07.05.2020 - 21:45

Rückschlüsse und Ausblicke Coronavirus: Ja, es mutiert

Forscher bestätigen: Das Coronavirus Sars-CoV-2 mutiert. Daraus können sie einerseits schließen, dass es schon länger kursiert. Andererseits lässt das Informationen auf dessen Entwicklung zu.

Foto: iStock/Eugeneonline

Forscher bestätigen: Das Coronavirus Sars-CoV-2 mutiert. Daraus können sie einerseits schließen, dass es schon länger kursiert. Andererseits lässt das Informationen auf dessen Entwicklung zu.

Forscher haben sich das Mutationsverhalten von Sars-CoV-2 genauer angeschaut – und stellen zwei Sachen fest: Es hat sich verändert und ist möglicherweise ansteckender – und es kursierte schon Ende 2019.

Verschiedene Meldungen machen derzeit die Runde: Eine davon besagt, dass sich das Coronavirus schon Ende 2019 weltweit verbreitet haben könnte. Andere prognostizieren, dass das Virus ansteckender geworden sei oder noch werden könnte. An beiden Arten von Meldungen ist was dran. Sie basieren unter anderem auf einer bestimmten Studie und die sagt ganz vereinfacht gesagt aus: Das Coronavirus mutiert.

Das ist zwar schon seit längerem bekannt, doch wie sehr und wo genau genetische Veränderungen auftreten, wird dort genauer untersucht. Das Coronavirus mutiert zwar allein aufgrund seines Aufbaus lange nicht so schnell wie etwa das Influenza-Virus. Doch Veränderungen macht es durch – und zwar salopp gesagt aus Versehen. Mit der Zeit kann es sich aber seinem Wirt anpassen. Seinem neuen Wirt, und das ist der Mensch. Die Veränderungen könnten zukünftig für Probleme bei der Suche nach einem geeigneten Impfstoff sorgen. Doch der Reihe nach.

Mutationen verraten: Coronavirus könnte sich schon Ende 2019 weltweit ausgebreitet haben

Bisher gingen wir davon aus, dass das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 im Dezember 2019 erstmals in China aufgetreten ist und sich dann Anfang 2020 den Weg in andere Länder bahnte. Eine neue Studie der Universität von London (unten verlinkt, erschienen in der Fachzeitschrift "Infection, Genetics and Evolution") kommt zu dem Schluss, dass das Virus zwar Ende 2019 von einem Tier auf den Menschen übersprang, sich aber schon ab dann rasant um den Globus ausbreitete. Den genauen Ausgangspunkt der Pandemie könne man mit den Ergebnissen jedoch nicht feststellen. Doch es gibt Hinweise, dass sich das Coronavirus schon vor Januar auch in Europa ausgebreitet hat.

Die Ergebnisse der Wissenschaftler basieren auf über 7.500 Sars-CoV-2-Viren, erhalten von an Covid-19 erkrankten Menschen. Dort fanden sie kleine Veränderungen im Erbgut der Viren. Und die wiederum können Aufschluss darüber geben, wie sich das Virus weltweit ausgebreitet hat – und wie es sich in Zukunft noch wandeln könnte.

  • Aber warum mutiert ein Virus? Mutationen sind zufällige Fehler, die passieren, während sich das Genom des Virus kopiert. Das passiert ständig, da sich ein Virus so vermehrt. Solche Mutationen haben oft einfach keinen Effekt auf das Virus selbst, dienen Forschern aber als Anhaltspunkt über die Ausbreitung. Das Genom an sich ist bei Viren wie dem neuartigen Coronavirus recht stabil, bestätigte schon Virologe Christian Drosten im März. Doch kleine Bereiche ändern sich trotzdem. Er sagte damals schon: "Wir können uns darauf verlassen, dass das Virus mutiert." Und weiter: "Wir können uns auch darauf verlassen, dass es neue Eigenschaften annimmt." Die meisten Mutationen seien schädlich für das Virus selbst. Am Ende aber versucht auch ein Virus, sich dem Wirt anzupassen. Das aber steigert zwar die Übertragbarkeit, aber nicht die Todesrate. Denn das würde die Verbreitung beenden. Das Virus will sich aber verbreiten.

Dass Viren mutieren, ist normal

Fast 200 Mutationen fanden die Forscher. Auffällig: Einige Genabschnitte scheinen sich dabei gar nicht zu verändern, in anderen Abschnitten mutiert das Virus häufiger.

