03.12.2019

Verbot in Planung Chlorpyrifos: Umstrittenes Pestizid kann Kinderhirne schädigen

Foto: iStock/microgen

In Deutschland ist es eigentlich schon längst verboten. Dennoch kommen noch unzählige Zitrusfrüchte mit Spuren des Pestizides "Chlorpyrifos" zu uns. Die Folgen, die sein Einsatz aber haben kann, sind gravierend.

Damit Schädlinge den Nutzpflanzen nichts anhaben können, werden sie weltweit gerne mit entsprechenden Mitteln vertrieben oder getötet. Pestizide gelangen dadurch immer wieder in die Kritik – denn nicht nur den Insekten schaden die Mittel, sie können auch für den Menschen gefährlich werden. Ein beim Anbau von Zitrusfrüchten gerne und viel genutztes Pestizid ist Chlorpyrifos. Und das kann schon in geringen Mengen vor allem bei den Kleinsten von uns großen Schaden anrichten.

Chlorpyrifos: In Deutschland verboten – und doch hier zu finden

Deutsche Bauern dürfen Chlorpyrifos gar nicht nutzen, hier ist der Stoff als Insektenvernichtungsmittel nicht mehr zugelassen. Er wurde in der Vergangenheit aber vor allem auch im Obst- und Weinanbau genutzt. In anderen Ländern der EU sieht das jedoch heute noch anders aus. Und das bekommen wir dann trotzdem zu spüren. Denn gerade Zitrusfrüchte werden mit dem Pestizid behandelt. Und die werden hierzulande nunmal vorrangig importiert. Etwa aus den sogenannten "Zitrus-Staaten", also Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. So kommt es dann dazu, dass etwa 2017 bei einer Untersuchung herausgefunden wurde, dass etwa jede dritte Orange und Grapefruit sowie jede vierte Mandarine Rückstände des Stoffes aufweist.

Pestizid kann das Gehirn von Babys beeinflussen

Das Problem an der Sache: Wissenschaftler haben bereits 2012 in einer Langzeitstudie beobachten können, dass das Mittel schon in geringen Mengen Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns von Babys schon im Mutterleib auswirkt. Genauer gesagt bedeutet das: Die Großhirnrinde kann schrumpfen, was am Ende dazu führt, dass sich die Kinder geistig nicht richtig entwickeln können.

Vor zwei Jahren konnten weitere Forschungen dann zeigen, dass der Giftstoff Rattenhirne zum Schrumpfen bringt. Am Ende ließ sich nachweisen, dass es den Intelligenzquotienten von Kindern tatsächlich senke.

Industriefinanzierte Studie hielt Forschungsergebnisse zurück

Bei einer vom Hersteller Dow AgroSciences finanzierten Studie hingegen aus dem Jahr 1998, zur Zulassung des Stoffes als Pflanzenschutzmittel, wurden dagegen Fehler festgestellt. Dem Spiegel zufolge seien damals wichtige Informationen zurückgehalten worden. "Wir haben in diesen Rohdaten deutliche Hinweise darauf gefunden, dass bei allen getesteten Dosen der Aufbau des Gehirns signifikant beeinträchtigt wird, aber es findet sich davon nichts in dem Report der Studie wieder", sagte damals Axel Mie vom Karolinska Institut in Stockholm. Die Rohdaten, in die er zusammen mit dem dänischen Wissenschaftler Philippe Grandjean damals einsehen konnte, jedoch seien eindeutiger gewesen: Demnach sei bereits daraus bei Tierversuchen hervorgegangen, dass schon geringe Dosen den Aufbau des Gehirns schädigten. Davon sei im Fazit nicht die Rede gewesen.

EU-weit wurden die zugelassenen Höchstwerte mittlerweile herabgesetzt. Doch noch immer wird das Mittel gerade in den Zitrus-Ländern großzügig eingesetzt. Jetzt will die EU-Kommission über ein EU-weites Verbot abstimmen.

Verbot in der EU droht – Hersteller machen Druck

Damit ein Verbot des Mittels zustande kommt, müssen 15 der 28 EU-Mitgliedsstaaten für dieses stimmen – also 65 Prozent. Den Recherchen der "SZ", des "Bayrischen Rundfunks", "Le Monde" sowie dem Investigative Reporting Denmark zufolge will sich Deutschland für das Verbot aussprechen. Bei den "Zitrus-Staaten" könnte dies jedoch anders aussehen, da Chlorpyrifos dort eben eines der am häufigsten genutzten Insektizide ist.

Und scheinbar machen nun auch die Hersteller Druck auf die EU-Behörden. So bestreitet Corteva, das Unternehmen, das aus der Fusion vom Erfinder Dow und Dupont entstanden ist, in einem Brief an die europäischen Zulassungsbehörden die neurotoxische Wirkung des MIttels. Währenddessen wandte sich ein anderer Hersteller über eine internationale Anwaltskanzlei an die oberste europäische Lebensmittelbehörde EFSA, die bereits im Sommer eine Empfehlung für ein Verbot herausgegeben hatte, sowie an die Kommission und pocht auf Rufschädigung.

Ein Verbot innerhalb der EU wäre ein Anfang. Doch auch Früchte aus anderen Teilen der Welt werden nach Europa importiert. Ein weltweites Verbot oder aber ein totales Importverbot – so erwägt es etwa Dänemark – müssten folgen.

Tipp für Verbraucher: Auch wenn sich Pestizide nur zum Teil abwaschen lassen und wir das gerade bei Zitrusfrüchten gerne vernachlässigen – werden ja sowieso geschält –, schadet es auf keinen Fall, Orangen, Mandarinen und Co vor dem Schälen unter fließendem Wasser abzuspülen. So können auch keine Keime oder andere Stoffe beim Schälen auf das Obst übergehen. Weintrauben und andere Früchte, die Sie nicht schälen, sollten Sie immer abwaschen. Und am besten: Obst und Gemüse aus kontrolliert biologischem Anbau konsumieren.

Giftstoffe gegen Insekten treten immer wieder als Problem auf. So konnte die Öko-Test kürzlich Pestizide in vielen Hustentees nachweisen.

Und nicht nur wir Meschen können Schaden tragen. Pestizide sollen zwar vor Insekten schützen, greifen damit aber die für uns alle so wichtigen Bienen an – und das Bienensterben geht aufgrund von Glyphosat und Co weiter. Mit fatalen Folgen für uns und die gesamte Umwelt.

______________

Die Bewertung der EFSA zu Chlorpyrifos zeigt die Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen

Die Studie von Rauh et al. im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" aus dem Jahr 2012 finden Sie hier.

Die internationale Recherche zu Chlorpyrifos steht unter der Leitung von Investigative Reporting Denmark zusammen mit Journalisten vom belgischen "Knack", dem französischen "Le Monde", "VG" aus Norwegen, "Newsweek" in Polen und "Ostro" in Slowenien. Als Partner fungieren "El Confidential" in Spanien sowie die "Süddeutsche Zeitung" und der "Bayerische Rundfunk" in Deutschland und das Midwest Center for Investigative Reporting in den USA.

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen