25.03.2020

Warum Abstand so wichtig ist Coronavirus: So viele Menschen steckt ein Erkrankter im Schnitt an

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen
Di, 17.03.2020, 16.34 Uhr

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen

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Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 wird vor allem über Tröpfchen- und Schmierinfektion übertragen und ist dabei recht ansteckend. Wie ansteckend genau, erklären wir hier.

Momentan möglichst zu Hause bleiben, lautet die Devise in Zeiten der Coronavirus-Pandemie. Zwar dürfen wir laut Regeln der Ausgangsbeschränkung noch raus, um wichtige Termine wahrzunehmen und auch, um etwa alleine draußen Sport zu machen. Doch der Hintergrund des Kontaktverbots ist klar: Weniger Menschen sollen sich mit Sars-CoV-2 infizieren. Denn es ist eine einfache Rechnung: Je mehr Menschen ein Erkrankter begegnet, desto mehr steckt derjenige auch an.

Im Falle von Covid-19 ist das allein deshalb kritisch, weil die Erkrankung erst spät Symptome zeigt und manche fast gar nichts davon spüren, aber dennoch Viren weitergeben können. Wie ansteckend ist das Virus aber überhaupt im Vergleich zu anderen Krankheiten? Und wie sieht so eine Infektionskette aus? Hier lesen Sie, wie viele Menschen ein am Coronavirus Erkrankter im Durchschnitt ansteckt – und ob man das überhaupt pauschal so sagen kann.

Wie viele Menschen steckt ein Coronavirus-Infizierter im Schnitt an?

Das Coronavirus Sars-CoV-2 wird hauptsächlich über Tröpfchen- und Schmierinfektion übertragen: Anhusten, anniesen, aber auch Körperkontakt sowie der Kontakt kontaminierter Flächen und das anschließende Ins-Gesicht-Fassen stellen die Hauptinfektionswege dar. So kann das Virus recht schnell von Mensch zu Mensch weitergegeben werden.

Bei vielen anderen Krankheiten läuft das ähnlich ab, so auch bei der normalen Erkältung etwa durch Rhinoviren, aber auch bei Influenza (der Grippe) oder dem Norovirus. Doch nicht alle sind gleich ansteckend.

Ansteckungsrate von Infektionskrankheiten im Vergleich

Die Ansteckungsrate von Covid-19 kann noch nicht hundertprozentig festgelegt werden. Festgelegt wird die anhand der sogenannten Basisreproduktionszahl, dem R0-Wert. Der Wert gibt in etwa an, wie viele Menschen sich im Durchschnitt mit einer Krankheit anstecken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt diesen Wert bei Covid-19 bisher auf 2-3 (sprich: jeder Mensch steckt im Durchschnitt 2-3 Personen an), das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) schätzt ihn mit 2-4 noch höher, ähnlich der spanischen Grippe, die von 1918-19 gewütet hat.

Das HZI hat nun Ansteckungsraten verglichen:

  • Ebola: 1,5 bis 2 Personen
  • Saisonale Grippe: 1,5 Personen
  • Pocken: 3 bis 5 Personen
  • Masern: 13 bis 18 Personen
  • Sars: 2 bis 4 Personen
  • Mers: 0,8 bis 8 Personen
  • Covid-19: 2 bis 4 Personen

R0-Wert allein reicht aber nicht

Allerdings ist die Sache wesentlich komplizierter als nur das. Denn es kommt auch immer darauf an, mit wie vielen Menschen man Kontakt hat, wie viele Gegenstände man anfasst, wie viele Gegenstände andere anfassen, wie man hustet... Sprich: Das soziale Verhalten, und auch das politische, spielen hier ebenfalls eine sehr große Rolle. Zudem zeigt der Vergleich etwa mit den hochansteckenden Masern noch andere Punkte: Die lange Inkubationszeit, die Impfrate – und die ist bei Sars-CoV-2 bisher aufgrund eines fehlenden Impfstoffes nicht vorhanden – und auch die Mortalität.

Lange Inkubationszeit ist ein Problem

Neben der fehlenden Impfmöglichkeit (im Vergleich: Die Masern sind trotz vieler Impfkritiker aufgrund der vergleichsweise hohen Impfquote zwar noch nicht ausgerottet, aber brechen zumindest hierzulande glücklicherweise selten aus. Gegen Masern kann man gut impfen. Bei der Grippe wird es schwieriger, weil sich das Virus so rasant wandelt und viele verschiedene Abwandlungen unterwegs sind, für die nicht immer ein Impfstoff bereit stehen kann. Daher wird gegen Grippe jährlich geimpft. In diesem Jahr greift der Impfstoff zum Glück recht gut) ist vor allem die lange Inkubationszeit ein Problem.

