30.04.2020 - 09:29

Was hinter Stechen, Kribbeln und Co steckt Daran erkennen Sie die häufigsten Rückenleiden

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Was tun gegen Rückenschmerzen

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Es zieht im Kreuz, kribbelt im Bein – Rückenleiden zeigen sich unterschiedlich. Ein Experte erklärt, welche Symptome auf was hindeuten und die beste Behandlung.

Deutschland hat Rücken – rund 80 Prozent aller Bundesbürger kennen Rückenschmerzen, fast jeder Dritte leidet sogar häufig oder ständig darunter. Oft stecken "nur" Verspannungen, schwache Muskeln und Fehlhaltungen dahinter, aber auch Veränderungen und Schäden an Knochen und Gewebe sind keine Seltenheit. Die Einschränkungen im Alltag und die Minderung der Lebensqualität können gewaltig sein, so geht etwa ein Viertel aller Krankschreibungstage allein auf Rückenbeschwerden zurück. Umso wichtiger ist es, die Probleme ernst zu nehmen und sie nicht zu verschleppen, bis die Schäden dauerhaft sind.

Rückenbeschwerden: Vielfältiges Leid, vielfältige Ursachen

Ob der bekannte Bandscheibenvorfall oder die weitaus weniger geläufigen Zervikal- oder Facettensyndrome – der erste und entscheidende Schritt zu ihrer Heilung ist, ihre Symptome richtig zu deuten. "Erfolg versprechend ist eine Behandlung nur, wenn man die richtige Diagnose stellt, um so die richtige Therapiewahl treffen zu können", sagt Orthopäde Dr. Reinhard Schneiderhan vom gleichnamigen Medizinischen Versorgungszentrum in München-Taufkirchen. "So vielfältig die Probleme, so vielfältig sind heute auch die Therapiemöglichkeiten." Hier gibt es einen Überblick über die häufigsten Rückenleiden, ihre Symptome und mögliche Therapiemaßnahmen, inklusive Tipps vom Experten zu den neuesten Behandlungsmethoden.

Bandscheibenvorfall: Das sind die Symptome!
Bandscheibenvorfall: Das sind die Symptome!

Bandscheibenvorfall – Druck auf die Nervenbahnen

  • Häufige Symptome: Wichtig – nicht jeder Bandscheibenvorfall verursacht Schmerzen. Eine Therapie ist dann auch nicht nötig. Ansonsten kommt es oft zu starken und stechenden Schmerzen im betroffenen Bereich, die sich bei Belastung verschlimmern. Außerdem sind Missempfindungen wie Taubheits-und Lähmungsgefühle sowie Kribbeln und Kältegefühl möglich, je nachdem wo der Vorfall besteht, sind Arme oder Beine betroffen.
  • Ursache: Zwischen den Wirbeln liegen Bandscheiben als eine Art Puffer. Sie bestehen aus Gewebe, das mit Flüssigkeit aufgepolstert ist. Durch Verschleiß und jahrelange Fehlbelastungen können sich die Bandscheiben verformen. Der Gallertkern im Inneren verschiebt sich, es kommt zu Rissen und schließlich zum Vorfall. Dabei entweicht die gelartige Flüssigkeit und drückt auf die Nervenbahnen an der Wirbelsäule drücken oder klemmt Nerven ein.
  • Therapie: "Bloß nicht gleich operieren lassen", rät Dr. Schneiderhan. In vielen Fällen können konservative Maßnahmen sehr gut helfen. Dazu gehören Physiotherapie, Bewegung und die kurzfristige Einnahme von entzündungshemmenden Schmerzmitteln. Falls wirklich ein Eingriff nötig ist, gibt es heute spezielle Injektionen sowie schonende minimal-invasive und mikrochirurgische Maßnahmen. "Wichtig ist, sich an ein erfahrenes Team zu wenden", rät der Experte. "Gerade bei einem Bandscheibenvorfall wird gerne voreilig zum Skalpell gegriffen."

Welche Faktoren bei der Abwägung 'Bandscheiben-OP oder nicht' helfen können, lesen Sie hier.