Und da sich in den schwer betroffenen Ländern fast alle der Mutationen fanden, gehen die Forscher davon aus, dass sich das Virus schon direkt zu Anfang weltweit ausgebreitet hat.

Es gibt seichte Entwarnung: "Alle Viren mutieren", sagte einer der Studienautoren, Francois Balloux vom University College London (UCL). Mutationen an sich seien keine schlimme Sache. "Es gibt keinen Hinweis, dass Sars-CoV-2 schneller oder langsamer mutiert, als man erwarten würde." Über eine mögliche höhere Gefährlichkeit könne man jetzt aber noch nicht viel sagen.

Rückschlüsse auf erste Infektionen

"Unsere Ergebnisse stimmen mit früheren Schätzungen überein und deuten darauf hin, dass alle Genomsequenzen (des Virus, Anm. d. Red.) gegen Ende 2019 einen gemeinsamen Vorfahren haben, was darauf schließen lässt, dass dies die Zeit war, in der SARS-CoV-2 auf den Menschen übergesprungen ist", erklärt das Forscherteam. So war etwa ein Fall bekannt geworden, wonach sich ein in Frankreich lebender Lungenpatient schon Ende Dezember angesteckt und seine Kinder ebenfalls infiziert hatte. Das kam bei nachträglichen Tests heraus. Der Ursprung der Infektion sei aber unklar. Auch die WHO vermutet, dass es weitere, bisher unentdeckte Fälle gegeben haben könne und ordnet weitere Tests alter Proben an.

Berechnungen stützen These und nennen "Geburtsstunde"

Wo die Forscher des UCL keinen genauen Zeitraum und vor allem Ort zum Ursprung des Coronavirus nennen können, lassen Genomberechnungen auf der Plattform "GISAID" zu, einen Zeitraum einzugrenzen, in dem sich die ersten Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert haben könnten. Und dieser liegt derzeit möglicherweise zwischen dem 15. Oktober und dem 8. Dezember 2019.

Ein gemeinsamer Vorfahre des Virus hatte bei manchen die Hoffnung geschürt, dass sich das Virus noch früher ausgebreitet haben könnte, und es daher zu einer größeren Durchseuchung gekommen sei. Das aber schlossen die Forscher aus und bestätigten gegenüber dem Nachrichtensender "CNN", dass die weltweite Durchseuchungsrate bei maximal zehn Prozent liege.

Andere Studie blickt in die Zukunft: Virus wird sich dem Wirt anpassen

Etwas weiter auf bestimmte Mutationen gehen derweil Wissenschaftler der "Sheffield COVID-19 Genomics Group" und Forscher des Los Alamos National Laboratory in New Mexico um B. Korber ein. Und hier setzt nun die Berichterstattung über eine möglicherweise zukünftig höhere Infektionsgefahr ein. Sie hatten festgestellt, dass Mutationen vor allem in den Bindungsstellen eines bestimmten Proteins (Spike-Protein) vorkommen und die Infektiosität des Virus erhöhen könnten. Im Laufe des Monats März habe sich so eine Art "neuer Stamm" herausgebildet, der weltweit zur dominanten Form geworden sei, heißt es.

Mutationen machen das Virus infektiöser – aber nicht gefährlicher

Und so kommen wir zum Knackpunkt: Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Coronavirus weitaus ansteckender geworden ist und auch möglicherweise noch wird – aber eben nicht tödlicher. Damit sind wir wieder bei der genannten These von oben: Ein Virus möchte sich verbreiten – und dafür müssen seine Wirte überleben.

Die Impfstoffentwicklung im Kampf gegen das Coronavirus könnte sich dadurch aber als schwieriger und langwieriger erweisen. Aber: "Wenn wir unsere Arbeit auf die Abschnitte des Virus konzentrieren, die kaum mutieren", erklärt Balloux vom UCL, "haben wir eine bessere Chance, Medikamente zu entwickeln, die langfristig wirken." Bis dahin: Coronavirus-Ansteckung vermeiden? Hier ist die Gefahr groß! Und wenn Sie ratlos sind, was eigentlich welcher Begriff bedeutet: Coronavirus: Diese Begriffe sollten Sie kennen

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Studien:

Weitere Quellen:

  • spiegel.de, orf.at, pharmazeutische-zeitung.de, aerzteblatt.de
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