Zwar liegt die im Durchschnitt bei 5,1 Tagen, aber es können auch 10-14 Tage bis zum Auftreten erster Symptome vergehen. Daher ist eine Isolation möglicher Träger sehr schwierig. Vergleich: Bei der saisonalen Grippe liegt die Inkubationszeit laut Robert-Koch-Institut (RKI) bei 1-2 Tagen.

Außerdem ist bis heute nicht ganz klar, ob das Virus bei jedem so ansteckend ist. Immer wieder ist die Rede von sogenannten Superspreadern, hoch ansteckenden Menschen, die selbst aber gar nicht wissen, dass sie infiziert sind. Bei vielen Infizierten machen sich nämlich gar keine Symptome bemerkbar. Da das Virus aber vor allem in den oberen Atemwegen und weit oben im Rachen steckt, kann es auch sehr leicht verteilt werden.

Warum Abstand halten die Zahl der Infizierten senken kann

Vor diesen Hintergründen wird einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, die persönlichen Kontakte zu anderen jetzt für einige Zeit einzuschränken. Simulationen machen deutlich, wie schnell sich die Zahl der Infizierten ohne Kontaktbeschränkungen ausbreiten kann und wie stark sich diese Ausbreitung eindämmen lässt, wenn wir alle auf Abstand achten, so gut es eben geht.

Das bedeutet übrigens nicht, dass sich jetzt niemand mehr treffen darf. Auch innerhalb des eigenen "Dunstkreises", also innerhalb der im Haushalt lebenden Familie greifen diese Regeln nicht – es sei denn, ein Mitglied ist erkrankt. Doch sobald man sich außerhalb dieses Dunstkreises bewegt, ist Abstand einfach die beste Möglichkeit, um Ansteckungen zu vermeiden. Denn: Je weniger Ansteckungen und Erkrankte gleichzeitig, desto besser kommt das Gesundheitssystem damit klar – und desto eher ist dann auch Platz für andere Behandlungen außerhalb Corona. Denn die pausieren jetzt schließlich nicht. Wie die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie betont: "Die große Gefahr eines ungehinderten Ausbruchverlaufs besteht darin, dass in einem kurzen Zeitraum eine sehr große Zahl an Patienten eine Behandlung auf Intensivstationen benötigen würde und das Gesundheitssystem hiervon sehr schnell überfordert wäre." Also: Reproduktionszahl senken. Und dafür können wir alle etwas tun, indem wir unsere Kontakte einschränken.

Das fasst auch Prof. Uta Merle vom Universitätsklinikum Heidelberg gegenüber dem BR nochmal zusammen: "Letztlich geht es darum, dass nicht alle auf einmal krank werden", sagt sie. "Insofern sollte jeder Einzelne schauen, dass er vernünftiges Verhalten zeigt. Das Virus ist da, wird da sein, und es wird um uns zirkulieren. Und je länger wir das hinauszögern können, diese Phase, in der sich einer nach dem anderen ansteckt, umso besser können die Krankenhäuser damit umgehen."

Immerhin: Alles sieht danach aus, als sei man erst einmal immun, war man einmal an Covid-19 erkrankt – jedenfalls möglicherweise solange, bis Sars-CoV-2 soweit mutiert, dass die vom Körper produzierten Antikörper nicht mehr wirken. Das wird aber hoffentlich nicht so schnell der Fall sein. Und so merken Sie, dass Sie Covid-19 überstanden haben und wieder gesund sind.

Bisher sind wir hierzulande "nur" von Absagen von Veranstaltungen, Restaurantschließungen und Co bis hin zu den genannten Ausgangsbeschränkungen betroffen. Sprich: Möglichst Kontakte zu anderen einschränken, der Gang aus dem Haus ist aber weiterhin möglich – nur eben allein und mit Distanz. Wie sagte auch Charité-Virologe: "Die Maßnahmen, die jetzt schon in Kraft sind, also auch solche Dinge wie zu Hause bleiben und so weiter – wenn sich niemand daran hält, dann muss natürlich die Politik die Entscheidung treffen und Ausgangssperren verhängen." Wir haben es also in der Hand, die Ansteckungsrate weiter zu senken, ohne dabei noch größere Einschränkungen verkraften zu müssen – bis geeignete Mittel – Impfstoff und Medikamente – gefunden sind, das Virus unter Kontrolle zu bringen.

Mehr Infos, etwa wie sich der Körper gegen das Coronavirus wehrt, sowie Tipps, auch im Umgang mit der Situation, lesen Sie auf unserer Themenseite zum Coronavirus.

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