Aktualisiert: 03.04.2021 - 11:33

"Ist doch nur 'ne Grippe" Coronavirus vs. Grippe: "Covid-19 ist dreimal so tödlich"

Das Coronavirus Sars-CoV-2 und dessen ausgelöste Erkrankung Covid-19 haben ein paar Ähnlichkeiten zum Grippevirus Influenza. Aber wo kann man bei den Erkrankungen doch Unterschiede erkennen? Klar ist mittlerweile: Eine ist wesentlich tödlicher.

Foto: imago images [M]

Das Coronavirus Sars-CoV-2 und dessen ausgelöste Erkrankung Covid-19 haben ein paar Ähnlichkeiten zum Grippevirus Influenza. Aber wo kann man bei den Erkrankungen doch Unterschiede erkennen? Klar ist mittlerweile: Eine ist wesentlich tödlicher.

Noch immer kursieren Vergleiche zwischen der Grippe (Influenza) und der durch das Coronavirus Sars CoV-2 ausgelösten Krankheit Covid-19. Und das, obwohl zwei völlig verschiedene Virenarten zu Grunde liegen und die Krankheiten ganz unterschiedlich verlaufen. Jetzt gibt es Neuigkeiten. Ein Überblick.

Vergleiche zu ziehen, ist eigentlich keine allzu schlechte Angewohnheit von uns Menschen. So erklären wir uns die Welt, ziehen Schlüsse, kommen weiter. Vergleichen lässt sich im Grunde alles irgendwie – daher ist der aktuell so beliebte Satz, "das kann man doch gar nicht vergleichen", gar kein so schlauer. Vergleichen lassen sich Coronavirus und Influenza, a.k.a. Grippe, schon. Allerdings so, dass sich eben nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch Unterschiede feststellen lassen.

Ist Covid-19 gefährlicher als die Grippe? Ja, das kristallisiert sich immer mehr heraus, mit jeder Studie, die dazukommt. Eine ganz aktuelle Studie zeigt: Das Risiko, an Covid-19 zu sterben, ist fast dreimal höher als das Grippe-Sterberisiko.

Coronavirus und Grippe im Vergleich
Coronavirus und Grippe im Vergleich

Corona und Grippe lassen sich vergleichen – um Unterschiede zu erkennen

Aber fangen wir ganz vorne an. Durchaus lassen sich zwischen beiden Krankheiten Gemeinsamkeiten finden. Und siehe da: sogar recht schnell.

  • Sowohl das "Coronavirus", genannt Sars-CoV-2, als auch das Influenza-Virus sind Virenarten, die sogar zur selben Gruppe gehören, zu den RNA-Viren.
  • Beide Virenarten lösen eine Infektion im Mund-Rachen-Raum aus, die auch auf die Lunge übergehen kann. Bei Sars-CoV-2 heißt das dann Covid-19, bei Influenza eben Grippe. Beides kann in eine Lungenentzündung ausarten und auch andere Organe angreifen. Diese Krankheiten können milde verlaufen, aber auch schwer, und sie können auch zum Tod führen.
  • Beide Virentypen sind über Tröpfcheninfektion sehr ansteckend. Auch Schmierinfektion spielt eine Rolle.
  • Beide Erkrankungen sind vor allem für Personen gefährlich, die unter Vorerkrankungen leiden. Etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Immunerkrankungen, Diabetes... Dazu zählen neben vorerkrankten Menschen insbesondere ältere Patienten, deren Immunsystem durch das Alter geschwächt ist (sogenannte Immunseneszenz).
  • Beide Krankheiten lassen sich (bisher) nicht gut mit Medikamenten kurieren. Hauptsächlich können die Symptome behandelt und damit angenehmer gestaltet werden. Zudem können die eingeschränkten Körperfunktionen unterstützt werden – im Falle einer Lungenentzündung und Atemnot etwa durch künstliche Beatmung.

Wir merken: Ja, da gibt es also jede Menge Gemeinsamkeiten. Doch wo Gemeinsamkeiten, da auch Unterschiede. Und die müssen beim Vergleich von Covid-19 und Grippe definitiv beachtet werden.

Denn auch, wenn beide Virentypen systematisch einer Gruppe, der genannten RNA-Viren, zugeordnet sind, sind sie doch sehr unterschiedlich und agieren auch so. Sie gehören zu völlig unterschiedlichen Stämmen. Der "Tagesspiegel" zieht etwa den Vergleich zwischen Wirbeltieren und Insekten als Beispiel.

