22.03.2020

Vorsorge ist lebenswichtig Darmkrebs behandeln: Diese Möglichkeiten gibt es

Darmkrebs kann behandelt werden – wenn er frühzeitig erkannt wird.

Foto: iStock/Chinnapong

Darmkrebs kann behandelt werden – wenn er frühzeitig erkannt wird.

Darmkrebs ist heilbar, wenn er frühzeitig erkannt wird. Über verschiedene, auch neue, vielversprechende Therapieformen klärt ein Experte auf.

Ein kolorektales Karzinom kann im Dick- oder Mastdarm auftreten. Darmkrebs entsteht meist aus gutartigen Darmpolypen und kann früh erkannt werden. Doch die Vorsorge jagt vielen Menschen Angst ein – dabei kann sie das Überleben entscheiden. Verschiedene Therapieformen bieten die Chance auf Heilung, darunter Operation, Chemo-, Strahlen- und auch Immuntherapie. Über die Möglichkeiten klärt Prof. Stefan Kasper-Virchow, Professor für Gastrointestinale Onkologie und Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Westdeutschen Tumorzentrum des Universitätsklinikums Essen auf.

Wie äußert sich Darmkrebs?

Prof. Kasper-Virchow: Leider ist Darmkrebs relativ lange symptomarm, sodass er häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird. Symptome können wechselndes Stuhlverhalten, wie Verstopfungen oder Durchfall, Blutauflagerungen im Stuhl, Gewichtsverlust, Blutarmut oder Schmerzen im Bauch sein.

Wie hoch sind die Chancen, wieder gesund zu werden in welchem Stadium?

Wenn der Darmkrebs in einem frühen Stadium entdeckt wird, sind die Heilungschancen mit einer Operation sehr gut. Mehr als 80 Prozent der Betroffenen können geheilt werden. Wenn bereits Lymphknotenmetastasen nachgewiesen sind, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich. Bei diesen Patienten ist nach der Operation in der Regel noch eine sogenannte Sicherheitschemotherapie über drei bis sechs Monate notwendig, um das Risiko einer weiteren Streuung, zum Beispiel in die Leber, zu verhindern. Die Überlebenswahrscheinlichkeit bei diesen Patienten liegt zwischen 50 und 70 Prozent.

Leider haben etwa die Hälfte der Patienten bereits bei Diagnosestellung eine Fernmetastasierung oder sie entwickeln eine solche im Verlauf ihrer Erkrankung. Betroffen sind dann meist die Leber oder die Lunge. Für diese Patienten ist eine Heilung häufig nicht mehr möglich. Mit modernen Chemotherapien in Kombination mit Antikörpern sowie lokalen Maßnahmen, wie Metastasenchirurgie oder radiologischen Interventionen, können diese Patienten heute jedoch relativ lange mit ihrer Tumorerkrankung leben.

Wie schnell kann sich Darmkrebs entwickeln?

In der Regel entwickelt sich ein Darmkrebs relativ langsam aus Vorstufen, den sogenannten Adenomen oder Polypen. Dies sind gutartige Wucherungen im Darm. Der Entartungsprozess dauert im Allgemeinen etwa zehn Jahre. Dies ist auch der Grund, warum alle zehn Jahre eine Vorsorgedarmspiegelung erfolgen sollte. Im Rahmen der Darmspiegelung können diese gutartigen Wucherungen bereits entfernt werden, sodass der Darmkrebs gar nicht erst entsteht. Leider gibt es auch Sonderformen des Darmkrebses, die deutlich schneller entstehen und dann im Rahmen der der Routine-Darmkrebsvorsoge nicht rechtzeitig erkannt werden.

Was sollte ich bei der Diagnose Darmkrebs als erstes machen? Wie werde ich in diesem Fall von meinen Ärzten begleitet?

