Aktualisiert: 18.05.2020 - 12:46

"Aber an Grippe sterben mehr!" Coronavirus vs. Grippe: Ist Covid-19 weniger gefährlich?

Coronavirus und Grippe im Vergleich

Coronavirus und Grippe im Vergleich

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Je mehr sich das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 auf der Welt ausbreitet, desto mehr Vergleiche werden mit der normalen Grippe, der Influenza, gezogen. Doch geht das überhaupt? Schließlich liegen zwei völlig verschiedene Virenarten zu Grunde.

Vergleiche ziehen ist eigentlich keine allzu schlechte Angewohnheit von uns Menschen. So erklären wir uns die Welt, ziehen Schlüsse, kommen weiter. Vergleichen lässt sich alles – daher ist der aktuell so beliebte Satz, "das kann man doch gar nicht vergleichen", gar kein so schlauer. Vergleichen lassen sich Coronavirus und Influenza, a.k.a. Grippe. Allerdings so, dass sich eben nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch Unterschiede feststellen lassen.

Ob Covid-19 gefährlicher ist als die Grippe, wird sich erst noch zeigen. Trotzdem nutzen viele zurzeit für den Vergleich gerne die Zahl "25.000" – um die Zahl der Grippetoten anzuführen. Warum der Vergleich mit den aktuellen Todeszahlen durch Covid-19 hinkt, erklären wir hier.

Corona und Grippe: Lassen sich vergleichen – um Unterschiede zu erkennen

Überlegen wir also einmal. Sicherlich lassen sich zwischen beiden Krankheiten Gemeinsamkeiten finden. Und siehe da: sogar recht schnell.

  • Sowohl das "Coronavirus", genannt Sars-CoV-2, als auch das Influenza-Virus sind Virenarten, die sogar zur selben Gruppe gehören, zu den RNA-Viren.
  • Beide Virenarten lösen eine Infektion im Mund-Rachen-Raum aus, die auch auf die Lunge übergehen kann. Bei Sars-CoV-2 heißt das dann Covid-19, bei Influenza eben Grippe. Beides kann in eine Lungenentzündung ausarten. Diese Krankheiten können milde verlaufen, aber auch schwer, und sie können auch zum Tod führen.
  • Beide Virentypen sind über Tröpfcheninfektion sehr ansteckend. Auch Schmierinfektion spielt eine Rolle.
  • Beide Erkrankungen sind vor allem für Personen gefährlich, die unter Immunschwächung und/oder einer Herz-Kreislauf-Schwäche leiden. Dazu zählen vorerkrankte Menschen sowie ältere Patienten, deren Immunsystem durch das Alter geschwächt ist (sogenannte Immunseneszenz).
  • Beide Krankheiten lassen sich nicht gut mit Medikamenten kurieren. Hauptsächlich können die Symptome behandelt und damit angenehmer gestaltet werden. Zudem können die eingeschränkten Körperfunktionen unterstützt werden – im Falle einer Lungenentzündung und Atemnot etwa durch künstliche Beatmung.

Wir merken: Ja, da gibt es also jede Menge Gemeinsamkeiten. Doch wo Gemeinsamkeiten, da auch Unterschiede. Und die müssen beim Vergleich von Corona und Grippe definitiv beachtet werden.

Denn auch, wenn beide Virentypen systematisch einer Gruppe, der genannten RNA-Viren, zugeordnet sind, sind sie doch sehr unterschiedlich und agieren auch so. Sie gehören zu völlig unterschiedlichen Stämmen. Der "Tagesspiegel" zieht etwa den Vergleich zwischen Wirbeltieren und Insekten als Beispiel.

Das Problem ist: Die Unterschiede werden erst nach und nach klar, je mehr wir über das 2019 erstmals im chinesischen Wuhan aufgetauchte neuartige Coronavirus lernen.

Coronaviren gibt es nicht erst seit 2019

Sars-CoV-2 gehört zum Stamm der Coronaviren. Die gibt es schon sehr lange. Auch das 2002/03 in China ausgebrochene "Sars" sowie das im Mittleren Osten immer wieder vorkommende "Mers" gehören dazu. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn bereits vor Jahren immer mal von einem "Coronavirus" die Rede war. Es handelt sich bei Sars-CoV-2 lediglich um eine neue Art. Denn Viren verändern sich, teilweise sehr schnell, und passen sich (leider) sehr gut neuen Bedingungen an.

