Aktualisiert: 16.11.2020 - 17:29

Antikörper-Konzentration sinkt ab, aber... Nach Coronavirus-Infektion immun? Und wenn ja, wie lange?

Covid-19 und die Pandemie: Diese Dinge sind jetzt klar!

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Kann eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 irgendwann tatsächlich erreicht werden? Aktuelle Studienergebnisse sprechen dagegen. Und: Solange das nicht klar ist, ist ein Corona-Immunitätsausweis – abgesehen von den sozialen Schwierigkeiten – wenig sinnvoll. Wie viel wir bisher wissen:

Eine Hoffnung in dunklen Zeiten? Forscher, die das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 seit seinem Auftreten immer wieder untersuchen und beobachten, stellen fest: Zwar verändert sich das Virus regelmäßig – aber immer nur ein bisschen. Möglicherweise kann man davon ausgehen, dass Covid-19-Patienten nach Genesen der Infektion immun gegen dieses Coronavirus sein könnten. Allerdings ist die Zeit ein wichtiger Faktor. Denn andere Studien zeigen vermehrt: Die Zahl der Antikörper sinkt bei vielen Patienten bereits wenige Wochen nach der Genese, es gab auch schon vereinzelte Meldungen von Zweitinfektionen. Das könnte auch die Suche nach einem Impfstoff erschweren – muss es aber nicht.

Immun nach Corona-Infektion? Tests sprechen dafür

Sars-CoV-2 ist auch nach Monaten noch auf seinem Weg durch die Welt. So viele Menschen sich derzeit damit auch infizieren, eines wird immer deutlicher: In dieser Zeit hat sich das Virus zwar verändert, aber nicht in seinen Grundzügen. Dass das bei RNA-Viren, wie auch Coronaviren es sind, unter Umständen schnell passieren kann, zeigen andere RNA-Viren, nämlich Influenzaviren. Daher muss für die jedes Jahr eine neue Impfung her – und da es so viele verschiedene Typen des Virus gibt, hilft der Impstoff auch nicht immer. Auch das HI-Virus stellt die Menschheit vor ähnliche Probleme: Da sich der Aids-Erreger so unglaublich schnell wandelt, konnte noch kein schützender Impfstoff dagegen gefunden werden.

Dass Coronaviren etwas weniger wandlungsfreudig sind, war zwar bekannt. Aber Sars-CoV-2 scheint stabil genug zu sein, dass Menschen danach zumindest für eine längere Zeit immun sein könnten. "Das Virus hat nur sehr wenige Mutationen auf seinem Weg um die Welt mitgemacht", sagte der Virologe Georg Bornkamm, ehemals Professor am Helmholtz-Zentrum München, schon Ende März/Anfang April. Das wäre dann ähnlich wie bei anderen durch stabile Viren hervorgerufenen Krankheiten wie Masern oder Röteln sowie bei vielen Erkältungsviren – die übrigens unter anderem auch durch Coronaviren-Arten ausgelöst werden können.

Tests zeigen: Antikörper sind vorhanden – aber nicht immer, und nicht immer lange

Doch noch immer ist der aktuelle Wissensstand nicht eindeutig. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass man nach der Erkrankung immun ist. Die Frage ist nur: Wie lange? Denn bereits jetzt konnte an einigen Patienten, vornehmlich mit mildem Infektionsverlauf, festgestellt werden, dass schon kurz nach Genese kaum Antikörper zu finden waren.

Und neue Studien bekräftigen das: Sogar bei Patienten mit schwereren Verläufen sinkt die Zahl der Antikörper. "Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass hier keine Immunität vorliegt, aber es ist wahrscheinlich, dass ein möglicher Schutz weniger stabil und von kürzerer Dauer ist", erklärt Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln gegenüber "tagesschau.de".

Es gab Zweitinfektionen – aber nur wenige

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schrieb im Juni: "Erste Studien haben gezeigt, dass Personen nach durchgemachter Infektion spezifische Antikörper (körpereigene Abwehrstoffe) gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 entwickeln, die das Virus in Labortests neutralisieren können." Antikörper sind bei Virusinfektionen oft ein wichtiger Faktor für die Immunität, aber nicht unbedingt der einzige.