In der Regel überweist der Hausarzt an ein Darmkrebszentrum, um die weitere Therapie abzustimmen. Diese Zentren zeichnen sich durch eine hohe Expertise in der interdisziplinären Behandlung von Patienten mit Darmkrebs aus und sind von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert. Hier kümmert sich ein Team aus verschiedenen Ärzten, wie Gastroenterologen, Onkologen, Chirurgen und Strahlentherapeuten, um die Patienten. Nach der initialen Diagnose erfolgen noch ein paar weitere Untersuchungen, um das Ausmaß der Tumorerkrankung zu erfassen. Danach wird jeder Fall in einer sogenannten Tumorkonferenz besprochen und den Patienten wird ein Behandlungsangebot gemacht.

Eine Form der Darmkrebs-Behandlung ist die Immuntherapie. Mehr dazu erklärt Prof. Kasper-Virchow:

Wie verläuft eine Immuntherapie?

Eine Immuntherapie verläuft ähnlich wie eine Chemotherapie. Die Patienten kommen in der Regel alle zwei bis vier Wochen zum Onkologen und erhalten eine Infusion in die Vene. Vor der Infusion sind noch eine Blutuntersuchung und ein Gespräch mit dem Arzt erforderlich, um mögliche Nebenwirkungen der Immuntherapie abzuklären. Die Infusionsdauer hängt von den verabreichten Medikamenten ab, überschreitet in der Regel jedoch nicht zwei Stunden.

Was unterscheidet sie von der Standard-Chemotherapie?

Chemotherapeutika sind in der Regel Zellgifte, die sich gegen schnell teilende Tumorzellen richten. Leider werden auch gesunde Zellen, die sich schnell teilen, wie zum Beispiel Zellen in der Mund- und Darmschleimhaut sowie im Haar, angegriffen. Das erklärt auch Nebenwirkungen wie Entzündungen im Mund, Durchfall und Haarverlust. Mit der Immuntherapie wird hingegen nicht direkt die Tumorzelle angegriffen, sondern wir „therapieren“ das eigene Immunsystem, sodass es die Tumorzelle als fremd erkennt und dann selbstständig abtötet. Der Vorteil ist, dass es zu deutlich weniger Nebenwirkungen kommt und ein deutlich länger andauernder Effekt erzielt werden kann, wenn das Immunsystem gelernt hat, die Tumorzelle zu erkennen.

Welche Nebenwirkungen bringt die Therapieform mit?

Im Vergleich zur Chemotherapie treten deutlich weniger Nebenwirkungen auf. Die klassischen Nebenwirkungen, wie Veränderungen des Blutbildes, Haarverlust und Schleimhautentzündungen, kommen praktisch nicht vor. Allerdings kommt es bei einigen Patienten zu immunvermittelten Nebenwirkungen. Das heißt, dass sich das eigene Immunsystem nicht nur gegen den Tumor richtet, sondern auch gegen die eigenen Organe. Hierzu zählen insbesondere der Darm, die Haut, die Lunge sowie die hormonproduzierenden Organe, wie zum Beispiel die Schilddrüse.

Als Nebenwirkungen können daher Durchfälle, Juckreiz und Ausschläge der Haut, Luftnot oder Probleme mit der Schilddrüse vorkommen. Diese Nebenwirkungen können jederzeit auftreten, beispielsweise auch nachdem die Immuntherapie bereits beendet ist. Wichtig ist, dass sie dann frühzeitig erkannt und behandelt werden. Meist reicht es aus, die Immuntherapie auszusetzen und das Immunsystem kurzfristig, zum Beispiel mit Kortison, zu hemmen.

Die Studiendaten für eine Therapie mit Antikörpern und Tabletten sollen bei Patienten mit schlechter Prognose vielversprechend sein. Was genau bedeutet das? Gibt es erste Erfolge?

Patienten mit einer bestimmten Veränderung in einem Gen des Tumors, dem sogenannten BRAF-Gen, haben im Vergleich zu anderen Patienten eine sehr schlechte Prognose, wenn der Tumor bereits gestreut hat. Dies scheint daran zu liegen, dass die klassische Chemotherapie für Patienten mit metastasiertem Dickdarmkrebs bei diesen Betroffenen nur bedingt wirksam ist.

