31.03.2020

Wie gefährlich ist Covid-19? Ein Virologe klärt Fragen rund um das Coronavirus

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen
Di, 17.03.2020, 16.34 Uhr

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen

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Die Einschränkungen häufen sich – so aber auch die Fragen, die uns während der Coronavirus-Pandemie durch den Kopf gehen. Ein Virologe hat uns einige davon beantwortet.

Die Medien sind voll mit Infos zum neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2, wir alle müssen uns an große Einschränkungen im Alltag halten. Und doch kommen immer wieder Fragen zur aktuellen Lage auf: Wie gefährlich ist Covid-19, die vom Virus ausgelöste Krankheit? Was ist mit Medikamenten und Impfstoff? Kann man die Entwicklung wirklich verkürzen? Ein Virologe beantwortet drängende Fragen zum Coronavirus: Prof. Ulf Dittmer ist Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen – und stand uns im Interview Rede und Antwort.

Virologe Prof. Dittmer im Gespräch: Über die aktuelle Entwicklung und Verbreitung in Deutschland

"Das Virus ist in Deutschland angekommen und breitet sich hier aus. Prognosen sind sehr schwer zu treffen. Sicherlich wird die Zahl der Infektionen noch weiter steigen", erklärt Dittmer. Die Gesundheitsämter haben lange Zeit erfolgreich daran gearbeitet, Infektketten durch Isolation zu unterbrechen. Infektionsketten waren bei wenigen Fällen noch recht einfach nachzuverfolgen, wie man das etwa anfangs in Bayern gesehen hat. Mittlerweile ist das anhand der vielen Fälle und einer womöglich hohen Dunkelziffer nicht mehr ohne Weiteres möglich. Doch die Absage von Veranstaltungen, um weitere Ansteckungen zu verhindern, zeigt langsam wohl Wirkung. Dazu kommen die Ausgangsbeschränkungen, die mittlerweile bis einschließlich 19. April bundesweit beschlossen wurden.

Doch es könnte sein, dass mit höheren Temperaturen eine Wendung kommt, sagt Prof. Dittmer: "Eine spannende Frage ist, was im Sommer passieren wird. Auch das kann keiner wirklich vorhersagen. Es gibt aber Berechnungen, wonach dann erst der Höhepunkt erreicht werden soll. Eine Hauptausbreitung im Sommer ist für respiratorische Viren, die Auslöser von Atemwegserkrankungen sind, aber untypisch. Das wäre also neu. Es herrscht deshalb weiterhin die große Hoffnung: Wenn das Frühjahr kommt, sinken die Infektionszahlen."

Was unterscheidet das neuartige Coronavirus von vorherigen Coronaviren?

"Der Unterschied ist gar nicht so groß", sagt Prof. Dittmer. "Man könnte sogar sagen, dass vermutlich alle Coronaviren einmal so angefangen haben wie aktuell Sars-CoV-2. Es gibt jedes Jahr mehrere Coronaviren, die vor allem im Winter grippale Infekte auslösen. Sie waren bestimmt ähnlich gefährlich wie aktuell Sars-CoV-2, als sie das erste Mal aufgetreten sind. Das bekannte Sars-1-Coronavirus war allerdings deutlich aggressiver als das aktuelle Coronavirus."

Wo liegt der Unterschied etwa zu Influenzaviren?

Doch es gibt da ein gravierendes Problem, das diese Pandemie antreibt, und das macht auch den Unterschied zur jährlich ebenfalls viele Todesopfer fordernden Grippe, der Influenza, aus: "Sars-CoV-2 ist neu, und deshalb wissen wir noch nicht alles darüber," erklärt Prof. Dittmer. "Zudem haben wir keine natürliche Immunität gegen dieses Virus und keinen Impfstoff. Man kann sich also nicht davor schützen. Diese Unterschiede sprechen eindeutig dafür, dass das Influenza-Virus harmloser ist."

Mittlerweile sind mehr Menschen am Coronavirus gestorben als an der Grippe, die bisher etwas über 320 Opfer gefordert hat.

