14.11.2019

Tabuthema erektile Dysfunktion Erektionsstörungen bei Diabetes: Darum sollten sich Patienten zum Gespräch trauen

Ob durch Diabetes verursacht oder nicht: Bei Erektionsstörungen ist es wichtig, mit der Partnerin oder dem Partner zu sprechen.

Foto: iStock/KatarzynaBialasiewicz

Ob durch Diabetes verursacht oder nicht: Bei Erektionsstörungen ist es wichtig, mit der Partnerin oder dem Partner zu sprechen.

Viele Diabetes-Patienten kennen das Leid: Die Erkrankung nimmt vielen die Freude und sogar die Möglichkeit, sich sexuell ausleben zu können. Wie sich Erektionsstörungen auswirken, was dagegen getan werden kann und warum wir kein Tabu mehr daraus machen sollten.

Bei Diabetes tritt erektile Dysfunktion nicht selten auf. Sowohl Männer als auch Frauen sind von diesem Thema betroffen. Das liegt unter anderem daran, dass Nerven durch die Zuckerkrankheit geschädigt werden. Je länger ein Diabetes besteht, desto größer können auch die Auswirkungen auf die sexuelle Erregbarkeit sein. Etwa bei der Hälfte aller Männer mit Diabetes kommt es zu Erektionsstörungen – ein Tabuthema, das also viele betrifft.

Professor Jochen Heß, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Uroonkologie am Universitätsklinikum Essen und Sektionsleiter Rekonstruktive Urologie stand BILD der FRAU Rede und Antwort und erklärt, wie es zu diesen Auswirkungen kommt.

Erektionsstörungen bei Diabetes: Schuld sind Schäden an Nerven und Blutgefäßen

"Ist der Blutzuckerwert dauerhaft zu hoch, wird der Zucker im Blut nicht mehr vollständig abgebaut. Dies führt zu Ablagerungen und Schäden an den Gefäßwänden", erklärt Prof. Heß. "Zugleich wird der Stoffwechsel der Nervenzellen gestört." Beides kann Auswirkungen auf die sexuelle Erregbarkeit haben: "Sind die Blutgefäße beschädigt, verschlechtert das wiederum die Blutzirkulation und somit auch die Durchblutung im Penis, was sich negativ auf die Erektionsfähigkeit auswirkt. Nervenschäden können die Potenz zusätzlich einschränken."

Erektile Dysfunktion: Mit Scham behaftet, aber oft erstes Anzeichen

Rund die Hälfte aller männlichen Diabetes-Patienten leidet unter erektiler Dysfunktion – im Schnitt. Jedoch gibt es neuere Studien, laut deren Ergebnissen die Häufigkeit sogar bei 90 Prozent liegt. Dass die Zahlen so weit auseinander liegen, liegt laut Prof. Heß auch daran, dass Erektionsprobleme noch immer ein Tabuthema sind: "Der Verlust der Potenz ist für viele mit so viel Scham behaftet, dass sie es nicht wagen, darüber zu sprechen. Das Resultat ist eine relativ hohe Dunkelziffer, die es schwierig macht, die tatsächliche Zahl von Betroffenen zu ermitteln."

Außerdem komme es darauf an, um welche Personengruppe es sich handelt, sagt er. Es zeige sich, dass "Männer mit Typ-2-Diabetes wesentlich häufiger betroffen sind als diejenigen mit Typ-1-Diabetes." So kommen aktuelle Studien (Faselis et al. 2019) bei Typ-2-Diabetikern auf Werte bis 90 Prozent.

Tatsächlich gehört Diabetes nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den häufigsten Ursachen für erektile Dysfunktion: "Rund die Hälfte aller Diabetiker leidet innerhalb von zehn Jahren nach ihrer Diabetesdiagnose auch unter Erektionsstörungen. Insbesondere bei Männern unter 45 kann eine erektile Dysfunktion sogar das erste Symptom für Diabetes sein", so Prof. Heß.

Typ-2-Diabetiker sind häufiger betroffen

"Menschen mit Typ-2-Diabetes haben häufiger Begleit- oder Folgeerkrankungen, die einen zusätzlichen Risikofaktor darstellen", erklärt Prof. Heß. Zudem sei ein ungesunder Lebensstil oft Ursache für die Diabetes-Erkrankung. Und der wiederum könne sich ebenfalls negativ auf die Potenz auswirken.