Vor Kurzem wurden die Ergebnisse einer großen internationalen klinischen Studie präsentiert, an der die Universitätsmedizin Essen auch beteiligt war. In dieser Studie wurde bei genau diesen Patienten ein Vergleich zwischen einer neuen Tablettentherapie in Kombination mit einem Antikörper und einer klassischen Chemotherapie vorgenommen. Die Studie zeigte, dass diese neue Therapieform der Chemotherapie deutlich überlegen war. Die Tabletten enthalten einen Wirkstoff, der die Mutation des BRAF-Gens gezielt blockiert und so das Wachstum der Tumorzelle hemmt. Wir erwarten in Kürze die Zulassung entsprechender Medikamente auch in Deutschland, sodass für die betroffenen Patienten neue Hoffnung besteht.

Elementar für die erfolgreiche Behandlung, egal mit welcher Therapieform, ist aber eine frühe Erkennung. Prof. Kasper-Virchow betont daher nochmal, wie wichtig die Darmkrebsvorsorge ist:

Was kann ich selbst in Sachen Darmkrebsvorsorge tun?

Der wichtigste Baustein in der Darmkrebsvorsorge ist die Vorsorgekoloskopie (Darmspiegelung), die leider in Deutschland weiterhin zu selten in Anspruch genommen wird. Mit dieser Untersuchung kann der Darmkrebs bereits in einem frühen und dann fast immer heilbaren Stadium diagnostiziert werden. Zudem können bereits die Vorstufen des Darmkrebses, die sogenannten Adenome oder Polypen, bei dieser Darmspiegelung entfernt werden, sodass erst gar kein Krebs entsteht. Als Alternative zur Darmspiegelung stehen Tests auf verstecktes Blut im Stuhl zur Verfügung, die jedoch nicht so sicher und aussagekräftig sind wie eine Darmspiegelung. Vorsorglich sollte man zudem auf seine Ernährung achten und regelmäßig Sport treiben.

Tut die Darmkrebsvorsorge weh?

Die Vorsorgekoloskopie (Darmspiegelung) erfolgt in der Regel unter einer leichten Sedierung, sodass die meisten Patienten von der Untersuchung selbst nichts mitbekommen. Lediglich die notwendigen Abführmaßnahmen am Tag vor der Untersuchung sind gelegentlich etwas unangenehm, jedoch nicht schmerzhaft.

Wer sollte zur Darmkrebsvorsorge gehen?

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen die Darmkrebsvorsorge für Männer ab dem 50. Lebensjahr und für Frauen ab dem 55. Lebensjahr. Die Vorsorgeuntersuchungen sollten daher von jedem Menschen in diesem Alter wahrgenommen werden. Bei Patienten mit chronischen Darmentzündungen, wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa, sind deutlich engmaschigere und frühere Vorsorgeuntersuchung nötig. Das Gleiche gilt für Personen, bei denen in der Verwandtschaft bereits in jüngeren Jahren ein Darmkrebs diagnostiziert wurde. In der Regel sollte hier die Vorsorge zehn Jahre vor dem jüngsten Darmkrebspatienten in der Verwandtschaft beginnen. Das heißt, wenn bei einem Verwandten im Alter von 50 Jahren die Diagnose gestellt wurde, ist zu empfehlen, dass die erste Vorsorgeuntersuchung bereits mit 40 erfolgen sollte. Patienten mit vererbtem Darmkrebs sollten unbedingt auch eine humangenetische Beratung wahrnehmen, da diese Patienten auch andere Tumorerkrankungen entwickeln können.

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Bei Darmkrebs sollten Sie nicht erst auf die Symptome warten. Mehr über diese und wie Sie vorbeugen können, lesen Sie bei uns. Außerdem: mehr zu den Themen Verstopfung und Krebs.

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