17.03.2020

Papa mit Covid-19 infiziert, alle isoliert Familie berichtet: So leben wir mit Coronavirus in Quarantäne

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Der Vater hat sich mit Covid-19 angesteckt, die ganze Familie muss in Quarantäne: Wie es ist, in dieser Situation mit einem Kind auf 80 Quadratmetern zu leben und nicht raus zu dürfen, erzählt Familie H. (Symbolbild).

Foto: iStock/Kaan Sezer

Der Vater hat sich mit Covid-19 angesteckt, die ganze Familie muss in Quarantäne: Wie es ist, in dieser Situation mit einem Kind auf 80 Quadratmetern zu leben und nicht raus zu dürfen, erzählt Familie H. (Symbolbild).

Stefan H. (42) steckte sich in Südtirol mit dem neuen Coronavirus an, seit dem 8. März leben er, seine Frau Sophie (38) und Sohn Leon (5) im Ausnahmezustand. Quarantäne auf 80 m²! Hier erzählen Sie, wie Covid-19 Symptome zeigte, wie schwierig es war, alle testen zu lassen und wie der Alltag einer isolierten Familie aussieht. (Namen von der Redaktion geändert)

"Das wird eine normale Erkältung sein" – damit beruhigen sich Sophie und Stefan aus München, als er in der Nacht zum Sonntag mit Schüttelfrost und Husten aufwacht. Tags zuvor kam der Ingenieur schon angeschlagen von einem viertägigen Ski-Urlaub in Wolkenstein (Südtirol) zurück. Bevor Stefan mit vier Freunden – alle Familienväter – losgefahren war, hatten sie extra noch einmal die Nachrichten für Norditalien gecheckt. In Südtirol gab es nur zwei offiziell bestätigte Covid-19-Fälle, die Region schien sicher, war nicht Risikogebiet. Doch das ändert sich während ihres Aufenthaltes. Was bald folgt, ist eine Quarantäne für die ganze Familie aufgrund des Coronavirus. Aber das weiß jetzt noch keiner.

Von Coronavirus-Witzen zu Wohnungsquarantäne in 24 Stunden

Auf der Rückfahrt am Samstag beginnen sich Stefan und drei der vier anderen schlapp zu fühlen, die Bronchien machen sich bemerkbar. "Im Auto haben wir noch Witze gemacht, dass wir doch jetzt kaum alle Corona haben können", erzählt Stefan. Zu weit weg und unwahrscheinlich schien das neue Coronavirus da noch fast allen in Deutschland. Auch als es Stefan am Sonntag schlechter geht, beschließen Sophie und er "nur zur Sicherheit" den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 anzurufen. Es ist erst 8 Uhr morgens, nach wenigen Minuten in der Warteschleife erreichen sie eine Mitarbeiterin. Die beruhigt zunächst. "Sie meinte, die Symptome von meinem Mann würden sich nicht nach Covid-19 anhören, aber dass sich später ein Arzt melden wird", erinnert sich Sophie. Stefans Symptome: Gliederschmerzen, trockener Husten, Fieber, Abgeschlagenheit.

Familie H. verlässt trotzdem vorsorglich die Wohnung nicht und erhält drei Stunden später einen Anruf, ein Arzt sagt, Stefan soll doch getestet werden. "Gegen 13 Uhr hat ein komplett vermummter Mensch bei uns geklingelt – mit Schutzanzug und Maske. Er hat gleich an der Wohnungstür den Rachen-Abstrich von Stefan genommen", erzählt Sophie. Danach sollen sie die Tür schließen, der Arzt zieht die Schutzkleidung aus und weist sie an, alles in ihrer Wohnung zu entsorgen. Immerhin Leon ist begeistert vom Besuch.

Coronavirus-Quarantäne ohne Anweisung und Test-Ergebnis

Dann beginnt das Warten. Drinnen, einzeln. Der Arzt riet, dass sich Stefan möglichst getrennt von Sophie und Leon aufhalten solle. Kaum umzusetzen, in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit einem Badezimmer für alle. Eine offizielle Quarantäne-Anordnung gibt es nicht, denn noch ist die Coronavirus-Infektion nicht bewiesen. Familie H. hofft das Beste, will aber auf Nummer sicher gehen und keine weiteren Menschen gefährden. Sie gehen freiwillig in die Selbstisolation. Was genau dabei zu beachten ist, recherchieren Sie selbst im Internet auf Nachrichten-Seiten, ein Merkblatt oder konkrete Anweisungen haben sie nicht bekommen.

Sophie, Unternehmensberaterin, und Stefan, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, informieren ihre Vorgesetzten. Sophie kann im Home-Office arbeiten, Termine bei Kunden vor Ort sind erstmal abgesagt. Stefan ist krankgeschrieben. "Die ersten Tage habe ich vor allem geschlafen, ich war matt, hatte Gliederschmerzen und habe gehustet, aber nicht stärker als bei einer normalen Erkältung", erzählt er. Angst haben er und Sophie nicht, auch, weil mittlerweile bekannt ist, dass SARS-CoV-2 bei Kindern meistens zu keinen oder kaum Symptomen führt. Leon ist fit. Er hat Papa das Kinderzimmer überlassen und baut im Wohnzimmer Parcours, um sich auszutoben.

Wie beschäftigt man ein Kind in Covid-19-Isolation?

