Aktualisiert: 14.12.2020 - 10:43

Studien weisen darauf hin So greift das Coronavirus auch das Herz an

Studien zeigen: Anscheinend kann das neuartige Coronavirus auch das Herz beeinflussen und auf irgendeinem Weg angreifen. Ob selbst oder etwa über Immunreaktionen, muss sich aber noch zeigen.

Foto: iStock/uchar

Studien zeigen: Anscheinend kann das neuartige Coronavirus auch das Herz beeinflussen und auf irgendeinem Weg angreifen. Ob selbst oder etwa über Immunreaktionen, muss sich aber noch zeigen.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist ein Virus, das nicht nur die Atemwege befällt. Vielmehr ist Covid-19 eine Multisystem-Krankheit. Das äußert sich auch anhand der Symptome – und der Langzeitprobleme, von denen sogar Patienten mit mildem Verlauf berichten. Mediziner schlagen Alarm: Das Coronavirus zieht insbesondere das Herz in Mitleidenschaft.

Covid-19 war anfangs nur als Lungenkrankheit bekannt: Mittlerweile ist nachgewiesen, dass sich das auslösende Virus Sars-CoV-2 nicht nur in den oberen Atemwegen tummelt, sondern auch andere Stellen des Körpers schaden kann, etwa den Darm. Und das Coronavirus greift auch das Herz an – und zwar direkt. Sars-CoV-2 kann sich in Herzmuskelzellen vermehren. Das belegen mittlerweile Studien.

Wer von Covid-19 als genesen gilt, leidet zudem oft in der nachfolgenden Zeit an Herzproblemen.

Sars-CoV-2 greift auch das Herz an

Wir lernen immer mehr über das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. Neben den Symptomen einer Atemwegserkrankung wurde über die vergangenen Monate immer wieder festgestellt, dass die Krankheit Covid-19 zwar alle Altersgruppen treffen kann, vor allem aber bei älteren und vorerkrankten Menschen schwer verläuft. Es gibt auch schwere Verläufe bei jungen, offenbar gesunden Menschen, doch die Zahl älterer mit kritischem Verlauf, die etwa unter Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, bestimmten Krebserkrankungen oder Störungen der Hirndurchblutung leiden, ist weitaus höher.

Sind also Menschen mit solchen Erkrankungen einfach eher gefährdet? Vieles könnte darauf hinweisen, führt doch Atemnot auch dazu, dass das Herz mehr Leistung erbringen muss, um den wenigen Sauerstoff durch den Körper zu pumpen. Ist das Herz bereits geschwächt, kann es diese schwere Aufgabe umso weniger bewältigen. Doch diverse Studien zeigen: Das Virus selbst ruft akute Schäden am Herzmuskel hervor.

Laborexperimente zeigen sogar: Sars-CoV-2 kann sich in Herzmuskelzellen vermehren. Dabei dringt es dort jedoch nicht nur "klassisch" via ACE2 in die Zellen ein, sondern nutzt auch das sogenannte Cathepsin.

Symptom Herzschaden: Biomarker im Blut erhöht

Herzschäden und Herzmuskelentzündungen sind bei Covid-19 mittlerweile eine vielfach verzeichnete Folge der Erkrankung, teils während der Infektions selbst, teils als Spätfolge, nachdem die Infektion bereits vorbei ist. Hinweise darauf gibt unter anderem ein erhöhter Biomarker im Blut von Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen. Dieser Biomarker, kardiales Troponin, wird freigesetzt, wenn Herzmuskelzellen angegriffen und zerstört werden bzw. absterben. Das passiert zum Beispiel bei einem Herzinfarkt.

Schon früh vermuteten Forscher, dass Sars-CoV-2 eben nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz angreifen kann. Mittlerweile ist klar: Kardiologische Komplikationen kommen nicht nur durch die Immunreaktion des Körpers zustande, sondern insbesondere auch durch den direkten Corona-Befall der Herzmuskelzellen. Das zeigte unter anderem eine Laborstudie von Denisa Bojkova und Kollegen von der Goethe-Universität Frankfurt. Im Labor aus Stammzellen gezüchtete Herzmuskelzellen und Herzorganoide wurden von ihnen mit verschiedenen Proben des Coronavirus versehen. Die Ergebnisse: Sars-CoV-2 dringt in Herzmuskelzellen ein und kann sich in ihnen vermehren. Die Forschenden konnten belegen, dass das Virus in diesen Zellen "vollständige Replikationszyklen durchläuft". 96 Stunden nach der Infektion seien Herzzellen vermehrt abgestorben. Das erklärt auch die Ausschüttung von kardialem Troponin.

Virus dringt in Herzzellen anders ein

"Die Zellen bekommen richtig Stress, wenn sie dem Virus ausgesetzt werden", erklärt Studienautorin Stephanie Dimmeler von der Universität Frankfurt. "Die sogenannte 'beating rate' geht erst steil nach oben und fällt nach drei Tagen ab, weil die Zellen sterben."

Dennoch scheinen die Herzmuskelzellen etwas weniger anfällig für das Virus zu sein als andere Zelltypen, zeigen die Experimente. Die Rate des durch das Virus ausgelösten Zelltods sei geringer. Zudem dauere es länger, bis die Herzzellen absterben.

Möglicherweise liegt das daran, dass das Coronavirus einen anderen "Türöffner" für Herzzellen nutzt. Denn Herzzellen haben nicht das Membranprotein, das dem Virus neben dem ACE2-Rezeptor als Eintrittspforte dient. Hier wird ein anderes Membranprotein genutzt, das Cathepsin. Die Forscher schließen, dass Cathepsin-Hemmer hier als Therapiemöglichkeit in Betracht gezogen werden könnten.

