24.01.2020 - 12:49

Orthopäde im Interview über OPs und Co Wie wird ein Bänderriss am besten behandelt?

Von

Bänderriss! Wie lange dauert die Genesung?

Bänderriss! Wie lange dauert die Genesung?

Beschreibung anzeigen

Mit High Heels umgeknickt, auf der Treppe gestolpert, ein Sturz auf der Skipiste – schon kommt es zum Bänderriss. Fuß und Knie sind besonders häufig betroffen, die Schmerzen sind groß und die Ratschläge zahlreich.

Die Tipps eines echten Experten sind allerdings recht simpel und jeder kann selbst enorm viel dazu beitragen, um bei einem Bänderriss die Dauer der Heilung zu verkürzen. Orthopäde Dr. Nicolas Gumpert aus Frankfurt a. M. erklärt hier, was die größten Risiken für die Bänder sind, was ein Bänderriss für Symptome zeigt und was er von Operationen hält:

So passiert ein Bänderriss

"Am häufigsten kommt ein Bänderriss am Sprunggelenk und am Knie vor. Letztere ist eine typische Verletzung von Ski-Stürzen. Wenn man nach vorne fällt und die Bindung sich nicht rechtzeitig öffnet, führt das zum Verdrehen des Knies und dadurch oft zur Bänderzerrung oder zum Bänderriss", so Dr. Gumpert. Achtung: Laut der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) verletzen sich weibliche Skifahrer häufiger am Knie als Männer – Ursache ist eine geringere Muskelkraft in der Oberschenkelmuskulatur und die schwächere Bandfestigkeit, die Frauen gegenüber Männern haben.

Auch Ball-Sportarten bergen ein besonderes Risiko. Für einen Bänderriss am Fuß bzw. Sprunggelenk sind besonders oft Basket- und Volleyball verantwortlich, weil dabei viel gesprungen wird. Dennoch: "Die Mehrzahl der Patienten mit Bänderriss am Sprunggelenk ist einfach ganz gewöhnlich umgeknickt, z. B. als sie vom Gehsteig gestolpert sind", so Dr. Gumpert.

Bänderriss: Welche Symptome sind typisch?

Um den Körper bewegen zu können, brauchen wir Gelenke, die wiederum werden von den Bändern, die sie umgeben, gestützt und geführt. Ein Bänderriss führt also auch dazu, dass das zugehörige Gelenk nicht mehr oder kaum noch beweglich ist. Allerdings ist gar nicht so leicht zu erkennen, welche Verletzung genau passiert ist.

"Ob ein Bänderriss oder nur eine Bänderdehnung vorliegt, können die Betroffenen nicht selbst diagnostizieren. Manchmal verursacht eine Überdehnung größere Schmerzen als ein Bänderriss, weil dabei auch Schmerzrezeptoren kaputt gehen können", gibt Dr. Gumpert zu bedenken. Eine spürbare Instabilität im betroffenen Gelenk spreche eher für einen Riss, oder einen Teilriss. Vor allem bei einem Bänderriss treten neben Schmerzen eine starke Schwellung und Hämatome auf (blaue Färbung). Die Stufen einer Bänderverletzung gehen laut des Experten fließend ineinander über:

Überdehnung ˃ Zerrung ˃ Teilriss ˃ Bänderriss

Was sind die wichtigsten Sofort-Maßnahmen bei Bänderriss?

Wenn Sie umgeknickt oder gestürzt sind und Bänderriss-Symptome zeigen, müssen Sie so schnell wie möglich die richtigen Maßnahmen ergreifen. Das trägt stark dazu bei, dass die Einschränkungen durch den Bänderriss von kürzerer Dauer sind. Dr. Gumpert: "Wie Sie die Verletzung direkt behandeln, wirkt sich entscheidend auf die spätere Heilungszeit aus. Wir nennen es das PECH-Schema:"

  • Pause – hinsetzen oder -legen, um das Gelenk sofort zu entlasten
  • Eis – jegliches verfügbares Mittel zur Kühlung auflegen
  • Compression – den betroffenen Bereich fest bandagieren
  • Hochlagern – Bein gestreckt auf Stuhl o. ä. ablegen

"All das dient dazu, Blutung und Schwellung so schnell es geht im Entstehen zu stoppen. Suchen Sie dann so bald wie möglich einen Orthopäden auf. Dieser nutzt zur Diagnose verschiedene Mittel, darunter Ultraschall und Röntgen. MRTs werden nur bei weiterer Unklarheit empfohlen, damit die Strahlenbelastung so gering wie möglich bleibt", erklärt Dr. Gumpert. Das PECH-Schema wird übrigens auch bei der Behandlung eines Muskelfaserrisses genutzt.

Weitere Bänderriss-Behandlung: OP ja oder nein?

"Eine Operation kann die Heilungsdauer nicht verkürzen. Operationen versuche ich immer nach Möglichkeit zu vermeiden, da sie oft eine unnötige Belastung darstellen. Nur in seltenen Fällen geht es wirklich nicht ohne einen chirurgischen Eingriff, bei dem die Bänder mit körpereigenem Gewebe wieder miteinander verbunden werden", so die Einschätzung des Experten.

Mittlerweile setzen Orthopäden vor allem auf nicht-invasive Methoden bei der Heilung eines Bänderriss‘, wie Schienen und spezielle Übungen. "Wenn ein Bänderriss diagnostiziert wurde, gilt es, den Körper so gut wie möglich bei der Selbstheilung zu unterstützen. Dafür müssen die gerissenen Fasern so eng wie möglich zueinander gebracht werden, damit sie schnell wieder zusammenwachsen", erklärt Dr. Gumpert.

Dafür trägt man äußerlich eine feste Bandage (vor allem beim Bänderriss am Sprunggelenk) oder eine Orthese (vor allem beim Bänderriss am Knie), die das Gelenk in einer Streckstellung ruhigstellt. Je nach Ausmaß können auch Gehhilfen nötig sein. Vor allem müssen die Patienten viel Disziplin und Geduld mitbringen.

Langzeit-Problem Bänderriss: Welche Dauer ist realistisch?

Dr. Gumpert: "Bis die Instabilität durch einen Bänderriss komplett geheilt ist, kann es drei bis sechs Monate dauern." Spezielle Physiotherapie könne nach einer Zeit helfen, Muskeln aufzubauen, die das Gelenk zusätzlich stabilisieren können. Außerdem können Übungen für die Koordination und den Gleichgewichtssinn helfen, weiteren Verletzungen vorzubeugen. Um die weitere Verletzungsanfälligkeit der Gelenke zu minimieren, empfiehlt der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) außerdem Übergewicht abzubauen und Fehlstellungen – etwa durch Einlagen – zu korrigieren.

Ihre Muskeln und Gelenke können Sie auch stärken, indem Sie sie optimal mit wichtigen Nähr- und Mineralstoffen versorgen. Wenn Sie Knieschmerzen ohne eine Verletzung bekommen, etwa beim Treppensteigen oder Sport, können dafür verschiedene Ursachen in Betracht kommen, z. B. Entzündungen. Außerdem können Sie die Gesundheit Ihrer Füße mit Fußgymnastik durch alle Lebenslagen aktiv unterstützen.

Sport und Fitness bleiben immer wichtig, auch um die Muskulatur zu stärken und die Bänder geschmeidig zu halten und so Verletzungen vorzubeugen – sowohl am Knie oder an den Füßen als auch am restlichen Körper.

_____________

Mehr über Dr. Nicolas Gumpert erfahren Sie hier.

Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU)

Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU)

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen