10.06.2020 - 08:51

Coronavirus Sars-CoV-2 Ansteckung über die Luft: Aerosole und die "Virus-Wolke"

Coronavirus: Das alles sollten Sie jetzt wissen

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Die Bedeutung von viruslastigen Aerosolen rückt immer mehr in den Fokus, wenn es um die Ansteckungsmöglichkeiten mit dem Coronavirus geht. Wie gefährlich sind die Schwebeteilchen, die sich mehrere Minuten in der Luft halten können, wirklich?

Wie genau wird das Virus eigentlich übertragen? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Forscher rund um den Globus, seitdem das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 das erste Mal aufgetreten ist. Und wir lernen: Hauptübertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion. Viruslastige Tröpfchen finden den Weg zu neuen Wirten – hauptsächlich über die Nase – und machen uns krank. Doch es sind möglicherweise nicht nur die großen Tröpfchen. In den Debatten über die Übertragung des Coronavirus spielen Aerosole immer wieder eine Rolle: Feinste Nebel, etwa aus Atemluft, die vor allem in ungelüfteten Räumen lange in der Luft schweben können.

Schon im März ist eine Studie im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" (NEJM) veröffentlicht worden, die sich unter anderem mit der Frage beschäftigt. Ist eine Coronavirus-Übertragung über die Luft also möglich? Das Ergebnis lautete in der Studie "ja" – doch auf die Realität ist diese zuerst erschreckend klingende Erkenntnis nicht so einfach übertragbar. Mittlerweile wissen wir aber mehr über Sars-CoV-2 und Covid-19

Coronaviren und die Übertragung über Aerosole in der Luft: Das steckt dahinter

In der Studie erklären die Forscher ihr Ergebnis: Die Übertragung von Sars-CoV-2 sei durchaus per Aerosol, also über die Luft möglich. Das bedeutet, dass sich Viren als Schwebeteilchen über einen längeren Zeitraum in der Luft aufhalten können. Theoretisch könnten diese so auch eingeatmet werden. Doch wir können vorweg greifen: Das bedeutet nicht, dass sich Menschen so auf jeden Fall mit dem Virus anstecken können.

Klar ist bis heute, dass das Virus vor allem über Tröpfcheninfektion übertragen – und daher zu einem Sicherheitsabstand von 1,5 bis 2 Metern geraten wird. Beim Husten oder Sprechen sowie beim Niesen fliegen Speicheltröpfchen unterschiedlich weit, fallen aber aufgrund ihres Gewichts meist schnell zu Boden – oder werden von einer Alltagsmaske (Mund-Nasen-Bedeckung) aufgehalten.

Auch Schmierinfektion kann eine Rolle spielen – jedoch nach bisherigen Erkenntnissen eine eher untergeordnete. Dennoch kann es vorkommen, dass das Virus bei Körperkontakt oder nach dem Anfassen von kontaminierten Gegenständen in Mund, Nase oder Augen landet. Hände waschen bleibt also trotzdem wichtiges Mittel im Kampf gegen die Pandemie – und schützt übrigens auch vor jeder Menge anderer Erreger.

  • Was sind Aerosole? Aerosole sind feinste Partikel, die länger – von Minuten bis Stunden – in der Luft schweben können. An der frischen Luft werden sie durch Wind und andere Umwelteinflüsse gut verteilt. Doch in einem ungelüfteten Raum, in dem sich ein Infizierter befindet, steigt die Gefahr einer Ansteckung mit jeder Minute, die man im Raum ist. Bekannt ist dieses Prinzip beispielsweise schon von der Krankheit Tuberkulose.

In den Versuchen der Forscher – wir hatten über diese Studie bereits in Relation zur Oberflächenbeständigkeit des Coronavirus berichtet – stellten sie damals fest, dass auch das Coronavirus rund drei Stunden als Schwebeteilchen in der Luft verbleiben kann. Im Laborversuch haben sie das Virus mit einer Art Zerstäuber in der Luft versprüht.

Die Realität sieht anders aus – aber nur ein bisschen

Seither gab es mehrere Studien, die sich dessen angenommen haben, denn Ergebnisse unter Laborbedingungen entsprechen in der Regel nicht dem, wie es in der Realität aussieht. Denn es kommen noch Umwelteinflüsse hinzu. Außerdem hatten die Forscher mit künstlich erzeugten Aerosolen (Zerstäuber) experimentiert, die sich in ihrem Verhalten "grundlegend von hustenden/niesenden Patienten mit Covid-19 im normalen gesellschaftlichen Umgang unterscheide[n]", erklärt etwa das Robert-Koch-Institut (RKI).

