Aktualisiert: 05.05.2020 - 19:09

Britische Forscher warnen Unentdeckte Krebsfälle: Der Lockdown könnte Leben kosten

Die Aufhebung der Kontaktsperre könnte Menchenleben kosten, vor allem bei unentdeckten Krebsfällen.

Foto: iStock/praetorianphoto

Die Aufhebung der Kontaktsperre könnte Menchenleben kosten, vor allem bei unentdeckten Krebsfällen.

So wichtig die Ausgehbeschränkungen im Zuge der Corona-Krise sind – so gefährlich können sie unter Umständen werden. Britische Forscher prognostizieren Tausende Krebs-Tote aufgrund der Maßnahmen. Woran das liegt und warum es in Deutschland ähnlich aussehen könnte – und was jeder von uns tun kann.

Britische Forscher schlagen Alarm: Seit dem Lockdown – in Großbritannien seit dem 23. März ausgerufen – ist zwar lebenswichtig im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie, bringt aber unschöne Folgen mit sich. Auch gesundheitliche. Bei der Analyse des Verhaltens der Menschen stellen sie unter anderem eine beunruhigende Prognose: Im kommenden Jahr könnten aufgrund des Lockdowns rund 20 Prozent mehr neu diagnostizierte Krebs-Patienten an der Erkrankung sterben als sonst im Jahreszeitraum.

Das liegt nicht etwa daran, dass Krebspatienten per se gefährdeter wären (mehr dazu unten), sondern an gleich mehreren Phänomenen: Die Menschen versuchen, so wenig wie möglich zum Arzt zu gehen – auch aus Angst vor einer Corona-Infektion – und könnten außerdem bei zu vielen Covid-19-Intensivfällen möglicherweise nicht ausreichend behandelt werden. In Deutschland könnte sich das Ganze ähnlich entwickeln.

Britische Studie prognostiziert Tausende Tote: Diagnostik und Krebsbehandlung gehen stark zurück

Warum die Forscher zu diesen Horror-Prognosen kommen? Daten aus den größten, wichtigsten Krebszentren in Großbritannien zeigen: Seit Beginn der Krise sind in Großbritannien bereits weit weniger Krebsdiagnosen gestellt worden – und auch die Behandlungen sind zurückgegangen. Die Zahl der Dringlichkeitsüberweisungen mit Verdacht auf Krebs durch einen Hausarzt sind demnach um 76 Prozent geschrumpft. Zudem sank die Zahl der Chemotherapie-Termine um 60 Prozent verglichen mit dem Niveau vor dem Lockdown.

Im Vergleich: Vor Ausbruch der Pandemie starben rund 31.000 Menschen mit neu diagnostiziertem Krebs innerhalb eines Jahres im Schnitt. Die Forscher vermuten, dass man zu dieser Zahl im kommenden Jahr gut 6.000 weitere Todesopfer aufrechnen werden könne. Rechne man das hoch auf alle an Krebs leidenden Menschen in Großbritannien, könnte die Zahl der zusätzlichen Todesfälle auf 18.000 innerhalb eines Jahres steigen. Die Studie leiteten Forscher des University College London sowie der Forschungsstelle zu Behandlungsdaten für Krebspatienten.

"Potential für unabsichtliche Folgen": Patientenschwund auch in Deutschland sichtbar

Die federführende Autorin der Studie, Alvina Lai vom Institut für Gesundheitsinformatik am University College in London beschrieb, dass die Ergebnisse das "erhebliche Potential für unbeabsichtigte Folgen" der Corona-Krise zeigten. So könnten sich die Lockdown-Maßnahmen negativ auf Krebspatienten auswirken, daher müsse man Patienten aus Risikogruppen schneller erkennen und behandeln.

Ähnlich sieht das Ganze in Deutschland aus – auch in anderen Bereichen. So hatten sich bereits Kardiologen besorgt zum Herzinfarkt-Patientenschwund in Kliniken geäußert. Der Hauptgrund sei, dass Menschen trotz Herzinfarkt-Symptomen aus Corona-Angst nicht den Notruf kontaktieren würden. Die Bitte, dies trotzdem zu tun, gilt natürlich für alle Arten des Notrufs und für alle Beschwerden: Sowohl Krankentransporte als auch Krankenhäuser und Arztpraxen gesichert – umso mehr nach dem Covid-19-Ausbruch in der Onkologie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – und die Folgen eines unbehandelten Notfall-Leidens können weit fataler sein als eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2.

In Sachen Krebsbehandlung konnte die Task Force des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft aber laut "merkur.de" bislang keine Versorgungsengpässe feststellen: "Doch wir erkennen inzwischen auch, dass das Versorgungssystem spürbar gestresst ist und die Einschränkungen aufgrund der Krisensituation negative Auswirkungen für Krebspatienten haben können“, äußert sich Gerd Nettekoven, Chef der Deutschen Krebshilfe, bei "n-tv".

Krebserkrankungen müssen weiter abgeklärt werden

Das größte Problem sei auch im Krebsbereich, dass Patienten aus Furcht vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 eher von Arztbesuchen absehen würden. Das würde das Abklären von Krebserkrankungen und Früherkennungsuntersuchungen stark behindern. Dass solche Maßnahmen aber ausgesetzt würden, sei "nur über einen kurzen Zeitraum tolerierbar, sonst werden Tumore möglicherweise erst in einem fortgeschrittenen Stadium mit dann schlechterer Prognose erkannt", erklärt Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des DKFZ gegenüber "n-tv".

Der Appell daher: Scheuen Sie sich nicht, einen Arzt aufzusuchen!

Notruf! So reagiert man richtig
Notruf! So reagiert man richtig

Für Krebspatienten gilt in der aktuellen Situation dennoch gesteigerte Vorsicht, besonders bei geschwächtem Immunsystem etwa durch Leukämie oder Lymphom, Leukozytopenie, niedrigen Immunglobinwerten sowie bei der langfristigen Einnahme von Immunsuppressiva (Kortison etc.) und nach der Transplantation von körperfremden Stammzellen oder anderen zellulären Therapien. Diese Vorsichtsmaßnahmen gelten allerdings für jeden Menschen: Achten Sie auf die empfohlenen Hygiene- und Verhaltensempfehlungen: Waschen Sie sich regelmäßig gründlich die Hände, vor allem nachdem Sie draußen waren und halten Sie Abstand zu anderen – insbesondere zu offenbar erkrankten Personen. Auch Ihre sozialen Kontakte sollten Sie über die Kontaktbeschränkungen hinaus weitestgehend einschränken, so gut es eben geht – die Situation ist schließlich auch sehr belastend.

Für uns alle gilt vor allem in Hinblick auf Risikogruppen, zu denen auch Krebspatienten gehören: Abstand halten! Hygiene einhalten! Solidarisch zeigen! Nur, wenn wir die Situation ernst nehmen, können wir unsere Mitmenschen schützen! So schützen Sie sich (und andere) vor dem Coronavirus.

Neues zur Krebsforschung sowie Informationen rund um das Coronavirus finden Sie auf unseren Themenseiten.

Hier finden Sie die Studie der britischen Forscher zur gesteigerten Sterblichkeitsrate von Krebspatienten während der Covid-19-Krise.

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