Facettensyndrom – Abnutzungserscheinungen zwischen den Wirbeln

  • Symptome: Die Schmerzen strahlen kreisförmig um die betroffenen Bereiche der Wirbelsäule herum aus, die Stellen sind sehr druckempfindlich. Da die Nervenwurzeln gereizt sind, können die Schmerzen bis in das Gesäß und die Oberschenkel reichen. Oft fühlt sich die Wirbelsäule morgens nach dem Aufstehen steif an.
  • Ursache: Bei diesem weit verbreiteten Leiden sind die Zwischenwirbelgelenke rechts und links der Wirbelsäule betroffen. Diese sog. Facettengelenke sind kleine Knochenfortsätze, die die einzelnen Wirbel miteinander verbinden. Sie können sich abnutzen, wodurch es zu arthrotischen Veränderungen kommt (Verschleiß), die zum Teil heftige Schmerzen verursachen, wenn sie Nerven reizen.
  • Therapie: Im Frühstadium reicht es oft aus, entzündungshemmende und muskelentspannende Medikamente zu verabreichen. Auch kortisonhaltige Injektionen können helfen. Im fortgeschrittenen Stadium rät Dr. Schneiderhan zu einem minimal-invasiven Eingriff namens Thermokoagulation: "Dabei führen wir eine Schmerzsonde bis zur Schmerzfaser, betäuben den Bereich und erhitzen dann die Sondenspitze auf 80 Grad", erklärt der Experte. "Das unterbricht die Schmerzweiterleitung. Eventuelle Verknöcherungen können wir gleichzeitig mit Mikroinstrumenten entfernen."

Lesen Sie hier noch detailliertere Ratschläge von Dr. Schneiderhan zum Facettensyndrom.

Osteochondrose – schwache Muskeln, steifer Hals

  • Symptome: Typisch sind Bewegungseinschränkungen, meist im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule. Auch Kopf- und Nackenschmerzen sind möglich. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu Knochen- und Muskelschmerzen, Taubheitsgefühlen und kurzzeitigen Lähmungserscheinungen. Manchmal auch Schwindel. Das Leiden beginnt schleichend und verursacht erst im fortgeschrittenen Stadium heftige Schmerzen.
  • Ursache: Durch Bewegungsmangel, Fehlhaltungen und eine zu schwache Muskulatur kann es zur Abnutzung der Bandscheiben und des Knochenknorpelkomplexes der Wirbelsäule kommen. Die Bandscheiben verlieren an Volumen und können nicht mehr so gut als "Stoßdämpfer" zwischen den Wirbeln arbeiten. Die Statik der Wirbelsäule verändert sich, Bandscheiben können verrutschen und auf das Rückenmark drücken.
  • Therapie: Die Behandlung ist sehr stark davon abhängig, wo und in welcher Form sich die Osteochondrose äußert. Zunächst kommen Schmerzmittel und Muskelentspanner zum Einsatz, außerdem ist Entlastung wichtig. Dann sollen Physiotherapie und Muskelaufbau die Beweglichkeit wiederherstellen. In vielen Fällen kann laut Dr. Schneiderhan eine sog Diskographie helfen, eine Laserbehandlung. "Die Hitze durchtrennt die Schmerzfasern und hervorgetretenes Bandscheibengewebe zieht sich zurück und schrumpft," erklärt der Experte.

Spinalkanalstenose – schwache Beine durch gereizte Nerven

  • Symptome: Es kommt zu sog. diffusen Schmerzen. Nicht der betroffene Bereich tut weh, vielmehr sind Gesäß und Beine betroffen. Auch Gangunsicherheiten und das Gefühl, die Beine gehören nicht mehr zum Körper, sind keine Seltenheit. Außerdem verliert die Wirbelsäule an Stabilität. Wer zu lange mit der Therapie wartet, muss mit Verknöcherungen rechnen.
  • Ursache: Bei diesem Leiden verengt sich der Spinalkanal im Innern der Wirbelsäule, in dem das Rückenmark, seine Ausläufer und viele Nerven stecken. Diese werden gereizt und lösen zum Teil starke Schmerzen aus. Meistens sind die Hals- oder Lendenwirbelsäule betroffen. Da die Spinalkanal-Verengung natürlichen Verschleiß entsteht, trifft das Leiden überwiegend ältere Menschen.
  • Therapie: Behandelt wird nur, wenn die Spinale Stenose Beschwerden verursacht. Neben Schmerzmitteln und Physiotherapie kommt auch die Injektion von Kortison und Anästhetika ins Rückenmark zum Einsatz. Außerdem ist auch hier ein minimal-invasives Vorgehen möglich. Mit Hilfe einer Endoskopie tragen Ärzte die störenden Verknöcherungen ab. Dr. Schneiderhan bietet zudem das neuartige Intraspine-Verfahren an, bei dem Silikon-Puffer eingesetzt werden, um Platz zwischen den Wirbelkörpern zu schaffen.

