Aktualisiert: 11.01.2021 - 09:21

Massive Schäden durch Viren und Entzündung Das macht Covid-19 mit der Lunge

Die bei Covid-19 ausgelöste Lungenentzündung sieht anders aus als andere Pneumonien. Wie die Lunge auf das Virus reagiert.

Foto: iStock/DragonImages

Die bei Covid-19 ausgelöste Lungenentzündung sieht anders aus als andere Pneumonien. Wie die Lunge auf das Virus reagiert.

Bei schweren Verläufen von Covid-19, der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit, kommt es oft zu Atemnot und schwerwiegenden Lungenproblemen. Aber auch Patienten mit leichtem Verlauf haben oft noch lange nach der Erkrankung mit Atemproblemen zu kämpfen. Was da in der Lunge vorgeht, ist ungewöhnlich: Das Virus verändert die Leistung der Lunge massiv – und über eine lange Zeit.

Es ist ein gigantischer Unterschied zwischen zwei sich so ähnlichen Viren: Sars, das Virus, das Anfang des Jahrtausends in China wütete, war ein Virus, das tief in die Lunge eindrang und dort schwere Schäden verursachte. Dadurch war es aber auch nur wenig ansteckend – im Vergleich zum neuen Sars-Virus, das nun seit rund einem Jahr die ganze Welt die Welt in Atem hält. Sars-CoV-2 ist wie Sars-1 ein Coronavirus. Und auch Sars-CoV-2 kann tief in die Lunge eindringen und Schäden verursachen. Doch es sitzt vor allem in den oberen Atemwegen – und ist dadurch viel infektiöser.

Ungewöhnlich ist dieses Virus in vielerlei Hinsicht, stellen Mediziner immer mehr fest. Ungewöhnlich ist aber auch das, was das neuartige Coronavirus in der Lunge anrichtet und welche Langzeitfolgen die Krankheit Covid-19 mit sich bringen kann – selbst nach leichten Verläufen.

Covid-19 in der Lunge: Wenn es dorthin gelangt, wird es oft schlimm

In ihrem Erbgut ähneln sich das damalige Sars-Virus sowie Sars-CoV-2 sehr. Doch sowohl Ansteckungsgefahr als auch das, was die Virenarten mit dem Körper machen, sind unterschiedlich. Und das macht Sars-CoV-2 so gefährlich: Wir wissen noch immer vergleichsweise wenig darüber, müssen es erforschen. Wir schlussfolgern – aber können damit auch falsch liegen. Mittlerweile ist klar: Sars-CoV-2 ist infektiöser als Forscher anfangs dachten. Das macht es dem Virus einfacher – aber auch dem menschlichen Körper. Denn tummeln sich die Viren erst in den oberen Atemwegen, kann das Immunsystem schneller reagieren. Das war bei Sars damals nicht so. Daher litten mit Sars-CoV-1 Infizierte auch weit öfter unter schlimmen Verläufen. Doch die höhere Infektiosität führt dennoch dazu, dass mehr Menschen im Krankenhaus landen, je mehr sich infizieren. Neuere, noch ansteckendere Varianten tun da ihr Übriges.

Auch wenn das neuartige Sars-CoV-2 im Gegensatz dazu in vielen Fällen mild verläuft, kann das Virus in die Lunge gelangen und dort großen Schaden anrichten. Es löst dort eine Entzündung aus. Die Folge sind dann lange Krankenhausaufenthalte mit Beatmung. Und wenn der Körper das nicht mit macht, kann das auf verschiedenen Wegen zum Tode führen.