Coronaviren gibt es nicht erst seit 2019

Sars-CoV-2 gehört zum Stamm der Coronaviren. Die gibt es schon sehr lange. Auch das 2002/03 in China ausgebrochene "Sars" sowie das im Mittleren Osten immer wieder vorkommende "Mers" gehören dazu, zudem kursieren harmlose Coronaviren als Erkältungsviren vor allen unter Kindern. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn bereits vor Jahren immer mal von einem Coronavirus die Rede war. Es handelt sich bei Sars-CoV-2 lediglich um eine neue Art. Denn Viren verändern sich, teilweise sehr schnell, und passen sich sehr gut neuen Bedingungen an.

Hier besteht dann übrigens wieder eine Ähnlichkeit zum Influenza-Virus. Auch dieses ändert sich ständig, sogar noch schneller. Es existieren verschiedene Arten, die sich ständig wandeln. Daher ist es auch so schwierig, genau DEN passenden Grippeimpfstoff zu treffen, und deswegen sollte man sich auch jedes Jahr erneut gegen die Grippe impfen lassen. Und genau deswegen war etwa die vielzitierte Grippesaison 2017/18 so schlimm – weil der Impfstoff nicht passend genug auf die in diesem Jahr vorrangig auftretende Art angepasst war. Voraussagen sind da nämlich schwierig.

Das Gute ist: Coronaviren sind nicht so wandelfreudig wie Influenza-Viren. Und zwar lange nicht. Wir haben zwar mittlerweile mit mehreren Varianten von Sars-CoV-2 zu tun. Das ist auch sehr leicht zu erklären, denn je mehr Menschen ein Virus befällt, desto eher passieren Fehler bei seiner Vervielfältigung im Körper, und desto eher passieren auch sogenannte Immun-Escapes, auf die zum Beispiel die in Südafrika und Brasilien zuerst aufgetauchten Varianten B.1.351 und P.1 wahrscheinlich zurückzuführen sind. Nun ist es passiert: Das Coronavirus wurde mit den derzeit kursierenden Varianten ansteckender und leider auch tödlicher, wie das bei der bei uns mittlerweile überwiegenden Variante B.1.1.7 der Fall ist. Und dennoch halten sich die Mutationen noch in Grenzen, denn möglicherweise kann das Coronavirus nur an bestimmten Stellen mutieren. Mehr dazu: Covid-Impfstoffe –am besten an die Südafrika-Mutante anpassen.

Das sind die größten Unterschiede zwischen Sars-CoV-2 und Influenza-Virus

Aber zurück zu den Unterschieden. Sars-CoV-2 und Covid-19 unterscheiden sich in manchen Dingen eben doch von Influenzaviren und Grippe, nicht nur in ihrer Art.

