16.07.2020 - 12:55

Antikörper-Konzentration sinkt ab Nach Coronavirus-Infektion immun? Und wenn ja, wie lange?

Die Impfung wird wohl der beste Weg sein: Immerhin deutet viel darauf hin, dass man entweder nach der Erkrankung oder nach der Impfung immun gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 sein kann. Zumindest für eine gewisse Zeit. Auch, wenn die Antikörperkonzentration schneller absinkt als vermutet.

Foto: iStock/fotoquique

Die Impfung wird wohl der beste Weg sein: Immerhin deutet viel darauf hin, dass man entweder nach der Erkrankung oder nach der Impfung immun gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 sein kann. Zumindest für eine gewisse Zeit. Auch, wenn die Antikörperkonzentration schneller absinkt als vermutet.

Kann eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 irgendwann tatsächlich erreicht werden? Aktuelle Studienergebnisse sprechen dagegen. Und: Solange das nicht klar ist, ist ein Corona-Immunitätsausweis – abgesehen von den sozialen Schwierigkeiten – wenig sinnvoll. Wie viel wir bisher wissen:

Eine Hoffnung in dunklen Zeiten? Forscher, die das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 seit seinem Auftreten immer wieder untersuchen und beobachten, stellen fest: Zwar verändert sich das Virus regelmäßig – aber immer nur ein bisschen. Möglicherweise kann man davon ausgehen, dass Covid-19-Patienten nach Genesen der Infektion immun gegen dieses Coronavirus sein könnten. Allerdings ist die Zeit ein wichtiger Faktor. Denn andere Studien zeigen vermehrt: Die Zahl der Antikörper sinkt bei vielen Patienten bereits wenige Wochen nach der Genese. Das könnte auch die Suche nach einem Impfstoff erschweren – muss es aber nicht.

Immun nach Corona-Infektion? Tests sprechen dafür

Sars-CoV-2 ist auch nach Monaten noch auf seinem Weg durch die Welt. So viele Menschen sich derzeit damit auch infizieren, eines wird immer deutlicher: In dieser Zeit hat sich das Virus zwar verändert, aber nicht in seinen Grundzügen. Dass das bei RNA-Viren, wie auch Coronaviren es sind, unter Umständen schnell passieren kann, zeigen andere RNA-Viren, nämlich Influenzaviren. Daher muss für die jedes Jahr eine neue Impfung her – und da es so viele verschiedene Typen des Virus gibt, hilft der Impstoff auch nicht immer. Auch das HI-Virus stellt die Menschheit vor ähnliche Probleme: Da sich der Aids-Erreger so unglaublich schnell wandelt, konnte noch kein schützender Stoff dagegen gefunden werden.

Dass Coronaviren etwas weniger wandlungsfreudig sind, war zwar bekannt. Aber Sars-CoV-2 scheint stabil genug zu sein, dass Menschen danach zumindest für eine längere Zeit immun sein könnten. "Das Virus hat nur sehr wenige Mutationen auf seinem Weg um die Welt mitgemacht", sagte der Virologe Georg Bornkamm, ehemals Professor am Helmholtz-Zentrum München, schon Ende März/Anfang April. Das wäre dann ähnlich wie bei anderen durch stabile Viren hervorgerufenen Krankheiten wie Masern oder Röteln sowie bei vielen Erkältungsviren.

Doch noch immer ist der aktuelle Wissensstand nicht eindeutig. Viele Wissenschaftler davon aus, dass man nach der Erkrankung immun ist. Die Frage ist nur: Wie lange? Denn bereits jetzt konnte an einigen Patienten, vornehmlich mit mildem Infektionsverlauf, festgestellt werden, dass schon kurz nach Genese kaum Antikörper zu finden waren. Und neue Studien bekräftigen das: Sogar bei Patienten mit schwereren Verläufen sinkt die Zahl der Antikörper. "Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass hier keine Immunität vorliegt, aber es ist wahrscheinlich, dass ein möglicher Schutz weniger stabil und von kürzerer Dauer ist", erklärt Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln gegenüber "tagesschau.de".

Tests zeigen: Antikörper sind vorhanden – aber nicht immer, und nicht immer lange

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schreibt dazu: "Erste Studien haben gezeigt, dass Personen nach durchgemachter Infektion spezifische Antikörper (körpereigene Abwehrstoffe) gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 entwickeln, die das Virus in Labortests neutralisieren können." Antikörper sind bei Virusinfektionen oft ein wichtiger Faktor für die Immunität, aber nicht unbedingt der einzige. Wie genau das bei Sars-CoV-2 aussieht, also wie hoch die Zahl der Antikörper auf Dauer sein muss und wie stark diese Antikörper das Virus neutralisieren können, muss noch herausgefunden werden.