Schwerer Verlauf entwickelt sich oft erst

Die Symptome von Covid-19 kommen meist schleichend. Manchmal gibt es gar keine Symptome. Fassen wir grob zusammen:

  • Viele Menschen merken nichts oder kaum etwas von dem Virus.
  • Bei den meisten, bei denen sich langsam Symptome entwickeln – im Schnitt nach etwa sechs Tagen –, kommt es zu Problemen mit den oberen Atemwegen: Husten, Halskratzen, vielleicht Fieber, Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns, Schwindel, Durchfall... die Symptome unterscheiden sich.
  • Manchmal entwickeln sich nach diesen ersten Symptomen – in manchen Fällen sogar nach einem kurzen Moment der Besserung – starke Symptome. Das passiert im Schnitt nach einer Woche nach Auftreten der ersten Symptome.
  • Bei manchen Patienten mit schweren Symptomen kann das Coronavirus nebst Lunge auch aufs Herz schlagen oder andere Organe angreifen. Covid-19 ist eine Multiorganerkrankung.
  • Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns zeigen: Auch neurologische Symptome sind vorhanden.

Schäden in der Lunge durch Viren – und durch Entzündung

Kurios ist: Gelangen die Viren in die Lunge und kommt es dort zu einer Lungenentzündung, sind häufig gleichzeitig im Rachen kaum noch Viren nachweisbar. Das beobachten Mediziner bei Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden.

In den Fällen, in denen Viren in die Lunge gelangen, richten sie dort Schaden an, indem sie in die Zellen eindringen. Jetzt schreitet aber auch das Immunsystem weiter ein. Dadurch entzündet sich das Lungengewebe. Die Entzündung unterscheidet sich von denen einer "normalen" Pneumonie – so wird die Lungenentzündung medizinisch genannt.

Besonders ungewöhnlich ist, dass manche Covid-19-Patienten zwar das Gefühl haben, normal atmen zu können, Untersuchungen aber zeigen, dass der Körper bereits unter massivem Sauerstoffmangel leidet, da die Lungenfunktion eingeschränkt ist. Eine Kombination, die man fast nie sehe, hieß es im April in einem Debattenbeitrag in der Fachzeitschrift "Intensive Care Medicine" seitens Ärzten aus Göttingen, Turin und London. Sie erklären das so, dass die Lunge trotz der Entzündung bei Covid-19 in vielen Fällen ungewöhnlich lange dehnbar bleibe.

Unterschiede zu Lungenentzündungen durch andere Auslöser groß

Anscheinend hängt das mit der Flüssigkeit in der Lunge zusammen. Bei "normalen", schweren Lungenentzündungen lagert sich recht schnell Flüssigkeit in der Lunge ein. Dadurch wird das Lungengewebe steifer und das Atmen fällt den Patienten schwer – es fühlt sich an, als atme man gegen einen Widerstand.

Bei Covid-19-Patienten scheint das aber erst bei einer weit fortgeschrittenen Entzündung der Lunge zu passieren. Pfeifer erklärt das wie folgt: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich bei Covid-19 in der ersten Phase deutlich weniger Flüssigkeit in der Lunge ansammelt als bei einer klassischen Lungenentzündung."

Auf Computertomographie-Bildern (CT) zeigt sich das in hellen Flächen. Normalerweise sind diese recht groß. Bei Covid-19-Patienten ist Medizinern dagegen schon früh aufgefallen, dass auf den CT-Bildern viele kleine "Wölkchen" zu sehen waren. Die Flüssigkeitsansammlungen befinden sich hier vor allem am Rand der Lunge und sind ansonsten in kleiner Größe verteilt. Pfeifer erklärt, man sehe je nach Schwere noch immer dunkle, also luftgefüllte Areale dazwischen.

Dieses erste Phänomen wird durch eine zweite ungewöhnliche Eigenart der Covid-19-Lungenentzündung ergänzt, die erklärt, warum trotz der ausreichenden Dehnbarkeit der Lunge zu wenig Sauerstoff im Blut ankommt. Laut Pfeifer liege das an mehreren Entzündungsherden in der Lunge. Die Gefäße dort seien so stark geweitet, dass sie ungewöhnlich viel Blut aufnähmen. Durch die Entzündung und die lokalen Flüssigkeitsansammlungen könne aber in diesen Bereichen kaum Sauerstoff aus der Luft ins Blut aufgenommen werden. Doch wo das Blut zu viel ist, fehlt es an anderer Stelle in der Lunge: Die gesunden Teile sind zu schlecht durchblutet, um den Sauerstoffmangel auszugleichen.