Gegenüber "ZDFheute" erklärt der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung: "Bei Studien zur Frage der Immunität birgt der Beobachtungszeitraum eine gewisse Herausforderung." Man müsse eben auch die Zeit haben: Um zu wissen, ob ein Erkrankter noch nach einem Jahr immun sei, müsse er eben auch ein Jahr lang beobachtet werden. Diesen Zeitvorteil haben wir jedoch noch nicht. Krause geht daher nicht davon aus, dass es vor Ende dieses Jahres aussagekräftige Ergebnisse geben werde. Man vergleicht daher bisher noch mit anderen Coronaviren, bei denen zuvor Erkrankte durchschnittlich ein bis mehrere Jahre immun sind.

Und noch ein weiterer Punkt muss laut Krause beachtet werden: "Ein Indikator, auf den man beim Thema Immunität schauen könnte, wäre ob, wie häufig und wie heftig bereits erkrankte Menschen nochmal erkranken können", erklärt der Epidemiologe dem ZDF gegenüber. Allerdings sei das vor allem derzeit nicht leicht zu ermitteln. Es gibt derweil Berichte von Menschen, die erneut an Covid-19 erkrankt sein sollen. Hier handelt es sich bisher um wenige Fälle, und es muss weiter beobachtet werden.

Was ist, wenn ich krank war? Bin ich immun? Studien zeigen: nicht unbedingt

Doch die Zahl der Antikörper sinkt irgendwann, und Bluttests an den ersten Corona-Patienten, die Ende Januar in München behandelt worden sind, zeigen: Das passiert sogar recht schnell. So erklärt Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt an der Klinik für Infektiologie an der München Klinik Schwabing, der diese Patienten behandelt hat: "Bei vier der neun Patienten sehen wir sinkende neutralisierende Antikörper." Eine Neuansteckung sei theoretisch möglich.

Auch Forscher aus China haben ähnliche Entdeckungen gemacht. In einer in der Fachzeitschrift "Nature Medicine" veröffentlichten Studie berichten sie, dass vor allem symptomfreie Patienten schon nach zwei Monaten kaum noch Antikörper aufweisen und auch generell weniger davon und demnach eine schwächere Immunantwort entwickelt hatten. Aber auch bei Patienten mit stärkeren bis starken Symptomen fiel auf, dass die Zahl der Antikörper nach der Genese schnell abnahm.

Das Immunsystem kann aber mehr

Aber Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing betont zu den Ergebnissen von Florian Klein und seinem Team: "Es konnte gezeigt werden, dass neutralisierende Antikörper sehr rasch vom Körper hergestellt werden können, da man für die natürliche Antikörperproduktion auf ähnliche Vorstufen zurückgreifen kann, wie Personen, die nicht in Kontakt mit Covid-19 gekommen sind." Und weiter: "Dies sollte bei der raschen Generierung eines Impfschutzes im Rahmen einer Impfung gegen Covid-19 helfen."

Zwar "vergisst" das Immunsystem irgendwann, wie lange das dauert, muss man aber herausfinden. Kommt es aber kurz nach der ersten Infektion zu einer neuen Infektion, können die diese Antikörper produzierenden sogenannten "B-Zellen" direkt mit der Produktion dieser kleinen und gegen genau dieses Virus wirksamen Waffen beginnen – und Sars-CoV-2 könne zumindest schneller attackiert werden.

Zeigen konnte das vor einigen Monaten bereits ein Test an vier Rhesusaffen. Darüber hatte auch Charité-Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast berichtet. Chinesische Forscher hatten vier Affen mit dem Coronavirus infiziert, sie wieder genesen lassen und sie dann, wieder gesund und vier Wochen nach der Gesundung, einer weiteren, extrem hohen Dosis an Viren ausgesetzt. Keiner der Affen hatte sich danach wieder infiziert – und keiner war ansteckend. Ob das auch auf den Menschen übertragbar ist, soll nun getestet werden. Alles spricht aber dafür, denn das Immunsystem von Rhesusaffen ähnelt dem des Menschen stark. Das Robert-Koch-Institut (RKI) ging im April noch davon aus, dass eine "Immunität bis zu drei Jahre anhalten könnte".

Antikörper sind nicht alles

Das Problem ist aber: Covid-19 verläuft bei den meisten Infizierten sehr milde. Manche verspüren gar keine Symptome. Wie oben genannt, scheint das aber die Bildung und auch die Lebensdauer von Antikörpern zu beeinflussen: sie bilden weniger Antikörper oder diese verschwinden dann sehr schnell wieder. Dadurch könnte die Immunantwort auf eine Neuinfektion schwächer ausfallen.