"Leon ist ein aktives Kind, geht sehr gern auf den Spielplatz und in den Kindergarten", sagt Sophie, "das vermisst er alles sehr." Jetzt steht er am Fenster und muss von oben seinen Freunden aus der Nachbarschaft beim Spielen in den ersten Frühlingssonnenstrahlen zuschauen. Der Tag kann sehr lang sein, das weiß jeder, der schon einmal mit einem Kind zuhause war. Seit es Stefan besser geht, wechseln er und Sophie sich ab, um Leon zu beschäftigen, damit jeweils einer ein wenig Arbeit erledigen kann. "Wenn wir beide gleichzeitig telefonieren müssen oder Stefan sich ausruhen muss, dann läuft eben mal der Fernseher", sagt Sophie. Normalerweise ist Leons TV- und Tablet-Zeit eng begrenzt, aber in der Quarantäne haben die Eltern das vorerst aufgegeben. "Natürlich ist das nicht ideal, aber wir können nur jedem in der Situation raten, sich nicht so viel Druck zu machen. Dann sitzt das Kind halt ein paar Wochen lang öfter vorm Fernseher. Hauptsache ist, alle kommen gut durch die Zeit und sind gesund", findet Stefan. Was sich bewährt hat, um einen Fünfjährigen in der Coronavirus-Quarantäne bei Laune zu halten:

  • Trampolin – gut für Bewegung, wenn man nicht raus kann
  • Lernspiele – z.B. ANTON Lern-App für Schulkinder
  • Rätsel-Blöcke – zum Ausfüllen, Leon spielt damit "Büro"
  • Fenstermalstifte – abwaschbar, um auf Glas zu malen

Auch wir haben ein paar Tipps für Kinder in der Coronavirus-Quarantäne zusammengestellt: Wie beschäftige ich mein Kind in der Quarantäne?

Lebensmittelversorgung ist einfach, Test-Ergebnis schwierig

Mit Lebensmitteln und, ja, Toilettenpapier ist Familie H. gut eingedeckt. Sie hatten sich zu Beginn der Corona-Krise bewusst gegen irrationale Hamsterkäufe gewehrt, nur samstags den normalen Wocheneinkauf erledigt. Für Nachschub sorgen jetzt Supermarkt-Lieferdienste und Nachbarn, die die Sachen vor der Tür abstellen. "Das ist wirklich kein Problem und alle wollen uns unterstützen, so viele Freunde, Bekannte und Kollegen haben angeboten, etwas vorbei zu bringen", erzählt Sophie, die sich über so viel Hilfsbereitschaft freut.

Auch der Kontakt mit dem Gesundheitsamt und Ärzten ist stets freundlich, wenn sie denn zu einem Sachbearbeiter durchkommen. Einer von Stefans Freunden erhält schon einen Tag nach dem Test die Diagnose: SARS-CoV-2 positiv. Ab da wissen alle vom Ski-Trip, dass sie sich höchstwahrscheinlich auch mit dem Coronavirus angesteckt haben. Stefan und Sophie warten. Als sich am Mittwoch, vier Tage nach dem Coronavirus-Test, immer noch niemand bei ihnen wegen des Ergebnisses gemeldet hat, beginnen sie Gesundheitsamt, Arzt und dann schließlich auf eigene Faust Labore abzutelefonieren. Überall Warteschleife, belegt, keine Antwort.

Drive-In-Test auf Coronavirus für Sophie und Leon

Zu viele Menschen sind mittlerweile in Sorge und wollen sich auf das Coronavirus testen lassen. Am Donnerstag meldet sich dann endlich telefonisch das Gesundheitsamt, um auch Stefans positiven Befund zu bestätigen. Er fühlt sich mittlerweile wieder gesund, nun hat Sophie Halskratzen und Gliederschmerzen. Sie und Leon wurden nicht gleichzeitig mit Stefan getestet, denn SARS-CoV-2 ist nicht sofort nach der Übertragung nachweisbar. Wann und wo nun auch Mutter und Sohn, direkte Kontaktpersonen eines Infizierten, den Coronavirus-Abstrich machen können, ist unklar. Es herauszufinden, kostet Zeit, Nerven, Telefonanrufe. Denn zum Drive-In-Test (in München z. B. in der ehemaligen Bayernkaserne) dürfen nur Menschen, deren Ansteckungswahrscheinlichkeit von einem Arzt bestätigt ist. Sonst würden die Anlaufstellen dem Ansturm nicht standhalten.

Sophie und Leon können am Sonntag, 15. März, zum Drive-In, genau eine Woche nachdem bei Stefan zu Hause der Rachenabstrich von einem Mann im Schutzanzug genommen wurde. In diesen sieben Tagen hat sich die Welt komplett verändert, von Corona-Späßen zu Schulschließungen. Um nach der Coronavirus-Infektion und 15-tägiger Quarantäne wieder nach draußen zu dürfen, braucht es zwei negative Testergebnisse. Erst einmal braucht es Termine für die Tests. Familie H. wartet.

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Mehr darüber, was während der häuslichen Quarantäne beachtet werden muss oder wie die Symptome von Covid-19 aussehen können sowie weitere Informationen rund um den Sars-CoV-2-Ausbruch lesen Sie auf unserer Themenseite zum Coronavirus.

Hier finden Sie eine interaktive Karte über den aktuellen Stand der Infektionen mit Sars-CoV-2 sowohl in Deutschland, in Europa als auch weltweit.

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