Aber auch die durch die Infektion ausgelösten Prozesse und Immunreaktionen sind als Ursache nicht ausgeschlossen. Solche Fälle sind auch von den mit Sars-CoV-2 verwandten Coronaviren Sars-CoV-1 ("Sars") sowie Mers-CoV ("Mers") bekannt. Bei einer Studie nach der Sars-Epidemie 2003 wurde anhand von 75 Patienten festgestellt, dass bei zwei Fünftel der an der Erkrankung verstorbenen Patienten ein akuter Herzinfarkt ausgelöst worden war. Ebenso seien Herzrhythmusstörungen aufgetreten, so berichtete Mohammad Madjid von der Unviersity of Texas in einer Überblicksstudie im Fachmagazin "JAMA Cardiology".

Schaden kann es auf keinen Fall, auch während der Corona-Krise fit und aktiv zu bleiben. Denn auch so lässt sich das Herz stärken:

Fit & gesund durch die Coronakrise
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Sterberisiko kann sich stark erhöhen

In chinesischen Studien zeigte sich, dass sich das Sterberisiko von Patienten deutlich erhöhen kann, wird auch das Herz angegriffen. Dazu hatte etwa ein Team der Universität Wuhan 416 Patienten untersucht und festgestellt, dass bei knapp 20 Prozent dieser Patienten Hinweise für Herzschäden zu sehen waren. Bei diesen war das Risiko demnach auch höher, an Covid-19 zu sterben. Eine weitere Studie mit 187 Patienten zeigte ähnliche Ergebnisse.

Rund die Hälfte der Patienten mit Herzmuskelschäden hatte eine höhere Mortalität als die Patienten, bei denen der Biomarker Troponin nicht nachzuweisen war. Interessant dabei: Die Sterberate war nicht nur bei den Patienten hoch, die aufgrund von Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen erhöhte Troponin-Werte hatten, sondern auch bei denen, die keine Vorerkrankungen hatten, deren Troponin-Werte aber dennoch erhöht waren.

Herzprobleme: Herzmuskelentzündung trotz "mildem Verlauf"

In Italien hatten Forscher bereits im März von einer Patientin berichtet, die vor der Sars-CoV-2-Infektion eigentlich als gesund gegolten habe. Die 53-Jährige hatte zuerst die klassischen Covid-19-Symptome wie Fieber und trockenen Husten entwickelt. Nach rund einer Woche habe sie aber Kreislaufprobleme zusammen mit starker Erschöpfung entwickelt, die so ausgeprägt gewesen seien, dass sie ins Krankenhaus eingewiesen worden war. Sie wurde positiv auf Covid-19 getestet und in die Kardiologie überwiesen. Dort zeigten Untersuchungen deutliche Anzeichen einer akuten Myocarditis, also einer Herzmuskelentzündung. Die Forscher der Studie um Riccardo Inciardi der Universität Brescia fassen zusammen: "Dieser Fall unterstreicht, dass das Herz als Komplikation von Covid-19 betroffen sein kann – und das selbst ohne klare Symptome und ohne eine Lungenentzündung." Das unterstreicht auch Madjid: "Es ist wahrscheinlich, dass der Herzmuskel selbst in Abwesenheit einer vorhergehenden Herzerkrankung durch das Coronavirus und die von ihm ausgelöste Krankheit beeinträchtigt wird."

Herzschäden als Spätfolge: Herzmuskelentzündung erschreckend weit verbreitet

Auch wer nach milden Corona-Verläufen als genesen gilt, ist damit noch längst nicht gesund. Das zeichnet sich immer mehr ab. Bestätigen konnten nun Forschende rund um Valentina Puntmann der Uni-Klinik Frankfurt in einer Studie mit als genesen geltenden Covid-19-Patienten: Bei 78 von 100 Patienten zeigt das Herz nach Covid-19 Auffälligkeiten. Und das, obwohl die Infektion schon 64 bis 92 Tage zurücklag.

Zeigen konnten sie dies anhand von MRT-Aufnahmen. Besorgniserregend dabei: Der Verlauf der Erkrankung scheint auf die Schwere der Herzprobleme keinen Einfluss zu haben, ebensowenig wie Vorerkrankungen.

36 der Probanden im Altersdurchschnitt von 49 Jahren klagten auch nach der Infektion noch über Einschränkungen wie Erschöpfung und Kurzatmigkeit, mittlerweile als "Long Covid" bezeichnet.

Die Zahl der Auffälligkeiten am Herzen ist hoch. Bei 60 Prozent der Untersuchten zeigte sich sogar eine Herzmuskelentzündung. Herzmuskelentzündungen können auch durch andere Viruserkrankungen, etwa eine schwere Grippe ausgelöst werden. Die hohen Zahlen seien jedoch alarmierend. Unbehandelt kann eine Herzmuskelentzündung zu bleibenden Schäden führen, etwa eine Herzrhythmusstörung auslösen.

Dr. Wimmer: Herzmuskelentzündung
Dr. Wimmer: Herzmuskelentzündung

Inwiefern diese Langzeitfolgen wirklich bleiben und sich nicht zurückentwickeln, lässt sich anhand der kurzen Bekanntheitsdauer des Coronavirus bisher nicht sagen. Klar ist nur: Sars-CoV-2 richtet mehr Schaden an als zu Beginn vermutet – und kann Menschen trotz überstandener Infektion noch lange mit Beschwerden zurücklassen.

Quellen: "wissenschaft.de" unter Berufung auf:

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