Spondylolisthesis – wenn die Wirbelsäule verrutscht

  • Symptome: Dieses Leiden wird auch Wirbelgleiten genannt, bei dem sich die Nerven in einer Art Schraubstocksituation befinden. Die Folge sind starke Schmerzen. Diese können vom oberen Rücken bis in die Beine ausstrahlen und zu Gangunsicherheiten führen. In extremen Fällen können Nerven abgedrückt werden, was Lähmungen und Darm- und Blasenstörungen verursachen kann.
  • Ursache: Eine Instabilität an den Wirbelgelenken führt zur Überbeweglichkeit, es entsteht ein sog. Gleitwirbel, in der Regel im oberen Teil der Wirbelsäule. Sie gleitet nach vorne über den unteren Teil der Wirbelsäule. Diese ist dadurch stark verformt. Wenn ein Wirbel gegen den anderen verschoben ist, kommt es zu einer Einengung im Wirbelkanal. Das zieht die Nerven in Mitleidenschaft.
  • Therapie: Physiotherapie, Schmerzmittel und ggf. eine Orthese (Korsett) sollten zunächst in Erwägung gezogen werden. Außerdem können Medikamente eingespritzt werden. Dr. Schneiderhan praktiziert auch die Videokatheterbehandlung. "Unter Dämmerschlafnarkose und Röntgenkontrolle führen wie einen Katheter exakt an die eingeengte Stelle", sagt Dr. Schneiderhan. Dann werden eine Enzymlösung sowie schmerzstillende, abschwellende und schrumpfende Medikamente eingespritzt.

Zervikalsyndrom – Verspannungen mit extremen Folgen

  • Symptome: Es beginnt mit Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule, zu denen sich Taubheitsgefühle und Empfindungsstörungen wie Ameisenlaufen gesellen können. Auch Schlafstörungen und Schwindel sind möglich. Im späteren Verlauf treten Schmerzen und Muskelverhärtungen auf, die nicht von alleine verschwinden.
  • Ursache: Etwa 70 Prozent aller Menschen erleidet mindestens einmal im Leben das Zervikalsyndrom. Darunter versteht man verschiedene Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule, die von starken Verspannungen ausgelöst werden. Sie entstehen meistens meistens aufgrund von Fehlbelastungen, z.B. durch schlechte Haltung, zu wenige Bewegung etc. Auch manche Wirbelsäulenerkrankungen – wie z.B. Skoliose – können das Zervikalsyndrom auslösen.
  • Therapie: Gegen die Versteifung, Verhärtung und Schmerzen können Wärme, Massagen, Schmerzmittel und gezielte Bewegung helfen. Auch Akupunktur, Chiro- und Ergotherapie können Linderung verschaffen. Zudem sollte vorbeugend die Muskulatur im Schulterbereich und oberen Rücken gestärkt werden, etwa durch Krafttraining. Wenn alle konservativen Maßnahmen nicht anschlagen und die Schmerzen zu starken Einschränkungen führen, kann laut Dr. Schneiderhan auch eine Mikrolasertherapie helfen. Sie unterbricht die Schmerzfaserweiterleitung.

Wie Sie Ihren Rücken stark machen, welche Medikamente und pflanzlichen Mittel gegen Schmerzen helfen und vieles mehr, erfahren Sie auf unserer großen Themenseite zu Rückenschmerzen.

Unser Experte leitet die MVZ Praxisklinik Dr. Schneiderhan & Kollegen in München / Taufkirchen, die sich auf Wirbelsäulenerkrankungen spezialisiert hat.

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