02.04.2020 - 16:15

Studie von Drosten und Co Erste deutsche Corona-Patienten geben Aufschluss über Verlauf

Charité-Virologe Prof. Christian Drosten ist einer der Leiter der Studie mit den ersten deutschen Coronavirus-Patienten. Zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. med. Clemens Wendtner hat er mit seinem Team engmaschig Proben der Erkrankten untersucht.

Foto: imago images / Reiner Zensen

Charité-Virologe Prof. Christian Drosten ist einer der Leiter der Studie mit den ersten deutschen Coronavirus-Patienten. Zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. med. Clemens Wendtner hat er mit seinem Team engmaschig Proben der Erkrankten untersucht.

Nachdem Ende Januar die ersten Deutschen an Covid-19 erkrankt sind, wurden sie eng betreut und untersucht. Jetzt steht der erste Teil der Studie über den Verlauf der Coronavirus-Krankheit – das berichten Christian Drosten und Co.

In Deutschland sind Ende Januar die ersten Coronavirus-Infektionen aufgetaucht. Dieser erste Ausbruch war noch klein und konnte sehr gut eingedämmt werden. Alle der damals erkrankten Menschen sind wieder genesen. Dennoch bieten diese ersten Coronavirus-Fälle uns sehr viel Aufschluss darüber, wie die Infektion verläuft und wie sich Covid-19 verhalten kann. Genau das haben deutsche Forscher untersucht – und stellen nun erste Ergebnisse vor, die weitere Leben retten können.

Verlauf von Covid-19: Patienten engmaschig untersucht

Die Studie, deren leitende Autoren der Sars-CoV-2-Experte und Charité-Virologe Christian Drosten und der Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, sind, entstand während der Behandlung der ersten deutschen Coronavirus-Patienten. Die in der München Klinik behandelten Erkrankten und deren erkrankte Angehörige wurden von einer Forschergruppe "sehr engmaschig virologisch untersucht", erklärt Drosten.

Viele Erkenntnisse sind mittlerweile schon weitläufig bekannt, doch es gibt nun weitere Details. Und zusammengefasst ergeben sie ein Bild, anhanddessen nun weitere Behandlungsschritte entschieden werden können. Denn je besser man den Verlauf von Covid-19 kennt, desto besser lässt sich entschieden, wann Patienten zwingend im Krankenhaus oder gar intensivmedizinisch behandelt werden müssen und wann sie frühestens aus dem Krankenhaus entlassen werden können. Und das kann bei begrenzten Bettenkapazitäten dabei helfen, das Gesundheitssystem nicht zum Zusammenbruch zu bringen und damit Leben retten.

Gesamter Verlauf der Infektion bei den Untersuchten: bis zu 28 Tage

Die ersten deutschen Patienten waren jüngeren bis mittleren Alters, die keine gravierenden Vorerkrankungen hatten. Überwiegend hatten die Erkrankten mit milden und grippeähnlichen Symptomen zu kämpfen, darunter Husten und Fieber. Bei den meisten kam nach ein paar Tagen ein Geruchs- und Geschmacksverlust hinzu – ein Coronavirus-Symptom, das erst später bekannt wurde.

Einer der ersten deutschen Patienten berichtete davon, wie sich das Coronavirus anfühlt. Bis zu 28 Tage nach Beginn der Symptome wurden täglich Abstriche aus Nasen-Rachen-Raum sowie Proben des Husten-Auswurfs, aber auch immer wieder Stuhl-, Urin- und Blutproben genommen. Unabhängig voneinander wurden diese Proben in zwei Labors auf Sars-CoV-2 getestet – in der Berliner Charité sowie am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München.

