Aktualisiert: 26.10.2020 - 12:01

Charité-Studie erklärt Coronavirus: Machen Erkältungen uns wirklich immun?

Eine Erkältung reicht und ich bin immun gegen das Coronavirus? Der Gedanke ist toll, doch so leicht ist das nicht. Warum die Forschung daran dennoch ein Meilenstein ist.

Foto: iStock.com/luza studios

Eine Erkältung reicht und ich bin immun gegen das Coronavirus? Der Gedanke ist toll, doch so leicht ist das nicht. Warum die Forschung daran dennoch ein Meilenstein ist.

Charité-Forscher haben herausgefunden, dass eine vorherige Erkältung durch Infektion mit einem anderen Coronavirus auch eine gewisse Immunreaktion gegen Sars-CoV-2 hervorrufen kann. Was bedeutet das für uns?

Manche Covid-19-Patienten, die in der Vergangenheit eine Erkältung oder andere Erkrankung durch Coronaviren durchgemacht haben, zeigen eine Immunreaktion auf das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. Das haben Forscher der Berliner Charité und des Center for Infectious Disease and Vaccine Research in Kalifornien unabhängig voneinander herausgefunden. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun nach einer Erkältung immun gegen das Coronavirus sind. Und auch nicht, dass eine Herdenimmunität eine gute Idee ist, erklärt ein Immunologe.

Nach Schnupfen immun gegen Coronavirus?

Es gibt Coronaviren, die schon lange unter uns Menschen grassieren. Viele davon sind verantwortlich für Erkältungen, die uns über das Jahr plagen. Die Frage steht daher schon länger im Raum: Kann mich ein zuvor durchgestandener Schnupfen vor Covid-19 schützen?

Zugegeben, der Gedanke ist verlockend und der Eindruck entsteht schnell beim Überfliegen solcher Nachrichten wie der Charité-Studie rund um Andreas Thiel. Doch so einfach ist das leider nicht. Was wissen wir?

Die Forscher der Charité konnten anhand von Tests an gesunden Menschen aus einer Kontrollgruppe, die nie an Covid-19 erkrankt waren, feststellen: Etwa 34 Prozent davon hatten reaktive T-Zellen im Blut, die zumindest bestimmte Teile des neuartigen Coronavirus erkennen könnten. T-Zellen sind Teil des menschlichen Immunsystems und zuständig dafür, Krankheitserreger, wie Viren es sind, abzuwehren. Das Spannende: Nach einer überstandenen Krankheit (also auch etwa nach einer Erkältung) entwickeln sich manche dieser T-Zellen zu einer Art "Gedächtniszellen", die reaktiviert werden, wenn der zuvor bekämpfte Erreger oder einer, der ihm ähnlich ist, wieder in den Körper eindringt.

Auch Forscher aus Kalifornien finden T-Zellen

Ähnliche Ergebnisse erhielten Dr. Alba Grifoni und Kolleginnen und Kollegen vom Center for Infectious Disease and Vaccine Research des Instituts für Immunologie in La Jolla, Kalifornien. Sie hatten 20 Personen untersucht, die infiziert waren mit Sars-CoV-2 und sich erholt haben. Ihre Blutproben wurden verglichen mit denen von 20 weiteren Personen, die zwischen den Jahren 2015 und 2018 entnommen worden waren – dem neuartigen Coronavirus also noch nicht ausgesetzt gewesen sein konnten. Ihre Erkenntnis: Alle 20 mit Covid-19 infizierten Personen verfügten über weiße Blutkörperchen speziell zur Bekämpfung von Sars-CoV-2 entwickelt sowie die resultierenden Antikörper.

Die 20 weit vor der Pandemie entnommenen Blutproben hingegen zeigten 50 Prozent weiße Blutkörperchen des Typs CD4+ – T-Zellen, die dem Immunsystem dabei helfen, Antikörper zu bilden. Und diese T-Zellen seien, so die Forscher, auch in der Lage dazu, das neue Coronavirus zu erkennen und dem Immunsystem eine gewisse sofortige Abwehr zu ermöglichen.

T-Zellen von Erkältungs-Coronaviren verbleiben im Körper

Einfach gesagt: Jemand hat sich, sagen wir, vergangenes Jahr eine Erkältung eingefangen, ausgelöst durch eine Art von Coronaviren. Das Immunsystem hat unter anderem mit den T-Zellen gegen die Erreger gekämpft und sie besiegt. Nun verbleiben T-Gedächtniszellen eine Zeit lang im Körper und erinnern sich an diesen Angriff mit ebendieser Art Coronavirus.

Das Verblüffende ist, dass die untersuchten Probanden nie mit Sars-CoV-2 infiziert waren, die Immunreaktion ihrer T-Zellen aber trotzdem möglich sei, weil sie salopp gesagt das neuartige Coronavirus für ein bereits bekämpftes Coronavirus halten könnten. Es könnte also durchaus sein, dass manche Menschen nach zuvor durchgestandener Erkältung mit Erkältungs-Coronaviren zumindest einen Vorteil im Kampf gegen Sars-CoV-2 haben. Aber was genau bedeutet das?

"Kreuzreaktivität" sollte dennoch keine Hoffnungen schüren

Eine großartige Studie nennt Thomas Kamradt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, die Charité-Forschung gegenüber "Focus Online". Denn sie sei eine solide Basis für weitere Forschungen.