Ein Sauerstoffmangel wiederum führt dazu, dass sich die Atemfrequenz erhöht. An ihr unter anderem erkennen Mediziner den Gesundheitszustand ihrer Patienten. Normal sind bei Erwachsenen 14-18 Atemzüge in der Minute, ab 30 Atemzügen muss intensivmedizinisch behandelt werden, da Benommenheit auftritt. Doch auch die künstliche Beatmung kann, obwohl sie Leben rettet, auch schaden. Sie setzt den Körper unter Stress. Zudem müsse, so Pfeifer, der richtige Punkt erkannt werden, da sich eine zu späte Beatmung bei Covid-19 nach bisherigen Erkenntnissen auf den weiteren Verlauf der Krankheit durchaus negativ auswirken könne.

Corona-Symptome? Machen Sie den Selbstcheck zur Atemfrequenz: Wie oft pro Minute atmen normal ist.

Auch die Lungenentzündung verläuft bei jedem anders

Zusätzlich herausfordernd sind die unterschiedlichen Verläufe, nicht nur in Sachen Symptome, sondern auch die der Lungenentzündung. Nebst den ganz schweren Verläufen gibt es durchaus Patienten, deren CT eine Lungenentzündung passend zu Covid-19 zeigt, die aber trotzdem kaum Beschwerden verspüren, vielleicht eher müde seien, so Pfeifer. Das hänge damit zusammen, wie stark das Immunsystem reagiere. Und das ist auch bei jeder anderen Entzündung so: "Alle Entzündungen führen nicht nur zu einer lokalen Reaktion, sondern betreffen den ganzen Körper", erklärt Pfeifer. "Manchmal fühlen wir uns zum Beispiel total schlapp, obwohl nur ein kleiner Zahn entzündet ist."

Manchmal reagiert das Immunsystem über – das passiert auch bei anderen Krankheiten bzw. Entzündungen. Und so ist es jetzt auch bei schweren Covid-19-Fällen. Reagiert der Körper über, kommt es eher zu schweren Fällen, sagt auch Pfeifer.

Spätfolgen: Patienten haben noch Monate später Probleme

Über die Spätfolgen von Covid-19 lässt sich langsam mehr erkennen. So leiden manche Patienten noch Wochen, teilweise Monate nach Ende der Infektion an Atemproblemen, starker Müdigkeit oder haben ihren Geruchs- und Geschmackssinn noch nicht zurück. Offenbar leidet etwa ein Drittel der Patienten am sogenannten "Long Covid", in Großbritannien etwa gibt es bereits Kliniken, die sich auf diese Patienten spezialisieren, und auch in Deutschland werden Rehabilitationsmaßnahmen angeboten.

In Hongkong berichten Ärzte weiter, dass es genesene Patienten gibt, die noch Probleme mit ihrer Lungenfunktion haben und beim schnelleren Gehen keuchen. Auf CT-Bildern fanden sich milchglasartige Trübungen, die auch Forschern aus Wuhan aufgefallen waren. Sie rühren von gebildetem Sekret. Wie oben beschrieben ist die Lunge dann nicht mehr so dehnbar. Und das passiert bei Lungenentzündungen schnell – nur bei der Covid-19-Lungenentzündung eben erst spät. Spätfolgen können also von der schweren Lungenentzündung sowie auch vom Beatmen kommen. Es kann sich auch möglicherweise Narbengewebe bilden. Diese "Lungenfibrose" ist geschädigtes Gewebe, das sich nicht mehr zurückbildet und die Lungenfunktion einschränkt.

