15.03.2020 - 08:32

Wenn Durchfall und Schmerzen chronisch sind Woher kommt Morbus Crohn und was hilft wirklich dagegen?

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Gastroenterologen können herausfinden, ob es sich bei den Beschwerden um die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn handelt.

Foto: iStock/Jan-Otto

Gastroenterologen können herausfinden, ob es sich bei den Beschwerden um die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn handelt.

Krämpfe, Durchfall und die ständige Sorge um die Verdauung – für mehr als 400.000 Deutsche gehört das leider zu ihrem Alltag. Diagnose: Morbus Crohn.

Tatsächlich ist dieses chronische Leiden gar nicht so einfach fest zu stellen, denn Morbus Crohn zeigt Symptome wie viele andere Darmerkrankungen. Dazu kommt, dass die Probleme häufig früh anfangen – bei scheinbar jungen und gesunden Menschen. Meistens tritt bei Morbus Crohn der erste Schub bereits im Alter zwischen 15 und 35 auf, oft ohne unmittelbar erkennbaren Auslöser. Auch darum gibt es viele Theorien und Halbwissen zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CES).

Dr. Ulrich Tappe ist Facharzt für Gastroenterologie und im Beirat der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Hier klärt er auf, was wirklich wissenschaftlich gesichert über Morbus Crohn bekannt ist und wie die Krankheit erkannt, diagnostiziert und behandelt wird.

Was für eine Krankheit ist Morbus Crohn genau?

Dr. Tappe: "Morbus Crohn ist eine Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, dass das Immunsystem auf verschiedene Auslöser überreagiert. Eigentlich soll die körpereigene Abwehr nur schädliche Elemente angreifen, z.B. Bakterien. In der Folge der überschießenden Immunreaktion werden bei Morbus Crohn aber auch massenhaft gesunde Zellen zerstört. Das führt zu Entzündungen und Geschwüren, die entlang des gesamten Verdauungsapparats auftreten können, vom Mund bis zum After."

Was sind für Morbus Crohn typische Symptome?

Dr. Tappe: "Morbus Crohn zeigt Symptome, die erstmal wenig spezifisch sind. Durchfall und Bauchschmerzen sind die häufigsten Anzeichen, allerdings vergehen sie nicht innerhalb von Tagen oder wenigen Wochen, wie bei einem bakteriellen oder viralen Magen-Darm-Infekt."

Der Experte rät daher eindringlich: Wer vier bis sechs Wochen lang unter Durchfall und Schmerzen leidet, muss auf jeden Fall zum Arzt!

Denn durch die Entzündungen bei Morbus Crohn – am häufigsten im Dünn- und Dickdarm angesiedelt - kann es auch dazu kommen, dass Nahrung nicht mehr richtig verdaut wird. Die Betroffenen bekommen starke Nährstoffmängel, fühlen sich dauerhaft krank und abgeschlagen und können eine Anämie (Blutarmut) entwickeln, so Dr. Tappe.

Wie gelangt man bei Morbus Crohn zu einer Diagnose?

Dr. Tappe gibt zu bedenken: "Morbus Crohn muss immer eine Ausschlussdiagnose sein." Folgende Testmethoden gibt es, um zu einer (relativ) sicheren Morbus-Crohn-Diagnose zu kommen:

  • Ein Arzt – meist ein Internist mit der Zusatzausbildung Gastroenterologie – kann mit einer Magen- und Darmspiegelung feststellen, ob und wo Entzündungen vorliegen.
  • Außerdem werden von den Entzündungsherden Gewebeproben entnommen
  • Es gibt Entzündungswerte im Blut, die bei fast allen Morbus-Crohn-Patienten erhöht sind.
  • Alle anderen möglichen Ursachen für die Beschwerden müssen auch überprüft werden – z.B. Infektionen, eine Colitis ulcerosa, bösartige Tumore oder ggf. ein, Reizdarmsyndrom.

Dr. Tappe: "Am Ende kann man mit etwa 90-prozentiger Sicherheit sagen, ob Morbus Crohn vorliegt. Ein großer und wichtiger Unterschied zu einer Infektion durch Bakterien oder Viren ist die Dauer und die Dauerhaftigkeit. Morbus Crohn ist chronisch, die Beschwerden bleiben sehr lange bestehen und verschwinden in der Regel nicht ohne Behandlung. Nach einem Jahr ist die Chronizität bewiesen und ein Morbus Crohn sicher diagnostiziert."

Wie sieht bei Morbus Crohn die Behandlung kurz- und langfristig aus?

Dr. Tappe: "Morbus Crohn tritt in Schüben auf. Wie sie ausgelöst werden, ist noch nicht ganz geklärt. Eine normale Immunreaktion, z.B. auf einen Virusinfekt, eskaliert in eine Entzündungskaskade, die der Körper von alleine nicht stoppen kann. Zur Behandlung von Morbus Crohn werden daher Medikamente eingesetzt, die das Immunsystem unterdrücken bzw. auf das normale Maß zurückfahren."

Bei akuten Krankheitsschüben: Vor allem Kortison, das meist in Tablettenform gegeben wird. Allerdings sollte man es nicht länger als sechs Wochen am Stück nehmen, weil man mittlerweile weiß, dass eine Daueranwendung zu Langzeitfolgen wie Osteoporose führen kann.

Zur langfristigen Morbus-Crohn-Therapie: Es gibt seit mehreren Jahren Medikamente, die spezifisch in das Entzündungsgeschehen eingreifen. Ein Beispiel ist der Tumor-Nekrose-Faktor-Hemmer. Durch die Unterdrückung dieses Mediators wird dem Körper signalisiert, die Entzündungsreaktion nicht mehr weiter voranzutreiben. Die Tumor-Nekrose-Hemmer sind generell, verglichen mit Kortison, sehr gut verträglich. Als Nebenwirkung gibt es vor allem eine erhöhte Infektanfälligkeit, eben weil das Immunsystem unterdrückt wird. Da die Nekrose-Hemmer allerdings sehr gezielt wirken, ist das Ausmaß auf keinen Fall mit stärkeren Immunsuppressiva, wie sie z.B. nach einer Organtransplantation gegeben werden, zu vergleichen.

Chirurgie für kompliziertere Fälle: Wenn die Wirkung der Medikamente nicht ausreicht und Geschwüre sich nicht (ganz) zurückbilden oder zu Vernarbungen geführt haben, kann manchmal eine Operation nötig sein. Dabei wird der betroffene Teil des Darms entfernt, was meistens minimalinvasiv per Schlüssellochmethode über die Bauchdecke passiert.

Kann man Morbus Crohn mit Ernährung in den Griff bekommen?

Dr. Tappe: "Bei Morbus Crohn ist Ernährung natürlich ein Thema, über das die Betroffenen viel nachdenken bzw. über das es viele Theorien gibt. Bislang ist durch wissenschaftliche Studien nur belegt, dass bei Morbus Crohn die mediterrane Ernährungsweise Vorteile für die Symptomatik bringt und zu weniger Blähungen führt. Während eines akuten Schubs hilft es, sich ballaststoffarm, mit weniger Obst und Milch zu ernähren, um die Verdauung zu entlasten."

Was sind die zugrunde liegenden Ursachen von Morbus Crohn?

Dr. Tappe: "Es ist derzeit noch nicht wissenschaftlich nachvollziehbar, was genau Morbus Crohn auslöst. Es scheint Hinweise auf genetische Veranlagungen zu geben und einen Zusammenhang mit der Ausbildung der Abwehrkräfte in der Kindheit. In Industrienationen kommt Morbus Crohn viel häufiger vor, was mit den hohen Hygienestandards zusammenhängen könnte. Wenn das Immunsystem in der Kindheit wenig immunogenen Faktoren (Keimen) ausgesetzt ist, könnte es sein, dass es sich später gegen den eigenen Körper richtet. All das sind aber bislang nur Theorien."

Dr. Tappe empfiehlt allen Betroffenen, sich mit Fragen an Ärzte und Patientenvertretungen zu wenden und sich nicht von kursierendem, vermeintlichen Allgemeinwissen zu Ernährung und Darmgesundheit verunsichern zu lassen. Es gibt beispielsweise keinen wissenschaftlich belegbaren Zusammenhang zwischen Nahrungsmittel-Intoleranzen und Morbus Crohn. Es ist bekannt, dass Menschen, die unter Morbus Crohn leiden, ein verändertes Mikrobiom im Darm haben, also andere Bakterienkulturen als Gesunde. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die gestörte Darmflora die Ursache von Morbus Crohn ist und eine sog. "Darmsanierung" das Problem beseitigt. Das veränderte Mikrobiom kann genauso gut die Folge und nicht die Ursache der Erkrankung sein.

Grundsätzlich können die Betroffenen ein Morbus-Crohn-Schub vielleicht nicht aufhalten, aber die Schwere und Wahrscheinlichkeit abmindern. Hilfreich ist – wie gegen alle Krankheiten – eine gesunde Lebensweise mit regemäßiger Bewegung und wenig oder ohne Alkohol und Zigaretten. Dass Nikotin-Genuss die Erkrankungswahrscheinlichkeit und Schwere eines Schubs erhöht, haben Studien gezeigt. Raucher müssen auch deutlich häufiger wegen ihres Morbus Crohn operiert werden.

Noch viel mehr Infos zu wissenschaftlich fundierten Tipps für das Leben mit Morbus Crohn, fachliche Beratung und Austausch mit anderen Betroffenen gibt es bei der Deutschen Morbus Crohn / Colitis Ulcerosa Vereinigung DCCV

Unser Experte Dr. Ulrich Tappe ist von der "Gastropraxis an der St. Barbara Klinik" in Hamm und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), die neben ärztlichen Fortbildungen und Fachinformationen auch Service für Patienten anbietet.

Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa sind die häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Welche (ähnlichen) Symptome Colitis Ulcerosa hat und wie sie behandelt wird, erfahren Sie in unserem Ratgeber.

Weitere Tipps zur Ernährung bei Morbus Crohn gibt Ihnen hier unsere Ernährungskolumnistin Natürlich Nadine und alles zur allgemeinen Darmgesundheit finden Sie auf der großen Themenseite zur Verdauung.

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