Außerdem, so der Mediziner, habe sich die Therapie des Typ-1-Diabetes aufgrund neuer Insuline und Techniken, wie den Insulinpumpen, in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Damit ist eine bessere Blutzuckerkontrolle möglich.

Ein gesunder Lebensstil kann vorbeugen

Wie erwähnt, ist ein zu hoher Blutzucker nur eine der Gefahren für Erektionsstörungen, nicht nur bei Diabetes-Patienten. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa Arteriosklerose, Koronare Herzkrankheit oder Bluthochdruck sind die Hauptrisikofaktoren, vor Diabetes, weiß Prof. Heß. Und: "In zehn bis 15 Prozent der Fälle tritt die erektile Dysfunktion als Nebenwirkung einer Medikamenteneinnahme auf."

Was daneben zu tun ist? Auch ein gesunder Lebensstil ist wichtig: "So können sich mangelnde Bewegung, Übergewicht, übermäßiger Alkoholkonsum und das Rauchen negativ auf die Potenz auswirken." Mit einer Änderung des Lebensstils, einer gesünderen Ernährung sowie etwas Sport lässt sich aber dagegen angehen, erklärt Prof. Heß: "Eine Studie (J. Khoo et al., 2010) zeigt, dass eine Gewichtsabnahme bereits nach acht Wochen positive Effekte auf die sexuelle Leistungsfähigkeit von Männern hat."

Tabu-Thema umgehen: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt – und dem Partner

Obwohl die Diagnose Impotenz so häufig ist, ist sie immer noch ein Tabu-Thema. Deshalb geht man von einer noch viel höheren Dunkelziffer aus. Prof. Heß rät Patienten, offen darüber zu sprechen: "Um eine Diagnose und eine passende Therapie zu bekommen, müssen Betroffene erst einmal einen Arzt aufsuchen und mit ihm sprechen." Dann kann nämlich eine wirksame Behandlung erfolgen: "So wissen auch nur die wenigsten, dass in 90 Prozent der Fälle eine körperliche Ursache für die Erektionsstörung vorliegt, die sich gut behandeln lässt."

Eine erste Anlaufstelle für Patienten können etwa der Urologe, aber auch der Allgemeinmediziner sein. Auch der Diabetologe ist für Diabetiker natürlich ein wichtiger Ansprechpartner. Laut einer Umfrage am Universitätsklinikum Essen würden dort angesiedelte Patienten am ehesten einen Urologen aufsuchen.

Doch nicht nur Mediziner können unterstützen: "Es ist sehr wichtig, dass Betroffene offen und vertrauensvoll mit der Partnerin oder dem Partner über das Problem sprechen können", gibt Prof. Heß als Tipp: "Denn auch wenn in den wenigsten Fällen eine rein seelische Ursache für die erektile Dysfunktion vorliegt, entwickeln viele Betroffene im Laufe der Zeit einen zusätzlichen psychischen Leidensdruck oder gar eine Depression. Sie entwickeln Versagensängste, die hemmend wirken und die Erektionsstörungen so verstärken. So entsteht ein Teufelskreis. Das Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin kann da häufig schon der erste Schritt raus aus diesem Teufelskreis sein."

Therapieoptionen: Individuell mit den behandelnden Ärzten absprechen

Wer betroffen ist und mit seinen behandelnden Ärzten spricht, kann die individuell am besten geeignete Therapie finden. Die Optionen sind da heute vielfältig, von medikamentöser Behandlung über Injektionen bis zu Vakuumpumpen und Implantaten.

Prof. Heß dazu: "Ist ein Hormonmangel nachgewiesen, kann die Gabe von Sexualhormonen sinnvoll sein. Sehr weit verbreitet ist außerdem die medikamentöse Therapie mit PDE5-Hemmern, die sich durch eine gute Verträglichkeit auszeichnet." Ganz unproblematisch ist das aber nicht, darauf sollten sich Patienten einstellen: "Trotzdem kann es auch hier in Einzelfällen zu Nebenwirkungen, wie verstärktes Naselaufen, Ohrensausen und Kopfschmerzen kommen. Die Ursache hierfür ist die Stimulation der Durchblutung." Patienten, die Nitrat-basierte Blutdrucksenker einnehmen, rät er daher von der medikamentösen Therapie ab.