Wie lange bleiben die Schäden an der Lunge?

Schweizer Mediziner haben jetzt eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Die sogenannte Kohlenmonoxid-Diffusionskapazität, die Aussagen über den Luftaustausch in der Lunge zulässt, lag bei Patienten mit schweren bzw. kritischen Verläufen bei rund 76 Prozent des erwarteten Wertes. Sprich: die Sauerstoffaufnahme der Lunge war noch Monate später gesenkt. Und auch nach milden Verläufen bemerkten die Forschenden eine verringerte Sauerstoffaufnahme noch lange nach der akuten Erkrankung. Wie lange diese Schäden aber letztendlich bleiben und bei wie vielen Patienten es tatsächlich zu einer Lungenfibrose kommt, muss noch herausgefunden werden.

Auch bei anderen Lungenkrankheiten kann das Gewebe übrigens Schaden nehmen, auch oft irreversibel. So leiden nach viralen Lungenentzündungen nicht wenige Patienten unter langfristigen Folgen. Der Unterschied aber liegt in der Menge der Patienten: Das Coronavirus wütet und scheint sich aufgrund neuer Varianten noch schneller zu verbreiten. Niemand weiß, wie sein Körper auf das Virus reagieren wird. Daher ist definitiv Vorsicht geboten.

Aber: Die Lunge kann sich wunderbar selbst heilen und regenerieren – sogar nach schweren Entzündungen.

Manches können wir immerhin selbst in die Hand nehmen. So ist zum Beispiel jetzt in der Corona-Krise der richtige Moment, mit dem Rauchen aufzuhören. Denn bei Rauchern ist die Schutzfunktion etwa der feinen Flimmerhärchen auf den Lungenzellen schon im Vorfeld belastet, so dass sie ihre Reinigungsfunktion nicht so gut ausüben können wie bei Nichtrauchern. Diese "Müllabfuhr", wie sie etwa der Ulmer Lungenarzt Dr. Michael Barzcok bezeichnet, ist bei Rauchern gestört: "Nach einer Zigarette funktioniert die Müllabfuhr für acht Stunden nicht mehr." Ein ähnliches Problem haben Asthma- und COPD-Patienten sowie Menschen aus Regionen mit hoher Luftverschmutzung. Die bessere Luft in den Städten aufgrund der Corona-Krise tut also ihr Übriges, uns gerade jetzt zu schützen.

Mit ein paar Lebensänderungen können wir außerdem die Lunge reinigen und sie bei der Regeneration unterstützen bzw. sie von vornherein schützen. Auch regelmäßiger Sport – oder zumindest regelmäßige Bewegung in Form von Spaziergängen an der frischen Luft (ja, das dürfen wir mit Abstand zu anderen und das ist auch wichtig) sowie gesunde Ernährung stärken Körper und Lunge. Mehr dazu: Trainingsprogramm: Damit stärken Sie ihren Körper in Zeiten des Coronavirus

Fit & gesund durch die Coronakrise
Fit & gesund durch die Coronakrise

Und bevor es schwer wird, gibt es ein paar Tricks, eine Lungenentzündung zu verhindern – zwar weiß man nicht, ob diese Tricks bei Covid-19 helfen, doch schaden sie auf keinen Fall. All das kann helfen, sich gegen das Coronavirus zu schützen und vielleicht auch, schwere Verläufe zu verhindern.

Wir dürfen außerdem nicht vergessen: All die schweren Verläufe, auch unter jungen Menschen, die Probleme, die bei Covid-19 auftreten können – ja, sie sind real, sie passieren. Fakt ist: Wir sollten das Coronavirus nicht unterschätzen. Aber wir können uns und die Menschen um uns herum nach unseren Möglichkeiten schützen – indem wir weiterhin Maske tragen und Abstand halten und jetzt unsere Kontakte einschränken. Bleiben Sie gesund.

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