Aktualisiert: 29.04.2021 - 14:13

Neue Studiendaten Coronavirus: Manche Erkältungsviren machen teilweise immun!

Eine Erkältung reicht, und ich bin immun gegen das Coronavirus? Der Gedanke ist toll, doch so leicht ist das nicht. Warum die Forschung daran dennoch ein Meilenstein ist.

Foto: iStock.com/luza studios

Eine Erkältung reicht, und ich bin immun gegen das Coronavirus? Der Gedanke ist toll, doch so leicht ist das nicht. Warum die Forschung daran dennoch ein Meilenstein ist.

Schon vergangenes Jahr hatten Forschende herausgefunden, dass eine vorherige Erkältung durch Infektion mit einem anderen Coronavirus auch eine gewisse Immunreaktion gegen Sars-CoV-2 hervorrufen kann. Nun gibt es neue Daten, die zeigen: Nach Infektion mit ganz bestimmten Coronaviren ist das tatsächlich der Fall. Was bedeutet das für uns?

Manche Covid-19-Patienten, die in der Vergangenheit eine Erkältung oder andere Erkrankung durch Coronaviren durchgemacht haben, zeigen eine Immunreaktion auf das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. Das hatten Forscher der Berliner Charité und des Center for Infectious Disease and Vaccine Research in Kalifornien unabhängig voneinander bereits herausgefunden. Jetzt beleuchten neue Forschungserkenntnisse näher, um welche Coronaviren es sich dabei genau handelt. Es gibt also durchaus eine Kreuzimmunität durch Vorinfektionen mit Coronaviren. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun nach einer Erkältung immun gegen das Coronavirus sind.

Nach Schnupfen immun gegen Coronavirus?

Es gibt Coronaviren, die schon lange unter uns Menschen grassieren. Viele davon sind verantwortlich für Erkältungen, die uns über das Jahr plagen. Die Frage steht daher schon länger im Raum: Kann mich ein zuvor durchgestandener Schnupfen vor Covid-19 schützen?

Zugegeben, der Gedanke ist verlockend und der Eindruck entsteht schnell beim Überfliegen solcher Nachrichten wie der Charité-Studie rund um Andreas Thiel. Doch so einfach ist das leider nicht. Was wissen wir mittlerweile?

Schon vergangenes Jahr konnten Forscher der Charité anhand von Tests an gesunden, nie an Covid-19 erkrankten Menschen aus einer Kontrollgruppe feststellen: Etwa 34 Prozent davon hatten reaktive T-Zellen im Blut, die zumindest bestimmte Teile des neuartigen Coronavirus erkennen könnten. T-Zellen sind Teil des menschlichen Immunsystems und zuständig dafür, Krankheitserreger, wie Viren es sind, abzuwehren. Das Spannende: Nach einer überstandenen Krankheit (also etwa auch nach einer Erkältung) entwickeln sich manche dieser T-Zellen zu einer Art "Gedächtniszellen", die reaktiviert werden, wenn der zuvor bekämpfte Erreger oder einer, der ihm ähnlich ist, wieder in den Körper eindringt.

Auch Forscher aus Kalifornien finden T-Zellen

Ähnliche Ergebnisse erhielten Dr. Alba Grifoni und Kolleg:innen vom Center for Infectious Disease and Vaccine Research des Instituts für Immunologie in La Jolla, Kalifornien. Sie hatten 20 Personen untersucht, die mit Sars-CoV-2 infiziert waren und sich erholt hatten. Ihre Blutproben wurden mit denen von 20 weiteren Personen verglichen, die zwischen den Jahren 2015 und 2018 entnommen worden waren – dem neuartigen Coronavirus also noch nicht ausgesetzt gewesen sein konnten. Ihre Erkenntnis: Alle 20 mit Covid-19 infizierten Personen verfügten über weiße Blutkörperchen, speziell zur Bekämpfung von Sars-CoV-2 entwickelt, sowie die resultierenden Antikörper.

Die 20 weit vor der Pandemie entnommenen Blutproben hingegen zeigten 50 Prozent weiße Blutkörperchen des Typs CD4+ – T-Zellen, die dem Immunsystem dabei helfen, Antikörper zu bilden. Und diese T-Zellen seien, so die Forscher, auch in der Lage dazu, das neue Coronavirus zu erkennen und dem Immunsystem eine gewisse sofortige Abwehr zu ermöglichen.