Christian Drosten ging Ende April in seinem NDR-Podcast noch einen Schritt weiter, nachdem er selbst bei Patienten festgestellt hatte, dass sie schon nach zwei Monaten weniger Antikörper aufwiesen: "Aber Antikörper sind nur ein Korrelat, also nur ein Hinweis auf die Immunität. Es ist nicht so, dass die Antikörper alleine die Immunität machen und bewerkstelligen." Er geht daher von einem gewissen Schutz aus. Zumindest könne eine erneute Infektion durchaus schwächer verlaufen als die erste. Doch hier, das sagt er selbst, muss noch viel weiter geforscht werden.

Auch Mala Maini vom University College London weist gegenüber "tagesschau.de" darauf hin, dass Immunität nicht nur auf Antikörpern beruhe, sondern beispielsweise auch Immunzellen wichtig seien: "Selbst wenn keine Antikörper im Blut nachweisbar sind, bedeutet das nicht unbedingt, dass keine schützende Immunität besteht", sagt sie.

Jetzt gibt es Neues von Forschenden vom Universitätsklinikum Freiburg. Dr. Maike Hofmann, Dr. Christoph Neumann-Haefelin und Prof. Dr. Robert Thimme konnten belegen, dass die in Reaktion auf Sars-CoV-2 gebildete Immunzellen im Körper erhalten bleiben. Das würde bedeuten, dass die Immunantwort im Falle einer neuen Infektion schneller parat wäre. Die Studie haben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature Medicine" veröffentlicht.

Gedächtniszellen: Das Immunsystem erinnert sich

Den Grund zur Hoffnung beschreiben Hofmann und ihre Kollegen aus Freiburg: Das immunologische Gedächtnis scheint sich an Sars-CoV-2 zu erinnern und kann so schneller reagieren, falls das Virus erneut angreift. Den Grund nennt Hofmann: "Diese sogenannten Gedächtnis-T-Zellen sehen nach einer SARS-CoV-2-Infektion ähnlich aus wie Gedächtnis-T-Zellen nach einer echten Grippe."

Das könnte übrigens auch erklären, warum manche Menschen schon durch Erkältungen immun gegen Covid-19 sein könnten oder zumindest einen gewissen Schutz aufweisen: Denn die Gedächtniszellen erinnern sich möglicherweise zumindest in manchen Fällen an andere, harmlosere Coronaviren, wenn sie mit Sars-CoV-2 konfrontiert werden.

Was im Körper passiert, wenn wir uns mit dem Coronavirus infizieren: Immunreaktion dokumentiert: So kämpft der Körper gegen das Coronavirus

Impfstoff wäre der schnellste Weg zur Immunität

Die Forscher rund um Klein und Wendtner konnten aufgrund ihrer Erkenntnisse 255 neutralisierende Antikörper im Labor künstlich nachbauen und diese jetzt auch in unbegrenzter Menge künstlich herstellen. Diese könnten damit beispielsweise als Bestandteil einer Therapie bei Covid-19-Patienten eingesetzt werden und so sogar lokale Ausbrüche stoppen oder schwere Krankheitsverläufe verhindern, erklärt Klein. Hier soll Ende des Jahres mit klinischen Tests begonnen werden.

Dennoch: Der sicherste und schnellste Weg, eine großflächige Immunität gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 zu erreichen, wäre nicht die Infektion aller – denn dazu müssten sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren, und das ist allein ethisch nicht machbar –, sondern ein funktionierender Impfstoff. Auch daran wird mit rauchenden Köpfen geforscht und gewerkelt. Und es gibt Grund zur Hoffnung: Mehrere Hersteller vermelden, dass noch 2020 die Zulassung erfolgen könnte. Das würde einen Impfbeginn Anfang 2021 realistisch machen:

Und so geht's dann weiter: So läuft die Corona-Impfung ab! Wann und wo geimpft werden soll:

Wie lange ist man immun – das müssen Forscher herausfinden

Dass wir nach einer Infektion, insbesondere aber nach der Impfung erst einmal immun sind, zeichnet sich also ab. Ob man dann aber für immer immun ist, ist fraglich. Vor allem ob dies bei jedem Patienten zutrifft und wie diese Immunität aussieht. Möglicherweise handelt es sich auch "nur" um einen Schutz in dem Sinne, dass das Immunsystem zwar noch reagieren muss, aber schneller reagieren kann.

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