  • Ganz wichtig: Das Coronavirus Sars-CoV-2 befällt nicht nur die Lunge, sondern kann auch an anderen Organen Schäden auslösen – nämlich in fast jedem Organ des Körpers. Das kann die Influenza auch, jedoch lange nicht in diesem Umfang. Insbesondere das Herz scheint oft Schaden durch das Coronavirus zu nehmen. Beide Krankheiten gehen oft mit Pneumonien, also Lungenentzündungen, einher. Bei der Influenza beschränkt sich die Erkrankung aber meist auf die Atemwege – erst bakterielle Superinfektionen können dazu führen, dass auch andere Körperstellen Schaden davontragen und schwere Komplikationen entstehen. Das Coronavirus Sars-CoV-2 kann sogar direkt das Gehirn erreichen. Es kann zudem zu Nierenversagen kommen, zu diabetischen Erscheinungen, zu septischen Schocks, zu Lungenembolien und Venenthrombosen durch verklumpendes Blut, ausgelöst durch das Coronavirus, zu Schlaganfällen selbst bei jungen Patienten und eben zu schweren Herzkomplikationen bis hin zum plötzlichen Herztod. Das zeigen etwa erhöhte Biomarker-Werte wie Troponin, das entsteht, wenn Herzzellen absterben.
  • Dadurch steigt die Komplikations- und Sterberate, wie etwa eine Kohortenstudie von Forschern der Washington University in St. Louis zeigt. Dort wurden 3.641 Covid-19-Patienten mit insgesamt 12.676 Influenza-Patienten aus zwei Jahren verglichen. Die Studie ist im Herbst im britischen Ärzteblatt BMJ erschienen. Die Letalität, also Tödlichkeit, der Lungenkrankheit Covid-19 ist nach bisherigen Auffassungen höher als die der Grippe. Die untersuchten Covid-19-Patienten mussten viermal häufiger mechanisch beatmet und zweieinhalbmal häufiger intensivmedizinisch behandelt werden. Die Behandlungszeit war etwa drei Tage länger. Hierzu gleich mehr.
  • Auch mit langfristigen Spätfolgen ist zu rechnen, dem sogenannten Long Covid – und Long Covid kann auch bei Kindern auftreten. Laut der Studie entwickelten gut neun von 100 Patienten eine insulinpflichtige Diabetes. Long Covid kann dabei auch nach mildem Verlauf und ohne Beatmung auftreten. Wie lange diese Spätfolgen bleiben, ist noch nicht bekannt.
  • Die Impfungen gegen Sars-CoV-2 gehen zwar voran, doch schleppend. Gleichzeitig nimmt aufgrund der ansteckenderen Variante die dritte Welle an Fahrt auf. Prognosen zeigen: Wenn jetzt kein Lockdown kommt und Erstimpfungen vorgezogen werden, sind die Krankenhäuser in wenigen Wochen voll. Solche Wellen kurz hintereinander gibt es bei der Grippe nicht.
  • Sars-CoV-2 reagiert weit weniger saisonal als das Influenza-Virus – und die Mutanten befeuern das. Mehr dazu: Corona und die Saisonalität – wie wird unser Sommer?
  • Die Ansteckungsgefahr ist nach bisherigen Erkenntnissen höher als bei der Grippe: Forscher haben mittlerweile herausgefunden, dass die Virendichte bei Sars-CoV-2 im oberen Rachenraum deutlich höher ist als bei Influenza-Viren. Auch, wenn kaum Symptome auftreten bzw. insbesondere VOR Ausbruch erster Symptome. Dadurch können etwa durch Spucken oder Niesen, vor allem aber auch durch Aerosole viel leichter Viren übertragen werden, die sich gleichzeitig viel leichter im oberen Rachenraum bis dato gesunder Menschen ansiedeln können. Das funktioniert übrigens auch über Oberflächen, die jemand anfasst.
  • Hinzu kommt, dass unsere Körper noch keinerlei Vorerfahrung mit dem neuen Coronavirus haben. Zwar hatten die meisten von uns wahrscheinlich schon einmal Infektionen mit anderen Coronaviren – aber eben nicht mit dem neuen Sars-CoV-2. Jede neue Virenart reagiert anders. Unser Körper konnte noch keine Immunität dagegen aufbauen. Ob man nach einer normalen Erkältung mit anderen Coronaviren auch eine gewisse Immunität gegen Sars-CoV-2 entwickelt, daran wird derzeit geforscht. Bei Influenza ist diese Grundimmunität vorhanden, da wir Jahr für Jahr mit verschiedenen Arten davon zu tun haben und diese sich zwar regelmäßig wandeln, aber sich im Grunde immer noch ähneln. Nur wenn ein neuer Strang hinzukommt, kann es auch kritischer werden, wie die Influenza-Welle 2017/18 zeigte. Immerhin: Die Grippeimpfung scheint einen gewissen Schutz vor schweren Covid-19-Verläufen mitzubringen.

Neue Erkenntnisse: Covid-19 ist dreimal so tödlich wie die Grippe

Zur Tödlichkeit von Covid-19 gibt es nun weitere Erkenntnisse. Französische Forscher haben sich Todesfälle in Krankenhäusern zwischen 2018 und 2020 angesehen. Die Ergebnisse sind Ende 2020 im Fachjournal "The Lancet" erschienen. Daten von 135.000 Patienten wurden für die Studie ausgewertet, davon waren 89.530 mit Covid-19 im März und April 2020 ins Krankenhaus eingeliefert worden, mehr als 15.000 (16,9 Prozent) von ihnen starben. Im Vergleich dazu starben im Winter 2018/19 von insgesamt 45.800 an Grippe Erkrankten mehr als 2.600 (5,8 Prozent). In Frankreich war der Winter 2018/19 der schlimmste Grippe-Winter der vergangenen Jahre.

