Aktualisiert: 11.03.2021 - 14:58

Mehr Behandlungen, mehr Todesfälle Coronavirus: Das Gewicht spielt eine enorm große Rolle

Es ist mal wieder vor allem das Bauchfett: Übergewicht erhöht das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Aber auch zu wenige Pfunde können sich negativ auswirken.

Foto: iStock.com/HAYKIRDI

Es ist mal wieder vor allem das Bauchfett: Übergewicht erhöht das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Aber auch zu wenige Pfunde können sich negativ auswirken.

Der Verdacht gilt mittlerweile als bestätigt: Covid-19-Patienten mit Übergewicht erleiden öfter heftige Krankheitsverläufe mit Krankenhausaufenthalt. Und auch das Sterberisiko ist höher. Menschen mit Untergewicht sind allerdings ebenfalls gefährdeter. Woran liegt das?

Dass die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 schwer, leicht oder sogar kaum spürbar verläuft, kann niemand individuell voraussagen. Doch es gibt gewisse Risikogruppen, das ist bekannt. Bestimmte Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu erleben oder gar an den Folgen zu sterben. Neben dem Alter und diversen Vorerkrankungen wie Diabetes sowie der Auffälligkeit, dass Männer häufiger schwerer erkranken, spielt ein Risikofaktor anscheinend besonders mit hinein – auch unabhängig von den anderen: Das Gewicht kann den Verlauf von Covid-19 beeinflussen. Übergewicht ist ein großer Risikofaktor. Nach neuesten Erkenntnissen sind aber auch untergewichtige Menschen stärker gefährdet.

Vor allem bei extremem Übergewicht mit einem BMI über 40 können betroffene Menschen schlechter mit dem Virus umgehen. Auch dann, wenn sie zu sonst keiner Risikogruppe gehören. So listet die US-Gesundheitsbehörde CDC extremes Übergewicht mittlerweile als offiziellen Risikofaktor für einen schweren Verlauf von Covid-19.

Übergewicht als Covid-Risikofaktor mittlerweile bestätigt

Studien dazu gibt es etwa seit Beginn der Pandemie, etwa in den USA, mit 4.100 Infizierten in New York sowie in Frankreich (übergewichtige Menschen mussten häufiger beatmet werden), später auch in Großbritannien. Dort hatten Ärzte die Informationen von rund 17.000 Covid-19-Patienten ausgewertet. Auch hier zeigte sich: Übergewicht erhöhte das Risiko, dass die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt und die Patienten an den Folgen sterben.

Laut der US-amerikanischen Studie aus New York war starkes Übergewicht mit einem BMI über 30 sogar stärker mit einem kritischen Verlauf der Erkrankung verknüpft als alle chronischen Herz- und Atemwegserkrankungen. Demnach sei das Risiko, ins Krankenhaus eingeliefert werden zu müssen oder an den Folgen von Covid-19 zu sterben, bei einem BMI zwischen 30 und 40 um das Vierfache erhöht, bei einem BMI über 40 sogar sechsmal so hoch.

Diese Ergebnisse werden jetzt erneut von einer Studie bestätigt. Das US-Center for Disease Control and Prevention stellt fest: Schwere Adipositas kann auch bei jüngeren Menschen das Sterberisiko bei Covid-19 verdoppeln.

Neue Ergebnisse: Untergewicht birgt ähnlich hohes Risiko

Doch die Forschenden des Centers kommen in der Studie noch zu einem anderen Ergebnis: Auch Untergewicht erhöht demnach das Risiko für schwere Verläufe und den Tod durch Covid-19. Liegt der Body-Mass-Index (BMI) unter 18,5, werden Patienten demnach mit 20 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit ins Krankenhaus eingeliefert. Bei jüngeren Menschen unter 65 mit starkem Untergewicht lag das Risiko sogar bei 41 Prozent höher.

Woran genau dieses Phänomen liegt, ist allerdings noch nicht geklärt. Die Mediziner vermuten, dass weitere Vorerkrankungen bei Untergewicht hier eine große Rolle spielen könnten oder eine Unterernährung den Körper so schwächt, dass er mit der Virusinfektion schlechter umgehen kann. Möglicherweise leiden untergewichtige Menschen körperlich stärker unter den Symptomen und werden daher als kränker eingestuft.

