. Das stößt Christian Drosten sauer auf, wenn er von den millionenfach abgerufenen Videos "voller Unsinn" und "falscher Behauptungen" erzählt. Es seien zum Teil Ärzte und Professoren dabei, "die irgendeinen Quatsch in die Welt setzen", ohne aber jemals beruflich mit dem Thema zu tun gehabt zu haben. Er betont, er stehe derzeit in der Öffentlichkeit, weil Coronaviren sein Spezialgebiet seien. In dem Umfang würde er sich zu anderen Themen nicht äußern. Zwar nennt er keine Namen, doch er spricht von "scheinbaren Fachleuten", deren Expertise aber in ganz anderen Bereichen liege und was er dort höre, entbehre oft jeder Grundlage. Und das große Problem dabei: Damit werde auch "wirklich gefährlichen Verschwörungstheoretikern" mit teils politischer Agenda der Rücken gestärkt. Das sei, so Drosten, "unverantwortlich".

Im anfangs genannten offenen Brief fordern Ärzte und Wissenschaftler ein härteres Vorgehen seitens sozialer Medien wie Facebook und Twitter, aber auch Google gegen Corona-Falschinformationen. Beim Kampagnen-Netzwerk Avaaz kritisieren die Mediziner und Forscher, dass die bisherigen Maßnahmen nicht weit genug gingen. Das befeuert auch Corona-Leugner.

Drosten empfiehlt: So finden Bürger heraus, was der Wahrheit entspricht

Bei der Flut an Informationen, gespickt mit jeder Menge Unfug, ist es schwer, noch zu erkennen, welche vermeintlich wissenschaftliche Information wirklich der Wahrheit entspricht und welche nicht. Christian Drosten empfiehlt, erst einmal auf die fachliche Kompetenz, also den Titel, zu schauen: So seien Virologen und Bakteriologen zum Beispiel nicht das gleiche.

Dann müsse der Blick darauf fallen, wie sich der vermeintliche Experte spezialisiert habe: Hat er schon etwas zu diesem Thema veröffentlicht? Und wie ist er in der Fachwelt respektiert und akzeptiert? "Wenn das nicht der Fall ist, sollte man davon einfach die Finger lassen und nicht seine Zeit verschwenden, eine halbe Stunde in ein YouTube-Video zu investieren, das voller irreführender Meinungen ist und nicht auf wissenschaftlicher Kenntnis basiert."

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Spekulationen um Herkunft des Virus: Künstliche Erzeugung "vom Tisch"

Verschwörungstheorien gibt es auch zuhauf zum Thema Herkunft des Coronavirus Sars-CoV-2. Zwei Theorien gibt es: die Entstehung auf natürlichem Weg in Form einer "Zoonose", also dem "Sprung" des Virus von einem Tier auf den Menschen, sowie eine künstliche Erzeugung in einem Labor. Christian Drosten sagt, dass es nur eine Antwort darauf geben kann und erklärt auch gleich, warum das so ist. Denn es gibt einen neuen Befund, der den natürlichen Ursprung des Virus stützt. Der stammt aus China, doch er sei in der Charité auch bereits bekannt gewesen. Drosten schmunzelt: "Die Kollegen in China sind uns zuvorgekommen mit dem Publizieren."

Eine bestimmte Eigenschaft des Coronavirus beflügelt Theorien um eine künstliche Erzeugung: Eine bestimmte Schnittstelle im Hauptoberflächenprotein, oft auch Spike-Protein genannt, das fürs Andocken und den Eintritt des Virus in die Zellen verantwortlich ist, sei vermeintlich nicht in der Tierwelt zu finden, hatte man angenommen. Doch sowohl chinesische als auch europäische Forscher haben eine solche Schnittstelle nun bei Fledermäusen entdeckt. "Sie ist zwar geringfügig anders als die aus dem SARS-CoV-2-Virus des Menschen, aber die ist schon sehr, sehr ähnlich", erklärt Drosten im Podcast. Damit sei die Auffassung des künstlich erzeugten Virus "vom Tisch".

Weiter erklärt er: "In der Natur entsteht so etwas unter Selektionsdruck, weil es dem Virus einfach nützt. Das entsteht durch Zufall und da werden mehrere evolutionäre Zufälle aneinandergereiht. Irgendwann kommt dann ein Virus heraus, das nicht nur graduell ein kleines bisschen besser repliziert, sondern einen enormen Replikationsvorteil hat. Da ist dann auch ein enormer Selektionsvorteil in der Evolution gegeben und so ein Virus setzt sich dann durch."

Das Coronavirus Sars-CoV-2 mutiert, auch um sich seinem Wirt anzupassen. Manchmal wird es dadurch gefährlicher, manchmal sogar ungefährlicher. Mehr dazu: Coronavirus: Das bedeuten Mutationen.

Drosten bügelt Virologie-Kollegen ab

Aber es gibt auch unter seinen Kollegen die, die an die künstliche Herstellung des Coronavirus im Labor glaubten – zumindest noch bis zu den neuesten Erkenntnissen. So hatte Luc Montagnier, ein französischer Virologe – und Nobelpreisträger 2008 – vor einiger Zeit in einer TV-Sendung geäußert, im Erbgut des Coronavirus seien Sequenzen von HIV zu finden. Diese würden darauf hindeuten, dass dies nur künstlich hergestellt worden sei. Doch Drosten revidiert – und nicht zu knapp: "Es ist schwierig für einen aktiven Wissenschaftler in der Virologie zu sagen, dass ein Nobelpreisträger im Fach Virologie Unsinn verbreitet", sagt er, "aber das ist kompletter Unsinn." Denn diese Ähnlichkeit sei, so Drosten, vollkommen gewöhnlich. "Dieses Thema ist einfach erledigt, auch wenn ein im Ruhestand befindlicher Nobelpreisträger in einer Talkshow darüber redet."

Gastro-Öffnungen "zu schnell": Restaurants sollen nach Möglichkeit Außenbereich nutzen

Außerdem geht es in der Podcast-Folge noch um die jetzt kommenden Öffnungen. Die vielen Hinweise aufs Händewaschen und vor allem das Desinfizieren von Oberflächen sieht der Virologe als "übertrieben". Schmierinfektionen machten seiner Einschätzungen nach nur einen kleinen Teil – rund zehn Prozent – der Infektionen aus. Das bedeutet zwar nicht, das Händewaschen jetzt wieder sein zu lassen. Die Tröpfcheninfektion, bei der kontaminierte Tröpfchen übers Husten, Sprechen oder Niesen sowie feinste Aerosole mit schwebenden Partikeln übertragen werden, sei aber viel bedeutsamer. Daher sieht er auch die Wiedereröffnung von Restaurants nicht ganz unkritisch. Außenbereiche seien vergleichsweise sichere Zonen. Für Innenräume aber gelte: "Fenster aufreißen!" Und: Abstand halten bleibt enorm wichtig!

Mehr zum Coronavirus gibt's auf unserer Themenseite: Coronavirus.

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