Gegenüber "ZDFheute" erklärt der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung: "Bei Studien zur Frage der Immunität birgt der Beobachtungszeitraum eine gewisse Herausforderung." Man müsse eben auch die Zeit haben: Um zu wissen, ob ein Erkrankter noch nach einem Jahr immun sei, müsse er eben auch ein Jahr lang beobachtet werden. Diesen Zeitvorteil haben wir jedoch noch nicht. Krause geht daher nicht davon aus, dass es vor Ende dieses Jahres aussagekräftige Ergebnisse geben werde. Man vergleicht daher bisher noch mit anderen Coronaviren, bei denen zuvor Erkrankte durchschnittlich ein bis mehrere Jahre immun sind.

Und noch ein weiterer Punkt muss laut Krause beachtet werden: "Ein Indikator, auf den man beim Thema Immunität schauen könnte, wäre ob, wie häufig und wie heftig bereits erkrankte Menschen nochmal erkranken können", erklärt der Epidemiologe dem ZDF gegenüber. Allerdings sei das vor allem derzeit nicht leicht zu ermitteln. Die Wahrscheinlichkeit, sich erneut zu infizieren, sei angesichts der Corona-Schutzmaßnahmen gering.

Was ist, wenn ich krank war? Bin ich immun? Studien zeigen: nicht unbedingt

Doch die Zahl der Antikörper sinkt irgendwann, und Bluttests an den ersten Corona-Patienten, die Ende Januar in München behandelt worden sind, zeigen: Das passiert sogar recht schnell. So erklärt Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt an der Klinik für Infektiologie an der München Klinik Schwabing, der diese Patienten behandelt hat: "Bei vier der neun Patienten sehen wir sinkende neutralisierende Antikörper." Eine Neuansteckung sei demnach möglich, man müsse aber weiter beobachten.

Auch Forscher aus China haben ähnliche Entdeckungen gemacht. In einer in der Fachzeitschrift "Nature Medicine" veröffentlichten Studie berichten sie, dass vor allem symptomfreie Patienten schon nach zwei Monaten kaum noch Antikörper aufweisen und auch generell weniger davon und demnach eine schwächere Immunantwort entwickelt hatten. Aber auch bei Patienten mit stärkeren bis starken Symptomen fiel auf, dass die Zahl der Antikörper nach der Genese schnell abnahm.

Diese Erkenntnisse unterstützen die Ergebnisse einer Studie von Forschern des King's College London. Dort wurden 90 Patienten untersucht, deren Antikörperkonzentration im Blut ebenfalls schnell abgenommen hatte. Auch leicht erkrankte Menschen hatten zwar noch Antikörper, aber nur wenige davon. Nach drei Monaten wiesen nur noch 16,7 Prozent der Blutproben eine hohe Konzentration von Antikörpern auf. Bei manchen Patienten waren nach diesem Zeitraum gar keine Antikörper mehr zu finden. Die Studie befindet sich im Preprint, ist also noch nicht von unabhängiger Seite nachgeprüft. Die Forscher schlussfolgern aber, dass man möglicherweise nicht in jedem Fall davon ausgehen könne, dass eine Immunität entstehe.

Das Immunsystem kann aber mehr

Aber unser Körper bildet – so zeigte eine erste Studie an den ersten deutschen Coronavirus-Patienten – schon nach einigen Tagen, spätestens nach zwei Wochen Antikörper. Und die bleiben eben zumindest eine Zeitlang erhalten. Wichtig ist es auch für die Entwicklung eines Impfstoffes, die Immunantwort des Körpers auf den Erreger Sars-CoV-2 komplett zu verstehen. Daran forschen etwa die Wissenschaftler rund um Florian Klein in Köln. Sie haben zwölf bereits genesene Covid-19-Patienten untersucht und Antikörper aus deren Blut extrahiert. Dabei konnten sie Teile der Entwicklung von Antikörpern entschlüsseln und neutralisierende Antikörper isolieren.

Auch Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing war beteiligt an der Studie: "Es konnte gezeigt werden, dass neutralisierende Antikörper sehr rasch vom Körper hergestellt werden können, da man für die natürliche Antikörperproduktion auf ähnliche Vorstufen zurückgreifen kann, wie Personen, die nicht in Kontakt mit Covid-19 gekommen sind", erklärte Wendtner gegenüber von "tagesschau.de". "Dies sollte bei der raschen Generierung eines Impfschutzes im Rahmen einer Impfung gegen Covid-19 helfen."

Zwar "vergisst" das Immunsystem irgendwann, wie lange das dauert, muss man aber herausfinden. Kommt es aber kurz nach der ersten Infektion zu einer neuen Infektion, können die diese Antikörper produzierenden sogenannten "B-Zellen" direkt mit der Produktion dieser kleinen und gegen genau dieses Virus wirksamen Waffen beginnen – und Sars-CoV-2 könne zumindest schneller attackiert werden.

