Aktualisiert: 15.01.2021 - 09:23

Trotz Warnungen Krätze-Medikament: Ivermectin gegen Corona – hilft es etwa doch?

Im Labor konnte schon gezeigt werden, dass Ivermectin gegen das neue Coronavirus wirken kann. Trotz Risiken wird es in Lateinamerika angewendet – und die Fallzahlen sinken.

Foto: iStock/4X-image

Im Labor konnte schon gezeigt werden, dass Ivermectin gegen das neue Coronavirus wirken kann. Trotz Risiken wird es in Lateinamerika angewendet – und die Fallzahlen sinken.

Es ist ein laut WHO-Liste "unentbehrliches Medikament" und wirkt eigentlich gegen allerlei Parasiten. Im Frühjahr reihte sich Ivermectin in die Liste potentieller Wirkstoffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 ein. Dann die Ernüchterung, die Warnungen: zu viele Nebenwirkungen, zu wenig Wirksamkeit. Doch in Lateinamerika gilt es als Wundermittel. Und eine US-amerikanische Intensivmediziner-Allianz bewertet das Medikament jetzt ganz neu.

Es galt als Hoffnungsschimmer am Horizont in Sachen Wirkstoffe gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. Die Idee: Das Parasitenmittel Ivermectin könnte laut australischen Forschenden gegen Covid-19 helfen, sogar vorbeugen, es ist günstig und breit verfügbar. Doch aufgrund fehlender bewiesener Wirksamkeit und hohen Nebenwirkungen wurde vom Gebrauch bisher abgeraten. In Lateinamerika allerdings kommt es großflächig zum Einsatz. Und das lässt einen Zusammenschluss aus US-Intensivmedizinern zum Schluss kommen: Ivermectin könnte doch gegen Covid-19 wirken.

Ivermectin: Krätze-Medikament gegen das Coronavirus?

Die Liste potentieller Medikamente gegen Sars-CoV-2 ist lang, nur wenige davon sind aber erstens tatsächlich erfolgversprechend und wären zweitens auch schnell verfügbar inklusive weltweiter Zulassung. Ein Hoffnungsträger war Ivermectin – ein Mittel, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO als eines der wichtigsten Medikamente weltweit eingestuft ist.

Der Wirkstoff Ivermectin wird normalerweise bei Mensch und Tier zur Behandlung parasitärer Erkrankungen angewendet. Er wirkt gegen Krätze (medizinisch Skabies), Kopfläuse und andere Parasiten, hilft auch bei diversen Wurmerkrankungen. Das Mittel ist aufgrund seines Standes auf der WHO-Liste der essenziellen Arzneimittel weltweit normalerweise gut und zu einem angemessenen Preis verfügbar.

Im Frühjahr haben australische Forscher im Fachjournal "Antiviral Research" dann darauf aufmerksam gemacht, dass Ivermectin auch in vitro, also zumindest außerhalb eines Organismus unter Laborbedingungen im Reagenzglas, das neue Coronavirus hemmen kann.

Wirkung im Reagenzglas nachgewiesen: 48 Stunden Wirkzeit

"Wir haben herausgefunden, dass bereits eine einzige Dosis die gesamte virale RNA entfernen kann, innerhalb von 48 Stunden", erklärt Studienleiterin Kylie Wagstaff vom Discovery Institute an der australischen Monsah-Universität in Melbourne. Und weiter: "Bereits nach 24 Stunden bemerkten wir eine signifikante Reduktion des Erbguts."

Die antivirale Wirkung des Medikaments hatte Wagstaff bereits 2012 beobachten können, damals anhand von Viren wie HIV, Dengue, Influenza und Zika. Die Forscher um Wagstaff vermuteten, dass Ivermectin die Fähigkeit von Sars-CoV-2 "dämpft", sich gegen den Angriff der Wirtszelle zur Wehr zu setzen. So kann das Virus nicht mehr in der Wirtszelle andocken und sich weiterverbreiten.