T-Zellen von Erkältungs-Coronaviren verbleiben im Körper

Einfach gesagt: Jemand hat sich, sagen wir, vergangenes Jahr eine Erkältung eingefangen, ausgelöst durch eine Art von Coronaviren. Das Immunsystem hat unter anderem mit den T-Zellen gegen die Erreger gekämpft und sie besiegt. Nun verbleiben T-Gedächtniszellen eine Zeit lang im Körper und erinnern sich an diesen Angriff mit ebendieser Art Coronavirus.

Das Verblüffende ist, dass die untersuchten Probanden nie mit Sars-CoV-2 infiziert waren, die Immunreaktion ihrer T-Zellen aber trotzdem möglich sei, weil sie, salopp gesagt, das neuartige Coronavirus für ein bereits bekämpftes Coronavirus halten könnten. Es könnte also durchaus sein, dass manche Menschen nach zuvor durchgestandener Erkältung mit Erkältungs-Coronaviren zumindest einen Vorteil im Kampf gegen Sars-CoV-2 haben. Aber was genau bedeutet das?

Bestimmte Erkältungs-Coronaviren schützen besonders gut

Jetzt gibt es endlich weitere Informationen, die genauer zeigen, welche Coronaviren dafür verantwortlich sind, dass manche Menschen besser geschützt sind. Forschende um Martin Dugas von der Unversität Münster haben sich die vier bekannten Erkältungs-Coronaviren HCoV-229E, HCoV-NL63, HCoV-HKU1 und HCoV-OC43 genauer angesehen. Alle vier haben genetische Ähnlichkeit zum Coronavirus Sars-CoV-2. Das bedeutet, T-Zellen, die der Körper aufgrund einer Infektion mit diesen Viren gebildet hat, können zumindest teilweise auch auf Sars-CoV-2 ansprechen. Besonders im Falle des Coronavirus HCoV-OC43 klappte das besonders gut.

In zwei Versuchen, einmal mit dem Blut von 60 Covid-19-Patienten aus Münster sowie einmal mit Daten von 296 Patienten aus Deutschland und Frankreich, zeigte sich: Waren Antikörper gegen die oben genannten Coronaviren vorhanden – insbesondere gegen HCoV-OC43 –, erkrankten die Patienten wesentlich seltener schwer an Covid-19. Die hingegen, die diese Antikörper nicht hatten, erkrankten häufiger schwer.

Prof. Hartmut Schmidt, Direktor der Medizinischen Klinik B am Universitätsklinikum Münster rät in einer Mitteilung der Universität nun dazu, OC-43-Antikörper bei stationär aufgenommenen Covid-19-Patienten zu messen und für die Risikobewertung heranzuziehen. Ein solcher Bluttest sei schnell gemacht und würde die Behandlung möglicherweise stark vereinfachen können. Denn wenn man bereits weiß, dass der eingelieferte Patient bestimmte Antikörper aufweist, könne man die Behandlung entsprechend anpassen.

Hinweis: Diese Menschen sind weniger gefährdet

Bei der Studie zeigte sich auch, dass insbesondere Männer in der zweiten Lebenshälfte seltener Antikörper von Erkältungs-Coronaviren aufwiesen. Anders sah es bei Menschen aus, die viel Kontakt zu kleinen Kindern hatten. Erkältungs-Coronaviren kursieren insbesondere unter Kindern im Kindergarten- und frühen Grundschulalter. Eltern junger Kinder sowie Lehrer:innen und Erzieher:innen scheinen demnach besser geschützt zu sein.

Dazu: Erkältungen könnten Kinder vor Covid-19 schützen!

Die Kreuzimmunität durch frühere Infektionen mit anderen Coronaviren sehen die Forschenden damit als bestätigt, jedoch reiche sie nicht aus, um Infektionen mit Sars-CoV-2 ganz zu verhindern. Immun gegen Sars-CoV-2 durch Erkältungen werden wir also nicht. Die Corona-Erkältungsviren könnten den Krankheitsverlauf aber in vielen Fällen abmildern, so die Forschungsgruppe. Impfungen würden den Schutz gegen die Erkrankung verstärken.

Wie sieht es denn nach Covid-19 aus? Ist man nach der Coronavirus-Infektion immun? Und wenn ja, wie lange? Und wie behandelt man Risikopatienten eigentlich mit Antikörper-Medikamenten? Das und mehr zum Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

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