Hier besteht dann übrigens wieder eine Ähnlichkeit zum Influenza-Virus. Auch dieses ändert sich ständig. Es existieren verschiedene Arten, die sich ständig wandeln. Daher ist es auch so schwierig, genau DEN passenden Grippeimpfstoff zu treffen und deswegen sollte man sich auch jedes Jahr erneut gegen die Grippe impfen lassen. Und genau deswegen war etwa die Grippesaison 2017/18 so schlimm – weil der Impfstoff nicht passend genug auf die in diesem Jahr vorrangig auftretende Art angepasst war. Voraussagen sind da nämlich schwierig.

Das "Gute" ist: Coronaviren sind nicht so wandelfreudig wie Influenza-Viren. Und zwar lange nicht. Zwar haben Forscher bereits herausgefunden, dass auch Sars-CoV-2 bereits mutiert ist. Das muss aber tatsächlich nicht einmal etwas Schlechtes bedeuten. Denn Viren wollen vor allem überleben – und das können sie nicht, wenn ihre Wirte – in diesem Fall wir Menschen – sterben. Auch beim Coronavirus Sars-CoV-2 sieht das zurzeit ähnlich aus: Es passt sich an uns an, wird dadurch ansteckender – möglicherweise aber auch weniger tödlich.

Das sind die größten Unterschiede zwischen Sars-CoV-2 und Influenza-Virus

Aber zurück zu den Unterschieden. Sars-CoV-2 und Covid-19 unterscheiden sich in manchen Dingen eben doch von Influenza und Grippe, nicht nur in ihrer Art.

  • Die Letalität, also Tödlichkeit, der Lungenkrankheit Covid-19 ist nach bisherigen Auffassungen höher als die der Grippe. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass wir uns noch in einer frühen Phase des Ausbruches befinden und die Rate an Todesfällen allein deshalb höher ist, weil milde Verläufe der Krankheit noch nicht immer erkannt werden. Die Grippe kann dagegen recht schnell erkannt werden – wir kennen sie schon. So kommen auch die vergleichsweise hohen Infektions- und Todeszahlen, die ein jährlicher Influenza-Ausbruch mit sich bringt, zustande. Erste Schätzungen ergaben, dass rund ein Prozent der mit dem neuen Coronavirus infizierten Menschen an der ausgelösten Krankheit sterben könnte. Das bedeutet eine zehnfach höhere Letalität als sie Grippeviren mitbringen.
  • Schuld daran ist aber auch – und das ist ein weiterer Unterschied –, dass es bisher keine Impfung gegen Sars-CoV-2 gibt. Experten rechnen mit einem wirksamen Impfstoff erst im kommenden Jahr.
  • Gleichzeitig scheint die Ansteckungsgefahr höher zu sein als bei der Grippe: Forscher haben mittlerweile herausgefunden, dass die Virendichte bei Sars-CoV-2 im oberen Rachenraum deutlich höher ist als bei Influenza-Viren. Auch, wenn kaum Symptome auftreten. Dadurch können etwa durch Spucken oder Niesen viel leichter Viren übertragen werden, die sich gleichzeitig viel leichter im oberen Rachenraum bis dato gesunder Menschen ansiedeln können. Das funktioniert übrigens auch über Oberflächen, die jemand anfasst.
  • Hinzu kommt, dass unsere Körper noch keinerlei Vorerfahrung mit dem neuen Coronavirus haben. Zwar hatten die meisten von uns wahrscheinlich schon einmal Infektionen mit anderen Coronaviren – aber eben nicht mit dem neuen Sars-CoV-2. Jede neue Virenart reagiert anders. Unser Körper konnte noch keine Immunität dagegen aufbauen. Ob man nach einer normalen Erkältung mit anderen Coronaviren auch eine gewisse Immunität gegen Sars-CoV-2 entwickelt, daran wird derzeit geforscht. Bei Influenza ist diese Grundimmunität vorhanden, da wir Jahr für Jahr mit verschiedenen Arten davon zu tun haben und diese sich zwar regelmäßig wandeln, aber sich im Grunde immer noch ähneln.
  • Ganz wichtig: Das Coronavirus Sars-CoV-2 befällt nicht nur die Lunge, sondern kann auch an anderen Organen Schäden auslösen. Auch mit langfristigen Spätfolgen ist zu rechnen.

All das führt zu und fußt auf einem signifikanten Unterschied zwischen Grippe und Corona: Wir wissen bisher äußerst wenig über das neue Coronavirus. An mehr Wissen arbeiten Forscher jedoch derzeit.

So hat man etwa herausgefunden, wie lange das Coronavirus in der Luft und auf Oberflächen überlebt – allerdings im Laborversuch, der mit realen Bedingungen nicht übereinstimmt. Die Wissenschaftler haben dazu auch zur potentiellen Ansteckung über die Luft via "Virus-Wolke" geforscht.