Leichte Übertragung durch viel Virus im Rachen

Bei ihren Untersuchungen stellten die Forscher recht schnell einen signifikanten Unterschied zum ersten Sars-Virus fest. Das damals 2002/03 in China ausgebrochene Virus hatte nur die Lunge befallen, was es für mehr Menschen gefährlicher machte, aber dadurch nicht allzu ansteckend war. Sars-CoV-2 hingegen tummelt sich vor allem im Rachen: Die Mediziner entdeckten in der ersten Woche nach Beginn der Symptome eine sehr große Virusmenge im Rachen sowie im Husten-Auswurf der Patienten. Das macht es weitaus ansteckender als seinen Vorgänger – kann aber auch erklären, warum viele Fälle eher mild verlaufen.

Im Vergleich zu Sars-CoV-1 erklärt Drosten: "Unsere Untersuchungen der Münchner Fallgruppe haben stattdessen gezeigt, dass sich das neue Sars-Coronavirus von dem alten in Bezug auf das befallene Gewebe stark unterscheidet." Das habe enorme Konsequenzen für die Infektionsausbreitung. Daher hatten die Forscher ihre Erkenntnisse darüber bereits Anfang Februar publik gemacht. Denn die hohe Viruslast zu Beginn der Symptome deutet darauf hin, dass man als Erkrankter schon sehr früh ansteckend ist – auch vor Einsetzen der Symptome, also ohne, dass man die Infektion überhaupt erst merkt.

Infektiosität hängt von Viruslast in Rachen oder Lunge ab

Die Viruslast im Rachen hatte bei den meisten der Münchner Patienten aber schon am Ende der ersten Krankheitswoche abgenommen. In der Lunge hielt sich das Virus dagegen ein wenig länger. Dennoch konnten die Forscher ab dem achten Tag keine infektiösen Viruspartikel mehr isolieren, auch wenn noch Virus-Erbgut in Rachen und Lunge nachweisbar war. Infektiöse Viren ließen sich demnach nicht mehr nachweisen, wenn die Proben weniger als 100.000 Kopien des Virus-Erbguts enthielten.

"Die Infektiosität der Covid-19-Patienten scheint von der Viruslast im Rachen bzw. der Lunge abzuhängen. Das ist ein wichtiger Faktor für die Entscheidung, wann ein Patient bei knappen Bettenkapazitäten und entsprechendem Zeitdruck frühestens aus dem Krankenhaus entlassen werden kann." Erklären die Forscher.

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Kein Virus im Blut – dafür Antikörper

Im Stuhl lässt sich das Virus wohl recht lange nachweisen, allerdings in geringer Konzentration und daher vermutlich nicht ansteckend. Keine infektiösen Viren ließen sich indes im Urin nachweisen. Und auch in den Blutproben konnten die Forscher keine Viren finden – dafür aber fanden sie in den Blutseren bei der Hälfte der Patienten rund um den siebtem Tag nach Beginn der Symptome Antikörper. Nach zwei Wochen hatten alle untersuchten Patienten Antikörper entwickelt.

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Erkenntnisse helfen bei Entscheidung über Bettenbelegung

Die Folge der Studienergebnisse: Die Autoren der Studie schlagen nun vor, dass man Covid-19-Patienten bei begrenzten Bettenkapazitäten dann in die häusliche Quarantäne entlassen kann, wenn sich nachweisen lässt, dass sich nach zehn Tagen nach Auftreten der Symptome weniger als 100.000 Kopien des Viren-Erbguts im Husten-Auswurf befinden. Entscheiden muss das aber letztendlich die Politik. Denn wie Christian Drosten in seinem NDR-Podcast feststellte: Wissenschaftler sind keine Entscheider! Sie können nur Vorschläge abgeben.

Die erste deutsche Fallgruppe sowie weitere Patientinnen und Patienten sollen nun weiter untersucht werden – und zwar vor allem darauf, wie Erkrankte langfristige Immunität gegen Sars-CoV-2 aufbauen. Daraus gewonnene Erkenntnisse könnten dann unter anderem für die Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus von großer Bedeutung sein.

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Ihre Studie konnten die Forscher rund um Drosten und Wendtner in der renommierten Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichen.

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