Nur das Alter sei noch immer der größte Risikofaktor. In der New Yorker Studie von Mai 2020 hatte man ermittelt, dass das Risiko für einen schweren Verlauf ab einem Alter von 75 Jahre um das 66-Fache erhöht war.

Was Übergewicht mit dem Körper macht, kann auch Covid verschlimmern

Was bei extremem Übergewicht in Zusammenhang mit Covid-19 passiert, ist dagegen mittlerweile besser erklärbar. Übergewicht stellt den Körper generell vor Herausforderungen. Die Folgen von Übergewicht sind enorm – und geschlechtsspezifisch. An den bisherigen Erkenntnissen lässt sich daher auch vermuten und teilweise erklären, warum die Coronavirus-Erkrankung dadurch verschlimmert wird.

Problem 1: Die Lunge

Schweres Übergewicht beeinträchtigt die Atmung: Die Lungen und Atemwege haben weniger Platz, etwa wenn das Fettgewebe (Stichwort Bauchfett) das Zwerchfell nach oben drückt. Resultat: Weniger Lungenvolumen, verengte Atemwege – Probleme beim Atmen. Dazu kommt: Durch die schlechtere Belüftung der Lungen steigt deren Infektionsgefahr. Zudem mehr Atemarbeit.

Problem 2: Das Immunsystem und versteckte Entzündungen

Hinzu kommt, dass das Immunsystem übergewichtiger Menschen per se oft schwächer ist, gleichzeitig aber zu Überreaktionen neigt – und das passiert bei schweren Covid-19-Verläufen leicht.

Übergewicht kann zu chronischen Entzündungen im Körper führen, da Fettzellen Botenstoffe transportieren, die Entzündungen begünstigen. Solche Metaflammation, eine schwelende Entzündung kann vorkommen, zeigt keine Symptome, erhöht aber das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, warnen Ärzte.

Auch Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder der Leber sowie eine schwere Lungenentzündung können bei massivem Übergewicht schneller auftreten – durch Zytokin-Anhäufung. Zytokine sind entzündungsfördernde Substanzen, die den Körper in einem sog. Zytokinsturm überfluten können. Auch bei Covid-19 kann dies auftreten und ist nicht nur dort eine gefährliche Komplikation, die zum Tod führen kann. Kommt beides zusammen – Vorentzündung bei Übergewicht und Corona-Infektion, hat der Körper Probleme, eine mögliche überschießende Immunreaktion zu verhindern.

Hier kommt es aber auch auf die Körperform an – sprich, wo sich das Fett befindet. So bringt Fett im Bauchbereich öfter Probleme wie Entzündungsprozesse mit, während Fett an der Hüfte Studien zufolge deutlich unproblematischer ist. Die Körperform ist klinisch relevant, das haben Forscher etwa in einer im Jama Network veröffentlichten Studie herausgefunden.

Problem 3: Die Blutgerinnung – Thromboserisiko steigt

Die Entzündungsstoffe der Fettzellen können sich möglicherweise außerdem auf die Blutgerinnung auswirken. Viele Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen haben damit Probleme. So waren in China Fälle bekannt geworden, bei denen Patienten unter verstopften kleinsten Blutgefäßen litten, was wiederum in schlechter Durchblutung etwa von Extremitäten resultierte. Das zeigte sich etwa in dunkel verfärbten Zehen- und Fingerspitzen – einem Symptom, das erst Wochen nach Aufbranden der Pandemie bekannt geworden war und das auch bei Patienten in Deutschland beobachtet wurde. Auch in der Lunge könnten solche Probleme auftreten.

Auf Intensivstationen behandelte Covid-19-Patienten haben oft mit Blutgerinnseln zu kämpfen, die auch große und lebenswichtige Gefäße verstopfen, etwa zu Lungenembolien führen. Aus dieser Erkenntnis heraus wird derzeit übrigens daran geforscht, Patienten mit Blutverdünnern zu behandeln – um die Gefahr solcher Gerinnsel zu vermindern. So werden schwerstkranke Covid-19-Patienten auch hierzulande schon mit dem Gerinnungshemmer Heparin behandelt.