In ihrer Studie zeigte sich auch, dass Covid-19-Patienten häufiger und länger auf der Intensivstation behandelt werden mussten.

Todeszahlen: Mehr Grippe-Tote als Corona-Tote?

Die Grippewelle 2021 ist quasi ausgefallen. Bei der Grippewelle 2020 wurden 541 Todesfälle registriert. Im Vergleich liegt die Zahl für die heftige Grippesaison 2017/18 bei rund 25.000 Toten. An Covid-19 sind bis Anfang April 2021 allein in Deutschland fast 76.900 Menschen gestorben.

Das Problem an den derzeit so enorm hohen Covid-19-Fallzahlen ist, das sollte mittlerweile bewusst sein, die drohende Überlastung des Gesundheitssystems. Und die steht uns erneut bevor, wenn die Fallzahlen weiter steigen. Dabei geht es nicht nur um freie Betten, sondern auch um das Personal, das die Intensivpatienten betreuen kann.

Schutz vor Coronavirus = Schutz vor Grippe

AHA-Regeln und Kontaktbeschränkungen schützen auch vor Grippeviren. Abstand und Maske führen dazu, dass wir weniger in Kontakt mit Tröpfchen kommen, Lüften verhindert Aerosolbildung. Und sowohl Influenza- als auch Coronaviren lassen sich sehr gut durch gründliches Händewaschen entfernen und durch die richtige Nies- und Hustenetikette weniger leicht weiterverbreiten. So schützen Sie sich vor dem Coronavirus und gleichzeitig vor Grippeviren.

Das wichtigste Gebot ist und bleibt: Abstand halten! Der ist enorm wichtig, da das Coronavirus sehr ansteckend ist – und sich auch schon übertragen kann, wenn jemand keine Symptome verspürt. Das Coronavirus kann durchs Sprechen übertragen werden.

Eine FFP2-Maske schützt die Menschen in der Umgebung und zu einem gewissen Grad bei richtigem Sitz auch ihre Träger. Und auch ist es weder in der Grippesaison noch bei Coronavirus-Ausbruch ratsam, sich trotz Symptomen zur Arbeit zu schleppen.

Fühlen Sie sich krank? Dann gilt: Bleiben Sie möglichst zu Hause (das hilft auch Ihnen bei der Genese), niesen Sie in die Armbeuge, waschen Sie sich regelmäßig richtig die Hände, desinfizieren Sie bei Bedarf (sprich: wenn kein Waschbecken in der Nähe sein sollte). Sollten Sie Fieber bekommen, rufen Sie Ihren Hausarzt oder entsprechende Gesundheitsämter an und schildern Sie Ihre Symptome, bevor Sie sich in ein Wartezimmer oder in eine Notaufnahme setzen.

Sowohl bei Grippe als auch bei Covid-19 und der Gefahr für beides gilt: In Panik zu verfallen, hilft niemandem. Sollten Sie andere Symptome, etwa Herzprobleme verspüren, die einen Notarzt verlangen, zögern Sie bitte nicht! Und nehmen Sie bitte auch andere Arzttermine wahr. Es wird derzeit alles dafür getan, die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten!

Doch es hilft, beides ernstzunehmen und sich entsprechend vorsichtig zu verhalten, ohne dabei rücksichtslos zu sein. Dann lassen sich Sars-CoV-2 und Influenza vielleicht sogar gleichzeitig besser eindämmen. Denn ganz ehrlich: Haben Sie sich in den vergangenen Jahren trotz Grippesaison so oft die Hände gewaschen und desinfiziert wie zurzeit? Und wie oft waren Sie im vergangenen Jahr krank?

Hier finden Sie eine interaktive Karte über den aktuellen Stand der Infektionen mit Sars-CoV-2 sowohl in Deutschland, in Europa als auch weltweit.

Studien:

Xie et al. (BMJ (British Medical Journal), 2020): "Comparative evaluation of clinical manifestations and risk of death in patients admitted to hospital with covid-19 and seasonal influenza: cohort study"

Piroth, Quantin et al. (The Lancet Respiratory Medicine, 2020): "Comparison of the characteristics, morbidity, and mortality of COVID-19 and seasonal influenza: a nationwide, population-based retrospective cohort study"

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