21.03.2020

Postoperatives Delir Gedächtnis weg nach OP: Machen Narkosen dement?

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Ein postoperatives Delir betrifft rund jeden Zweiten ab 70.

Foto: iStock/alvarez

Ein postoperatives Delir betrifft rund jeden Zweiten ab 70.

Nach einer Operation plötzlich Angehörige nicht mehr erkennen?! Was wie ein Alptraum oder Alzheimer klingt, kann ein postoperatives Delir sein.

Tatsächlich ist ein postoperatives Delir bei weitem nicht so selten, wie man annehmen könnte, vor allem bei älteren Patienten. Rund die Hälfte aller Über-70-Jährigen, die einen chirurgischen Eingriff hatten, erfährt danach Verwirrtheitszustände! Dabei handelt es sich um eine vorrübergehende Störung des Gehirns, bzw. der Koordination seiner verschiedenen Leistungen, wie Wahrnehmung, Emotions- und Bewegungssteuerung. Früher wurde das auch "Durchgangssyndrom" genannt, eben weil es in aller Regel nur eine kurze Phase der Orientierungslosigkeit ist.

Wie zeigt sich ein postoperatives Delir?

Das postoperative Delir tritt meistens ein bis vier Tage nach dem Eingriff auf, auch, wenn die Patienten vorher schon bei klarem Verstand waren. Sie können sich nach Abklingen der Symptome meist gar nicht oder nur sehr bruchstückhaft an diesen Zustand erinnern. In der Mehrzahl der Fälle verschwindet das Delir nach einigen Tagen, in manchen Fällen kann es aber Wochen oder länger anhalten und Folgeschäden nach sich ziehen.

Grob kann man drei Erscheinungsbilder eines Delirs voneinander abgrenzen:

  • Hyperaktives Delir – Betroffene wirken beispielsweise rastlos, aufgeregt, haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang, Halluzinationen und Eigensinn.
  • Hypoaktives Delir – Betroffene wirken beispielsweise unbeteiligt, träge, wie "nicht ganz da", bewegen sich kaum und sind übermäßig schläfrig.
  • Gemischtes Delir – Anzeichen von Hyper- und Hypoaktivem Delir wechseln sich ab.

Für die Patienten und ihre Angehörigen sind meist die kognitiven und emotionalen Auswirkungen eines postoperativen Delirs am schlimmsten. Wenn jemand plötzlich die Ehefrau nicht mehr erkennt oder introvertierte Menschen ausschweifende, scheinbar zusammenhanglose Reden halten, kann das ganz schön Angst machen. Häufige Delir-Symptome sind:

Kognitive Einschränkungen

  • Schlechte Erinnerungsleistung, vor allem des Kurzzeitgedächtnis‘
  • Orientierungslosigkeit – z.B. nicht zu wissen, wo oder wer man ist
  • Schwierigkeiten beim Sprechen und Wortfindungsstörungen
  • Probleme beim Lesen, Schreiben und Verstehen von Sprache
  • Zusammenhangloses, ausschweifendes Erzählen
  • Leichte Ablenkbarkeit bzw. Konzentrationsprobleme
  • Schlafstörungen

Emotionale Veränderungen

  • Depressive Stimmung
  • Angst und Paranoia
  • Leichte Reizbarkeit
  • Persönlichkeitsveränderungen
  • Abrupte Stimmungsschwankungen
  • Euphorie

Kommt ein postoperatives Delir von der Narkose?

Was genau das Gehirn so aus dem Tritt bringt, konnte bislang noch nicht abschließend erforscht werden. Laut AOK Bundesverband spielen die Operationsart und -dauer sowie bestimmte Medikamente oder Blutdruckschwankungen während der OP eine Rolle. Überraschenderweise habe die Form der Narkose keinen entscheidenden Einfluss, egal, ob Vollnarkose oder lokale Anästhesie.

Priv.-Doz. Dr. Martin Haupt von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) gibt zu bedenken, dass auch einige Stressfaktoren zum postoperativen Delir beitragen könnten: "Als Auslöser für diese Symptome kommen zum einen medizinische Komplikationen, wie beispielsweise Flüssigkeitsmangel oder Nebenwirkungen von Medikamenten, in Frage. Zum anderen spielen jedoch auch die unvertraute Umgebung im Krankenhaus, die zahlreichen Untersuchungen und die besondere Belastungssituation eine Rolle, die die Betroffenen in erheblichen Stress versetzten können. Aber auch Reizüberflutung durch zu viele unbekannte Geräusche oder Personen im Umfeld sind mögliche Auslöser, ebenso wie Beeinträchtigungen im Bereich der Wahrnehmungen – etwa, wenn Betroffene ihre Brille oder ihr Hörgerät nicht tragen."