Problem 4: Die Eintrittspforte

Mittlerweile ist außerdem bekannt, dass das neue Coronavirus Sars-CoV-2 den sogenannten ACE2-Rezeptor als Eintrittspforte in Zellen nutzt. Diesen Rezeptor findet man im Lungengewebe, in der Niere, quasi an allen vom Coronavirus besonders heimgesuchten Regionen. Und auch in Fettzellen. Möglicherweise, so Forscher, könnten Fettgewebe wie eine Art Reservoir für das Virus darstellen. Das erklärt Karsten Müssig, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Franziskus-Hospital Harderberg gegenüber der "Zeit". Bekannt ist das bereits von anderen Viren.

Problem 5: Mangelernährung

Hier treffen nun Untergewicht und möglicherweise auch starkes Übergewicht zusammen. Denn Mangelernährung kann auch bei Übergewicht auftreten. Fehlen dem Körper aber wichtige Nährstoffe, kann er sich gegen Infektionen und Co nicht richtig zur Wehr setzen.

Übergewicht loswerden – hilft das jetzt?

Reicht es also schon, ein paar Kilo abzuspecken oder auch zuzunehmen, um das persönliche Corona-Risiko zu senken? Ja – aber wichtig hierbei ist, dies mit Sport und gesunder Ernährung zu erreichen. Gerade sportliche Betätigung oder zumindest ein wenig körperliche Ertüchtigung hat hier nämlich noch einen ganz anderen, wichtigen Nutzen: Unsere Lunge kann nämlich ganz schnell trainiert werden.

Gegenüber dem "Spiegel" rät etwa Martin Merkel, Facharzt am Endokrinologikum in Hamburg und Sprecher der Sektion Diabetes, Adipositas und Stoffwechsel bei der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie: Zweimal am Tag sich selbst so stark fordern, dass der Puls steigt und man etwas außer Atem gerät. "Das geht zum Beispiel durch rasches Gehen oder Radfahren, nur ein bisschen Rumschlendern reicht leider nicht aus", erklärt er. Der Zweck sei, die Lunge zu durchlüften und sie sich entfalten zu lassen.

Leichtes Übergewicht wiederum scheint sich allerdings recht positiv auf den Verlauf auszuwirken. Das zeigte sich auch in der neuen Studie des US-Center for Disease Control and Prevention. Demnach wirkt sich ein BMI nahe der Linie zwischen gesund und übergewichtig als hilfreich aus. Das deckt sich mit früheren Studien, auch zu anderen Viruserkrankungen, dass ein paar Pfunde mehr im Kampf gegen Viren durchaus hilfreich sein können – etwa weil der Körper so mehr wichtige Energiereserven hat. Dennoch ist ein fitter Körper immer besser gewappnet gegen Krankheiten.

Jetzt schnell abnehmen ist übrigens kein Garant, dass das Coronavirus Ihnen nichts anhaben kann. Denn Übergewicht ist nicht der einzige Risikofaktor. Auch bei normalgewichtigen, sportlichen Menschen können durchaus schwere Verläufe auftreten. Doch das Risiko zu senken, wo es nur geht – nicht nur für Covid-19, sondern auch für viele weitere Erkrankungen, die durch Übergewicht verschlimmert werden können – ist sicherlich immer eine gute Idee. Sprechen Sie am besten mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Denn weniger essen und ein bisschen Sport reichen oft einfach nicht. Übergewicht kann viele weitere Ursachen haben.

Und auch die Lunge zu reinigen klappt besser, als Sie wahrscheinlich vermuten:

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Und ansonsten? Langfristig abnehmen mit Sport, aber auch gesund halten mit ausgewogener Ernährung – eine langfristige Ernährungsumstellung kann viel bewirken – hilft dem Körper nicht nur durch die Coronavirus-Zeit, sondern spielt auch eine enorm wichtige Rolle im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und viele andere körperliche Probleme wie etwa Fettleber.

Quellen:

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