US-amerikanische Allianz äußert sich positiv

Bisher gibt es noch immer keinen belastbaren Beweis dafür, dass das Mittel beim Menschen gegen Sars-CoV-2 wirkt, es gibt mittlerweile aber laut "Clinicaltrials.gov" der U.S. National Library of Medicine 41 Studien dazu, 14 davon sind bereits abgeschlossen. Dennoch warnen die WHO und die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA vor Nebenwirkungen und raten vom Gebrauch ab, bis weitere Tests vorhanden sind, die die Wirksamkeit oder gar den vorbeugenden Nutzen bestätigen. In Lateinamerika ist dennoch ein wahrer Hype um das Medikament entstanden. Dort wird es großflächig eingesetzt.

Das hat die im März 2020 gegründete "Front Line Covid-19 Critical Care Alliance" (FLCCC) aus Wisconsin, USA, nun aufgegriffen. Das Ziel der Allianz von Intensivmedizinern: evidenzbasierte, fortlaufend optimierte Behandlungsprotokolle für Covid-19 entwickeln. Im Falle von Ivermectin hat die FLCCC die vorliegenden klinischen Daten ausgewertet und kam Mitte Dezember zu dem Schluss: Ivermectin könne die Viruslast in der Tat signifikant verringern. Sogar die Übertragung und Entwicklung von Covid-19 bei Infizierten könne es eindämmen.

Das würde bedeuten:

  1. Patienten mit leichtem bis milderem Verlauf könnten schneller wieder gesund werden, eine Verschlechterung des Zustandes könne verhindert werden, wird das Medikament direkt nach Auftreten erster Symptome gegeben.
  2. Patienten mit schwerem Verlauf könnten schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden, die Fallsterblichkeit könnte sinken.

Blick auf Lateinamerika: Fallzahlen sinken

Dabei verweist die FLCCC auch auf die positiven Erfahrungen in Lateinamerika. Dort wird Ivermectin schon seit Mai, also vor der offiziellen Veröffentlichung der Studie, den Warnungen zum Trotz in Peru, Brasilien und Paraguay großflächig eingesetzt. Auch in Mexiko wird es mittlerweile verwendet. Und seitdem seien die Fallzahlen in den Regionen, in denen es genutzt wird, deutlich gesunken. Ähnliche Beobachtungen gebe es laut FLCCC in einigen afrikanischen Ländern.

Dennoch verweisen die Intensivmediziner auch auf mögliche Nebenwirkungen. Doch vor allem für strukturschwache und ärmere Gebiete sei das Mittel eine Alternative, bis sichere und wirksame Impfstoffe überall ausreichend vorhanden wären.

Ivermectin ist nicht das einzige, bereits verfügbare Medikament, das Hoffnung im Kampf gegen das Coronavirus macht, insbesondere bis die Impfstoffe breiter verfügbar sind bzw. für die Patienten, die nicht von einem Impfstoff profitieren. Mittel wie Remdesivir oder Hydroxychloroquin, anfangs hochgelobt, versagten aber in weiteren Tests. Doch auch an neuen Mitteln wird geforscht. So soll ein Medikament sogar die Übertragung verhindern. Währenddessen könnte einer der Impfstoff-Hersteller schon bald ein Sofort-Medikament vorstellen, das direkt eine Zeit lang immun macht.

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Bei bereits vorhandenen Medikamenten gilt es, erst einmal herauszufinden, ob die Wirkung tatsächlich vorhanden ist und dann gegen mögliche, teils schwere Nebenwirkungen abzuwägen. Eigenmächtig sollten all diese Medikamente aber auf keinen Fall eingenommen werden!

Bis ein Medikament gefunden ist, das nachgewiesenermaßen gegen das Coronavirus wirkt und auch verfügbar ist, und auch darüber hinaus gilt: So schützen Sie sich vor dem Coronavirus! Mehr hilfreiche Artikel finden Sie auf unserer Coronavirus-Themenseite!

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Studien:

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