Stufen Sie das Virus auch noch in mehreren Monaten oder gar Jahren als potentiell gefährlich ein?

"Ich denke, es wird so gefährlich sein wie die anderen Coronaviren auch, die jedes Jahr in Deutschland auftreten. Es wird hoffentlich nicht mehr so tief in die Lunge eindringen und damit weniger gefährlich, zugleich wird es dadurch auch ansteckender. Das ist aus Sicht des Virus gut, denn dann kann es sicher besser verbreiten", beschreibt Prof. Dittmer das Coronavirus.

"Es gibt tatsächlich Betroffene, die andere gar nicht anstecken. Sie infizieren noch nicht einmal Personen, die im selben Haushalt leben", erklärt er weiter. Aber es gibt auch sogenannte 'Superspreader': "Daneben gibt es wiederum andere Betroffene, die gleich dutzende von Personen anstecken. Dieses Phänomen macht die Vorhersage beim Sars-CoV-2-Virus so schwierig.

Wann rechnen Sie mit einem Impfstoff?

"Ich denke, wir dürfen in einem Jahr damit rechnen, was extrem schnell wäre. In der Regel dauert es etwa zehn Jahre von der Entwicklung bis zur Zulassung eines Impfstoffes", erklärt Dittmer. Doch es muss schnell gehen – und das kann es auch: "Dass es auch schneller gehen kann, zeigt das Beispiel Ebola. Hier wurde ebenfalls binnen eines Jahres ein Impfstoff auf den Markt gebracht." Zudem haben wir einen entscheidenden Vorteil: "Da bereits ein Impfstoff für ein anderes Coronavirus existiert, halte ich die Zeitspanne von einem Jahr für realistisch." Dabei handele es sich um einen Impfstoff für Dromedare, "die das Virus auch auf Menschen übertragen können. Es bedarf nun noch einer Testphase und klinischer Studien, um gefährliche Nebenwirkungen auszuschließen, was etwa ein Jahr dauert."

Kann es Medikamente geben, die die Krankheit Covid-19 direkt bekämpfen?

Hier stimmt Prof. Dittmer der aktuell auf Hochtouren laufenden Forschung zu, die sich vor allem mit einem Ebola-Mittel beschäftigt: "Remdesivir ist ein aussichtsreicher Wirkstoff, der zur Bekämpfung des Ebola-Virus entwickelt wurde. Sars-CoV-2 und Ebola haben ein Protein gemeinsam, das beide Viren benötigen, um sich vermehren zu können. Durch Remdesivir verliert dieses Protein seine Funktion", erklärt er die Wirkungsweise des Mittels. "Es gibt erste Studienergebnisse aus Wuhan, die Grund zur Hoffnung geben, dass dieser Wirkstoff helfen könnte. Allerdings bedarf es noch weiterer Studien. Aktuell bekommen Erkrankte vor allem Sauerstoff."

Wie funktioniert so ein Virus überhaupt und wann wird es gefährlich?

"Viren sind keine Lebewesen", so Dittmer, und macht damit das Bild zunichte, was viele von uns wahrscheinlich im Kopf haben, wenn sie stilisierte Comicbilder des Coronavirus sehen. "Sie brauchen Zellen von Lebewesen, um sich dort zu vermehren. Zellen können Viren vermehren, ohne geschädigt zu werden. Gefährlich wird es jedoch, wenn besonders viele Viren Zellen infizieren und diese schädigen. Dann kommt es zu einer Erkrankung. Hepatitis-Viren zum Beispiel infizieren Leberzellen, zerstören diese, und es kommt schließlich zu einer Leberzirrhose." Beim Coronavirus Sars-CoV-2 läuft es so: "Viren können von der Schleimhaut der Nase über den Hals in die Lunge gelangen und dort Zellen schädigen, dann kommt es zu einer Lungenentzündung."

Hier finden Sie eine interaktive Karte über den aktuellen Stand der Infektionen mit Sars-CoV-2 sowohl in Deutschland, in Europa als auch weltweit.

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