Zeigen konnte das vor einigen Wochen bereits ein Test an vier Rhesusaffen. Darüber hatte auch Charité-Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast berichtet. Chinesische Forscher hatten vier Affen mit dem Coronavirus infiziert, sie wieder genesen lassen und sie dann, wieder gesund und vier Wochen nach der Gesundung, einer weiteren, extrem hohen Dosis an Viren ausgesetzt. Keiner der Affen hatte sich danach wieder infiziert – und keiner war ansteckend. Ob das auch auf den Menschen übertragbar ist, soll nun getestet werden. Alles spricht aber dafür, denn das Immunsystem von Rhesusaffen ähnelt dem des Menschen stark. Das Robert-Koch-Institut (RKI) ging im April noch davon aus, dass eine "Immunität bis zu drei Jahre anhalten könnte".

Antikörper sind nicht alles

Das Problem ist aber: Covid-19 verläuft bei den meisten Infizierten sehr milde. Manche verspüren gar keine Symptome. Wie oben genannt, scheint das aber die Bildung und auch die Lebensdauer von Antikörpern zu beeinflussen: sie bilden weniger Antikörper oder diese verschwinden dann sehr schnell wieder. Dadurch könnte die Immunantwort auf eine Neuinfektion schwächer ausfallen.

Christian Drosten ging Ende April in seinem NDR-Podcast noch einen Schritt weiter, nachdem er selbst bei Patienten festgestellt hatte, dass sie schon nach zwei Monaten weniger Antikörper aufwiesen: "Aber Antikörper sind nur ein Korrelat, also nur ein Hinweis auf die Immunität. Es ist nicht so, dass die Antikörper alleine die Immunität machen und bewerkstelligen." Er geht daher von einem gewissen Schutz aus. Zumindest könne eine erneute Infektion durchaus schwächer verlaufen als die erste. Doch hier, das sagt er selbst, muss noch viel weiter geforscht werden.

Auch Mala Maini vom University College London weist gegenüber "tagesschau.de" darauf hin, dass Immunität nicht nur auf Antikörpern beruhe, sondern beispielsweise auch Immunzellen wichtig seien: "Selbst wenn keine Antikörper im Blut nachweisbar sind, bedeutet das nicht unbedingt, dass keine schützende Immunität besteht", sagt sie.

Außerdem kann anhand von Tests mit Antikörpern vielleicht sogar erklärt werden, warum die Infektion bei den meisten relativ mild, bei manchen aber so kritisch verläuft. Erste deutsche Corona-Patienten geben Aufschluss über Verlauf.

Impfstoff wäre der schnellste Weg zur Immunität

Die Forscher rund um Klein und Wendtner konnten aufgrund ihrer Erkenntnisse 255 neutralisierende Antikörper im Labor künstlich nachbauen und diese jetzt auch in unbegrenzter Menge künstlich herstellen. Diese könnten damit beispielsweise als Bestandteil einer Therapie bei Covid-19-Patienten eingesetzt werden und so sogar lokale Ausbrüche stoppen oder schwere Krankheitsverläufe verhindern, erklärt Klein. Hier soll Ende des Jahres mit klinischen Tests begonnen werden.

Dennoch: Der sicherste und schnellste Weg, eine großflächige Immunität gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 zu erreichen, wäre nicht die Infektion aller – denn dazu müssten sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren –, sondern ein funktionierender Impfstoff. Auch daran wird mit rauchenden Köpfen geforscht und gewerkelt. Über 150 Impfstoff-Kandidaten sind im Rennen, einige werden bereits großflächig getestet. Doch bis es soweit ist, wird wahrscheinlich die 2021 im Datum stehen. Auch, wenn die Entwicklung enorm schnell voranschreitet.

Wenn das allerdings alles klappt und das Virus tatsächlich stabil bleibt, könnte das bedeuten, dass ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zumindest länger wirksam sein könnte, als es ein Grippe-Impfstoff ist.

Wie lange ist man immun – das müssen Forscher herausfinden

Dass wir nach einer Infektion erst einmal immun sind, davon gehen Forscher also aus. Ob man dann aber für immer immun ist, ist fraglich. Vor allem ob dies bei jedem Patienten zutrifft und wie diese Immunität aussieht. Möglicherweise handelt es sich auch "nur" um einen Schutz in dem Sinne, dass das Immunsystem zwar noch reagieren muss, aber schneller reagieren kann.

Der Immunitätsausweis war kürzlich nochmal im Gespräch der Politik: die SPD äußerte sich. So sagte Vize-Fraktionschefin Bärbel Bas im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung", man müsse verhindern, dass es dadurch zu einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft von Menschen mit Immunität und solchen ohne" komme. Es könne aber auch keine solche Bescheinigung geben, bis wirklich klar ist, dass man nach überstandener Erkrankung mit Covid-19 tatsächlich zumindest eine gewisse Zeit lang immun sei.

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