Das Risiko für ein postoperatives Delir steigt mit dem Lebensalter und mit verschiedenen Vorerkrankungen, wie Diabetes oder Bluthochdruck. Wenn Patienten bereits vor dem Eingriff Probleme mit dem Gedächtnis und eine verminderte geistige Leistungsfähigkeit haben, ist es auch wahrscheinlicher, dass sie danach in ein Delir fallen. Diese vorbelasteten Menschen sind dann auch oft diejenigen, die sich besonders lange nicht oder nur unvollständig erholen.

Hängen postoperatives Delir und Demenz zusammen?

Achtung: Verwechslungsgefahr! Da vor allem ältere Menschen in ein postoperatives Delir fallen, werden die Symptome manchmal als beginnende Alzheimer Demenz fehlinterpretiert. Tatsächlich gibt es in der Erscheinung auch sehr viele Überschneidungen, wie Gedächtnis- und Wahrnehmungseinschränkungen. Allerdings ist ein postoperatives Delir eine vorrübergehende, akute Funktionsstörung der Abläufe im Gehirn, Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, bei der Gehirnzellen unwiderruflich zerstört werden. Einige wichtige Punkte, um zwischen Delir und Demenz zu unterscheiden:

Auftreten: Die Symptome eines Delirs treten ziemlich plötzlich auf, während die Beschwerden einer Alzheimer Demenz gerade anfangs sehr schleichend über Monate langsam stärker werden.

Aufmerksamkeit: Wer sich in einem akuten Delir befindet, kann sich, wenn überhaupt, nur kurz auf etwas konzentrieren, bzw. ist zeitweise gar nicht ansprechbar. Bei einer Alzheimer Demenz im Anfangsstadium wirken die Betroffenen normal aufmerksam und reaktionsfähig.

Fluktuation: In einem Delir verändern sich die Symptome über den Tag in ihrer Erscheinung und Stärke, z.T. sehr abrupt. Gedächtnis und Aufmerksamkeit sind bei einer beginnenden Alzheimer Demenz generell relativ konstant innerhalb eines Tages, die Veränderungen erfolgen über viel längere Zeiträume.

Wie kann man jemandem im postoperativen Delir helfen?

Mit steigender Lebenserwartung und den Fortschritten der Medizin ist es nur natürlich, dass mehr ältere Menschen operiert werden. Damit sie (und alle anderen Patienten) besser vor postoperativem Delir geschützt werden, gibt es mittlerweile einige Strategien und Maßnahmen, leider noch nicht standardisiert in allen Krankenhäusern. Es geht vor allem darum, Risiko-Patienten schon vor dem Eingriff auszumachen und sie danach möglichst 1:1 zu betreuen. Sollte der Ernstfall eintreten, können z.B. psychosoziale Maßnahmen helfen, um Menschen in einem Delir Stabilität zu geben. Neben einem möglichst strukturierten Tagesablauf und der Wiederherstellung des Schlaf-Wach-Rhythmus‘ können Fachärzte Medikamente verordnen, um die psychische Verfassung zu festigen. Natürlich können auch die Angehörigen helfen, auch, wenn für sie die Situation erstmal belastend ist.

Dr. Haupt: "Es geht darum, den betroffenen Menschen in der ungewohnten Umgebung Sicherheit und ein Gefühl der Verankerung zu vermitteln sowie auch Ängste abzubauen. Um dies zu gewährleisten, können auch Kleinigkeiten hilfreich sein, wie beispielsweise ein Bild der Familienangehörigen oder persönliche Gegenstände des Betroffenen in seiner Nähe. Auch eine Uhr und ein aktueller Kalender auf dem Nachttisch helfen, die Orientierung zu halten. Angehörige können zudem die verwirrten Menschen über Neuigkeiten der Nachbarn oder über Familienereignisse informieren, um Gefühle von Isolation abzubauen und Betroffenen das Zurückfinden in die Realität zu erleichtern."

Nicht nur das postoperative Delir wird bei Senioren häufiger mit Alzheimer verwechselt. Auch psychische Krankheiten zeigen sich bei älteren Menschen mit Symptomen wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, wie unser Ratgeber zu Altersdepressionen hier erklärt: Wie erkenne ich die Symptome einer Altersdepression?

Alle Neuigkeiten und nützliches Hintergrundwissen rund um das Thema Alzheimer gibt es auf unserer großen Themenseite.

Noch viel mehr Informationen zu psychiatrischen Krankheitsbildern und speziell Gerontopsychiatrie für Ältere bekommen Sie bei den Psychiatern im Netz.

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