Das klingt dann doch wieder etwas ernüchternd. Er lenkt ein, dass man sich aufgrund dieser Studie dennoch keine Hoffnungen machen sollte, dass ein Teil der Bevölkerung bereits immun gegen das neue Coronavirus ist. Mediziner nennen das Ganze "Kreuzreaktivität", doch die könne auch "einen positiven, gar keinen, oder schlimmstenfalls, das ist allerdings unwahrscheinlich, auch einen negativen Einfluss auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 haben", so Kamradt.

Es sei zwar denkbar, dass Menschen mit Kreuzreaktivität auf Coronaviren von einer Infektion verschont blieben oder zumindest einem milderen Verlauf von Covid-19 gegenüber stehen. Aber ein negativer Effekt wäre ebenso möglich. Das zeigt das Beispiel eines anderen Virus: "Bei Dengue-Viren beispielsweise ist es so, dass jemand, der zum zweiten Mal an einem Dengue-Virus erkrankt, der nicht dem ersten gleicht, einen schlimmeren Verlauf nehmen kann als bei der ersten Infektion. Das liegt daran, dass die gebildeten Antikörper dem Körper dann sogar schaden", erklärt der Immunologe. Daher ist es wichtig, die Kreuzreaktivität im Falle von Sars-CoV-2 nun genauer zu untersuchen.

Immerhin zumindest kurzzeitige Immunität nach Infektion

Dass man nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 zumindest eine Zeit lang immun gegen Neuinfektion ist, beschäftigt die Forscher weltweit derzeit. Mittlerweile gab es vereinzelte Fälle, in denen man von einer Zweitinfektion sprechen kann. Ein Teil davon verlief symptomlos, andere litten unter weit stärkeren Symptomen. Hier muss weiter geforscht werden.

Dennoch gehen Mediziner in den meisten Fällen zumindest von einer gewissen Immunität nach der Erstinfektion aus. So äußert sich auch Co-Autor Shane Crotty gegenüber Business Insider zur Studie aus Kalifornien bezüglich der untersuchten Covid-19-Patienten und deren gebildeter Antikörper: "Die Daten deuten darauf hin, dass die durchschnittliche Person eine gute Immunreaktion zeigt und möglicherweise für einige Zeit immun ist."Das bedeute wahrscheinlich, dass "die zahlreichen Impfstoffe, die derzeit versuchsweise hergestellt werden, in der Lage sein sollten, die natürliche Immunität zu replizieren."

Wie lange diese Immunität anhält, ist aber eben noch nicht klar. Im Falle von Sars-CoV-1 sind es ein paar Jahre. Doch auch wenn das neue Coronavirus langsamer mutiert als etwa ein Influenza-Virus, so mutiert es doch. Vielleicht sind es also auch "nur" ein paar Monate. Daran wird derzeit geforscht. Dennoch, so lange diese Immunität anhält, habe das Virus auch keine Möglichkeit mehr, nochmal in den Körper einzudringen und dort Schaden anzurichten oder weitergegeben zu werden, bestätigt Kamradt: "Immun heißt: Ich bin geschützt und ich schütze die anderen."

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Immunität muss her – aber Durchseuchung sei "Steinzeit"

Es müsse also eine großflächige Immunität der Bevölkerung her, um das neue Coronavirus unter Kontrolle zu bekommen. Doch er schränkt ein, dass eine Durchseuchung, wie sie gerne propagiert wird, nicht zielgebend sei. "Das ist Steinzeit", erklärt der Mediziner. Man habe auch vor Hunderten von Jahren einfach keine andere Wahl gehabt, da es keine Impfungen gab, doch das habe viele, viele Menschenleben gekostet, nämlich "aller, die nicht in der Lage waren, das Virus selbst zu bekämpfen." Solch eine radikale Methode sei überholt und auch nicht mehr nötig dank des wissenschaftlichen Fortschritts. Das bestärken auch Forscher rund um Christian Drosten, die sich kürzlich in einer Stellungnahme vehement gegen den Vorschlag ausgesprochen haben, eine Herdenimmunität durch unkontrollierte Infektionen zu erreichen.

Ein Impfstoff müsse daher schnellstmöglich her. Kamradt betont aber, dass die Sorgfältigkeit dabei nicht unter den Tisch fallen dürfe: "Nur, weil ein Impfstoff im Versuch an Mäusen oder in der Zellkultur erfolgreich war, dürfen wir ihn nicht sofort am Menschen testen."

All die Forschung nun ebne aber noch einen anderen Weg. Denn Kamradt ist sich sicher, dass die derzeitige Pandemie – bei der wir in Deutschland auch "fast noch Glück gehabt" hätten mit der vergleichsweise geringen Sterblichkeit, nicht die letzte bleibt. "Was wir jetzt brauchen, ist Forschung, Forschung Forschung!" Denn es sei jetzt enorm wichtig, das Immunsystem sowie die Immunreaktionen des Körpers auf neue Viren zu verstehen und so in Zukunft noch schneller zu reagieren. Es sei wie eine Art Übung: "Die Frage ist nicht ob, sondern wann das nächste pandemische Virus kommen wird", schließt er, "und je besser wir vorbereitet sind, desto besser ist es für uns alle."

Forschung braucht seine Zeit, und Forschung ist ein Prozess. Daher kann es immer einmal zu Schlüssen kommen, die nach späteren Erkenntnissen wieder revidiert werden müssen. Wir alle erhoffen uns eine schnelle Lösung aus dieser Krise. Doch wir müssen auch verstehen, dass dies ein Problem ist, das nicht verschwindet, wenn wir die Augen davor schließen. Wichtig ist: Halten wir zusammen, halten wir Abstand, schützen wir damit unsere Mitmenschen, damit die Wissenschaft die nötige Zeit hat, eine Lösung zu finden.

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