So haben weitere US-Forscher etwa ein Experiment veranstaltet und gezeigt: Das Coronavirus kann durchaus über feinste Tröpfchen beim Sprechen übertragen werden. Eine Testperson sollte in einem geschlossenen Raum 25 Sekunden lang immer wieder laut den Satz "Stay healthy!" (zu Deutsch: "Bleib' gesund!") sagen. Dabei wurden Mikro-Tropfen gezählt – und daraus wiederum konnten die Wissenschaftler schließen, dass eine mit Sars-CoV-2 infizierte Person beim Sprechen durchschnittlich rund tausend virusbelasteter Tröpfchen pro Minute ausstößt, die dann etwa acht Minuten lang in der Raumluft schweben. Was dagegen laut der Forscher hilft? Eine Mund-Nasen-Bedeckung. Und wenn möglich regelmäßiges Lüften sowie das Vermeiden von zu langen Aufenthalten in geschlossenen, nicht durchlüfteten Räumen.

Auch das RKI verweist auf solche Studien, die zeigen, dass beim "normalen Sprechen und in Abhängigkeit von der Lautstärke Aerosole, die potentiell Viren übertragen könnten, freigesetzt und in schlecht belüfteten Räumen über Klimaanlagen verteilt werden könnten".

Auch Drosten stimmt zu: "Regelmäßig lüften!"

Noch bedarf es weiterer Erkenntnisse, noch scheiden sich die Geister. Die Studien deuten darauf hin, dass Aerosole eine Rolle spielen können, aber möglicherweise auch nicht müssen. So sind einige Wissenschaftler der Auffassung, dass Aerosole aus epidemiologischer Sicht keine wesentliche Rolle spielen – das erklärte etwa der Schweizer Virologe Hugo Sax dem "SRF" gegenüber bereits Anfang Mai. Er gehe davon aus, dass es sonst wesentlich mehr Fälle gäbe. Doch hier kommt möglicherweise auch die Rolle von sogenannten Superspreadern zum Tragen.

Christian Drosten schätzt darauf aufbauend die Lage gegenüber dem "Deutschlandfunk" etwas anders ein: Es mehre sich der Eindruck, dass es zur Tröpfcheninfektion zusätzlich eine deutliche Komponente von Aerosolinfektionen gebe. Dabei verwies er auf Messungen und Untersuchungen einzelner Ausbrüche, die durch Aerosolausscheidungen ausgelöst sein müssten.

Er plädiert daher aufs Lüften – ruhig auch mit Hilfsmitteln wie Ventilatoren: "Im Alltag sollte man sich eher vielleicht aufs Lüften konzentrieren und weniger auf das ständige Wischen und Desinfizieren."

Wie es nun im öffentlichen Leben im Alltag weitergeht? Auf die bisherigen Erkenntnisse kann nun aufgebaut werden: Restaurants und Schulen regelmäßig lüften, Klimaanlagen und Lüftungen regelmäßig warten, so dass sie sicher funktionieren. So wird auch der Aufenthalt in Geschäften, in Zügen, Fitnessstudios, sogar im Flugzeug zu keiner größeren Gefahr.

Bis dahin gilt: weiter schützen!

Wir merken: Genaues weiß man noch immer nicht, klar ist aber, dass verschiedene Szenarien der Übertragung möglich sind und unterschiedlichste Faktoren mit hineinspielen – ob nun Superspreader, Wetter, Tröpfchen, Oberflächen, lautes Sprechen, leises Sprechen... Aerosole scheint es zu geben, die Frage ist nur, wie ansteckend sie wirklich sind. Daher gilt: lieber Vorsicht als Nachsicht und weiterhin auf genügend Abstand achten, Räume wenn möglich gut durchlüften, Treffen mit anderen, wann immer möglich, nach draußen verlagern und überall, wo das nicht geht, eben auch mal Maske tragen. Weiterhin gelten also die aktuellen Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus:

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Mehr zum Thema finden Sie auf unserer Coronavirus -Themenseite! Die Studie in englischer Sprache gibt's hier.

Hier finden Sie eine interaktive Karte über den aktuellen Stand der Infektionen mit Sars-CoV-2 sowohl in Deutschland, in Europa als auch weltweit.

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