Aktualisiert: 07.09.2021 - 14:25

Angebliches Wundermittel Entwurmungsmittel Ivermectin gegen Corona: Menschen sind keine Pferde...

Im Labor zeigte sich Ivermectin, ein Wurmmittel, hilfreich gegen Covid-19. Andere Studien sprechen dagegen. Ärzt:innen warnen vor dem unbedarften Gebrauch des Mittels.

Foto: iStock/4X-image

Im Labor zeigte sich Ivermectin, ein Wurmmittel, hilfreich gegen Covid-19. Andere Studien sprechen dagegen. Ärzt:innen warnen vor dem unbedarften Gebrauch des Mittels.

Es ist ein laut WHO-Liste "unentbehrliches Medikament" und wirkt eigentlich gegen allerlei Parasiten. Im Frühjahr reihte sich Ivermectin in die Liste potentieller Wirkstoffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 ein. Dann die Ernüchterung, die Warnungen: zu viele Nebenwirkungen, zu wenig Wirksamkeit. Doch in Lateinamerika und mittlerweile in vielen Teilen der Welt gilt es vor allem unter Impfgegner:innen als Wundermittel. Das Problem – neben nicht bestätigter Wirksamkeit – ist die oft eingesetzte Dosis, die eigentlich für Pferde gilt...

Es galt als Hoffnungsschimmer am Horizont in Sachen Wirkstoffe gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. Die Idee: Das Parasitenmittel Ivermectin könnte laut australischen Forschenden gegen Covid-19 helfen, sogar vorbeugen, es ist günstig und breit verfügbar. Doch aufgrund fehlender bewiesener Wirksamkeit sowie hoher Nebenwirkungen wurde vom Gebrauch bisher abgeraten. In Lateinamerika und Kreisen, die die Impfung ablehnen, kommt es allerdings großflächig zum Einsatz. Ivermectin gegen Covid-19 statt Impfung? Eine gute Idee ist das nicht

Ivermectin: Krätze-Medikament gegen das Coronavirus?

Die Liste potentieller Medikamente gegen Sars-CoV-2 ist lang, nur wenige davon sind aber erstens tatsächlich erfolgversprechend und wären zweitens auch schnell verfügbar inklusive weltweiter Zulassung. Ein Hoffnungsträger war Ivermectin – ein Mittel, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO als eines der wichtigsten Medikamente weltweit eingestuft worden ist.

Der Wirkstoff Ivermectin wird normalerweise bei Menschen und vor allem Tieren zur Behandlung parasitärer Erkrankungen angewendet. Er wirkt gegen Krätze (medizinisch Skabies), Kopfläuse und andere Parasiten, auch bei diversen Wurmerkrankungen, und wird etwa bei Pferden als Entwurmungsmittel eingesetzt. Das Mittel ist aufgrund seines Standes auf der WHO-Liste der essenziellen Arzneimittel weltweit normalerweise gut und zu einem angemessenen Preis verfügbar. Das Entwurmungsmittel für den Gebrauch am respektive im Pferd lässt sich unter anderem in den USA sogar recht einfach kaufen. In auf die großen Vierbeiner zugeschnittenen Dosen...

Ein entsprechender Run ist über die vergangenen Monate ausgebrochen, der im Zuge der Diskussionen um die Impfungen zuletzt regelrecht hochkochte. Warum eigentlich? Im Frühjahr 2020 hatten australische Forscher im Fachjournal "Antiviral Research" darauf aufmerksam gemacht, dass Ivermectin auch in vitro, also zumindest außerhalb eines Organismus unter Laborbedingungen im Reagenzglas, das neuartige Coronavirus hemmen kann.

Wirkung im Reagenzglas nachgewiesen: 48 Stunden Wirkzeit

"Wir haben herausgefunden, dass bereits eine einzige Dosis die gesamte virale RNA entfernen kann, innerhalb von 48 Stunden", erklärt Studienleiterin Kylie Wagstaff vom Discovery Institute an der australischen Monsah-Universität in Melbourne. Und weiter: "Bereits nach 24 Stunden bemerkten wir eine signifikante Reduktion des Erbguts."

Die antivirale Wirkung des Medikaments hatte Wagstaff bereits 2012 beobachten können, damals anhand von Viren wie HIV, Dengue, Influenza und Zika. Die Forscher um Wagstaff vermuteten, dass Ivermectin die Fähigkeit von Sars-CoV-2 "dämpft", sich gegen den Angriff der Wirtszelle zur Wehr zu setzen. So kann das Virus nicht mehr in der Wirtszelle andocken und sich weiterverbreiten.

US-amerikanische Allianz äußerte sich positiv

Bisher gibt es noch immer keinen belastbaren Beweis dafür, dass das Mittel beim Menschen gegen Sars-CoV-2 wirkt, es wurden allerdings Studien in Auftrag gegeben. Unter anderem hatte die im März 2020 gegründete "Front Line Covid-19 Critical Care Alliance" (FLCCC) aus Wisconsin, USA, das Thema aufgegriffen. Das Ziel der Allianz von Intensivmedizinern: evidenzbasierte, fortlaufend optimierte Behandlungsprotokolle für Covid-19 entwickeln. Im Falle von Ivermectin hatte die FLCCC die vorliegenden klinischen Daten ausgewertet und kam Mitte Dezember 2020 zu dem Schluss: Ivermectin könne die Viruslast in der Tat signifikant verringern. Sogar die Übertragung und Entwicklung von Covid-19 bei Infizierten könne es eindämmen.

Das würde bedeuten:

  1. Patienten mit leichtem bis milderem Verlauf könnten schneller wieder gesund werden, eine Verschlechterung des Zustandes könne verhindert werden, wenn das Medikament direkt nach Auftreten erster Symptome gegeben wird.
  2. Patienten mit schwerem Verlauf könnten schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden, die Fallsterblichkeit könnte sinken.

Im Nachgang war unter anderem in Lateinamerika, aber auch weiten Teilen der USA und in anderen Gegenden der Welt ein regelrechter Hype ausgebrochen. Insbesondere unter jenen, die nicht oder noch nicht von der Corona-Schutzimpfung überzeugt sind.

Noch immer ist kein Nutzen nachweisbar, wie mehrere Studien mittlerweile laut Ärzteblatt andeuten. Dennoch warnen die WHO und die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA vor Nebenwirkungen und raten vom Gebrauch ab, bis weitere Tests vorhanden sind, die die Wirksamkeit oder gar den vorbeugenden Nutzen bestätigen. Es gibt da nämlich ein Problem: die Dosis.

Die Dosis macht das Gift

Jedes Medikament birgt das Risiko für Nebenwirkungen. Bis abschließend geklärt ist, ob etwas wirklich wirkt und entsprechend den erhofften Nutzen bringt, wird daher immer erst einmal vom Gebrauch abgeraten. Nun ist es aber so, dass Ivermectin als Anti-Wurm-Mittel für Pferde großflächig verfügbar ist. Das Problem: Selbst wenn es gegen Coronaviren wirkt, so ist die Dosis bzw. Zusammensetzung, die eigentlich für Pferde vorgesehen ist, definitiv nicht mit der zu vergleichen, die einem Menschen guttut.

Die FDA hatte sich daher Ende August sogar genötigt gefühlt, eine ungewöhnlich klar formulierte Warnung via Twitter herauszugeben:

"Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh. Ernsthaft, Sie alle. Hören Sie auf", steht im Tweet geschrieben, zusammen mit einem englischsprachigen Artikel darüber, warum Ivermectin gefährlich und sogar tödlich sein kann. Denn die Menge, die Menschen mit dem für große Tiere zugelassenen Medikament einnehmen, ist viel zu hoch.

Warum nutzen Menschen aber die Dosis für Pferde? Weil das Medikament rezeptfrei über den Tierfachhandel zu bekommen ist. Ohne jegliche Einnahmeempfehlungen kann es dabei aber zu Vergiftungserscheinungen kommen. Dazu gehören Schwindel, Krämpfe oder Erbrechen.

Medikamente gegen Covid-19: Gibt's denn was?

Ivermectin ist nicht das einzige, bereits verfügbare Medikament, das Hoffnung im Kampf gegen das Coronavirus machte, insbesondere bis die Impfstoffe breiter verfügbar waren bzw. für die Patienten, die nicht von einem Impfstoff profitieren. Mittel wie Remdesivir werden mittlerweile für schwere Fälle im Krankenhaus genutzt. Medikamente gegen Covid-19: Das wird alles eingesetzt. Hydroxychloroquin wiederum, anfangs hochgelobt, versagte in weiteren Tests, brachte stattdessen schwere Nebenwirkungen mit.

Doch auch an neuen Mitteln wird geforscht. So soll ein Medikament sogar die Übertragung verhindern. Währenddessen könnte einer der Impfstoff-Hersteller schon bald ein Sofort-Medikament vorstellen, das direkt eine Zeit lang immun macht.

Ansteckung verhindern: Das können die neuen Corona-Medikamente
Ansteckung verhindern: Das können die neuen Corona-Medikamente

Bei bereits vorhandenen Medikamenten gilt es, erst einmal herauszufinden, ob die Wirkung tatsächlich vorhanden ist und dann gegen mögliche, teils schwere Nebenwirkungen abzuwägen. Eigenmächtig sollten all diese Medikamente aber auf keinen Fall eingenommen werden!

Bis ein Medikament gefunden ist, das nachgewiesenermaßen gegen das Coronavirus wirkt und auch verfügbar ist, aber auch darüber hinaus gilt: Lassen Sie sich impfen. Die Impfstoffe sind mittlerweile breit verfügbar , viele Millionen Menschen bereits geimpft. Die Risiken einer Covid-19-Erkrankung sind um ein Vielfaches höher, so wird etwa die Myokarditis öfter bei Covid-19 festgestellt als nach einer Corona-Impfung.

Und weiter gilt: So schützen Sie sich vor dem Coronavirus! Mehr hilfreiche Artikel finden Sie auf unserer Coronavirus-Themenseite!

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Studien:

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