Eine weitere Möglichkeit ist die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT), bei der sich Betroffene zur Auslösung einer Erektion eine Injektionslösung direkt in den Penis spritzen: "Der Arzt ermittelt gemeinsam mit dem Patienten die richtige Dosis und gibt eine Anleitung für die Injektion. Der Wirkstoff, der hierbei verwendet wird, führt zu einer Gefäßerweiterung und damit zu einer verbesserten Durchblutung", beschreibt Prof. Heß. Doch auch hier müssen Patienten, die blutdrucksenkende Mittel und Blutgerinnungshemmer einnehmen, aufpassen, denn die Injektionen können deren Wirkung verstärken.

"Alternativ kann das Medikament auch in Form eines Miniatur-Stäbchens mithilfe eines Applikators in die Harnröhre gebracht (Medikamentöses Urethrales System zur Erektion, MUSE) oder als Gel auf die Eichel aufgetragen werden. Allerdings ist der Effekt hierbei weniger gut steuerbar und es sind wesentlich höhere Dosierungen erforderlich, da die Substanz zunächst durch das Gewebe in den Schwellkörper gelangen muss, um dort ihre Wirkung zu entfalten", erklärt Prof. Heß.

Wenige Nebenwirkungen haben dagegen Implantate und Vakuumpumpen. Eine Vakuumpumpe erzeugt einen Unterdruck, durch den sich der Penis mit Blut füllt und eine Erektion erzeugt.

Wenn andere nicht-operative Verfahren keinen Erfolg gebracht haben, gibt es auch noch die Option Implantate, bei der künstliche Schwellkörper operativ in den Penis eingesetzt werden. "In einer Umfrage bewerteten Männern mit Implantat ihre sexuelle Zufriedenheit, Funktion und Aktivität besser als Männer mit PDE-5-Hemmer- oder SKAT-Therapie", sagt Prof. Heß.

Glück für Patienten: "Die Kosten für eine Vakuumpumpe, die Testosteron-Ersatz-Therapie und für operative Eingriffe werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen."

Neuer Therapieansatz: Stoßwellentherapie

Eine recht neue Therapieform ist die sogenannte Stoßwellentherapie, bei der niedrig dosierte Stoßwellen eingesetzt werden, um die Bildung neuer Blutgefäße im Penis anzuregen. Das soll die Durchblutung und damit die Erektionsfähigkeit verbessern. Prof. Heß: "Studien haben gezeigt, dass diese Therapie generell sehr wirksam und auch sehr gut verträglich ist."

In sechs Sitzungen á acht Minuten wird die Therapie ausgeführt, kann aber bei Bedarf wiederholt werden. Denn eine aktuelle Studie zeigt, dass die Wirkung dieser Therapieform bei Männern mit schwerer Erektionsstörung innerhalb von zwei Jahren verloren gehen kann. Dennoch zeigt sich laut Prof. Heß eine sehr gute allgemeine Erfolgsprognose.

Bei lang anhaltender Erektionsstörung: Reden Sie mit Ihren Ärzten!

Wird eine erektile Dysfunktion nicht behandelt, kann sich durchaus ein dauerhafter Verlust der Erektionsfähigkeit entwickeln, gerade bei Diabetes-Patienten. "Umso wichtiger ist es, dass die Betroffenen einen Arzt aufsuchen und gemeinsam mit ihm eine geeignete Therapie für sich finden", erklärt Prof. Heß. "Spätestens wenn es kontinuierlich über einen Zeitraum von sechs Monaten gar nicht erst oder nur für sehr kurze Zeit zu einer Erektion kommt, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Wer den Mut aufbringt, offen mit seinem Arzt über die Erektionsprobleme zu sprechen, dem kann schnell und zuverlässig geholfen werden."

Nicht nur wer von einer Diabetes-Erkrankung weiß, kann der Erektionsstörung aber vorbeugen. "Es ist immer ratsam, den Faktoren, die eine erektile Dysfunktion zusätzlich begünstigen, entgegenzuwirken. Das heißt: Nicht rauchen, nicht übermäßig viel Alkohol konsumieren, sich regelmäßig bewegen und Übergewicht vermeiden. Auch der Blutdruck und die Blutfettwerte sollten im Auge behalten werden", ist der Rat, den Prof. Heß mitgibt.

Betroffene können sich auch an die Diabetes-Selbsthilfe wenden, bei der es unter anderem eine Datenbank an Kliniken, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen gibt.

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