Todeszahlen: Mehr Grippe-Tote als Corona-Tote?

Die Grippewelle 2020 ist offiziell vorbei – und für Deutschland wurden 411 Todesfälle durch die Grippe registriert. Im Vergleich liegt die Zahl für die heftige Grippesaison 2017/18 bei rund 25.000 Toten. ABER: Diese hohe Zahl bezieht sich einerseits nicht auf einen Stichtag, sondern auf die gesamte Grippesaison, und die dauert über mehrere Monate hinweg. Zudem handelt es sich um eine Schätzung. Nicht bei jedem Todesfall mit Grippe wird diese als Todesursache angegeben. Auch werden nicht alle Grippe-Infektionen und Todesfälle werden gemeldet und getestet. In den 25.000 Todesfällen stecken also zum einen gemeldete, nachgewiesene Fälle, aber auch Schätzungen, die sogenannte Dunkelziffer. Und die ist für die diesjährige Grippesaison noch nicht bekannt. Sie kann erst nach Ende der Saison eingeschätzt werden.

Das RKI schreibt dazu:

  • Die Zahl der mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle wird – vereinfacht dargestellt – als die Differenz berechnet, die sich ergibt, wenn von der Zahl aller Todesfälle, die während der Influenzawelle auftreten, die Todesfallzahl abgezogen wird, die (aus historischen Daten berechnet) aufgetreten wäre, wenn es in dieser Zeit keine Influenzawelle gegeben hätte. Das Schätz-Ergebnis wird als sogenannte Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) bezeichnet.

Zudem war die Grippesaison 2017/18 besonders heftig, unter anderem, da der Impfstoff nicht richtig gegriffen hat. Eine so hohe Zahl, so betont das RKI, sei sehr selten. In anderen Jahren gab es lediglich einige hundert Fälle.

Was bedeutet das für unseren Vergleich? Wir müssen abwarten, bis sowohl die Dunkelziffer der Grippewelle bekannt als auch hoffentlich bald die (erste) Coronavirus-Welle zu Ende ist. Erst dann können aussagekräftige Vergleiche in der Letalität gezogen werden. Davor sind Zahlenvergleiche einfach sinnlos.

Mit Vergleichen und Prognosen ist derzeit zurückhaltend umzugehen!

Übrigens werden im Labor getestete Influenza-Fälle auch gleich auf Sars-CoV-2 getestet.

Was weiß man bisher über Sars-CoV-2 und Covid-19?

Bislang ist außerdem nicht allzu viel über das neuartige Virus bekannt. Weder die genaue Letalität, vor allem aber auch nicht, wie hoch die Wandlungsneigung, also die Neigung zu Mutationen genau ist. Bei Influenza ist sie recht hoch, was wie gesagt die Suche nach geeigneten Impfstoffen erschwert. Bei einer Mutation könnte es zudem sein, dass das Virus gefährlicher oder aber auch weniger gefährlich für uns Menschen wird. Auch den Einfluss der Jahreszeiten auf das Virus kennen wir bisher nicht. Im Vergleich: Die Grippe ist vor allem im Herbst und Winter aktiv – wir reden von der Grippesaison. Im Frühling und Sommer lässt die Ansteckungsrate signifikant nach.

Mittlerweile haben Forscher herausgefunden, wie sich das Virus im Menschen verbreiten kann und was das Coronavirus im Körper macht. Dennoch: Die Sterblichkeit kann man zwar auf ein geschwächtes Immunsystem zurückführen – aber eben auch nicht immer. Auswertungen aus anderen Ländern zeigen etwa, dass Covid-19 in 80 Prozent der Fälle leicht verläuft, bei rund 15 Prozent schwer, bei fünf Prozent kritisch. In Deutschland liegt das Durchschnittsalter der registrierten Infizierten bei etwa Mitte 40, das Durchschnittsalter der Verstorbenen bei über 80.

Es gibt aber auch Fälle von jüngeren, nicht vorerkrankten Menschen, die sich infizieren und bei denen die Krankheit schwer verläuft. Auch sind bereits junge, gesunde Menschen an Covid-19 gestorben. Charité-Virologe Christian Drosten sagt, es könne vielleicht daran liegen, dass das Virus in manchen Fällen – wenn es etwa direkt in die Lunge eingeatmet wird – direkt auf die Lunge einwirken und dort Schaden anrichten kann, ohne vorher einen Umweg über den Rachenraum genommen zu haben. Siedelt es sich dagegen erst im Rachen an – so, wie es meist zu sein scheint –, kann der Körper bereits mit dem Aufbau von Antikörpern beginnen.

Ein von Experten geschätztes "Worst Case Szenario" zeigt aufgrund der fehlenden Immunität, des fehlenden Impfstoffes und der fehlenden Medikationen: Es könnten sich bei ungehindertem Verlauf (also auch ohne die Einschränkungen wie Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Schulen und Geschäfte sowie abgesagte Veranstaltungen) bis zu zwei Drittel der Bevölkerung infizieren – und zwar sehr schnell. In Deutschland entspräche das 50 Millionen Menschen. Würde dies eintreten, wäre anhand der jetzigen Erkenntnisse mit mehreren Millionen Erkrankten mit schweren und sogar kritischen Verläufen zu rechnen.

Das Problem daran wäre vor allem die Überlastung des Gesundheitssystems. Und genau dagegen schützen die teils drastischen Maßnahmen, denen wir uns zurzeit gegenüber sehen. Sprich: Schon jetzt haben wir das Risiko eines solchen "Worst Case Szenarios" definitiv gesenkt! Sollten dennoch zukünftig so viele Fälle auftreten, sollten sie nach Möglichkeit zeitlich so weit entzerrt werden, dass Krankenhäuser und Praxen damit umgehen können. Das ist das so oft zitierte Prinzip der flachen Kurve. Wie können wir eine 2. Infektionswelle vorhersehen?

Was man jedoch weiß, ist, dass der Schutz vor Coronaviren und Grippeviren ähnlich verläuft. Und diesen Schutz sollten wir nicht nur jetzt, in akuten Infektionszeiten, sondern immer beherzigen – und vor allem auch die Risikogruppen schützen.

Schutz vor Coronavirus = Schutz vor Grippe

Denn das haben wiederum beide Viren gemein: Sie lassen sich wunderbar durch gründliches Händewaschen entfernen, und sie lassen sich auch wunderbar durch die richtige Nies- und Hustenetikette weniger leicht weiterverbreiten. So schützen Sie sich vor dem Coronavirus und gleichzeitig vor Grippeviren.

Richtig Hände waschen
Richtig Hände waschen

Das wichtigste Gebot ist und bleibt aber: Abstand halten! Der ist enorm wichtig, da das Coronavirus sehr ansteckend ist – und sich auch schon übertragen kann, wenn jemand keine Symptome verspürt. Das Coronavirus kann durchs Sprechen übertragen werden.

Ein einfacher Mundschutz schützt nicht den Träger, dafür aber die Menschen in dessen Umgebung. Und auch ist es weder in der Grippesaison noch bei Coronavirus-Ausbruch ratsam, sich trotz Symptomen zur Arbeit zu schleppen.

Fühlen Sie sich krank? Dann gilt: Bleiben Sie möglichst zuhause (das hilft auch Ihnen bei der Genese), niesen Sie in die Armbeuge, waschen Sie sich regelmäßig richtig die Hände, desinfizieren Sie bei Bedarf (sprich: wenn kein Waschbecken in der Nähe sein sollte). Sollten Sie Fieber bekommen, rufen Sie Ihren Hausarzt oder entsprechende Gesundheitsämter an und schildern Sie Ihre Symptome, bevor Sie sich in ein Wartezimmer oder in eine Notaufnahme setzen (das sind nämlich ganz schöne Viren- und Bakterienbrutstätten).

Sowohl bei Grippe als auch bei Covid-19 und der Gefahr für beides gilt: In Panik verfallen hilft niemandem. Sollten Sie andere Symptome, etwa Herzprobleme verspüren, die einen Notarzt verlangen, zögern Sie bitte nicht! Und nehmen Sie bitte auch andere Arzttermine wahr. Es wird derzeit alles dafür getan, die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten!

Lassen Sie sich bitte auch nicht von abenteuerlichen Infos (in Chlor baden und Co) verunsichern, wie es gerade etwa vermeintliche, aber falsche "Arzt-Tipps" zum Coronavirus via WhatsApp tun. Doch es hilft, beides ernst zunehmen und sich entsprechend vorsichtig zu verhalten, ohne dabei rücksichtslos zu sein. Dann lassen sich Sars-CoV-2 und Influenza vielleicht sogar gleichzeitig besser eindämmen. Denn ganz ehrlich: Haben Sie sich in den vergangenen Jahren trotz Grippesaison so oft die Hände gewaschen und desinfiziert wie zurzeit?

Hier finden Sie eine interaktive Karte über den aktuellen Stand der Infektionen mit Sars-CoV-2 sowohl in Deutschland, in Europa als auch weltweit.

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